Telemedizin: Online-Diagnosen gegen Ärztemangel

Astrid Goldmayer

Telemedizin: Online-Diagnosen per Videochat sind in Deutschland noch verboten

13.11.2013

Eine Behandlung per Videochat mittels Online-Diagnose ist in Deutschland verboten. In anderen Ländern wie der Schweiz ist die sogenannte Telemedizin bereits ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems. Hierzulande stehen die meisten Ärzte und Krankenkassen Online-Diagnosen kritisch gegenüber. Es bedürfe einer individuellen Betrachtung jedes Patienten und nicht einer pauschalen Diagnose per Internet anhand einiger Fakten, argumentieren sie. Befürworter der Telemedizin sehen darin jedoch eine große Chance, dem drohenden Ärztemangel vor allem in ländlichen Gebieten zu begegnen.

Befürworter der Telemedizin sehen vor allem für den ländlichen Raum Vorteile durch Online-Diagnosen
Ein Mann mit Schmerzen in der Brust, die bis in den Arm ausstrahlen, und Atemnot wird in ein Krankenhaus gebracht. Zur Diagnosestellung wird ein Spezialist per Videochat in das Behandlungszimmer geschaltet. Der Kardiologe kommt schnell zu der Diagnose Herzinfarkt. Rasch werden alle medizinischen Maßnahmen von dem assistierenden Arzt vor Ort eingeleitet, die bei einem Herzinfarkt notwendig sind. Der Spezialist erhält die Daten der Blutuntersuchung und des EKGs fortlaufend per Email, um rasch weitere Handlungsanweisungen erteilen zu können, falls ein Veränderung eintritt.

Ferndiagnosen gehören in anderen Ländern bereits zum Alltag. In Deutschland ist das jedoch verboten. Gemäß der Musterberufsordnung für Ärzte darf keine Diagnose gestellt werden, wenn der Arzt den Patienten nicht bereits unmittelbar behandelt hat. Befürworter der Telemedizin argumentiere jedoch, dass das Modell helfen könnte, Facharztwissen auch in die ländlichen Regionen zu bringen, die vom Ärztemangel betroffen sind. „Wir können dadurch ärztliche Expertise dorthin bringen, wo sie nicht vorhanden ist, aber benötigt wird", erläutert Wolfgang Loos von der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

In der Schweiz bietet das Unternehmen Medgate einen medizinischen Service an, bei dem professionelle Ärzte eine medizinische Beratung am Telefon geben. Sie können auch Rezepte ausstellen. „Wir glauben, dass sich das irgendwann auch in Deutschland durchsetzen wird", sagte Loos.

Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sieht in Online-Diagnosen keine Alternative zum Arztbesuch. „Jeder Patient ist anders. Das kann ich nicht per Ferndiagnose machen", erläuterte Stahl gegenüber der Nachrichtenagentur. Dieser Ansicht ist auch Franz Bartmann, Vorsitzender des Telematik-Ausschusses der Bundesärztekammer. Er sagte der Nachrichtenagentur, dass „da, wo ein Arzt mit seinen fünf Sinnen mit einem Patienten in Kontakt treten muss“, dieser nicht durch Telemedizin ersetzbar sei.

Um Telemedizin in Deutschland durchzusetzen, müssen sichere, digitale Infrastrukturen geschaffen werden
Derzeit wird die Telemedizin in Deutschland auch durch ein technisches Problem gebremst. Vor allem in ländlichen Gebieten ist das Internet zu langsam, um Ferndiagnosen durchgängig und zuverlässig zu ermöglichen. Häufig steht nicht einmal die Mindestgeschwindigkeiten zur Verfügung. „Auf dem Land gibt es kein vernünftiges Breitband", berichtete Robert Wieland, Geschäftsführer bei Infratest, gegenüber der Nachrichtenagentur. Nach seiner Ansicht werde die medizinische Versorgung zukünftig dennoch stärker am Computer erfolgen. „Das ist im Gesundheitssystem erforderlich, um das System überhaupt noch finanzieren zu können."

Loos zufolge seien die technischen Voraussetzungen für die Bild- und Datenübertragung bereits geschaffen. „Der Kardiologe oder der Chirurg kommt per Videokonferenz ins Pflegeheim – das ist technisch alles möglich."

Bevor daran zu denken ist, auch in Deutschland Ferndiagnosen per Videochat zu genehmigen, müssen Studien den Nutzen der Telemedizin belegen. Eine derartige Untersuchung findet derzeit bei Herzinsuffizienz-Patienten in Berlin und Brandenburg statt. Vor 2016 ist jedoch nicht mit den ersten Ergebnissen zu rechnen.

Telemedizin-Netzwerk für Herz-Patienten soll Überwachung des Gesundheitszustands verbessern
Im Oktober 2011 startete das deutschlandweit erste flächendeckende Telemedizin-Netzwerk. 500 Patienten mit einer chronischen Herzschwäche werden seitdem mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (IuK-Technologie) rund um die Uhr aus der Ferne medizinisch überwacht und betreut. Auf diese Weise soll Patienten mit großem Gesundheitsrisiko ermöglicht werden, ihre medizinischen Daten jeder Zeit von zu Hause aus, bei der Arbeit oder im Urlaub kontrollieren zu lassen, ohne dafür einen Arzt aufsuchen zu müssen. Das Projekt wird mit 1,53 Millionen Euro vom Bund und Land gefördert.

Einen weiteren Schritt Richtung Telemedizin gingen einige kassenärztliche Vereinigungen, indem sie einen Telefon-Service im Notdienst anböten, erläuterte Bartmann. Bei eindeutiger Beurteilung des Krankheitsbildes würden auch telefonisch Behandlungsempfehlungen ausgesprochen. „Da wird das Fernbehandlungsverbot schon ein wenig relativiert." Bartmann könne sich jedoch nicht vorstellen, einen Service wie ihn das Unternehmen Medgate anbietet, auch in Deutschland zu etablieren. „Der Begriff ‚Ich gehe mal schnell zum Arzt‘ wird hier von vielen wörtlich genommen."

Wann und in welchem Umfang weitere Schritte Richtung digitaler Medizin in Deutschland unternommen werden, ist noch ungewiss. „Eines ist aber sicher", so Bartmann. „Wir können nicht mehr in jedem 800-Seelen-Ort für die medizinische Grundversorgung einen kompletten Arztsitz vorhalten." Somit seien Ärzte in festen Immobilien nicht allein die Lösung für die Zukunft. (ag)

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