Zwanghaftes Lügen – Ursachen, Symptome und Therapie

Nina Reese
Zwanghaftes Lügen ist nicht nur eine moralische Schwäche, sondern vor allem eine psychische Störung. Die Betroffenen erfinden immer neue Lügengeschichten, um Traumatisierungen zu verdrängen. Sie verzerren die Wirklichkeit, um sie an die eigenen Empfindungen anzupassen. Die Erzählungen sind oft nahe an der Realität, so dass es schwer fällt, die dahinter steckende Störung zu erkennen. Außer der Traumatisierung hat diese ihre Ursache in Minderwertigkeitskomplexen, Isolation und Einsamkeit.

Krankhaftes Lügen – eine psychische Störung

Der Fachbegriff für krankhaftes Lügen lautet Pseudologia Phantastica. Der Psychiater Anton Delbrück diagnostizierte die Störung 1891 als pathologisches Syndrom. Betroffene lügen nicht primär aus den gewöhnlich verbreiteten Gründen.

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen ist vielen besser als „Lügenbaron“ bekannt. Ein Brunnen in Bodenwerder stellt drei seiner berühmten Lügengeschichten dar. (Bild: Martina Berg/fotolia.com)

Karl May und Baron von Münchhausen

Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen (1720 – 1797) ging als Lügenbaron in die Geschichte ein. Er war aber kein zwanghafter Lügner, denn seine „Lügengeschichten“ standen in der Tradition der Märchen und Sagen; sie waren eindeutig als frei erfunden erkennbar.

Ganz anders verhielt es sich mit Karl May. Er wuchs in Sachsen in ärmlichsten Verhältnissen auf und fand ein Ventil für die bedrückende Wirklichkeit in Abenteuerromanen der örtlichen Bücherei. Besonders begeisterte er sich für Geschichten über einen spanischen Räuberhauptmann, der die Reichen bestahl und den Armen gab.

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Karl May wurde später Lehrer, verdiente sich aber einen Zuverdienst mit Betrügereien, in denen er sich als Handelsvertreter oder Makler ausgab. Dafür wurde er zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Dort lernte er, sein Talent, Geschichten zu erfinden, legal zu nutzen und schrieb seinen ersten Roman.

Die Geschichten von Kara Ben Nemsi, Old Shatterhand und Winnetou wurden Bestseller und der Hungerleider Karl ein berühmter Mann. Trotzdem hörte er nicht auf mit den Schwindeleien: Selbst auf dem Zenit seines Erfolges behauptete er, er selbst sei Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi und hätte all die Geschichten selbst erlebt. Erst spät in seinem Leben gab er zu, dass es sich um Fiktionen handelte. Seine Leser glaubten ihm, dass Autor und Hauptcharakter identisch seien.

Das lag auch an der Realitätsnähe seiner Romane. Karl May war, was in seinem Ruhm als Fantast untergeht, ethnologisch auf der Höhe seiner Zeit und schilderte Konflikte im Detail, die in Europa kaum bekannt waren.

An dem Schriftsteller werden zwei Dinge deutlich: Zum einen lässt sich der zwanghafte Drang, Geschichten zu erfinden, auch positiv nutzen, zum Beispiel als Autor. Durch das Schreiben therapierte sich May selbst.

Zum anderen muss ein zwanghafter Lügner kein moralisch verkommener Mensch sei. Auch wenn der Erfinder von Winnetou und Old Shatterhand in jungen Jahren Andere betrog, erwies er sich als großer Menschenfreund: Die Botschaft von Winnetou ist Brüderlichkeit über Ethnien hinweg in einer Zeit, als die realen Apachen in den USA wie Tiere gejagt wurden.

Der Antirassist May trat in seinen späten Jahren öffentlich für Frieden und Völkerverständigung ein, und die Mescalero-Apachen würdigen ihn heute als jemand, der ihnen ein Denkmal als ehrenvolle Menschen setzte.

Wir alle lügen mehrmals am Tag – oft aus Höflichkeit, Angst oder um besser vor anderen dazustehen. (Bild: Pascal Huot/fotolia.com)

„Normale Lügen“

Zu diesen gehören Notlügen in Situationen, die uns peinlich sind oder harte Konsequenzen haben. Eine solche Notlüge wäre es zum Beispiel, wenn ich an extremem Durchfall leide, mir auf dem Weg in die Arbeit in die Hose mache, zurück nach Hause fahre, die Kleidung wechsle und meinen Chef anrufe, dass ich wegen einer Grippe nicht zur Arbeit kommen kann. Dazu gehören auch die sozialen Lügen, um unangenehme Wahrheiten nicht auszusprechen: Wenn die nervigen Verwandten bei den Eltern zu Besuch kommen, und ich schiebe vor, arbeiten zu müssen.

