Nahrungsergänzungsmittel sind oft Nepp

Sebastian

Nahrungsergänzungsmittel oft nicht sinnvoll

10.03.2014

Viele Menschen greifen hierzulande zu Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamintabletten oder Fischöl. Verbrauchern wird oft suggeriert, dass die kleinen Gesundheitshelfer nicht schaden können. Doch dem ist nicht immer so.

Unüberschaubar großer Markt
So manche Pressemitteilung beinhaltet vermeintliche Fakten darüber, dass man sich nur mithilfe von Tabletten ausreichend mit Vitaminen versorgen könne. Vitamin D für die Knochen, C für die Abwehrkräfte und verschieden B-Vitamine für Haut und Haare. Zudem ist manchmal die Rede davon, dass bestimmte Kapseln auch Kranken helfen können, etwa Fischöl gegen Herz-Kreislauf-Beschwerden, Johanniskraut gegen Depression, Nachtkerzenöl gegen Neurodermitis oder Ginkgo gegen vorzeitiges Vergessen. „Der Markt ist unüberschaubar groß und wächst weiter, für Vitamin C beispielsweise zweistellig“, sagte Hans Hauner, Ernährungsmediziner von der Technischen Universität München laut „web.de“. „Da steckt eine traumhafte Rendite drin. Viele Vitamine kosten in der Herstellung heute nur ein paar Euro pro Tonne.“

Drei Viertel der deutschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel
Laut der Nationalen Verzehrsstudie nehmen drei Viertel der Deutschen irgendein Nahrungsergänzungsmittel. Die Vitamine C und A sowie die Mineralstoffe Calcium und Magnesium sind dabei besonders beliebt. Wenn diese Extras wirklich gesund wären, wäre nichts dagegen einzuwenden, doch Hauner meint „99 Prozent sind reiner Voodoo. Die Heilsversprechen sind wissenschaftlich nicht belegt.“ So hätte etwa das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane Collaboration die Behauptung, Vitamin C, E und Betacarotin seien besonders gut fürs Augenlicht, am Beispiel des Grauen Stars überprüft. Das Urteil sei so eindeutig ausgefallen, dass es keiner weiteren Forschung bedürfe. So entwickelten 120.000 Probanden aus neun Studien, egal ob mit oder ohne Tabletten, die Alterserkrankung genauso oft. Weder konnten sie durch die Vitamine besser sehen, noch konnte der schleichende Verlust des Sehvermögens gebremst werden.

Ungesunder Lebensstil wird durch Vitaminpillen nicht gesünder
Manche Menschen gehen auch davon aus, dass Vitamine vor Krebs schützen können und so hieß es im Oktober 2012, dass es gelungen sei, zu belegen, dass die tägliche Einnahme eines Multivitamins das Krebsrisiko verringert. In einer Studie hatten rund 15.000 Ärzte über zehn bis dreizehn Jahre hinweg entweder ein Präparat oder ein Placebo eingenommen. Die Personen der Vitamingruppe erkrankten geringfügig seltener an Krebs. Relativierend dazu äußerte sich Hans Konrad Biesalski, Autor der Studie und Ernährungswissenschaftler an der Universität Hohenheim: „Es ist die einzige Studie, die einen Nutzen von Multivitamintabletten bei Gesunden zeigt. Es ist fraglich, ob sich der Effekt bestätigen lässt.“ In anderen Untersuchungen hätte sich gezeigt, dass Vitamine nur bei denen helfen, die bereits unter einem Mangel litten. Doch in diesem Fall sei der Griff zur Pille laut Biesalski die schlechtere Wahl. „Ein ungesunder Lebensstil wird durch Vitaminpillen nicht gesünder“, so der Experte.

Zuviel Kalzium kann gefährlich werden
Auch der emeritierte Professor Edzard Ernst, der Erste, der je einen Lehrstuhl für Alternativmedizin innehatte, äußert sich mittlerweile kritisch: „Obwohl Tausende das Gegenteil behaupten, sind Nahrungsergänzungsmittel zum Vorbeugen von Krebs und Herzproblemen nutzlos.“ Manchmal können diese Mittel sogar gefährlich werden. So zeigte etwa eine Studie aus Schweden, die Anfang 2013 veröffentlicht wurde, dass die Zahl der Todesfälle bei Frauen, die täglich mehr als 1400 Milligramm (mg) Kalzium über ihre Nahrung und Ergänzungspräparate zu sich genommen hatten, deutlich erhöht war. Ein übermäßiger Konsum von Kalzium könne das Risiko für einen Herzinfarkt erhöhen.

Chinesen nutzen Ginkgo seit Jahrtausenden
Umstritten ist auch die Wirkung von Ginkgo, dessen Blätter Chinesen bereits seit Jahrtausenden zur Wundheilung nutzen. Ginkgo soll zudem bei Demenz helfen. Steven DeKosky, Gesundheitsforscher von der University of Pennsylvania, hält dies jedoch für Wunschdenken. Er meinte er und sein Team wären enttäuscht gewesen, als sie 2008 die bisher größte Studie zum Einfluss von Ginkgo auf den geistigen Abbau, abschlossen: „Nichts wäre schöner, als wenn ein Mittel, das so billig und nebenwirkungsfrei ist, auch hilft.“ Die Studie mit 3.069 Teilnehmern über 75 Jahren hätte ergeben, dass Demenzen nach der tägliche Einnahme von Ginkgo nicht seltener auftraten und auch nicht zu einem bessere geistigen Befinden führte. Allerdings kamen andere Studien, wie etwa welche von dem deutschen Hersteller Dr. Willmar Schwabe, der Ginkgopräparate anbietet, sehr wohl zu dem Ergebnis des positiven Effekts der Pflanze. Und auch französische Forscher, die im Jahr 2010 Daten einer Studie veröffentlichten, die besagen, dass die Einnahme eines bestimmten Ginkgo-Extrakts über vier Jahre das Risiko, an einer Alzheimer-Demenz zu erkranken, beinahe halbiert. Auch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hält die Ginkgo-Therapie bei einer Dosis von 240 mg pro Tag für wirksam.

