Massenhysterie – Ursachen der Massenpsychose

Bei einer Massenpsychose zeigen sich oftmals starke körperliche Symptome, die auf ein ernsthaftes Erkrankungsbild schließen lassen. (Bild: Andreas P/fotolia.com)
Fabian Peters
“Es kann sein, dass jemand einen Anfall bekommt oder ein medizinisches Symptom, und was damit vermittelt wird ist Furcht. Andere Menschen werden ängstlich, weil sie nicht genau wissen, was es ist, und ein Aspekt von Furcht ist, dass sie sich in Symptomen äußert. Du frierst, du zitterst, du bekommst einen trockenen Mund, du bekommst Schmerzen in der Brust. Als nächstes wirst du ohnmächtig.” Das schreibt der Psychiater Simon Wessely über psychogene Massenerkrankungen.

Massenpsychosen, auch als Massenhysterien bekannt, bezeichnen im Alltagsgebrauch vor allem stark erregte Menschenmassen zum Beispiel beim Fußballspiel. Die sind nicht pathologisch: Wenn aber zum Beispiel Teenager bei Popkonzerten zuckend zusammenbrechen, geht die Erregung in ein psychiatrisches Phänomen über – die Briten sprechen heute statt wie zuvor von “mass hysteria” richtig von „mass psychogenic illness“ (MPI).

Bei einer Massenpsychose zeigen sich oftmals starke körperliche Symptome, die auf ein ernsthaftes Erkrankungsbild schließen lassen. (Bild: Andreas P/fotolia.com)
Bei einer Massenpsychose zeigen sich oftmals starke körperliche Symptome, die auf ein ernsthaftes Erkrankungsbild schließen lassen. (Bild: Andreas P/fotolia.com)

Pathologische Symptome verbreiten sich dabei in einer Gruppe von Menschen, ohne dass eine organische Ursache erkennbar ist. Betroffen sind meist Gruppen, die „in einem Boot sitzen”, zum Beispiel Soldaten, Schüler oder Nonnen; aber auch auf öffentlichen Plätzen verbreiten sich solche kollektiven Psychosen: Auf Bahnhöfen und Flughäfen, in der Firma oder der Schule.

Während eingeschweißte Gruppen besonders zur MPI neigen, verbreiten sich die psychiatrischen Symptome heute auch durch die Massenmedien, besonders durch das Internet.

Die Betroffenen erregen sich außerordentlich, so dass sie zum Beispiel kollabieren oder wahnhafte Aktionen durchführen – viele hyperventilieren. Die Gestörten wissen dabei nicht um die psychische Ursache ihrer Störung.

Massenpsychosen begleiten uns vermutlich seit unseren biologischen Anfängen – in den westlichen Staaten steigt die Angst vor mysteriösen Risiken jedoch seit Jahrzehnten stetig an. Weil die Menschen insgesamt ängstlicher sind, sind sie auch empfänglicher für psychogene Erkrankungen, die in dieser Angst einen Ursprung haben.

Herzklopfen, Schwindel und Schweißausbrüche stecken sich ebenso sozial an wie nonverbal – durch Beobachtung.

Symptome

Massenhaft auftretende psychogene Erkrankungen haben heute einige Gemeinsamkeiten:

  • Sie treten oft nach einer vermuteten Gefahr aus der Umwelt auf, also einem unbekannten Geruch, Medienberichten über Giftstoffe, Gerüchten und Einzelfällen einer ominösen Erkrankung.
  • Frauen sind meist in viel höherem Ausmaß betroffen als Männer, Ausnahmen sind Massenhysterien bei klassischen Männerbünden wie dem Militär.
  • Auch Jugendliche und Kinder fühlen sich krank.
  • Orte, an denen sich viele Menschen aufhalten, sind das Zentrum der Massenpsychose: Kasernen, Klöster, Wohnblocks oder Bahnhöfe.
  • Menschen, die unter psychischem oder physischen Stress leiden sind besonders gefährdet; Langeweile am Arbeitsplatz, Kommunikations- und allgemeine Angststörungen sind Risikofaktoren.
  • Die Symptome breiten sich rasch aus und verschwinden meist auch rasch wieder – haben aber auch schon Jahre angehalten.
  • Situationen, die emotional aufgeladen sind, lösen die Symptome oft aus: Eine Demonstration, ein Schultest, eine Versammlung zu einem aufwühlenden Thema (wie Ground Zero).
  • Ein schlechtes Arbeitsklima, sowohl sozial als auch, was äußere Bedingungen wie Geruch und Lärm betrifft, fördern die Massenhysterie.
  • Zu den Symptomen gehören Hyperventilation, Ohnmacht und dissoziative Störungen.
    Die Symptome breiten sich im Kontakt zu Betroffenen aus.
  • Es gibt bei Nachuntersuchungen keine Folgeerscheinungen.
  • Je mehr die Medien darüber berichten, umso mehr breitet sich die Erkrankung aus.
  • Betroffene sind beratungsresistent und akzeptieren keine alternativen Erklärungen der Ärzte für ihren Zustand.
  • Betroffene glauben zwar an eine fiktive Ursache, die Symptome aber sind real.