Alle Menschen sagen die Unwahrheit, und zwar täglich: Wir belügen unsere Ehefrauen, wenn wir ihr sagen, dass sie so gut wie keine Falten im Gesicht hat, obwohl wir objektiv feststellen, dass diese mehr geworden sind; wir sind unseren Kindern gegenüber nicht ehrlich, wenn wir ihnen sagen, wir würden kurz etwas draußen mit der Mama besprechen, damit sie uns nicht beim Rauchen sehen. Wir sagen unserem Nachbarn nicht ins Gesicht, dass wir ihn für geistig minderbemittelt halten.

Lügen haben viele Gesichter: Schön reden, austricksen, nicht die ganze Wahrheit sagen, schummeln, Geheimnisse für sich behalten, ausschmücken, aber auch betrügen, hintergehen, verleumden oder leugnen. Wir schwindeln ebenso bewusst wie unbewusst.

Kein äußerer Anlass

Krankhafte Lügner sind insofern Lügenprofis, dass ihre Erzählungen meist einen wahren Kern enthalten, um den herum sie Geschichten erfinden, die dann eine eigene Dynamik entfalten, die der Betroffene oft selbst nicht mehr überschaut. Sie glauben dann selbst an das, was sie erzählen.

Im Unterschied zu den meisten „normalen“ Lügen gibt es bei den Pseudologen keinen unmittelbaren äußeren Anlass für ihre erfundenen Geschichten. Ein Schüler, der zu spät zur Schule kommt und lügt, der Bus wäre zu spät gekommen, hat ebenso einen aktuellen Anlass, nämlich den Unmut des Lehrers wie der Ladendieb, der sagt, das Diebesgut hätte er versehentlich in die Tasche gesteckt.

Beim zwanghaften Lügner steht jedoch ein zwanghaftes Geltungsbedürfnis im Zentrum. Hier überschneidet sich pathologisches Schwindeln mit krankhaftem Narzissmus. Innerlich fühlen sich die Betroffenen minderwertig und kompensieren dies durch Geschichten, in denen sie die Hauptrolle spielen und grandiose Dinge tun. Ziel der Lügen ist es also, sich eine Bühne zu verschaffen und auf sich aufmerksam zu machen. Dafür suchen sich zwanghafte Lügner bevorzugt ein naives Publikum, das ihre Geschichten glaubt.

Zwanghafte Lügner wirken dabei erst einmal überhaupt nicht wie Menschen, die an einer Kommunikationsstörung leiden. Im Gegenteil: Sie entwickeln im Lauf der Zeit schauspielerische Fähigkeiten, sie können sich mit Worten geschickt ausdrücken, und sie wirken erst einmal sympathisch. Manche von ihnen „wachsen“ zu politischen Demagogen heran.

Aufgrund ihres gesteigerten Geltungsbedürfnisses erfinden krankhafte Lügner dramatische Geschichten, bei denen sie selbst die Hauptrolle spielen. (Bild: ra2 studio/fotolia.com)

Im Mittelpunkt stehen

Kennzeichen pathologischer Lügner sind Geschichten, in denen sie selbst im Mittelpunkt dramatischer Geschehnisse stehen. Dazu erfinden sie ihren Lebenslauf komplett oder teilweise. Sie behaupten zum Beispiel, sie litten an einer Krankheit wie Krebs oder AIDS. Sie haben extreme Ereignisse überlebt, waren bei einem Terroranschlag dabei oder bei einem Erdbeben. Dabei gehen sie so gezielt vor, dass sie diese Geschichten nur erzählen, wenn niemand anwesend ist, der die Lüge durchschauen könnte.

Sie werden die Krebslüge zum Beispiel nicht erzählen, wenn ein Kardiologe am Tisch sitzt, der nachfragen könnte, bei welchem Arzt sie waren oder welche Symptome sie hatten. Besonders eignen sich für diese Selbstdarstellungen Geschehnisse, die durch die Medien gingen, und deren Setting der Lügner gut genug kennt, um es weiterspinnen zu können.

Plausible Geschichten

So tauchte zum Beispiel in Hamburg-Altona zu Beginn der 2000er Jahre ein italienisch-sprachiger Punk auf, der sich Marco nannte. 2001 war beim Treffen der G8-Staaten in Genua der junge Punk Carlo Giuliani von einem Carabinieri erschossen worden, und dieser Mord hatte für die globalisierungskritische Bewegung eine ähnliche Bedeutung wie der Mord an Benno Ohnesorg für die 68er.

Als ein Journalist, der in Genua gewesen war, von seinen Erfahrungen erzählte, brachte sich Marco ein und berichtete, wie er in der Nacht vor Carlos Tod auf einer Matratze mit ihm und dessen Freundin geschlafen hätte. Dann folgte eine wilde Geschichte, wie er wegen seiner engen Beziehung zu Carlo Giuliani aus Italien fliehen musste, um der Verfolgung der „faschistischen Behörden“ zu entkommen, so als ob er als politisch Asylsuchender nach Deutschland gekommen wäre.

