Jeder 11. Europäer leidet an chronischen Schmerzen

Sebastian

Europäischer Schmerz-Kongress EFIC: Jeder elfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen

23.09.2011

Ob Rückenschmerzen, Kopfschmerzen oder Muskelbeschwerden: Jeder elfte Europäer leidet an chronischen Schmerzen. Wie Mediziner und Wissenschaftler auf dem derzeit stattfindenen Europäischen Schmerz-Kongress EFIC in Hamburg berichten, können die dauerhaften Schmerzen sogar Veränderungen im Gehirn verursachen. Chronifizierungen stellen zudem eine dauerhafte Belastung der europäischen Gesellschaften dar.

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Etwa jede fünfte Mensch in Europa leidet unter Schmerzen. Laut weiterer Erhebungen hat sogar jeder elfte Europäer jeden Tag Schmerzen, die chronisch manifestiert sind. Die meisten Patienten werden nicht richtig oder überhaupt nicht behandelt, wie Forscher und Fachmediziner auf dem Europäischen Schmerz-Kongress EFIC in Hamburg mahnten. Um eine bessere Gesundheitsversorgung der Betroffenen zu erlangen, sollten chronische Schmerzen als eigenständige Krankheit anerkannt werden. Dann sei der Weg zu einer spezialisierten Ausbildung für Ärzte geebnet und Patienten könnten sich adäquater informieren, so die Hoffnung der Schmerzexperten.

Patienten mit chronischen Schmerzen haben vielmals einen langen Leidensweg hinter sich. Bevor effektive Behandlungsmethoden zur Geltung kommen, vergehen vielmals Jahre. Zuvor durchlebten die Betroffenen zahlreiche Arztbesuche bei unterschiedlichen Fachärzten und wurden mehrmals stationär in Kliniken aufgenommen. Sie haben unzählige Therapien wie Operationen, Injektionen, Massagen, Bäder, Nervenblockaden oder Kuren hinter sich. Die subjektive Erfahrung, auch Spezialisten können anscheinend nicht helfen, erleben viele Menschen als geradezu quälend. Die Therapien kommen und gehen, doch oftmals bleiben die Schmerzen erhalten.

Ökonomische Auswirkungen auf die Gesundheitssysteme
Chronische Schmerzen sollten keinesfalls als Einzelproblem des Betroffenen verstanden werden. Die gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen sind bedenklich, wie EFIC-Präsident Hans Georg Kress aus Wien auf dem Schmerz-Kongress vorrechnete. Neunzehn Prozent der Schmerzpatienten mit leichten bis mittelschweren Beschwerden haben aufgrund ihrer Symptomatiken bereits ihre Arbeitsstelle verloren. 60 Prozent der Patienten mussten ihren Arzt aufgrund der Schmerzen „in den letzten sechs Monaten zwei bis neun Mal konsultieren“, wie der Mediziner betonte. „Wenn wir Schmerzpatienten im arbeitsfähigen Alter betrachten, zeigen Studien, dass rund zwei Drittel der Gesamtkosten der Schmerzzustände in Produktionsausfällen bestehen.“ Eine Zahl, die auch die Politik wahrnehmen sollte.

Im letzten Jahr haben den Angaben zufolge rund 52 Millionen Menschen allein in Deutschland, Spanien, Großbritannien, Frankreich und Italien an regelmäßig und wiederkehrenden Schmerzen gelitten. Ärzte sprechen von einer Chronifizierung des Schmerzes, wenn diese mindestens drei bis sechs Monate fortwährend anhalten oder immer wieder nach kurzen Unterbrechungen auftreten. Die häufigsten Schmerzzustände werden durch Rückenschmerzen (63 Prozent), Schmerzen der Gelenke (48 Prozent) oder Schmerzen im Nackenbereich (30 Prozent) verursacht. Hintergrunderkrankungen wie Krebstumore sowie Rheuma bedingen ebenfalls schwere und dauerhafte Schmerzen.