Mass psychogenic illness in der Moderne

Es begann mit einer Maus: Am 15. Februar 1787 brachte eine Arbeiterin eine Maus in eine Baumwollmanufaktur in Lancashire, um ihre Kollegen zu erschrecken, und das gelang. Eine andere Arbeiterin brach in Panik aus und erlitt einen Schwächeanfall, der Stunden anhielt.

Eine solche Tierphobie wäre kaum eine Meldung wert. Doch die Angsthaberin löste eine Kettenreaktion aus: Am nächsten Tag litten drei weitere Arbeiter unter den gleichen Anfällen, am zweiten Tag „infizierten“ sich noch einmal sechs. Die Besitzer schlossen jetzt das Gelände, und ein Gerücht machte die Runde: Eine Epidemie sollte die Manufaktur heimsuchen – ausgelöst durch kontaminierte Baumwolle.

Der Arzt William St. Clare reiste von Preston aus an und fand 24 Kranke vor. Ob allein durch die Anwesenheit eines Arztes oder durch St. Clares aufklärende Worte bedingt, ist unbekannt, doch jedenfalls endete die „Seuche”, nachdem der Mediziner die Geschehnisse begutachtet hatte. Er schloss: „Es war nervlich bedingt, einfach zu heilen und nicht durch die Baumwolle verursacht.” Diese Worte beschreiben erstmals eine psychogene Massenkrankheit in der Moderne mit den Worten der Moderne.

Krise und Körper

MPI beginnt meist bei einem Individuum. Andere Menschen stecken sich besonders dann an, wenn Betroffene ihnen nahe stehen und einen hohen Status in der Gruppe haben.
Einer der wichtigsten Auslöser ist ein unbekannter Geruch an einem Ort, der zum Lebensalltag einer großen Gruppe mit der gleichen Lebensstruktur gehört: MPI-Wellen brachen zum Beispiel mehrfach in Schulen aus, in denen üble Gerüche aus den Toiletten drangen.

MPI ist nicht immer so einfach zu beenden wie in der Baumwollmanufaktur, wo sozialpsychologische Probleme offensichtlich keine Rolle spielten. Wenn der Stresspegel in einer sozialen Gruppe jedoch chronisch am Limit ist – sei es bei der Belegschaft einer Fabrik, bei in einer Wirtschaftskrise verarmten kleinen Ladenbesitzern eines Stadtviertels oder drangsalierten Schülern – können die Effekte explosiv wirken und über Jahre anhalten.

In Gebieten, wo die Einheimischen in Angst vor chemischen oder biologischen Verseuchungen leben, wie im Westjordanland oder im Umfeld von Atomkraftwerken, oder in Kulturen, die an die Wirkmacht von Hexerei glauben, kann eine psychogene Massenepidemie hunderte, und sogar tausende von Menschen gleichzeitig befallen.

Muskelspannungen, Zittern oder Verrenkungen können Monate anhalten. Außerdem glauben Betroffene, die sich vor Hexenzauber, Radioaktivität oder Terrorangriffen mit biochemischen Stoffen fürchten, kaum an die Erklärung, dass es sich um ihre eigenen psychischen Prozesse handelt.

Körperliche Symptome, die psychische Ängste ausdrücken, grassieren in Gebieten, in denen der Alltag gefährlich ist, und wo die Menschen traumatisiert sind. In Europa zum Beispiel fielen Wellen von Massenpsychosen in die Zeit während und unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. Heute kennen wir sie von der Westbank (Westjordanland), aus Afghanistan, dem Kongo oder Südafrika.

Merkwürdige „Offenbarungen“, die die Anführer von Kinderkreuzzügen erfuhren, und die ihre Anhänger ebenfalls empfingen, gehen in die dissoziativen Störungen der psychogenen Erkrankung über – mit dem Unterschied, dass die Betroffenen diese nicht als Krankheit, sondern als göttliche Weisung verstanden.