Der Journalist machte daraufhin einen Termin mit „Marco“ aus, um ein Interview zu führen. „Marco“ kam nicht. In der Folge erzählten mehrere aus dem sozialen Umfeld, in dem sich „Marco“ in Altona aufgehalten hatte von diversen Lügen, die „Marco“ ihnen über seine Herkunft erzählt hätte. Danach war er jedes mal verschwunden, hatte woanders übernachtet und dort neue Stories zum besten gegeben.

Der Journalist war kein „Greenhorn“, das leichtfertig jeder Geschichte glaubt, sondern kannte sich mit Interviews und Wahrheitsverdrehungen aus. Trotzdem ließ er sich hinters Licht führen. „Marcos“ Lüge war gut durchdacht: Als Punk stammte er aus demselben Umfeld wie Carlo Giuliani, als Italiener hätte er auch gut in Genua sein können. Auch dass die italienischen Behörden hinter ihm her waren, weil er Carlo kannte, wirkte plausibel. Tatsächlich hatten Polizei und Carabinieri während und nach ihrer Gewaltexzesse in Genua in der ganzen Region Linke gejagt. Zugleich war der Rahmen groß genug, dass auch ein Journalist, der selbst bei den Protesten gegen das G8-Treffen dabei war, beurteilen konnte, ob sich eine Geschichte so abgespielt hatte oder nicht.

Anknüpfen an Themen anderer

Typische Lügen der Gestörten sind auch, berühmter Abstammung zu sein oder eine geheimnisvolle Mission zu haben. Dabei knüpfen die Lügner unmittelbar an Themen an, die im Moment an dem Platz kursieren, wo sie sich gerade aufhalten.

Krankhafte Lügner knüpfen oft an Themen an, die sie gerade in dem Moment aufschnappen. (Bild: Peggy Blume/fotolia.com)

Christian (Name geändert), der jeden Tag von morgens bis abends in einem Cafe in Hannover-Linden sitzt, schnappte zum Beispiel auf, dass ein Pärchen am Nebentisch über eine Reise in den Iran redete. Er brachte sich in das Gespräch ein und erzählte, dass ihn, wenn er in den Iran reisen würde, die Todesstrafe erwarten würde, weil er bei seiner beruflichen Tätigkeit dort offen die Mullahs kritisiert hätte.

Eine Nachfrage, was er denn im Iran gemacht hätte, beantwortete er mit einem Augenzucken und sagte: „Das ist eine alte Geschichte, über die ich ungerne rede.“ Überhaupt wäre er in Linden nicht sicher, weil der iranische Geheimdienst hier seine Leute hätte, und im Alternativmilieu Islamkritiker als Rechte gälten.

Für die Belogenen war in diesem Fall die Lüge klar erkennbar, da die Exiliraner im Stadtteil größtenteils Linke sind, die vor den Mullahs aus dem Iran flohen und seine Geschichte zu deutlich an eine wahre Biografie anknüpfte, über die sich die beiden zuvor unterhalten hätten – über einen jungen Iraner, den im Land die Todesstrafe erwarten würde, weil er vom Islam zu den Bahai übertrat.

Christians Beweggründe für solche Stories sind nicht schwer zu erkennen. Sein Tagesablauf besteht darin, mit dem Fahrrad von seiner Wohnung in ein Cafe in Linden zu fahren und dort mit der Lektüre von Tageszeitungen die Zeit totzuschlagen. Das ist nicht gerade aufregend, und offensichtlich hat er weder die Berühmtheit noch die persönliche Befriedigung in Beruf und Privatleben, die er gerne hätte. Also würzt er dieses ereignisarme Leben mit Geschichten, in denen er eine besondere Bedeutung hat.

Lüge oder Wahn?

Die Grenze zwischen zwanghaftem Lügen und wahnhaften Erkrankungen ist nicht leicht zu ziehen, da psychische Störungen, die mit Wahn einher gehen, auch zu ersterem führen können. Dazu zählen die bipolare Störung, das Borderline-Syndrom, die Posttraumatische Belastungsstörung, Traumatisierungen, alle affektiven und narzisstischen Störungen.

Allerdings lassen sich die Lügen der Pseudologia Phantastica auch bei diesen psychischen Störungen von Wahnvorstellungen abgrenzen. Zuerst einmal erfindet der Lügner seine Geschichten bewusst, auch wenn sie dann ein Eigenleben annehmen. Dann haben im Unterschied zu wahnhaften Vorstellungen, seine Geschichten nichts mit einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit zu tun.

Ein Schizophrener, der erzählt, dass Angela Merkel mit der Mafia zusammen arbeitet, und unsichtbare Dämonen ihm Gift in den Kaffee schütten, glaubt an das, was er sagt, und er leidet an seiner falschen Wirklichkeit. Ein zwanghafter Lügner würde hingegen eher erzählen, dass die Bundesregierung systematisch Gift in Kaffee bringt, um die Menschen in Deutschland zu versklaven, und er verfolgt wird, weil er das recherchiert hat. Vom Verschwörungsmythologen unterscheidet ihn dabei, dass er an seine Fantasien selbst nicht glaubt, sondern nur auf sich aufmerksam machen will.