Wer es sich leisten, lässt sich außerhalb der Gesundheitssysteme versorgen und geht beispielsweise bei Rückenbeschwerden zu einem Chiropraktiker oder Osteopathen. Für die meisten Menschen besteht allerdings eine massive Unterversorgung, wie Dr. Kress erklärte. Es sei „Erschreckend, dass ein großer Teil dieses Leids und dieser Kosten unnötig wäre und durch massive Unterbehandlung entsteht“. Trotz zahlreicher medizinischer und therapeutischer Fortschritte der vergangenen Jahre hätten 70 Prozent der europäischen Patienten noch nicht einmal eine gängige Standardtherapie verschrieben bekommen. Viele plagen sich solange mit den Schmerzen, bis sie arbeitsunfähig werden. Hinzukommend verursachen nicht endende Schmerzen psychische Leiden wie Depressionen und schränken im zunehmenden Maße die Lebensqualität der Patienten ein.

Ältere Menschen sind unterversorgt
Im großen Ausmaße sind insbesondere ältere Menschen von ineffektiven Behandlungen betroffen. Die spezialisierten Anforderungen der Schmerzbehandlung von Älteren wird häufig von den behandelnden Ärzten nicht hinreichend beachtet. Bedenklich ist dieser Zustand vor allem deshalb, weil der fortlaufend voranschreitende demographische Wandel die Gesellschaft älter werden lässt. Damit steigen unweigerlich die Patientenzahlen. Angesichts der Veränderungen fordern die Wissenschaftler mehr Forschungsgelder für die Entwicklung neuer Präventionskonzepte und Therapien. Ältere Patienten über 70 bzw. 75 werden aus den meisten Arzneimittelstudien ausgeschlossen. So existieren kaum Belege über Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, die ältere Menschen aufgrund anderer Leiden einnehmen müssen. Der niederländische Mediziner Kris Vissers kritisierte, „Ärzte werden daher über Wechselspiele der Wirkstoffe und deren Folgen im Dunkeln gelassen“. Das Nachsehen haben dann die Patienten.

Ärzte nehmen Schmerzen von Männern oftmals nicht ernst genug
Die Schmerztherapie unterliegt zahlreichen Vorurteilen. Nicht jeder Schmerz ist gleich und kann jederzeit und überall ausgelebt werden. So klagen häufig Patienten am Arbeitsplatz weniger über Schmerzen, als bei ihren Ehepartnern oder Freunden und Männer gehen beispielsweise anders mit Beschwerden um als Frauen. Neuere Studien zeigten, dass das fatale Folgen für Therapiequalität haben kann. Denn auch Mediziner bewerten Schmerzen von Frauen und Männern unterschiedlich. „Studien zeigen, dass Äußerungen über Schmerzen von Frauen und Männern von Ärzten unterschiedlich bewertet werden. Bei Männern werden Schmerzen in ihrer Intensität besonders häufig unterschätzt“, warnt die deutsche Expertin und Ärztin Christiane Hermann. Emotionale und psychische Faktoren können bei der Prävention von chronischen Schmerzen in Betracht gezogen werden, wie Professor Martin Koltzenburg aus Großbritannien betonte. Optimismus kann die Widerstandskräfte aktivieren und Schmerzen lindern.

Schmerzerleben wird durch Eltern geprägt
Schmerzen werden bereits durch das Verhalten der Eltern geprägt. Daher haben Schmerzen natürlich auch eine emotionale Komponente, wie Hermann sagte. „Man kann beobachten, dass Kleinkinder, wenn sie stürzen, oft zuerst ihre Eltern anschauen und aus ihrem Gesichtsausdruck abzulesen versuchen, wie schlimm das nun sei.“ Zeigen Eltern blankes Entsetzen oder ein besorgniserregendes Gesicht, fangen die Kinder an zu weinen. Auf der anderen Seite zeigte sich, dass ein soziales Netz der emotionalen Zuwendung auf Patienten schmerzlindernd wirke. Daher, so der Rat der Forscher, sollten Eltern in ihrem Handeln auf die Schmerzerfahrungen der Kinder balanciert reagieren. Schmerzen sind eine ernste Sache, wobei dieser weder bagatellisiert noch dramatisiert werden sollte. Ein konstruktives Eingehen könnte zum Beispiel sein: „Was kann Dir helfen, damit es Dir wieder besser geht?“

Laut Erhebung zu chronischen Schmerzen in Europa führen chronische Schmerzen zu Veränderungen des menschlichen Gehirns. Vielmals ist die ursprüngliche Schmerzursache unabhängig von den nachfolgenden Schmerzen, wie Kris Vissers aus Nijmegen berichtete. Solche Hirnveränderungen ziehen den gesamten Organismus in Mitleidenschaft. Chronifizierte Schmerzen können somit nicht nur als Symptom der vorangegangen Erkrankung angesehen werden. (sb)