Schuld an überschüssigen Pfunde: Darmbakterien steuern unser Sättigungsgefühl

Sebastian
Forscher zeigen Zusammenhang zwischen Darmflora und Übergewicht
Ob Überernährung, Bewegungsmangel oder Essstörungen: Übergewicht kann vielfältige Ursachen haben und häufig wirken bei der Entstehung verschiedene Faktoren zusammen. Immer wieder steht auch die Bedeutung der Darmflora im Zentrum des Interesses. Nun berichten französische Forscher, dass Darmbakterien tatsächlich in engem Zusammenhang mit Übergewicht stehen könnten. Denn diese würden bestimmte Signale an das Gehirn senden und dadurch das Sättigungsgefühl steuern.
Sattes Gefühl wird möglicherweise nicht selbst bestimmt
„Bin ich noch hungrig oder schon satt?“ Bislang wurde davon ausgegangen, dass diese Frage nur durch unser subjektives Gefühl beantwortet werden kann. Doch das könnte unter Umständen ganz anders sein. Denn Forscher vom „Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale“ (INSERM) im französischen Rouen konnten nun zeigen, dass das Sättigungsgefühl möglicherweise von bestimmten Darmbakterien gesteuert wird. Demnach hätten Experimente ergeben, dass die im Darm lebenden Escherichia coli-Bakterien etwa 20 Minuten nach Beginn der Mahlzeit begannen, andere Eiweiße zu produzieren als zuvor im „hungrigen“ Stadium, berichten die Wissenschaftler um Jonathan Breton im Fachblatt „Cell Metabolism“.

Darmbakterien steuern den Hunger. Bild: ALDECAstudio - fotolia
Darmbakterien steuern den Hunger. Bild: ALDECAstudio – fotolia

„Satt-Proteine“ aktivieren Appetit-regulierende Neuronen im Gehirn
Das Team bestimmte die unterschiedlichen Eiweiße und verabreichte die im „satten“ Zustand produzierten Proteine Laborratten und -mäusen. Es zeigte sich, dass die Tiere anschließend weniger Futter zu sich nahmen – unabhängig davon, ob sie vorher Hunger hatten oder schon satt waren. In einer weiteren Untersuchung erkannten die Forscher, dass die „Satt-Proteine“ im Gegensatz zu den „Hunger-Proteinen“ die Freisetzung eines bestimmten Sattmacher-Hormons beeinflussen, zudem würden sie Appetit-regulierende Neuronen im Gehirn aktivieren.

Ausgehend von diesen Ergebnissen stellten die Wissenschaftler eine interessante These auf: Demnach sei es für die Aufrechterhaltung der Bakterienpopulation im Darm sinnvoll, wenn die Bakterien mit uns als ihrem „Wirt“ darüber „kommunizieren“ könnten, ob sie hungrig sind und dementsprechend neue Nährstoffe benötigen. Daher könnte es sich beim Zeitpunkt und der Menge der Nahrung, die wir aufnehmen, viel weniger um eine autonome Entscheidung handeln, als wir bislang dachten, so die Forscher.

Daten könnten momentan noch „überinterpretiert“ sein
Doch die Ergebnisse der Franzosen stoßen auch auf Skepsis. „Das sind interessante Experimente“, so Michael Blaut vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DifE) im Gespräch mit der Nachrichtenagentur „dpa“. „Aber ich halte die Daten momentan für überinterpretiert“, fügt er hinzu. Demnach sei unklar, wodurch die beobachteten Effekte tatsächlich ausgelöst wurden, „insgesamt ist das noch nicht gut genug zusammengeführt.“ Dennoch könne dank dem heutigen Stand der Forschung der Zusammenhang von Darmbakterien und Übergewicht immer konkreter analysiert werden. „Neue molekularbiologische Methoden erlauben es endlich, die speziellen Bakterienkolonien in unserem Körper detailliert zu untersuchen“, sagt Professor Stephan Bischoff von der Universität Hohenheim in Stuttgart. Keine einfache Aufgabe, denn Schätzungen zufolge wird der Darm von rund 1000 verschiedenen Bakterienarten besiedelt.

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Jeder Mensch lässt sich einem von drei verschiedenen Darmtypen zuordnen
Schon 2011 war ein internationales Forscher-Team zu dem Ergebnis gekommen, dass sich die Darmflora eines jeden Menschen im Wesentlichen drei verschiedenen Darmtypen zuordnen lässt. Demnach entscheide der Darmtyp über die individuelle Nahrungsverwertung und damit auch über das Risiko für Übergewicht und Adipositas. Wie Professor Stephan Bischoff erklärt, würden sich bei übergewichtigen Menschen mehr so genannte „Firmicutes-Bakterien“ im Darm befinden, was im wahrsten Sinne des Wortes „schwere“ Konsequenzen haben kann. Denn diese Bakterien können sämtliche Nahrungsbestandteile in Energie umwandeln, wodurch z.B. aus Ballaststoffen verwertbare Kalorien werden. „Zu viel Essen wird doppelt bestraft“, sagt Bischoff. Denn der Körper erhalte zum einen zu viel Energie, gleichzeitig würde durch den hohen Anteil an Firmicutes- Bakterien die Verwertung der Nahrung optimiert. In der Folge wird die überschüssige Energie als Fettreserve gespeichert, was sich in steigendem Körpergewicht auf der Waage bemerkbar macht.

Selbst wenn die Mikroflora eines Lebewesens in den Darmtrakt eines anderen eingebracht wird, würden die individuellen Informationen und Funktionen erhalten bleiben, erklärt Professor Philip Rosenstiel vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel weiter. Der Experte hatte gemeinsam mit anderen Forschern eine Studie mit Mäusen durchgeführt, bei denen ein Enzymmangel zu erheblichen gesundheitlichen Folgen geführt hatte: „Bei diesen Tieren ist das Immunsystem geschwächt, die Mikroflora im Darm ist verändert, und sie neigen mehr zu Entzündungen“, so Rosenstiel gegenüber der „dpa“. Doch auch nachdem die Forscher den Tieren Exkremente gesunder Labormäuse transplantiert hatten, traten ebenfalls Entzündungszeichen auf.

Studien liefern Lichtblick für die Adipositas-Behandlung
Trotz der Skepsis gegenüber der neusten Forschung der französischen Wissenschaftler könnten all diese Studien jedoch einen „Erkenntnisgewinn“ liefern und „eine neue Spielwiese für therapeutische Konzepte“ eröffnen, ergänzt Bischoff. Denn möglicherweise könnte zukünftig über die Ernährung oder Medikamente noch gezielter Einfluss auf die Darmflora genommen werden. Dementsprechend seien die Ergebnisse trotz notwendiger weiterer Forschung und Entwicklung „ein Lichtblick, beispielsweise in Sachen Adipositas-Behandlung“. (nr)