Willenskraft reicht nicht zur Suchtbekämpfung

Fabian Peters

Süchtige können ihre Abhängigkeit nicht allein mit dem Willen überwinden

14.10.2011

Bis heute ist die Ansicht weit verbreitet, dass eine erfolgreiche Suchtbehandlung in erster Linie eine Frage des Willens ist. Doch diese Auffassung wird der Tatsache, dass die meisten Suchtleiden eine chronische Erkrankung der Gehirns sind, nicht gerecht, betonen Michael Miller und Kollegen von der American Society of Addiction Medicine (ASAM).

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Die Suchterkrankungen bedürfen nach Ansicht der Experten in der Regel einer umfassenden Therapie, um diese erfolgreich zu bekämpfen. Zwar spiele die Willenskraft der Betroffenen dabei eine wesentliche Rolle, doch andere Faktoren müssen ebenfalls Berücksichtigung finden, erläuterten die US-Mediziner. Michael Miller betonte, dass es bei einer erfolgreichen Suchtbehandlung um viel mehr gehe als nur um schlechte Gewohnheiten.

Die American Society of Addiction Medicine plädiert daher für die Entwicklung effektiverer Behandlungsmethoden, die auch den Faktor der Sucht als chronische Krankheit berücksichtigen. Außerdem machen sich die US-Mediziner für eine veränderte Wahrnehmung der Suchterkrankungen in der Öffentlichkeit stark. Die Gesellschaft müsse verstehen, dass Suchterkrankungen ein ernstzunehmendes medizinisches Problem sind, dessen Lösung sehr viel Geduld – auch gegenüber den Betroffenen – bedarf. Die Suchtleiden sollten mit der gleichen Ernsthaftigkeit angegangen werden, wie zum Beispiel Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, erklärten Miller und Kollegen. Dabei beziehen sich die US-Mediziner nicht nur auf Abhängigkeiten von Alkohol- und Drogen, sondern auch auf zwanghaftes Essverhalten und Glücksspiel. Jegliche Suchtbehandlung sollte als Therapie langfristig angelegt und stets auch auf mögliche Rückfälle vorbereitet sein, erläuterten die ASAM-Experten.

23 Millionen Amerikaner bräuchten eine Suchtbehandlung
Das nationale amerikanische Institut für Drogenmissbrauch (engl. „National Institute on Drug Abuse“ / NIDA) begrüßt das Engagement der ASAM und ist seinerseits stets darum bemüht, mehr Ärzte dafür zu sensibilisieren, auch im medizinischen Alltag bei ihren Patienten routinemäßig auf Anzeichen von Suchtverhalten zu achten. Die NIDA-Expertin Nora Volkow betonte, dass die Suchterkrankungen als „Verhaltensstörungen Ergebnis einer Fehlfunktion im Gehirn“ sind. Die Therapie müsse diesen Aspekt entsprechend berücksichtigen. Den Angaben des US-Instituts für Drogenmissbrauch zufolge bedürften derzeit rund 23 Millionen Menschen in den USA einer Behandlung wegen des Missbrauchs verschiedener süchtig-machender Substanzen. Jedoch erhalten lediglich etwa zwei Millionen Patienten tatsächlich professionelle Unterstützung bei der Bekämpfung ihrer Sucht. Außerdem sei mit der Teilnahme an einer Therapie die Sucht nicht automatisch in den Griff zu bekommen. Ein besonders hohes Risiko für den Erfolg der Behandlung stellen hierbei laut Aussage der NIDA mögliche Rückfälle dar. Diese treffen nicht nur bei den Angehörigen häufig auf Unverständnis, sondern seien auch für die Süchtigen besonders frustrierend, betonte Nora Volkow. Als typische Aussage der Familienangehörigen bezeichnete Volkow den Satz: „Du warst doch bei einer Entziehungskur, und jetzt nimmst du schon wieder Drogen.“ Dieser habe auf die Motivation der Betroffenen oftmals eine fatale Wirkung.

Suchtleiden als chronische Erkrankung des Gehirns
Das Unverständnis für die Schwierigkeiten der Süchtigen, werde dem Status der Suchtleiden als chronische Erkrankung nicht gerecht, bemängelte die NIDA-Expertin. Dem Umfeld der Süchtigen fehle häufig das Bewusstsein dafür, dass mögliche Rückfälle bei der Behandlung einer chronischen Erkrankung schlichtweg dazugehören, so die Aussage von Nora Volkow. Die Veranlagung im Gehirn bleibe oftmals noch Jahre, nachdem die Patienten ihre Sucht erfolgreich bekämpft haben, bestehen, erläuterte Volkow. Zu den Prozessen, die im Gehirn der Süchtigen ablaufen, erklärte die Expertin, das Suchterkrankungen ein komplexes Zusammenspiel zwischen emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Faktoren sind. Darüber hinaus spiele auch die genetische Veranlagung eine wesentliche Rolle. So seien manche Menschen grundsätzlich anfälliger für die Entwicklung einer Sucht als andere. Daher zeigt das Experimentieren von Teenager mit Drogen oder die Verabreichung starker Schmerzmittel nach einer Verletzung individuell äußerst unterschiedlich Effekte.