Menschen in Krisen- und Kriegsgebiete entwickeln infolge der extremen psychischen Belastungen häufiger eine Massenpsychose. (Bild: Benjamin Haas/fotolia.com)
Menschen in Krisen- und Kriegsgebiete entwickeln infolge der extremen psychischen Belastungen häufiger eine Massenpsychose. (Bild: Benjamin Haas/fotolia.com)

Falsche Erklärungen und fatale Folgen

2012 rochen Schülerinnen in der Takhar Provinz in Afghanistan einen schlechten Geruch in ihrer Schule. Sie fühlten sich benommen, ihnen war schwindlig, und sie wurden schwach. Die Schülerinnen fürchteten einen Massenvergiftung. Ärzte fanden keinen organischen Grund für die Beschwerden der Mädchen.

Die WHO erkannt MPI als Krankheit an, und erkannte eine solche psychogene Erkrankung bei den Mädchen, und zwar als vierte in diesem Jahr in Afghanistan. Die Ursache für die Symptome war die Angst der Mädchen, die fürchteten, von den Taliban vergiftet zu werden.

MPI verlangt von Ärzten, zuständigen Behörden, Angehörigen und Erziehern psychologisches Feingefühl. Ein Vorfall wie 1789 in Lancashire, kann, gut gehandhabt, harmlos enden. Ein falscher Umgang jedoch oder falsche Erklärungen durch Autoritäten können in die Katastrophe führen.

Jemand, der sich wegen unsichtbarem Gas krank fühlt und die körperlichen Symptome einer Krankheit entwickelt, ist krank, so Wessley. Wenn Betroffene nicht überzeugt werden, dass es dieses unsichtbare Gas nicht gibt, verlieren sie vielleicht die Symptome, die Furcht aber bleibt. Misslungene Aufklärung kann so in einer dauerhaften Psychose münden, und aus einer Fantasie von Jugendlichen bildet sich ein ausgewachsener Verschwörungswahn.

Die Wellen der Hexenverfolgung im Europa der frühen Neuzeit und heutige kollektiv begangene Morde an vermeintlichen „Hexen“ in Papua, dem Kongo oder Südafrika, belegen nur zu gut, was geschieht, wenn durch die Psyche erzeugte körperliche Symptome sich mit akzeptierten Vorstellungen verbinden: Die Grenze von der psychogenen Massenerkrankung bis zum Pogrom ist durchlässig.

Es bedarf also eines aufgeklärten sozialen Umfeldes, das außerdem auf Vertrauen basiert, um Massenpsychosen zu zähmen. Die Gesundheitsbehörden und die Schulleitungen müssen die Ursache prüfen; es führt also kein Weg daran vorbei, bei einem Verdacht auf Gas oder giftige Chemikalien das Gebäude zu untersuchen.

Radioaktivität, giftige Gase, Viren und Bakterien sind erst einmal keine Hirngespinste. Es gibt sie, sie sind „unsichtbar”, und wenn sie sich wirklich ausbreiten, töten sie womöglich unzählige Menschen. Außerdem gab und gibt es Unfälle, die die jeweiligen Regierungen versuchten, geheimzuhalten, und sogar Versuche, bei denen die Verantwortlichen Krankheit und Tod von Menschen in Kauf nahmen – ob auf dem Bikini-Atoll, in der Wüste von Nevada, in der russischen Arktis, in Bhopal oder in Seveso.

Die globale Verständigung über das Internet hat große Vorteile. Sie hat aber auch einen gewaltigen Nachteil: Im Mittelalter blieben die psychogenen Symptome der „vom Teufel besessenen Nonnen“ auf wenige Klöster beschränkt, die Ansteckung lief im Wortsinne über das Hörensagen.

Heute verbreiten sich mysteriöse Erkrankungen mit fiktiven Ursachen über Youtube, Twitter und Facebook. Mädchen in den USA, die unter plötzlich auftretenden Zuckungen litten, sahen diese Symptome wahrscheinlich zuvor in Youtube-Videos.

Die Angst im Körper

Der unbewusste Hintergrund der MPI liegt bisweilen in einer realen Bedrohung: Das Senfgas war eine fürchterliche Waffe im ersten Weltkrieg. Diese Todeswolken, die mit der Luft kamen, prägten Massenpsychosen in den Jahrzehnten nach 1918.

Seit dem Ground Zero erhöht die mediale Präsenz von Terroranschlägen mit der Möglichkeit von chemischen oder biologischen Waffen die Gefahr, dass sich kollektive Ängste zu Massenpsychosen ausweiten.

Im Unterschied solcher Massenhysterien zum Verschwörungswahn stehen die körperlichen Symptome im Vordergrund. Zwar ist wie bei Verschwörungsparanoikern die Angst ein Motor der Massenhysterie, doch ist das Hauptsymptom nicht die Suche nach „Schuldigen“, sondern heute die Hyperventilation und in historischen Zeiten die Bewegungsstörung.

1997 litten 12.000 Kinder in Japan an unkontrollierten Zuckungen, Auslöser war ein Cartoon mit bewegten Pokemons.

