Opioide-Therapie hilft bei chronischen Schmerzen

Sebastian

Opioide können das Schmerzgedächtnis löschen und Patienten mit chronische Schmerzen helfen

17.01.2012

Der gezielte Einsatz von Opioide könnte eine neue Hoffnung für Schmerzpatienten sein. Forscher des Österreichischen Zentrums für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien haben in einer Studienarbeit herausgefunden, dass sich anscheinend chronische Schmerzen ohne organischen Hintergrund nicht nur kurzfristig, sondern auch auf Dauer therapieren und ausschalten lassen lassen. Wurde eine richtige Dosierung gesetzt, können „chronische Schmerzzustände für immer verschwinden“.

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Schmerzen ohne direkte Schmerzeinwirkung
Seit langem beklagen Patienten und Ärzte, die Behandlung von chronischen Schmerzen ist Unzureichend. Experten schätzen, dass allein in Deutschland über 10 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen leiden. Die meisten Patienten nehmen dauerhaft Schmerzmedikamente ein und einige verspüren Schmerzen, obwohl sei keinem direkten Schmerzreiz ausgesetzt sind. Die Betroffenen waren in der Vergangenheit einmal mittleren bis starken Schmerzimpulsen über einen längeren Zeitraum ausgeliefert. Durch eine Art Fixierung auf den Schmerzort werden Schmerzen an das Gehirn geleitet, obwohl ein organischer Schmerzherd fehlt. Mediziner und Wissenschaftler haben bereits in verschiedenen Forschungen herausgefunden, dass eine Art Schmerzgedächtnis die Betroffenen übersensibel macht. Das hat zur Folge, dass sie bereits bei den kleinsten Veränderungen oder Berührungen mit Schmerzen reagieren, weil die Schmerzbahnen hochsensibel sind. Lokalisiert wird das Gedächtnis für Schmerzen übrigens im Rückenmark.

Sinkende Erregungsschwelle durch Schmerzerlebnisse
Die Reize werden mittels nociceptive Fasern zum Rückenmark transportiert. Dort treffen die Schmerzreize auf die ersten Synapsen. Die Informationen werden dann unter anderem zum Gehirn weitergeleitet. Erlebt ein Patient wiederholt Schmerzen, werden dadurch Schmerzinformationen immer wieder auf die selbe Art und Weise geleitet. „Dadurch sinkt die Erregungsschwelle“, erklären die Forscher, weshalb der Patient dann sensibel auf minimale Außenreize oder Veränderungen reagiert. Diesen Prozess nennen Mediziner die synaptische Langzeitpotenzierung (LTP). Forschern aus Österreich vom Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien berichten im Fachjournal „Science“ eine neue Schmerztherapie für Chronisch Schmerz-erkrankte. Opioide können nach ihrer Ansicht nicht nur einen Kurzzeiteffekt erzielen, sondern Patienten mit chronifizierten Schmerzen von ihrem Leiden gänzlich befreien. „Es kommt dabei vor allem auf die richtige Dosierung an“, wie das Team erklärte.

Kurze Therapie mit hochdosiertem Therapeutikum
Im Verlauf einer Kurzzeittherapie mit bestimmten hochdosierten Opioiden kann die Gedächtnisspur des Schmerzes gelöscht werden. Opioide werden seit langem in der konventionellen Schmerzbehandlung eingesetzt. Hierfür werden natürliche aber auch chemische Substanzen verwendet, die eine morphinartige Beschaffenheit aufweisen und an wirksam andocken. Um die These zu untermauern, unternahm das Forscher-Duo um Ruth Drdla-Schutting und Jürgen Sandkühler verschiedene Tierexperimente.

Während der Studie bekamen Ratten Stromschläge verabreicht, während sie sich im narkotischen Zustand befanden. Durch die unbewusste Schmerzerfahrung veränderten sich die und es wurde ein Schmerzgedächtnis im Rückenmark geschaffen. Im Fortgang bekamen die Tiere ein morphinhaltiges Schmerzmittel intravenös verabreicht. Das Opioid wurde 60 Minuten und in hoher Dosis gegeben. Das ist ein Novum, da bislang das Therapeutikum nur in mittlerer Dosis aber dafür kontinuierlich Schmerzpatienten injiziert wird.

Schmerzgedächtnis wird gelöscht
In der Auswertung machten die Mediziner eine erstaunliche Entdeckung: „Die gesamte Gedächtnisspur, die zuvor gelegt wurde, war nach der hochdosierten Therapie gelöscht.“ Wenn dieser Behandlungsansatz auch unter klinischen Bedingungen sich bewähren sollte, wäre dies „ein Paradigmenwechsel in der Schmerztherapie“ wie der Studienautor Sandkühler betonte. Mit dem Forschungsergebnis könnte schon bald die Schmerzbehandlung revolutioniert werden. Statt der bisherigen Dosierung und Anwendung, könnte der Wiener Weg neue effektive Behandlungsmöglichkeiten liefern. Statt der längerfristig angelegten Arzneitherapie, könnte eine hochdosierte aber kurzweilige Einnahme künftig Patienten schneller von Schmerzen befreien. Ob die neue Art der Schmerzbehandlung auch beim Menschen Erfolg haben wird, müssen nun weitere Studien zeigen. Bis es zu einer Freigabe der Therapie kommt, bedarf es zahlreicher und eingehender Forschungen.

Patienten, die zum Beispiel unter chronischen Rückenschmerzen durch Abnutzungen oder Fehlbelastungen leiden, wird auch eine neue Dosierung keinen positiven Langzeiteffekt bringen, weil zunächst die Hintergrunderkrankung behandelt und abgeklärt werden muss. Hingegen Geplagte mit Phantom- und Stumpfschmerzen nach Verletzung der Extremitäten und Amputationen auf eine baldige Linderung hoffen können. Wann erste klinische Studien mit menschlichen Probanden beginnen, ist noch unklar. Es dürften noch ein paar Jahre vergehen, bis der neue Therapieansatz umgesetzt wird. (sb)