Alternative Biografien

Zwanghaftes Schwindeln basiert also keinesfalls auf optischen, haptischen oder akustischen Halluzinationen: Pathologische Lügner hören keine Stimmen oder sehen Geister wie zum Beispiel Schizophrene oder Borderliner, die dissoziieren.

Gerade beim Borderline-Syndrom liegen in der Regel reale traumatische Erfahrungen vor, die eine Ursache dafür sind, dass die Betroffenen ganze Lebensläufe neu erfinden und sich in ausgearbeiteten Fantasien bewegen, die ihre traumatisierende Biografie neu entwerfen und als Ersatz für ein als leer empfundenes Leben dienen. Es kann also ein real existierender sexueller Missbrauch in der Kindheit vorliegen ebenso wie lieblose Eltern, auf den die Betroffenen dann eine berühmte Abstammung aufstülpen, wegen der der sie von ihren (in der Fantasie nicht leiblichen) Eltern abgelehnt wurden. Die Grenze zwischen bewussten Lügen, Lebenslügen, die einer gestörten Orientierung in der Welt dienen, Manipulation und wahnhaften Vorstellungen ist bei Borderlinern verschwommen.

Krankhaftes Schwindeln kann so überzeugend sein, dass es sogar zur Verurteilung unschuldiger Menschen führt. (Bild: BillionPhotos.com/fotolia.com)

Borderliner können dabei so überzeugend lügen, dass ihre Aussagen sogar zur Verurteilungen von Unschuldigen führten. So wurde eine Angeklagte zehn Jahre nach dem ungeklärten Tod ihrer Pflegetochter verurteilt, weil eine Verwandte, die am Borderline-Syndrom leidet, erzählte, sie hätte die Frau unmittelbar am Tatort zur Zeit des mutmaßlichen Verbrechens gesehen, dies aber für sich aus Angst für sich behalten.

Da die Pflegemutter zu der Verstorbenen offen sichtlich ein distanziertes Verhältnis hatte und auch vor Gericht kühl wirkte, erschienen die Aussagen der Lügnerin plausibel. Erst, als das Verfahren wieder aufgerollt wurde, brach des Konstrukt zusammen. Die Denunziantin hatte Gebäude beschrieben, die beim Tod des Mädchens noch nicht gebaut worden waren. Sie hatte kurz vor ihrer Lügenaussage am Ort des Geschehens recherchiert.

Zum einen log sie, um sich in den Mittelpunkt zu stellen, zum anderen schuf sie sich mit einer Geschichte, in der sie Zeugin eines Verbrechens geworden war, und danach ein Leben in Angst und Flucht verbrachte, eine Alternativbiografie, die sie über ihr als verpfuscht empfundenes Leben hinweg täuschte.

Woran lassen sich pathologische Lügen erkennen?

1) Zwanghafte Lügner inszenieren sich vor einem Publikum oder drängen sich selbst in die Opferrolle.

2) Ihre Aussagen widersprechen den Fakten. Aber Vorsicht: Je professioneller der Schwindler vorgeht, und je unwissender die Anwesenden sind, desto schwerer ist dies zu erkennen.

3) In der Geschichte fehlen Zeugen, die die Anwesenden kennen. Der Rahmen der Geschichte ist so gestrickt, dass er sich schwer be- oder widerlegen lässt. Erzählt der Lügner zum Beispiel, wie er sich in Hamburg am Hauptbahnhof einen heldenhaften Kampf mit einem russischen Drogenhändler geliefert hat, wird das kaum zu prüfen sein, da sich diese Klientel erstens dort herum treibt, zweitens aber keine Visitenkarten hinterlässt und sich drittens vermutlich nicht in diesem Milieu aufhält.

4) Bei konkreten Nachfragen verliert der Lügner sich in Schwurbeleien, Allgemeinplätzen oder vermeintlichen Geheimnissen. Er weicht Fragen aus, weil es zu viel Mühe kosten würde, eine „gerichtsfeste“ logische Erklärung zu finden.

5) Er hat Probleme, seinen Geschichte mit chronologischen Sprüngen zu erzählen, sobald er befragt wird, was jetzt wann und wo genau geschah.

6) Die Varianten einer Geschichte wechseln mit inhaltlichen und chronologischen Widersprüchen. Wiederum Vorsicht: Bei jedem Menschen ist die Erinnerung keine objektive Chronik, sondern ein an die aktuelle Lebenswirklichkeit angepasstes Koordinatensystem. Beim zwanghaften Lügner treten diese Widersprüche aber in Verbindung damit auf, dass er diese Stories einem wechselnden Publikum präsentiert.

