Wirbelsäule gerade gerückt: Brustkorp-Operation

Alfred Domke

Jugendlicher aus Saudi-Arabien erfolgreich in Niedersachsen operiert: Die Wirbelsäule wurde gerade gerückt und die Operation durch den Brustkorb durchgeführt

11.08.2013

Bei jungen Patienten sind Verkrümmungen der Wirbelsäule, sogenannte Skoliosen, meist in jungen Jahren nicht weiter schmerzhaft, denn die Probleme treten erst in fortgeschrittenem Alter auf. Ein Jugendlicher aus Saudi-Arabien, bei dem die Krankheit besonders stark ausgeprägt war, wurde jetzt in einer niedersächsischen Fachklinik erfolgreich operiert.

Seitverbiegung der Wirbelsäule
Die menschliche Wirbelsäule sieht bei einer gesunden Person auf dem Röntgenbild wie eine gerade, senkrechte Linie aus. Bei dem 16-jährigen Fahad Mulhem aus Saudi-Arabien sieht sie jedoch aus wie ein Fragezeichen. Skoliose wird eine solche Verkrümmung, beziehungsweise Seitverbiegung der Wirbelsäule genannt. Eine Seitverbiegung der Wirbelsäule kann angeboren sein oder häufig im Jugend- oder Kindesalter auftreten. Es ist meist schwierig, den Auslöser einer nicht angeborenen Skoliose, von der primär oder sekundär Rückenschmerzen, Flankenschmerzen oder Kreuzschmerzen ausgehen können, zu ergründen. Denkbar sind als Verursacher statische Fehlbelastungen, Stoffwechselstörungen, erbliche Faktoren, organische, muskuläre, bindgewebige oder neurologische Erkrankungen oder Unfälle.

Niedersächsische Spezialisten
Bei dem 16-jährigen Jungen aus der saudi-arabischen Stadt Khobar war die Krankheit besonders stark ausgeprägt. Deshalb wurde seine Wirbelsäule vor kurzem von Dr. Karsten Ritter-Lang und seinem Team von der Orthopädischen Fachklinik Stenum im niedersächsischen Ganderkesee in einer dreistündigen Operation gerichtet. „Die Krankheit war zwar im genetischen Code festgelegt, ist aber erst im Alter von zwölf Jahren ausgebrochen", so Dr. Jan Spiller, einer der beiden Operateure. Vor etwa zwei Jahren hatten die Ärzte erstmals auf Röntgenbildern die Abweichung gesehen. Damals habe die Ausprägung der Verkrümmung etwa 60 Grad betragen. Mittlerweile liege sie bei 80 Grad, mit steigender Tendenz.

Operation durch den Brustkorb
Spiller erläuterte, dass die Skoliose zwar keine akuten Schmerzen verursachen würde, aber mit einer Operation gelte es, langfristige Schäden zu vermeiden. So würde durch die Krümmung der Wirbelsäule nicht nur der Brustkorb verformt, sondern auch die Lunge könne sich in der Folge nicht richtig entfalten und das Herz werde beeinträchtigt. Wahrscheinlich seien Atembeschwerden und Lungendefekte. Die Operation sei außerdem bei Erwachsenen fast unmöglich. Besonders aufwendig sei die OP vor allem deswegen gewesen, weil sich die Ärzte der Wirbelsäule von vorne durch den Brustkorb näherten und nicht vom Rücken aus operierten.

Rippen aus dem Weg räumen
Bei der Methode mussten zunächst die Rippen mit einem Spreizer aus dem Weg geräumt werden, um freien Zugang zur Wirbelsäule zu erhalten. Außerdem lassen die Mediziner einen Lungenflügel kontrolliert kollabieren. Die Ärzte hatten bei der eigentlichen Operation insgesamt sechs Bandscheiben entfernt, damit die Wirbelkörper auf diese Weise gelockert werden konnten und um die Wirbelsäule wieder gerade auszurichten. Im Anschluss werden die Wirbel in ihrer korrekten Lage stabilisiert und mit sieben Schrauben fixiert. „Das Prinzip ist ganz einfach: In jeden Wirbel kommt eine Schraube, wobei man darauf achten muss, nicht das Rückenmark zu verletzen", so Ritter-Lang. Weil die Schrauben im Bereich der ohnehin weitgehend unbeweglichen Brustwirbelsäule sitzen, habe der Patient auch künftig keine Bewegungseinschränkungen zu befürchten.

Falsches Sitzen und Korsetts
Laut dem Wirbelsäulen-Spezialisten Ritter-Lang sei bislang weitgehend ungeklärt, wie Skoliosen entstehen. Ausgeschlossen werden könne aber, dass es etwas mit falschem Sitzen zu tun habe, wie man früher annahm. Und das Problem lasse sich auch nicht durch das Tragen von Korsetts aus der Welt schaffen, wie es noch bis vor etwa 20 Jahren häufig versucht wurde. Früher mussten die Patienten nach einer Operation manchmal monatelang im Krankenhaus bleiben, heute sind es nur noch selten mehr als zehn Tage. Normalerweise dauert es etwa zwei bis drei Tage, bis sich die Lunge wieder erholt hat und der Patient von der Intensivstation auf eine normale Station verlegt werden kann.

Standard in deutschen Fachkliniken
Die Familie aus Saudi-Arabien war auf die Orthopädische Fachklinik in Stenum aufmerksam geworden, da über deren früheren Chefarzt Dr. Hans-Georg Zechel eine lange freundschaftliche Kooperation mit dem Krankenhaus in Khobar bestand. Auch der ältere Bruder Fahads sei bereits vor sieben Jahren dort wegen Skoliose operiert worden. Laut den Eltern erfreut sich der mittlerweile 22-Jährige heute bester Gesundheit. Heutzutage sei ein Eingriff an einer verkrümmten Wirbelsäule von vorn durch den Brustkorb Standard in deutschen Fachkliniken. Der Ärztliche Direktor in Stenum, Dr. Ritter-Lang, betont aber: „Man muss das Verfahren aber beherrschen.“ Und weiter: „Wir sind hier darauf spezialisiert.“ (ad)

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