Weichmacher erzeugen Diabetes und Fettleibigkeit

Sebastian

Diabetes und Fettleibigkeit nehmen zu: Chemische Weichmacher mitschuldig

21.03.2012

Die Anzahl der Betroffenen, die unter Fettleibigkeit und Diabetes leiden, hat weltweit in den letzten zehn Jahren rasant zugenommen. Eine Metastudie im Auftrag der Umweltorganisation BUND hat ermittelt, dass nicht nur ungesunde Ernährungsweisen und Bewegungsmangel das Risiko von Diabetes und Adipositas erhöhen, sondern auch sogenannte Weichmacher-Stoffe, die in zahlreichen Plastik- und Lebensmittelprodukten enthalten sind.

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Besonders Schwangere, Kinder und Jugendliche gefährdet
Weichmacher und weitere chemisch hergestellte Substanzen stehen laut einer Auswertungsstudie des BUND im Verdacht, extremes Übergewicht (Adipositas) und Diabetes zu fördern. Forscher werteten die Daten von insgesamt 240 Studien aus, die in den letzten Jahren erstellt wurden. „Die Belastung mit Chemikalien wie Bisphenol A im Mutterleib hat bei Versuchstieren zu einer späteren Gewichtszunahme und einer erhöhten Insulinresistenz geführt“, erklärte die Chemieexpertin der Umweltgruppe Sarah Häuser. Häuser forderte in diesem Zusammenhang von der Politik einen besseren Schutz für empfindliche Personengruppen, wie chronisch Kranke, werdende Mütter und Kinder zu installieren. Das Ausmaß der Schädigung durch Weichmacher wird laut die Umweltschützer durch den Zeitpunkt der Kontaminierung bestimmt. „Während beim Erwachsenen eine Belastung ohne Auswirkung bleiben kann, sind insbesondere in sensiblen Phasen der Entwicklung, wie der Schwangerschaft und frühen Kindheit, gravierende Auswirkungen möglich, z.B. eine Beeinträchtigung der Fortpflanzungsfähigkeit, Störungen der Gehirnentwicklung oder des Immunsystems.“, schreiben die Wissenschaftler. Das Fatale: Einige dieser Schädigungen zeigen sich erst dann, wenn das Erwachsenenalter erreicht wurde. Dann einen Kontext im Nachhinein nachzuweisen, ist schier unmöglich.

Massiver Anstieg von Adipositas und Diabetes
In der Europäischen Union litten laut der letzten Erhebung im Jahre 2010 rund 33 Millionen Menschen an der chronischen Stoffwechselerkrankung Diabetes. Laut einer Schätzung der Internationalen Diabetes Föderation (IDF) steigt die Zahl der Diabetes-Patienten in den kommenden 20 Jahren auf 37 Millionen Menschen an. Deutschland gehört zu den EU-Ländern mit der höchsten Diabetes-Rate. Rund sechs Millionen Diabetiker leiden allein in der Bundesrepublik an der schweren Stoffwechselkrankheit. Das statistische Bundesamt geht davon aus, dass für die Behandlung von Diabetes-Patienten jährlich eine Summe von rund 6,35 Milliarden Euro aufgebracht werden muss. Das entspricht einem Anteil von 2,5 Prozent der Gesamtausgaben des Gesundheitssystems.

Weichmacher-Stoffe erhöhen das Risiko von Diabetes
„Vor diesem Hintergrund muss die Frage gestellt werden, ob bereits alle Faktoren, die zum weltweiten Anstieg dieser gesundheitlichen Beeinträchtigungen geführt haben, berücksichtigt wurden“, argumentieren die BUND-Experten. Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen deutlich, dass künstlich hergestellte Chemikalien zum Anstieg von Adipositas und Diabetes geführt haben, so die Gesamteinschätzung der Forscher. Denn während Übergewicht als Risikofaktor für Diabetes gilt, deuten viele Forschungsarbeiten daraufhin, dass chemische Substanzen in Alltagsgegenständen selbst zu Diabetes führen. „Der epidemiologische Nachweis für einen Zusammenhang zwischen Chemikalienbelastung und Diabetes ist dabei sogar stärker als der zwischen Chemikalienbelastung und Fettleibigkeit.“, schreiben die Wissenschaftler in der Studie. Ganz besonders hormonell ähnlich wirkende Stoffe stehen im Verdacht, ein Risiko für die Entstehung von Diabetes und Adipositas zu sein, so die Forscher. Jeden Tag kommen die Menschen mit den künstlich produzierten Stoffen in Berührung, die sich in allerlei Produkten und Lebensmitteln verstecken. Häufig finden Bisphenol-A und sogenannte Flammschutzmittel in Plastikspielzeug, Kassenbons, PVC-Böden, Konservendosen und auch in Babyflaschen. Zwar wurde der Zusatz von Bisphenol-A in Babyplastikflaschen 2011 verboten, allerdings verwendet die Industrie weiterhin chemische Stoffe, die ebenso gefährlich wirken könnten. Vordergründig werden Weichmacher von den Herstellern verwendet, um Kunststoffe wie PVC geschmeidig zu machen.

Bundesinstitut für Risikobewertung sieht kein akuten Anlass zum Handeln
Für das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) scheinen die aktuellen Studiendaten kein Anlass zur besonderen Sorge zu sein. Zwar kenne man auch dort die untersuchten Studien, allerdings geben diese keinen konkreten Anhaltspunkt, um die Höchstwerte zu korrigieren. Zwar wurde in einer großen US-Studie „eine Korrelation zwischen Bisphenol-A und dem Auftreten von Diabetes festgestellt, aber eine Kausalität ist dadurch noch nicht belegt“, erläuterte die Sprecherin des staatlichen Instituts Suzan Fiack. Zudem hätten die Autoren der Studienarbeit selbst daraufhin hingewiesen, dass eine Kausalität nicht einwandfrei bestätigt werden kann. Trotzdem hatte das BfR in einer Auswertung der Studienergebnisse aus dem Jahre 2008 gefordert, dass es bei diesem Thema ein weiterer Forschungsbedarf existiere. Der Toxikologe Prof. Dr. Gilbert Schönfelder an der Berliner Universitätsklinik Charité betonte, dass als Ursachen „bisher in erster Linie falsche Ernährung und Bewegungsmangel galten“. Die neuen Studien weisen aber daraufhin, „dass die Belastung mit hormonellen Schadstoffen einen wichtigen und bisher unterschätzten Anteil daran haben könnten“.

Regulierung von hormonellen Schadstoffen gefordert
Der BUND resümiert, dass zahlreiche Labor und Tierversuche sowie eine Reihe von epidemiologische Studien nahe legen, dass die Belastung mit künstlich hergestellten Chemikalien eine wichtige Rolle in der Entstehung von Fettleibigkeit und Diabetes spielt. Dazu gehören viele Substanzen, mit denen Menschen jeden Tag unweigerlich in Kontakt treten. Viele dieser Stoffe sind hormonelle Schadstoffe. Diese wirken sich bereits in geringen Dosen schädlich auf die Gesundheit des Menschen aus. Besonders gefährdet sind ungeborene Kinder im Mutterleib. Aber auch bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsene könnte das Risiko für Adipositas und Diabetes erhöht werden. Der BUND fordert daher von der schwarz-gelben Bundesregierung, eine Regulierung von hormonellen Schadstoffen Deutschland- und EU-weit voranzutreiben, um die Menschen besser zu schützen. (sb)