1998 grassierte eine „mass psychogenic illness“ an einer High Scholl in McMinnville, Tennessee. Eine Lehrerin spürte einen gasartigen Geruch und bekam Kopfschmerzen, Übelkeit, sie litt unter Kurzatmigkeit und Schwindel. Die Behörden evakuierten die Schule, brachten 80 Schüler und 19 Lehrer in die Notaufnahme des örtlichen Krankenhauses. Fünf Tage blieb die Schule geschlossen, und als sie wieder geöffnet wurde, kamen erneut 71 Personen ins Krankenhaus. Der „Gasalarm“ zog umfassende Untersuchungen nach sich. Doch es gab keinen Beleg für eine reale Vergiftung, es gab weder medizinische noch umweltbedingte Erklärungen für die Symptome, und es gab keine giftigen Stoffe an der Schule. Eine Umfrage schloss, dass die Symptome entstanden, nachdem Klassenkameraden krank waren, oder die Betroffenen von einem ungewöhnlichen Geruch in der Schule hörten.

Wessely erforschte auch die Geschehnisse in Tennessee. Er schrieb: „Ein weniger willkommener Aspekt der Freudianischen Tradition ist die verbreitete Akzeptanz der Existenz von Symptomen, die – im destruktiven Sinne – ‚allein im Geist‘ existieren. Gleichwohl sind psychogene Symptome physiologische Erfahrungen, die auf identifizierbaren physiologischen Prozessen basieren, die Schmerz und Leiden verursachen. Die Kinder an der McMinnville High School erlebten genuine Symptome. Dass die Ursache dieser Symptome wahrscheinlich eher die Angst vor einer toxischen Exposition als irgendeine Exposition selbst war, enthebt sie nicht ihrer Realität.“

1999 klagten 38 Schüler über Kopfschmerzen und Schweißausbrüche, nachdem sie Coca Cola getrunken hatten. 80.000.000 Dosen und Flaschen der braunen Brause wurden deshalb in Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich aus dem Handel genommen. Die Zahl der „Kranken“ erhöhte sich auf 112. Eine Untersuchung der Cola, die die Betroffenen getrunken haben, ergab, dass sie nicht vergiftet oder verunreinigt war. Mehr noch: Ungefähr die Hälfte der Erkrankten hatte gar keine Cola getrunken.

Selbst Traumatisierungen stecken an: Nur 41 % der Vietnamveteranen, die über ein Posttraumatisches Belastungssyndrom berichteten, hatten laut ihren Militärakten Gefechtssituationen erlitten, die dieses Trauma verursacht haben könnten. Medien spielen heute dabei eine entscheidende Rolle. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center (WTC) und den Berichten über Milzbranderreger als biologische Waffe gab es in den USA 1.000 falsche Milzbrandalarme.

Hexenwahn

Die Juden- und Hexenverfolgungen des Mittelalters und der frühen Neuzeit zeigten alle Anzeichen von Massenpsychosen. Menschen, die glaubten, verhext worden zu sein, zeigten motorische Störungen, insbesondere Krampfanfälle.

Heute lassen sich diese Symptome gut erklären, gerade bei der vermeintlichen Besessenheit durch Dämonen: Ältere Nonnen führten junge Mädchen in die Klöster ein und unterwarfen sie dort einer mörderischen Disziplin – die Mädchen lebten in bitterster Armut und mussten sich selbst für ihre „Sünden“ quälen, fasteten, bis sie fast verhungerten, und beteten manchmal den gesamten Tag.

Beim kleinsten „Fehler“ folgten drakonische Strafen, die Mädchen wurden ausgepeitscht oder in feuchte Kerkerlöcher geworfen. Je brutaler die Unterdrückung war, desto häufiger wurden die Mädchen „vom Teufel besessen“. Aus ihnen sprachen fremde Stimmen, sie brachen hysterisch in Weinen aus oder brüllten herum, und sie wälzten sich in ekstatischen Verrenkungen auf dem Boden.

Wir kennen heute solche Symptome von Folteropfern. Die grausam unterdrückte Sexualität der jungen Mädchen brach sich Bahn, die „hysterischen Anfälle“ waren ein unbewusster Versuch, Widerstand gegen das Terrorregime zu leisten. Nicht von ungefähr traten die meisten Fälle von „Besessenheit“ dort auf, wo der Zwang am stärksten, die psychische Folter am härtesten war.

In einigen Fällen handelte es sich nicht um Massenpsychosen, sondern um offene Rebellion. Nonnen warfen mit obszönen Begriffen um sich, zeigten ihre Genitalien und onanierten in der Öffentlichkeit; außerdem beschuldigten sie Mönche der Vergewaltigung.