7) Kommt ihnen die Geschichte bekannt vor? Viele notorische Lügner machen sich nicht die Mühe, eigene Geschichten zu erfinden, sondern erzählen einfach die aufgeschnappten Erlebnisse anderer weiter, als wären es ihre eigenen. Pathologische Schwindler ändern oft auch Geschichten anderer nur geringfügig um. Das können Folgen einer Fernsehserie sein, oder Geschichten, die ihre Verwandten erzählten. Bisweilen reicht eine Blitzrecherche im Internet, wo sich genau diese Geschichte mit anderen Personen und einem anderen Ort wiederfindet.

8) Haben Sie den Verdacht, dass ihr Gegenüber ein notorischer Lügner ist? Dann machen Sie nicht den Fehler, populäre, aber falsche Signale zu suchen. Betroffene sind beim Lügen weder nervös noch verlegen. Sie weichen Augenkontakt nicht aus, im Gegenteil.

Kennzeichnend für einen pathologischen Lügner ist unter anderem, dass er beim Schwindeln nicht nervös wird und den Augenkontakt mit seinem Gegenüber hält. (Bild: MUNCH!/fotolia.com)

In einem gewöhnlichen Gespräch schweifen unsere Gedanken mal dahin, mal hierhin, wir blicken das Gegenüber an, dann an die Wand oder aus dem Fenster. Ein notorischer Lügner wird sie jedoch während seiner Story nicht aus dem Blick lassen, weil er ihre Reaktionen abliest, um zu sehen, wie er seine Storyline ausbaut.

9) Professionelle Autoren wissen, wie eine gute Story aufgebaut ist. Die meisten Menschen haben davon aber nur eine vage Ahnung. Stellen Sie sich deshalb folgende Fragen: Kann der Erzähler zu der entsprechenden Zeit an dem entsprechenden Ort gewesen sein? Was hat er dort gemacht? Wie ist er dort hingekommen? Statt den Erzähler direkt zu fragen, haken Sie besser im Bekanntenkreis nach.

Ein wesentliches Element einer fiktiven Story ist, dass sie Geschehnisse um Charaktere herum aufbaut. Ein Roman könnte zum Beispiel Korruption zum Thema haben und dafür ein Panorama entwerfen um einen Bürgermeister, der heimlich zu Zwangsprostituierten geht, von der Polizei erwischt wird und den beteiligten Polizisten kaltstellt. Ein zwanghafter Schwindler erzählt solche fiktiven Storylines jetzt mit sich selbst in einer entscheidenden Rolle.

Wohlgemerkt: Es gibt Menschen, die Spektakuläres erlebt und besondere Dinge getan haben. Wenn jemand zum Beispiel erzählt, wie ihm nachts in Hamburg Altona ein Gangster auflauerte, und er dem seine Faust gegen den Kehlkopf rammte, kann das stimmen.

Auch gibt es Menschen, die besonders häufig Aufregendes erleben, weil es ihrem Naturell entspricht, sich in solche Situationen zu begeben. Deshalb sollten sie darauf achten, was der Erzähler ansonsten tut: Arbeitet er zum Beispiel als Journalist, ist also notwendig in Situationen, die für „Normalbürger“ sensationell sind? Dann deutet das auf mehr Wahrheitsgehalt in den erzählten Geschehnissen als wenn der Betroffene in einer Spielhalle arbeitet, wo er wenig in der Außenwelt erlebt, aber umso mehr Zeit hat, sich seinen Fantasien hinzugeben?

10) Stimmen die Geschichten des Betroffenen auffällig überein mit Geschehnissen, die auf das Publikum spektakulär wirken und die ein Thema sind? Wirken Sie zumindest übertrieben? Sprechen die Zuhörer den Erzähler darauf an, dass er aus Hannover kommt, fällt dann der Begriff Chaostage, und er springt unmittelbar darauf an und „berichtet“, wie die Polizei monatelang nach ihm fahndete, weil er die Verteidigung der besetzten Häuser auf dem Sprengelgelände leitete?

Das muss noch kein zwanghaftes Lügen sein, es kann sich um bloßes Übertreiben handeln. Zwanghaftes Schwindeln erkennen wir aber daran, dass der Betroffene zu diversen Themen, die im Gespräch sind, eine Story beisteuern kann, in der er die Hauptrolle spielt.

Vorsicht ist angebracht bei Geschichten, die theoretisch noch der Wirklichkeit entsprechen könnten, aber bereits sehr unwahrscheinlich sind. So arbeiten nämlich gute Romanautoren. Im Alltag kommen solche Geschichten indessen extrem selten vor.

11) Achten Sie darauf, ob ihnen Fehler auffallen in Bereichen, in denen Sie sich auskennen. Es kann sich um ein Missverständnis handeln. Tauchen solche Fehler in Geschichten aber gehäuft auf und führen zudem auf eine Pointe hin, dann ist der Verdacht berechtigt, dass es sich um eine Inszenierung handelt.