Darüber hinaus könne auch das Lebensalter bei der Entwicklung einer Sucht wesentlichen Einfluss haben, da die neuronalen Strukturen im Bereich des sogenannten Frontallappens erst vergleichsweise spät gefestigt werden. Der Frontallappen vermittle zwischen den eher rationalen und den eher emotionalen Seiten des Gehirns, wobei dies auch eine entscheidende Rolle beim Abschalten eines ungesunden Verhaltens spiele, betonte die NIDA-Expertin. Da die Frontallappen bei jüngeren Menschen noch nicht vollständig ausgeprägt sind, haben dies größere Schwierigkeiten sich gegenüber Einwirkungen von außen zu erwehren und das ungesunde Verhalten abzuschalten, so Volkow weiter. Allerdings bestehe nicht nur bei jüngeren Menschen und genetisch besonders gefährdeten Personen ein erhöhtes Suchtrisiko, sondern auch wenn Betroffenen versuchen, emotionale Belastungen wie Stress oder Trauer durch Alkohol zu kompensieren, erklärte die NIDA-Expertin.

Verständnis der neurologischen Prozesse erforderlich
Die chronische Erkrankung des Gehirns, die den meisten Suchtleiden zu Grunde liegt, beschreiben die US-Mediziner als Störungen des Belohnungssystems Gehirn. Durch die erhöhte Ausschüttung des sogenannten „Glückshormons“ Dopamin, das als Neurotransmitter bei den Betroffenen ein zufriedenes Gefühl nach Befriedigung ihrer Sucht auslöst, finde ein Konditionierung im Gehirn statt, die zur Folge hat, dass sich als angenehm empfundene Routinen und Rituale verfestigen, erläuterte Volkow. Egal ob es sich dabei um Rauchen, Alkoholkonsum, übermäßiges Essen oder Glücksspiel handelt, so die Expertin weiter. Bei den Süchtigen habe das verzerrte Belohnungssystem zur Folge, dass diese ihr Verhalten auch fortzusetzen, wenn das Gehirn bereits an die Befriedigung der Sucht gewöhnt sei und die ursprünglichen angenehmen Effekte überhaupt nicht mehr auftreten, so Volkow weiter. Um die Suchterkrankung zu überwinden, bedarf es daher nach Aussage von Michael Miller nicht nur der Willenskraft der Patienten, sondern auch einer therapeutischen Begleitung mit tieferem Verständnis für die zugrundeliegenden ursächlichen neurologischen Prozesse. Dabei müsse auch „das mit dem Thema verknüpfte Schamgefühl“ abgebaut werden. So würde laut Miller zahlreichen Süchtigen bereits geholfen, wenn die immer noch häufige Stigmatisierung der Erkrankung unterbliebe.

Naturheilverfahren gegen Suchterkrankungen
Im Sinne der Betroffenen, kann es sich durchaus lohnen bei der Suchtbehandlung auch neue Wege zu beschreiten. So werden zum Beispiel an der Salzburger Doppel-Klinik in Österreich seit dem Jahr 2009 rund 500 Süchtige mit Hilfe des Einsatze von Naturheilverfahren und Entspannungsmethoden therapiert. Durch diesen neuartigen Ansatz konnte der Einsatz von Arzneimitteln stark reduziert werden, berichtete der Projektleiter und Psychiater Stefan Brunnuber Ende des letzten Jahres. Außerdem würden die Behandlungsmethoden wie zum Beispiel Akupunktur, Leber-Wickel zur Entgiftung des Körpers oder Atemübungen bei Angst und Panikattacken von den Patienten sehr gut angenommen. Basierte die Behandlung der Patienten zuvor auf der täglichen Medikamenteneinnahme und Psychotherapie, so konnten sie nach der Einführung der Naturheilverfahren erlernen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, betonte Brunnuber. Dadurch dass die Betroffenen nun wieder mehr Verantwortung für sich übernehmen müssen, haben sie auch ihre passive innere Haltung gegenüber der Therapie ablegt, so die Aussage des Experten. (fp)