Viele Mittel halten ihre Versprechen nicht
Viele Nahrungsergänzungsmittel würden ihre Gesundheitsversprechen nicht halten können und oft sei auch deren Wirkung nicht eindeutig bewiesen. Daher sei „Wissenschaftlich haltlos“ das häufigste Urteil der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA im oberitalienischen Parma, die seit 2008 Gesundheitsversprechen auf Lebensmittel prüft. Die Hersteller müssen diese in Studien am Menschen beweisen. Bisher hätten nur 251 von über 3.000 geprüften Anträgen ihr Gesundheitsversprechen bestanden. „Bei härterer Prüfung wären noch viel mehr durchgefallen. Die Behörde versucht nur, die allergröbsten Lügen abzufangen“, meinte Hauner. Die EFSA habe Vitamine und Mineralstoffe pauschal durchgewinkt, ohne sie systematisch zu testen.

Vitamin D durch Sonneneinstrahlung anstatt durch Pillen
Auch beim Thema Vitamin D scheiden sich die Geister. So meinen manche, es sei gut für eine gesunde Körperabwehr und die Muskeln oder auch, dass es vor Diabetes oder Krebs schützen könne. Doch ein französischer Forscher zweifelt an Wirkung von Vitamin D. Er und Kollegen kamen zum Ergebnis, dass ein Mangel an Vitamin D nicht die Ursache, sondern die Folge bestimmter Erkrankungen ist. Manche Experten raten davon ab, das Vitamin künstlich einzunehmen. Der menschliche Körper bildet es selbst, wenn Sonnenlicht auf die Haut trifft. Nur Stubenhockern, stark verhüllten Personen sowie Dunkelhäutigen und über 65-Jährigen könnte ein Präparat helfen, so Helmut Heseker, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Am besten gesund und abwechslungsreich essen
Die Gründe dafür, warum so viele Menschen zu Nahrungsergänzungsmittel greifen, sind vielfältig. Für manche scheint es bequemer zu sein, ein paar Pillen zu schlucken anstatt den Lebenswandel zu ändern. Für andere zählt ganz einfach das positive Image der Mittel. „Viele Verbraucher unterliegen auch dem Trugschluss ‚viel hilft viel’“, meint Klaus Richter vom Bundesinstitut für Risikobewertung. „Man läuft aber im Gegenteil Gefahr, die fein austarierte Balance zwischen verschiedenen Nährstoffen zu stören und sich zu schaden, wenn man Nährstoffe künstlich zuführt“, so Richter. So hätte laut Studien etwa hoch dosiertes Betacarotin das Krebsrisiko erhöht. Mit diesem Wissen erscheinen die Erkenntnisse der Nationalen Verzehrsstudie in einem ganz anderen Licht, denn gerade bei Betacarotin langen die Deutschen in hohen Dosen zu. Und auch Zink im Übermaß zu sich genommen birgt Risiken, da es dann die Aufnahme des Spurenelements Selen beeinträchtigt. Grundsätzlich täten die allermeisten Menschen am besten daran, gesund und abwechslungsreich zu essen, meint Richter. Nur wenigen Bevölkerungsgruppen wird von Ärzten überhaupt zu solchen Mitteln geraten.

Fischölkapseln verlängern Schwangerschaft
Auch Folsäure ergänzt oft die Nahrung. So sollen beispielsweise Frauen mit Kinderwunsch Folsäure einnehmen, da dieser Stoff bei der Entwicklung des Nervensystems hilft und einem Neuralrohrdefekt, einer scheren Missbildung des Kindes, vorbeugt. „Man muss schon vor der Schwangerschaft damit beginnen“, sagte Hauner. „Die meisten nehmen das erst im zweiten oder dritten Monat. Dann bringt es nicht mehr viel.“ Stattdessen greifen werdende Mütter eifrig zu anderen Tabletten. „Da wird alles Mögliche geschluckt, was den Apothekern so einfällt. Fischöl war lange Zeit populär“, so Hauner. In Studien sei aufgefallen, dass Frauen, die besonders viel Fisch aßen, besonders schlaue Kinder bekamen. Doch bis heute ist der Zusammenhang nicht geklärt. Hauner gab zu bedenken, dass diejenigen, die mehr Fisch essen, oft auch besser ausgebildet und gesundheitsbewusster seien. Laut Untersuchungen von Hauner habe sich nach der Einnahme von Fischölkapseln die Schwangerschaft verlängert und die Geburt musste häufiger künstlich eingeleitet werden. Er meinte: „Das sollte man wirklich sein lassen.“ (sb)

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Bild: Martin Berk / pixelio.de