12) Achten Sie auf Manipulationen. Notorische Lügner sind Profis, die genau ausleuchten, was sie wem erzählen können. Sie spielen mit sexuellen Reizen, um Sie um den Finger zu wickeln und abzulenken, wenn Sie Verdacht schöpfen.

Wer krankhaft lügt, erkennt genau, wem er welche Geschichten auftischen kann. (Bild: pathdoc/fotolia.com)

Schöpfen Sie bereits Verdacht, dann beobachten Sie, was er ihnen, und was er Anderen erzählt. Spielt der Lügner zum Beispiel Opfer, dann wird er ihnen eine Geschichte auftischen, die für Sie glaubwürdig wirkt, weil Sie sich mit der Materie wenig auskennen.

Hat der Betroffene beispielsweise einen Migrationshintergrund aus dem Libanon und weiß, dass Sie antirassistisch eingestellt sind, könnte er ihnen erzählen, dass er psychisch leidet, weil ihn Neonazis terrorisieren, während er ihnen nicht von körperlichen Leiden erzählt, weil sie zugleich Arzt sind und prüfen könnten, was daran stimmt. Einem anderen Bekannten erzählt er hingegen, dass er an Krebs erkrankt ist.

13) Wissen Sie bereits, dass er lügt? Dann beobachten Sie ihn, während er es tut, ohne ihm zu sagen, dass Sie es wissen. Die meisten Menschen wirken nervös, wenn Sie schwindeln. Zwanghafte Lügner bleiben hingegen entspannt.

14) Achten Sie auf die Reaktion, wenn er erwischt wird. Werden „Normalneurotiker“ beim Lügen erwischt, dann sind gängige Reaktionen Scham und Unbehagen. Ein pathologischer Lügner könnte hingegen zum einen sich verbal entschuldigen, aber ohne dass er dabei emotional beteiligt wirkt. Er nimmt hingegen eine neue Lügenrolle ein, die des reuigen Sünders. Er selbst entschuldigt sich nicht für die Schwindelei, weil es ihm leid tut, sondern merkt, dass er einen Fehler gemacht wird, bei dem er erwischt wurde und wird seine Methoden verfeinern.

Notorische Lügner verlagern unmittelbar die Schuld. Jemand anders trägt die Verantwortung, und diese Flucht verbindet der Lügner in der Regel mit weiteren Unwahrheiten. Wird er auf diese hingewiesen, dann erzählt er, dass ihn die Härte seiner Frau, der „freche Sohn“ oder der „grausame Chef“ dazu treibt. Dazu erzählt er wiederum Lügen über die angeblich Verantwortlichen.

Oder er relativiert: Stimmt, ich habe gerade nicht die Wahrheit gesagt. Aber überleg dir mal, wie das in meinem Job aussieht. Die lügen alle viel schlimmer. Ich versuche wenigstens noch, bei der Wahrheit zu bleiben.

Meist tarnen überführte notorische Lügner ihre Lüge durch weitere Unwahrheiten. Der Schwindler erzählt, er hätte jetzt eine feste Anstellung in einer Cocktailbar gefunden. Sie waren dort, und die Mitarbeiter sagten „nein, der arbeitet hier nicht“? Dann könnte der Lügner erzählen, alles wäre klar gewesen, und der Chef hätte den Arbeitsvertrag schon unterzeichnet, aber in letzter Minute abgesagt.

Pathologische Lügner versuchen, ihre Wahrnehmung zu verunsichern. Sagen Sie zum Beispiel, „das, was du mir gestern gesagt hast, stimmt nicht“, dann antworten Sie „da hast du etwas falsch verstanden“, „du warst wohl zu betrunken, um das zu fassen“, oder „das habe ich niemals behauptet“.

Gerade, wenn Komorbiditäten vorhanden sind wie Eifersuchtswahn oder Borderline, greift der Lügner sie auch persönlich an, wenn er der Schwindelei überführt wird. Jetzt wird es gefährlich für sie: Je mehr Sie im Recht sind, desto massiver werden die Angriffe und Verleumdungen.

Der Lügner könnte Sie bei anderen denunzieren, ihre Glaubwürdigkeit in Frage stellen, Sie anbrüllen oder Sie mit neuen Lügen erpressen. Zum Beispiel könnte er anfangen zu weinen und sagen „ich lüge doch nur, weil ich so verzweifelt bin, und wenn du jetzt so weitermachst, springe ich noch vor einen Zug.“

Wird der Schwindler ertappt, kann es sein, dass er Sie anbrüllt und bedroht. (Bild: vchalup/fotolia.com)

Sie dürfen darauf nicht reagieren. Wenn Sie den persönlichen Kontakt nicht völlig abbrechen wollen, sagen Sie eindeutig, dass Sie die Beziehung nur aufrecht erhalten werden und erst wieder mit dem Betroffenen reden, wenn er sich ernsthaft in Psychotherapie begibt.