In einem Kloster miaute eine Nonne wie eine Katze, und die anderen miauten bald ebenfalls, andernorts bissen sich die „heiligen Schwestern“ gegenseitig, und der „Beißwahn“ verbreitete sich auch in anderen Klöstern.

Massenpsychosen mit körperlichen Symptomen waren früher zum Beispiel vermehrt bei Nonnen in Klöstern festzustellen. (Bild: alfonstr/fotolia.com)
Massenpsychosen mit körperlichen Symptomen waren früher zum Beispiel vermehrt bei Nonnen in Klöstern festzustellen. (Bild: alfonstr/fotolia.com)

Ein Beispiel für eine solche Massenpsychose, die durch unterdrückte Sexualität ausgelöst wurde, sind die Hexenprozesse von Salem in Neuengland 1692. Sie begannen nahe der Stadt Salem und führten zur Hinrichtung von 20 Beschuldigten. Die Anschuldigungen steckten alle umliegenden Gemeinden an (Andover, Amesbury, Salisbury, Haverhill, Topsfield, Ipswich, Rowley, Gloucester, Manchester, Malden, Charlestown, Billerica, Beverly, Reading, Woburn, Lynn, Marblehead und Boston). Die Verfolgung vermeintlicher Hexen begann, nachdem junge Mädchen aus Salem merkwürdige Schmerzen verspürten und unter krampfartigen Zuckungen litten.

Die Klosterschwester Maria Renata Singer von Mossau stand als eine der letzten Frauen in Europa im Verdacht, eine Hexe zu sein. Die Dörfler der Umgebung machten sie verantwortlich für jede Viehkrankheit und jede Missernte. 1744 litt eine junge Schwester im Kloster an „Besessenheit“ (Epilepsie?). Danach meinten sechs weitere Schwestern, ebenfalls besessen zu sein.

Freud erklärte solche „ Besessenheiten“ durch die Unterdrückung der Sexualität. Unbewusst und gegen ihren bewussten Willen zeigen Betroffene ihren Konflikt zwischen sexuellem Trieb und Kontrolle – nämlich durch Lähmungen, Krämpfe und Amnesien.

Die Tanzpsychose

Seit dem ausgehenden 14. Jh. versammelten sich in diversen Regionen Europas Menschenmassen und tanzten, bis sie kollabierten. Das Phänomen hieß in Deutschland St. Johannestanz, denn Johannes der Täufer galt als Schutzpatron gegen Epilepsie und sollte die unkontrollierten Zuckungen heilen.

Die Tanzbewegung entstand aus Angst vor der grassierenden Pest; ursprünglich wollten die Tänzer mit ihren Tänzen Buße tun und hofften, dass Gott sie von der Pest verschone. In Italien hieß der Tanz „tarantula“, da die „Besessenen“ herumirrten, als hätte sie eine Tarantel gebissen. In Straßburg, dem Zentrum der Bewegung, tanzten anfangs nur wenige Menschen; am Ende des Sommers 1518 jedoch vollführten hunderte die wildesten Sprünge, wälzten sich auf dem Boden und konnten nicht aufhören, obwohl sie vollkommen erschöpft waren. Dutzende starben an Herzstillstand oder Schlaganfall. Hunger, die Angst vor Seuchen und psychischer Stress waren vermutlich die Ursache für diese psychogene Massenhysterie.

So sagt der amerikanische Historiker Waller: „In Gruppen, die in schweren wirtschaftlichen und sozialen Nöten unterzugehen drohen, kann Trance hochansteckend wirken.“ Das stützen auch heutige Fälle von Massenhysterie in den von Krisen und Kriegen heimgesuchten Ländern der Welt.

Die Wahnsinnigen von Pont-Saint-Esprit

Die Bewohner des französischen Dorfes Pont-Saint-Esprit befiel im August 1951 eine merkwürdige Seuche. Hunderte von Menschen litten unter Anfällen von Wahnsinn und Halluzinationen. Ein Mann versuchte, sich selbst zu ertränken und glaubte, sein Bauch sei mit Schlamm gefüllt. Ein 11jähriger, versuchte, seine Großmutter zu strangulieren; ein anderer Mann sprang aus dem Fenster und brüllte: „Ich bin ein Flugzeug.“ Er brach sich beide Beine. Ein Mann glaubte, seine Herz verlasse durch die Beine den Körper. Andere sahen Blumen aus ihrer Brust wachsen oder meinten, ihre Köpfe verwandelten sich in geschmolzenes Blei. Fünfzig Bewohner des Dorfes landeten in der Psychiatrie, und fünf starben.

