Herz-Kreislauf: Sport bewirkt mehr als Medikamente

Astrid Goldmayer

Bei bestimmten Erkrankungen kann Sport Medikamente ersetzen

02.10.2013

Sport könnte Medikamente bei bestimmten Krankheiten überflüssig machen. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschafter der London School of Economics and Political Science und der Stanford University. Sie werten Studien aus, in denen die Wirksamkeit von Medikamenten beziehungsweise von Sport untersucht wurde. Das Fazit der Forscher: Das gesundheitliche Potential von Sport wird bisher zu wenig genutzt.

Vorzeitiger Tod durch einige Erkrankungen könnten durch Sport vermieden werden
Viele Erkrankungen könnten durch Sport verhindert werden. Bewegungsmangel ist ein weit verbreitetes Problem in den Industrienationen. Langes Sitzen bei der Arbeit und ein ungesunder Lebensstil führen verursachen bei vielen Menschen Erkrankungen wie Typ 2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Doch anstelle einer gesunden Ernährungsweise und ausreichend Bewegung zieht mancher Patient das Schlucken von Medikamenten wie Betablockern vor. Das ist häufig jedoch nicht die beste Wahl, wie Huseyin Naci von der London School of Economics and Political Science und John Ioannidis von der Stanford University in ihrer Auswertung der Daten von 300.000 Menschen belegten. Denn bei bestimmten Erkrankungen schützt Sport besser vor einem vorzeitigen Tod als Medikamente.

Im Rahmen ihrer Untersuchung verschafften sich die Wissenschaftler zunächst einen Überblick über alle verfügbaren klinischen Daten zum Effekt von Bewegung auf die Sterblichkeit. Sie entdeckten vier Übersichtsstudien zu Frühstadien unterschiedlicher Krankheiten: Diabetes, Erkrankungen der Herzkranzgefäße, Herzinfarkt und Schlaganfall. Alle Studien mit Ausnahme der Untersuchung zu Diabetes kamen zu dem Ergebnis, dass Sport einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Patienten hat. Das Risiko, während des Studienzeitraumes zu sterben, reduzierte sich, wenn die Teilnehmer regelmäßig Sport trieben.

Zur Prävention von Schlaganfall soll Sport wirksamer sein als Medikamente
Im nächsten Schritt durchsuchten die Wissenschaftler erneute die Medizindatenbanken. Diesmal wollten sie den Effekt von Medikamenten auf die vier Krankheitsbilder untersuchen. Bei der Auswertung zeigte sich, dass auch Medikament – außer bei Diabetes – vor einem frühzeitigen Tod schützen können. Die Wirksamkeit der Mittel ist jedoch nicht in jedem Fall höher als die von Sport. So lagen die Medikamente wie Statine und Betablocker bei Erkrankungen der Herzkranzgefäße in etwa mit Sport gleich auf. Bei Herzversagen überwog die Wirkung von Diuretika und bei Schlaganfall der Effekt von Sport.

Erstmals wurden mit dieser Metaanalyse die Effekte von Sport und Medikamenten miteinander verglichen. Dabei zeigten sich jedoch auch, dass es „deutlich mehr Daten zum Effekt der Medikamente als zum Effekt der Bewegung" gibt, berichten die Wissenschaftler im „British Medical Journal". Für die Auswertung zur Wirkung von Sport auf die Sterblichkeit bei Schlaganfall konnten beispielsweise nur die Daten von 227 Patienten berücksichtigt werden. Die Wirkung von blutverdünnenden Medikamenten wurde dagegen an mehr als 70.000 Patienten untersucht. Die Ergebnisse der Auswertung von Naci und Ioannidis müssen deshalb in weiteren Untersuchungen untermauert werden. Noch können sie nur mit Vorsicht interpretiert werden.

Wirksamkeit von Sport und Medikamenten muss in weiteren Studien untersucht werden
„Die einseitige, auf Medikamente konzentrierte Forschung führt möglicherweise dazu, dass die effektivsten Therapien für Krankheitsbilder unerkannt bleiben, falls es sich dabei nicht um eine Behandlung mit Arzneimitteln handelt", schreiben die Forscher weiter. Es sei notwendig weitere Studien durchzuführen, in denen die Wirkung von präventiv eingenommenen Medikamenten mit der von Sport verglichen werde. Denn die Metaanalyse weist eine weitere Schwäche auf: Nicht nur die Größe der Patientengruppen, auch die Schwere der Erkrankung könnte zum Teil stark von einander abgewichen sein und das Ergebnis möglicherweise verfälscht haben.

„Obwohl sie nur in begrenzter Zahl vorhanden waren, legen bestehende randomisierte Studien zum Effekt von sportlichen Übungen nahe, dass Sport und viele Medikamente häufig eine potenziell ähnliche Wirksamkeit im Hinblick auf eine verminderte Sterblichkeit in Rahmen der Prävention der koronaren Herzkrankheit, Rehabilitation nach Schlaganfall, Behandlung von Herzinsuffizienz und Prävention von Diabetes besitzen“, schreiben die Forscher. (ag)

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