15) Achten Sie auf subtile körperliche Signale, die sich schwer manipulieren lassen. Notorische Lügner konzentrieren sich ebenso auf das Gesagte wie professionelle Redner. Deshalb verändern Sie bei den erfundenen Stellen in der Regel die Tonlage. Der erhöhte Adrenalinspiegel führt zu Durst, deswegen leckt sich der Betroffene über die Lippen.

16) Achten Sie auf andere Auffälligkeiten. Betroffene haben fast immer Komorbiditäten. Das kann Ess- und Brechsucht sein, Alkoholismus oder merkwürdige „Geheimnisse“. Typisch für zwanghafte Schwindler ist, dass Sie zwar ständig über spannende Geschehnisse berichten und dabei offen wirken, aber über weite Bereiche ihres Reallebens einen Schleier hängen.

Aus gutem Grund. Besucht den ihn jemand in seiner Wohnung, stößt er dort vermutlich auf die Bücher von Erich von Däniken oder die Boulevardpresse, aus der der Betroffene seine Inspirationen bekommt.

17) Erzählt er Stories, die an einem bestimmten Ort spielen, an dem er sich aufhält, findet aber immer wieder Ausflüchte, sie zu diesem Ort nicht mitzunehmen? Das ist zwar kein sicheres Anzeichen, aber ein Verdachtsmoment. Die Ausflüchte dienen dann dazu, dass „Tatzeugen“ berichten könnten, dass sich die Geschichten des Betroffenen niemals ereigneten.

18) Tauchen in den Stories des Lügners Menschen auf, die das Opfer kennt, erfindet er Gründe, warum die gemeinsamen Bekannten bloß nichts davon erfahren dürfen, dass er das erzählt hat. Zum Beispiel erzählte ein Patient von einer Bettgeschichte mit einer Frau, die in festen Händen war. Die Geschichte musste ein Geheimnis bleiben, weil der Freund nicht davon erfahren durfte.

Beliebt bei zwanghaften Lügnern sind auch vermeintliche Verwicklungen in Aktivitäten des Geheimdienstes, des organisierten Verbrechens oder politischer Brisanz. Hier erzählt er nur „unter äußerster Geheimhaltung“. Das demonstriert gegenüber dem Angelogenen zum einen die vermeintliche Wichtigkeit des Betroffenen, bietet aber zum anderen eine „plausible“ Erklärung, warum der Angelogene unter keinen Umständen mit anderen über die Geschichte reden darf.

Aufschluss erhalten Sie dadurch, dass der Lügner die gleiche oder ähnliche Geschichte anderen ebenfalls unter „absoluter Geheimhaltung“ erzählte.

Narzisstische Lügen

Zwanghaftes Lügen verbindet sich oft mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Die narzisstische Lüge unterscheidet sich dabei grundsätzlich vom „klassischen Lügen“. Menschen mit „Normalneurosen“ wissen, wenn sie die Unwahrheit sagen, zum Beispiel, um Ärger zu vermeiden.

In ihrem ethischen Koordinatensystem wissen sie dabei, dass Unwahrheiten nicht gut sind. Ihr „moralisches Ich“ steht im Widerspruch zum „amoralischen Ich“. Siegt der „innere Schweinehund“, behaupten wir zum Beispiel, dass uns jemand das Fahrrad gestohlen hat, das wir geschenkt bekamen statt, dass wir uns nicht erinnern, wo wir es abstellten. Wegen einer solchen Schwindelei haben wir ein schlechtes Gewissen.

Die narzisstische Lüge hat einen anderen Ursprung: Narzissten bauen ihr falsches Selbstbild auf Lügen auf und haben deshalb keine Bindung an die Wahrheit. Er ist nie wahrhaftig, das gehört zu seiner Störung, macht seine Lügen aber effizient. „Wahr“ ist für einen Betroffenen das, was für ihn nützlich ist. Widersprüche in seinen Aussagen irritieren ihn nicht, und damit überwältigen sie Menschen mit sozialer Ethik. Narzissten verstehen nicht, warum sie Skrupel haben sollten, und die Opfer setzen unbewusst ein Gewissen voraus, das dieser nicht hat.

Narzissten erfinden „Wirklichkeit“ und schummeln die Realität so weg, damit ihre Scheinwelt erhalten bleibt. Damit sind sie oft erfolgreich. So versprechen sie Partnern am Beginn von Beziehungen das Blaue im Himmel, gehen dabei selbst in diese Fantasien hinein, ziehen ihre Partner mit, um die Beziehung plötzlich zu beenden, wenn der Partner die Scheinwelt durchschaut. Dann entwerten sie ihr Gegenüber ebenso wie sie es zuvor idealisierten und suchen das nächste Opfer.