Der amerikanische Journalist Albarelli recherchierte zu LSD-Experimenten der US-Army, andere vermuteten Mutterkorn, einen halluzinogenen Pilz, der Getreide befällt, als Ursache. Wenn eins von beiden zutrifft, handelte es sich nicht um eine MPI; allerdings ist auch möglich, dass die Dörfler an einem psychogenen Wahn litten wie die Todestänzer von Straßburg Jahrhunderte zuvor.

Dunkler Zauber in Louisiana

1961 wurde ein afroamerikanisches Mädchen nach dem Chorsingen einer Methodistenkirche in der Kleinstadt Welsh in Louisiana bewusstlos. Eine Freundin von ihr fiel am nächsten Tag ebenfalls in der Schule in Ohnmacht und blieb, nachdem sich die Anfälle täglich wiederholten, vier Wochen zu Hause. Sechs Wochen später litten 22 Schülerinnen an den Symptomen: Angstgefühle, Atemnot, Kopf- und Bauchschmerzen, Schwindel und Zittern.

Die Ärzte waren ratlos; sie vermuteten eine Infektionskrankheit, fanden aber keinen Erreger. Sie suchten nach Drogenmissbrauch – vergeblich. Die Mädchen sagten sie seien „Opfer eines bösen Zaubers.“ Das Team von Professor James A. Knight von der Tulane University in New Orleans bezog Neurologen und Psychiater in die Untersuchung ein. Sie maßen die Hirnströme der Schülerinnen, prüften ihr Rückenmark, vor allem aber befragten sie sie systematisch in Psycho-Tests – und die klärten letztlich das Rätsel. Die Mädchen litten, laut Knight an einer epidemischen Hysterie aus sexueller Bedrängnis. Ein Mädchen und ein Junge hatten zwei Jahre zuvor die Schule verlassen müssen, das Mädchen, weil es schwanger war, und der Junge, weil er sie geschwängert hatte. Anfang des Jahres der merkwürdigen Anfälle erzählten sich die Schülerinnen, dass alle Mädchen sich einem Schwangerschaftstest unterziehen müssten, weil zwei von ihnen ebenfalls ein Kind im Leib trugen.

Das Gerücht machte die Runde und versetzte die Mädchen in Angst. Dazu hatten sie auch allen Grund: Eine Kommission schnüffelte den sexuellen Beziehungen der Schülerinnen und Schüler nach, und das Ergebnis lautete: Eine Schülerin hatte Sexualverkehr mit drei dutzend Jungen, eine andere war schwanger. Die Schulleitung schickte vier Schüler in ein Erziehungsheim.

Die Jugendlichen hielten, wie die Nonnen des Mittelalters, die Spannung zwischen ihren sexuellen Trieben einerseits und den Strafen der Lehrer nicht aus und reagierten mit einer psychogenen Erkrankung. Keines der Mädchen simulierte, denn die Symptome waren echt.

Zugleich rebellierten sie mit ihren Anfällen gegen das autoritäre Schulsystem: Die Anfälle stiegen nämlich rapide an, sobald die Ärzte in die Schule kamen und die Jugendlichen begutachteten. Die Massenpsychose verschwand folgerichtig, als ein aufgeklärter Schulleiter die Schule übernahm.

Das Rätsel von Le Roy

Le Roy ist eine unbekannte Kleinststadt im Bundesstaat New York. Doch es machte weltweit Schlagzeilen, als Mädchen der dortigen Highschool Anfälle wie beim Tourette-Syndrom zeigten. Zuerst zuckten die Muskeln eines Mädchens unkontrolliert, dann verzerrte sich unwillkürlich ihr Gesicht, und dann griffen die Anfälle auf 17 weitere Schülerinnen über.

Die Eltern der Mädchen schlugen Alarm. Le Roys Wirtschaft besteht vor allem aus einer Puddingfabrik, und die Eltern waren überzeugt, dass der Abfall der Puddingproduktion den Boden, auf dem die Schule steht, vergiftet hatte. Die Umweltschützerin Erin Brockovich reiste an, um zu prüfen, ob das Gelände kontaminiert war. Brockovich steht außerhalb des Verdachtes, Umweltschäden zu vertuschen, und sie fand nichts.

Die sozialen Verhältnisse erklären einiges. Le Roy war einst eine Industriestadt mit hoher Beschäftigungsrate und einer halbwegs saturierten Schicht von Facharbeitern. Heute ist es ein Mini-Detroit im Nordosten. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und die Löhne derjenigen, die Arbeit haben, befinden sich in freiem Fall. Die betroffenen Mädchen kamen allesamt aus Familien, die der sozialen Krise ausgesetzt waren.

Ein Arzt, der die Mädchen untersuchte, vermutete, dass die Betroffenen vor den Anfällen durch das Internet inspiriert wurden. Wie bei anderen Fällen von MPI simulierten sie indessen nicht, aber die Zuckungen waren wahrscheinlich eine Reaktion auf die sozialen Ängste der Kinder.

