Um ungesunde E-Zigaretten tobt ein Streit

Heilpraxisnet

Streit um E-Zigaretten: Wie gefährlich sind sie wirklich?

10.02.2015

E-Zigaretten werden von vielen Menschen als eine gesündere Alternative zu Tabak angesehen. Gesund sind die elektronischen Verdampfer aber keinesfalls. Da sind sich Experten einig. Uneinigkeit besteht jedoch darüber, wie gefährlich E-Zigaretten wirklich sind.

Gesundheitliche Probleme durch Zigaretten minimieren
Bei E-Zigaretten scheiden sich die Geister. Sowohl Laien als auch Experten streiten darüber, ob eher die Gefahren beim „Dampfen“ überwiegen oder ob durch die elektronischen Verdampfer nicht vielmehr Hunderttausende Menschen vom „Qualmen“ abgebracht werden können. Grundsätzlich geht es darum, die enormen gesundheitlichen Probleme durch Zigaretten zu minimieren. Dass die Meinungen darüber, wie das geschehen kann, kaum unterschiedlicher sein könnten, berichtet die „Welt“ in einem aktuellen Beitrag.

Hunderttausende Menschenleben retten
Soziomediziner der New Yorker Columbia University schrieben vor kurzem in der Zeitschrift „Science“ von einem „globalen Kampf um E-Zigaretten“. Im Fachblatt „BMC Medicine“ meinte der Präventivmediziner der Londoner Queen Mary University, Peter Hajek, dass der Umstieg von Tabak- auf E-Zigaretten, Hunderttausende Menschenleben retten könne. Charlotta Pisinger vom dänischen Glostrup Hospital hielt in der gleichen Zeitschrift jedoch dagegen, dass Pragmatiker wie Hajek die Erfolge des seit Jahrzehnten geführten Kampfes gegen Tabak untergraben würden. Ihrer Meinung nach könnten E-Zigaretten die Lust auf echte Zigaretten wecken und das Rauchen wieder salonfähig machen.

Umsatz stieg um ein Vielfaches
Beim Konsumieren einer E-Zigarette wird ein Liquid verdampft. Die Liquids bestehen zu über 90 Prozent aus einer Trägersubstanz, meist Propylenglycol oder Glyzerin. Der Großteil der Liquids enthält auch Nikotin. Der Geschmack kommt von Aromastoffen. Angaben der Produzenten zufolge stieg der Umsatz solcher Produkte in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches. Thomas Hartung von der Johns Hopkins University in Baltimore rechnet mit einer deutlichen Zunahme der Verbreitung. „Vermutlich würden das mehr Menschen tun, wenn die Erfahrung dem Rauchen vergleichbar wäre“, so der Toxikologe. Der Körper nehme derzeit beim Dampfen deutlich weniger Nikotin auf als beim Rauchen. „Aber das ist eine Frage der Zeit, das ist nur ein technologisches Problem.“

Weniger schädlich als Tabakzigaretten
Forscher glauben der „Welt“ zufolge einhellig, dass E-Zigaretten trotz möglicher unbekannter Risiken insgesamt weniger schädlich sind als Tabakzigaretten. So schätzten Mediziner um den Pharmakologen David Nutt vom Imperial College London vor kurzem im Fachblatt „European Addiction Research“ die gesundheitliche Gefährdung durch E-Zigaretten im Vergleich zu normalen Zigaretten auf etwa vier Prozent. Demnach liegen Nikotinersatztherapien mit Kaugummi, Pflaster oder Sprays gemittelt bei zwei Prozent. „Anwendungen des Gebrauchs anderer Nikotinformen wie E-Zigaretten oder Nikotinersatztherapien sollten ermutigt werden, um den Zigarettenverbrauch zu senken, da ihre Risiken viel geringer sind“, so die Forscher.

Rauchen fordert eine Milliarde Todesopfer
Im 21. Jahrhundert werden nach Prognosen etwa eine Milliarde Menschen an den Folgen des Rauchens sterben. Dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) zufolge verkürzt Rauchen das Leben um durchschnittlich zehn Jahre. Rauchen zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für chronische, nicht übertragbare Krankheiten wie Herz-Kreislaufkrankheiten, beispielsweise Arteriosklerose (Arterienverkalkung), chronische Atemwegserkrankungen wie COPD (Raucherlunge), viele Krebsarten, vor allem Lungenkrebs und Typ 2 Diabetes. Zudem steigt das Risiko für Thrombosen. Das Umsteigen aufs Dampfen könnte möglicherweise vielen einen frühen Tod ersparen. „Wir reden darüber, etwa 100 Millionen Menschenleben zu retten“, sagte Hartung und verwies auf Studien, denen zufolge einer von neun Rauchern beim Dampfen bleibt. „Diese Chance sollten wir nutzen. Mit einer restriktiven Haltung würde man einen Zug, der gerade abfährt, für Jahre aufhalten.“

E-Zigaretten machen den Rauchstopp wahrscheinlicher
Eine Übersichtsstudie der Cochrane Collaboration, ergab, dass E-Zigaretten einen Rauchstopp wahrscheinlich erleichtern könnten. Laut der Untersuchung, die sich auf zwei randomisierte Studien stützt, schafften es neun Prozent der Dampfer nikotinhaltiger E-Zigaretten, ihren Tabakkonsum für mindestens ein Jahr einzustellen. Zudem konnten 36 Prozent der Konsumenten ihren Zigarettenverbrauch halbieren. In der „Cochrane Database of Systematic Reviews“ heißt es, dass das Ergebnis durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müsse. „Beide Studien prüften E-Zigaretten mit geringer Nikotinabgabe, und wahrscheinlich sind neuere Produkte mit höherer und schnellerer Nikotinabgabe effektiver.“ Hauptautor der Studie war Peter Hajek.

