Sinkt die Zahl der Arztbesuche tatsächlich?

Alfred Domke

Statistik: Gehen die Deutschen nur zehn mal pro Jahr zum Arzt?

12.04.2013

Mussten Patienten in der letzten Zeit in überfüllten Wartezimmern lange auf einen Termin beim Arzt warten, scheint die Nachricht zweifelhaft, dass Arztbesuche in Deutschland rückläufig sind. Dies ist allerdings die Analyse, die aus einer Statistik gewonnen wird.

Angeblich zurückgegangene Arztbesuche
Die „Bild“-Zeitung meldete heute: „Die Zahl der Arztbesuche sinkt!“ Im jährlichen Durchschnitt hätten die Bürger in Deutschland zehnmal den Arzt aufgesucht, im Jahr 1995 seien es noch 13 Besuche gewesen. Ausgelöst wurde die Meldung durch Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP), das beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) angesiedelt ist. Laut „Bild“ sprechen die Fachleute des DIW von einem „signifikanten Rückgang“, der unter anderem in einer besseren Vorsorge, etwa bei Zahnärzten, begründet liegt. Außerdem würden Arztbesuche entfallen, da Patienten, anders als in den vergangenen Jahren, für zahlreiche Medikamente selbst zahlen müssen. Die scheinbar überzeugenden Ergebnisse verlieren bei genauerem Hinsehen etwas an ihrem Informationsgehalt. Denn: Es geht gar nicht um eine Studie zu Arztbesuchen. Vielmehr stammen die Daten aus einer Langzeituntersuchung mit mehreren verschiedenen Schwerpunkten. Dafür werden im Auftrag des DIW jedes Jahr mehr als 20.000 Personen zu Themen wie Bildung, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Wohnsituation und Gesundheit befragt.

Fragwürdige Methoden
Von den fast 150 Seiten über die Langzeituntersuchung nehmen die Daten zur Zahl der Arztbesuche nur eine Seite ein. („“) Dabei ist die Anzahl der Arztbesuche der letzten drei Monate von Personen über 17 Jahren erfasst. Doch es ist nicht klar, welche Monate das sind. Gegenüber dem Online-Magazin stern.de bestätigte ein Mitarbeiter des DIW: „Die Daten werden im ersten Halbjahr erhoben, man kann nicht sagen, welche drei Monate in den einzelnen Jahren erfasst sind." Dies wäre aber eine durchaus wichtige Information, da es zum Beispiel in den sogenannten Grippemonaten zu viel mehr Arztbesuchen kommen dürfte. Außerdem wurden für den Nachrichtenartikel die Dreimonats-Daten einfach mal vier genommen, um auf die jährliche Zahl der Arztbesuche zu kommen. Dies stellt eine äußerst fragwürdige Methode dar und sollte kritisch betrachtet werden.

Kein neuer Trend erkennbar
Die Daten des Sozioökonomischen Panels lassen keinen neuen Trend erkennen, vielmehr die Werte nur leicht schwankend. So lag die Zahl der durchschnittlichen Arztbesuche in den letzten drei Monaten im Jahr 2004 bei 2,52. Um diesen Wert schwankte die Zahl seitdem leicht und liegt aktuell bei 2,49. Überrascht haben die Daten allerdings, hatten Deutsche eher den Ruf, besonders oft zum Arzt zu gehen. Die Barmer GEK meldete in ihrem Arztreport 2010, dass Versicherte im Jahr 2008 durchschnittlich 18,1 Mal im Jahr einen niedergelassenen Arzt aufsuchten, im Vergleich dazu waren es 2004 nur 16,4 Arztbesuche pro Person.

Krankenkassendaten oder DIW-Statistik, welche Zahlen stimmen?
Die Frage stellt sich, welche Zahlen denn nun stimmen und wie es zu den Unterschieden kommt. Aus dem DIW heißt es: „Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen". Es spielt auch eine Rolle, was als Arztkontakt gewertet wird und wie diese erfasst werden. Die Studienteilnehmer, die im Auftrag des DIW befragt wurden, mussten ganz allgemein beantworten, wie oft sie beim Arzt waren. „Die Zahl könnte daher auch tendenziell unterschätzt sein", so die Meinung aus dem DIW. Die teils deutlich höheren Werte, zu denen die Krankenkassen kommen, lassen sich auch damit erklären, dass sie sich konkret auf die Abrechnungen der Krankenkassen beziehen. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andres Köhler, bezweifelte gegenüber der Nachrichtenagentur AF, dass Patienten in Deutschland mittlerweile tatsächlich deutlich weniger zum Arzt gehen. Aus der Anzahl der Arztbesuche allgemein ist es auch schwierig etwas über die Besuche pro Bundesbürger zu machen. Erst vor kurzem war dies durch einen Bericht des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland thematisiert worden. Darin hieß es, dass rund 16 Prozent der Versicherten etwa die Hälfte aller Arztkontakte beanspruchten. Diese Patienten, oft mit chronischen Leiden oder einer schweren Erkrankung, wie Krebs oder Diabetes, tragen zu einer Erhöhung der Statistik bei. (ad)

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