Der Verdacht der Eltern, dass die Pudding-Industrie für die Geschehnisse verantwortlich war, gibt möglicherweise einen Schlüssel, denn diese Produktion war sowohl das Symbol für die vergangene wirtschaftliche Sicherheit wie auch für den Niedergang. Wut und Ängste ehemals abhängig Beschäftigter, wenn das Kapital sie auf die Straße setzt, sind weit verbreitet, der Vorwurf lautet sinngemäß: „Die haben ihr Profit gemacht und lassen uns jetzt mit ihrem Müll hier sitzen.” Solche Vorwürfe haben nicht nur einen wahren Kern, sondern sie beschreiben zutreffend eine globale Praxis im entfesselten Kapitalismus, der ganze Regionen in ökologische Gefahrenzonen verwandelt.

In Le Roy war die Furcht also begründet. Die Mädchen konnten diese Furcht indessen nicht in Worte fassen und zum Beispiel sagen: „Ich habe Angst, dass der Grund und Boden hier chemisch verseucht ist und meine Eltern haben das Recht, einen anständigen Job zu bekommen.” Aber sie nahmen vermutlich die Stimmung auf und setzten diese unbewusst in körperliche Symptome um, mit denen sie sich dann gegenseitig ansteckten.

Unerträgliche Lebensbedingungen

Massenhysterien im Mittelalter lassen sich durch die unerträglichen Lebensbedingungen erklären, und die Verhältnisse führten auch bei Arbeitern in der Industrialisierung zu ähnlichen Psychosen. Gemeinsam ist solchen ansteckenden Hysterien der einheitliche Glaube an eine äußere Ursache wie in Le Roy der Glaube, dass der Boden verseucht sei. Die halluzinierte Gefahr führt zu erhöhtem Stress, und im Stress entstehen neue „Belege“ für die „Bedrohung“; der Glaube an diese „Gefahr“ verbreitet sich unter den Kollegen, in der Fabrik und im Dorf, und bald zeigen immer mehr ähnliche Symptome.

Einige Faktoren fördern solche Massenhysterien am Arbeitsplatz: Schlechte Führung der Vorgesetzten, eine ungenügende soziale Unterstützung der Angestellten, eine „vergiftete“ Kommunikation der Mitarbeiter, Zeitdruck, Langeweile und Sinnlosigkeit. Dazu kommt ein Umfeld, das kritisches Denken nicht gelernt hat, und bereitwillig an die „Symptome“ mitsamt ihren fiktiven „Ursachen“ glaubt.

Ein unmenschliches Schulsystem züchtet ebenso Massenhysterien wie die Klöster des Mittelalters: 1893 verbreiteten sich zum Beispiel in einer Mädchenschule in Basel Konvulsionen und ein epilepsieartiges Schütteln. Betroffen waren Schülerinnen, die ihre schriftlichen Aufgaben in der Schule nicht schafften. Nach Schulschluss verschwanden die Symptome und kehrten am nächsten Tag in der Schule wieder. 1904 wiederholte sich die „Krankheit“ an der gleichen Schule.

In Chemnitz zitterten 1906 zwei Grundschüler mit den Fingern, als sie schreiben sollten, insgesamt steckte die „Krankheit“ 21 Schüler an und hielt sich vier Wochen – allerdings nur beim Schreiben, die gleichen Schüler hatten beim Sport keine Probleme.

Die modernen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten spielen bei dem Auftreten von Massenpsychosen oftmals eine entscheidende Rolle. (Bild: M.Gove/fotolia.com)
Die modernen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten spielen bei dem Auftreten von Massenpsychosen oftmals eine entscheidende Rolle. (Bild: M.Gove/fotolia.com)

Die Rolle der Medien

Heute fördern unseriöse Medien Massenpsychosen. Sie „berichten” über mysteriöse Erkrankungen und deren vermeintliche Ursache nach dem Motto „Natriumchlorid in Kochsalz entdeckt“, um die Auflage zu erhöhen – stellt sich bei einer MTI aber heraus, dass es sich um psychogene Erkrankungen handelte, ist das höchstens einen Absatz auf der dritten Seite wert.

Heutige Massenhysterien sind häufig Umweltängste, zum Beispiel nach Seveso oder Tschernobyl. Zum einen gab es hier ein reales Geschehnis, einen Reaktorunfall oder eine Katastrophe in einem chemischen Werk mit vielen Opfern, die starben oder noch in Jahrzehnten an den Folgen leiden.

Häufiger als solche realen Folgen eines Umweltinfernos ist zum anderen aber die Angst, von einem derartigen Ereignis betroffen zu sein, die sich dann in den körperlichen Symptomen zeigt.