Raucher zur Abstinenz bewegen
Martina Pötschke-Langer vom DKFZ sieht dies ganz anders. „Peter Hajek ist ein aufrechter Überzeugungstäter, der leidenschaftlich darum bemüht ist, einen substanziellen Beitrag zur Tabakentwöhnung zu leisten“, so die Expertin. „Aber seine Argumente sind wenig substanziell. Die Welt ist komplexer.“ Sie plädiert dafür, Raucher eher zu Abstinenz zu bewegen und ihnen nicht E-Zigaretten schmackhaft zu machen. „Wir wissen, dass die Hälfte der Raucher es schafft aufzuhören, die meisten ohne Hilfsmittel. Medizinisch ist es ein gravierender Fehler, diese hoffnungsfrohen, zum Ausstieg gewillten Raucher zum Umstieg zu verleiten.“ Die Expertin verwies auf die Vielzahl von Aromastoffen, die in E-Zigaretten vorkommen können. „Die E-Zigarette enthält ein Chemikaliengemisch mit ultrafeinen Partikeln, die durch die Atemwege in den Körper gelangen. Man kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehen, was die anrichten. Viele Aromastoffe sind überhaupt nicht getestet, andere nur als Lebensmittel, aber nicht beim Inhalationsvorgang.“

Frostschutzmittel zum Rauchen
Noch immer gibt es keinerlei Sicherheitsstandards, über die Auswirkungen der Liquids weiß man wenig. Pötschke-Langer schätzt, dass es zwar über 200 Studien dazu gebe, doch auch Hartung meint, das dies angesichts Tausender möglicher Inhaltsstoffe nicht ausreiche. „Man weiß nicht genug“, so der Toxikologe. „Die Hersteller fühlen sich auf der sicheren Seite, weil viele Aromen von Lebensmitteln stammen. Aber die werden nicht inhaliert. Man kann da durchaus Überraschungen erleben.“ Auch Forscher am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin erlebten eine Überraschung, als sie 28 Produkte untersuchten. „Wir fanden Verneblungsmittel, die wir nicht erwartet hätten, etwa Ethylenglykol“, erläuterte der Biochemiker Frank Henkler. Der Stoff ist auch bekannt als Frostschutzmittel. „Bei den gefundenen Mengen bestand zwar kein ernstes toxikologisches Problem, aber wir wissen nicht, wie sich das bei chronischem Gebrauch über Jahre auswirkt.“

Viele Konsumenten mixen sich ihr Liquid selbst
Zudem fanden sie allergene Duftstoffe oder die Substanz Cumarin, die wegen Leber schädigender Eigenschaften nicht in Tabakerzeugnissen vorkommen darf. Henkler erklärte, dass auch Carbonylverbindungen wie Formaldehyd oder Acetaldehyd entstehen könnten, vor allem dann, wenn über zwei Drittel der Flüssigkeit aus dem Depot aufgedampft sind. „Da wären eine Füllstandsanzeige oder technische Sicherheitsmerkmale hilfreich, die Überhitzungen vermeiden“, meinte der Biochemiker. „Man könnte viele Schadstoffe in den Emissionen minimieren. Aber wir stehen erst am Anfang einer technischen Entwicklung.“ Erschwert wird die Lage dadurch, dass sich mittlerweile viele Konsumenten ihr Liquid selbst mixen. Im Internet kann man dazu zahlreiche Videos finden. „Da gruselt es einen Chemiker“, so Tobias Schripp vom Fraunhofer-Institut für Holzforschung in Braunschweig. „Da fragt man sich schon: Welche markttypischen Stoffe müsste ich eigentlich messen und wie soll ich sie bewerten?“

Inhaltsstoffe möglichst schnell testen
Vor allem hapere es bislang bei den Untersuchungen zur Sicherheit der Inhaltsstoffe daran, dass es keine einheitliche Methode zur Prüfung von E-Zigaretten gebe. „Zurzeit kocht da jeder sein eigenes Süppchen“, erklärte der Chemiker und betonte: „Die Verfahren sind da, man müsste sich bloß auf eines davon einigen.“ Die Inhaltsstoffe sollten möglichst schnell getestet werden, um Dampfern ein Mindestmaß an Sicherheit zu bieten, mahnte Hartung: „Wir brauchen eine möglichst umfassende Bewertung solcher Substanzen, um die riskanten Stoffe zu ermitteln. Manche Substanzen riechen nach Problemen, bei anderen scheint das eher unwahrscheinlich.“ Biochemiker Henkler riet zu einer Positivliste: „Es wäre günstig, nur Aromen zu verwenden, die auch für Tabakprodukte zugelassen sind.“ (ad)

Bild: Gisela Peter / pixelio.de