1982 glaubten zum Beispiel 413 Schüler in Hongkong, Opfer einer Giftgaswolke zu sein, nachdem Schüler einer anderen Schule angeblich mit Giftgas bedroht worden waren.

1983 glaubten 949 Menschen in der West Bank, sie seien Opfer eines Gasangriffs, eines terroristischen Anschlags im Nahostkonflikt und entwickelten Symptome. Eine wesentliche Rolle spielten Zeitungen, die vor solchen Anschlägen warnten, arabische und israelische Ärzte, die die These des Gasangriffs willig aufnahmen und das Djenin Krankenhaus, das ebenso von einer Gasattacke überzeugt war. Der Auslöser für die Hysterie in der Schule war – eine stinkende Toilette.

1985 fühlten immer mehr Schüler einer Grundschule in North Carolina Schwindel, Bauchschmerzen und Übelkeit, nachdem eine neue Heizung eingebaut worden war. Die Lehrer vermuteten eine Infektion, doch es gab keine organischen Ursachen.

An einer Schule in den USA meinten 17 Viertklässler und vier Lehrer während des ersten Irakkriegs, dass sie durch Gas vergiftet worden seien. Die Geschichte zog sich hin, weil einer der Lehrer tatsächlich eine hohe Kohlenmonoxid-Konzentration im Blut hatte. Die Ansteckung verlief in allen Fällen über Beobachtung. Nachdem einzelne Schüler zitterten, sich übel fühlten oder glaubten, „vergast“ zu sein, setzten die Symptome auch bei anderen Schülern ein, die diese Symptome gesehen hatten. Zugleich hatten sie Berichte über ein Tagesgeschehen aufgenommen, von denen sie indirekt betroffen waren: Nahostkonflikt, Giftgaswarnungen und Irakkrieg.

Gerüchte über Ungeziefer und Geschlechtskrankheiten führen ebenfalls zu MPI. Ganze Wohnblocks fühlen dann das Jucken und Kratzen von halluzinierten Milben und Flöhen oder Schmerzen an den Geschlechtsteilen als Zeichen eines fiktiven Trippers. Durch das Kratzen wird die Haut rot und entzündet sich, was einen neuen Beleg für die Gefahr liefert.

Medienhypes schüren die Angst vor unsichtbaren Risiken, die auch insofern unsichtbar sind, als sie die meisten Menschen, die sich vor diesen Risiken fürchten, nur aus den Medien kennen. Wie groß das Risiko wirklich ist, können sie nicht beurteilen, und die „Gefahren“ sind durch Medien willkürlich zu manipulieren – ob Journalisten verharmlosen, dramatisieren oder aufklären, ist für den Konsumenten kaum zu durchschauen.

Berichte über den Anschlag auf das WTC, die Rinderseuche BSE oder die Vogelgrippe verbreiteten Ängste, die bisweilen psychogene Symptome auslösten. Mehrere Studien belegten zum Beispiel, dass ein exzessiver Konsum von Berichten über den Ground Zero Posttraumatische Belastungssyndrome auslöste.

Klassisch für eine Massenhysterie ist heute, dass sich jemand durch Berichte im Internet über eine neue Gefahr verunsichert fühlt; dann sieht er einen Menschen mit Symptomen einer unbekannten Erkrankung, einem ominösen Fieber, Schüttelanfällen etc. und erkennt einen Beleg für die Gefahr. Als nächstes fühlt er sich selbst krank, entwickelt die Symptome und steckt sein Umfeld an.

Ein anfälliges Gehirn

Die Massenpsychosen zeigen, wie eng unsere Psyche und unser Körper zusammen wirken. Sie sind also keine Simulation, sondern eine psychosomatische Erkrankung, also ein psychogenes Syndrom, das sich aber körperlich ausdrückt.

Letztlich bedingt unsere Empathie und unser hoch entwickeltes Gehirn solche psychophysischen Ansteckungen; biologisch ist es nämlich sinnvoll, bei Gefahren die gleichen Symptome wie Mitglieder unserer Gruppe zu artikulieren. Ob die Ursache fiktiv ist oder real, spielt für unseren Organismus dabei keine Rolle.

Wir fühlen mit, was andere Menschen fühlen, besonders, wenn wir ihnen verbunden sind. So wie wir unbewusst Rituale und Ansichten unserer Peergroup (Gruppe Gleichgestellter) übernehmen, so teilen wir auch ihre Gefühle.

Unser Gehirn ist nicht nur das am weitesten entwickelte, sondern gerade deshalb auch das labilste aller Säugetiere und die Massenhysterie zeigt, wie sensibel es psychische Eindrücke in körperliche Reaktionen umsetzt. (Dr. Utz Anhalt)

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