Narzisstische Lügen sind deshalb zwanghaft, weil es sich um Lebenslügen handelt, mit denen die Kranken ein Scheinselbst gegen die Wirklichkeit konstruieren. Diese Unwahrheiten können die Form von offenen Drohungen und subtilen Unterstellungen annehmen, werten den Narzissten auf und sein gegenüber ab. Der Betroffene erfindet immer neue Geschichten, in denen er das Partneropfer unmöglich macht und sich aufwertet.

Ursachen von krankhaftem Lügen

Zwanghaftes Lügen funktioniert als Abwehr, die aus Gefühlen wie Angst und Scham entsteht. Meist beginnt das gestörte Verhalten in der Kindheit und entwickelt sich in der Jugend als Zwang, der sich seine eigene Wirklichkeit schafft.

Die Betroffenen sind von der Wirklichkeit überfordert und kompensieren dies durch Fantasien. Insbesondere für Traumatisierte, Menschen, die sexuell missbraucht wurden, deren Eltern sich trennten, die Gewalt erlitten oder eine wichtige Bezugsperson verloren, sind zwanghafte Lügen eine Möglichkeit, damit umzugehen.

Das gestörte Verhalten entwickelt sich meist schon in der Kindheit, um z.B. mit traumatisierenden Erlebnissen umzugehen. (Bild: altanaka/fotolia.com)

Werden Kinder zurückgewiesen, dann kann das eine narzisstische Spannung bei den Betroffenen auslösen. Zwanghafte Lügen gehen jetzt einher mit Scham und dem Gefühl von Vereinsamung. Zudem fühlen sie sich nicht nur ungeliebt, sondern auch wertlos.

Sie schaffen sich jetzt durch ihre unwahren Geschichten ein falsches Selbstwertgefühl: Mit ihren erfundenen Stories können sie Mitmenschen manipulieren und ihre innere leere kompensieren. Das zwanghafte Lügen geht einher mit Angststörungen und anderen Persönlichkeitsstörungen. Depressionen können eine Folge sein, besonders dann, wenn Andere den Betroffenen wegen seines Verhaltens ausgrenzen und er sich so sozial isoliert.

Ärztliche Betreuung

Zwanghafte Lügner müssen in jedem Fall einen Arzt aufsuchen, werden dies aber von selbst in den seltensten Fällen tun. Es handelt sich um eine psychische Störung, die durch einen Psychologen behandelt werden muss, in schweren Fällen ist der Aufenthalt in einer geschlossenen Anstalt angesagt. Dann stellen die Betroffenen für sich und andere eine Gefahr da.

Psychologische Betreuung ist in den meisten Fällen auch angesagt, weil die Betroffenen sich nicht eingestehen, dass ihre Lügen pathologisch sind. Sie lügen sich ihr Zwangsverhalten schön, relativieren es oder verleugnen es. Oder sie rationalisieren ihre erfundenen Geschichten, machen Andere dafür verantwortlich oder schieben konkrete Auslöser vor. Mit anderen Worten: Sie lügen zwanghafte Unwahrheiten in Lügen psychisch gesunder Menschen um.

Fortschreitender Verlauf

Die Pseudologia phantastica gehört zu den narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Wie auch andere Narzissten verfügen Betroffene oft über gute verbale Fähigkeiten und bauen im Lauf der Zeit ihre Geschichten zu immer komplexeren Gebilden aus. Irgendwann können viele von ihnen selbst kaum noch unterscheiden, welche Geschichten erfunden und welche erlogen sind. Schwerer Gestörte haben massive Probleme am Arbeitsplatz, weil Arbeitgeber und Kollegen einem Lügner nicht trauen können.

Das Erfinden von Alternativbiografien hindert die Zwanghaften daran, eine reale Erwerbsbiografie zu entwickeln und somit wirkliche Fähigkeiten, auf die sie im Beruf zurückgreifen können. Das bereitet den Gestörten Probleme: Sie leiden unter Kopfschmerzen und wissen oft in Alltagssituationen nicht mehr, was richtig oder falsch ist.

Ihr Erzählen von Unwahrheiten führt zu negativen Folgen in Beziehungen zu Freunden, Verwandten oder Partnern. Manche notorischen Lügner haben eine ganze Sammlung von zerbrochenen Beziehungen und suchen sich immer neue Milieus, die noch nicht wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Die Betroffenen geraten in eine negative Spirale: Sie erfinden ihre Lüge aus Gefühlen der Minderwertigkeit, des Nicht-Geliebt-Seins oder dem Empfinden, keine Anerkennung zu finden. Sie verlieren aber durch diese wirkliche Freunde, die sie tatsächlich als den Menschen anerkennen, der sie sind und scharen stattdessen falsche Bewunderer um sich. Falsch ist diese Bewunderung deshalb, weil sie dem erfundenen Konstrukt dient und nicht dem Menschen, der in seiner psychischen Not die Geschichten erfindet.

Therapie bei zwanghaftem Lügen

Zwanghaftes Lügen ist ein Begleitsymptom. Deshalb geht der Therapeut immer die zugrunde liegende Erkrankung an, das Trauma, die narzisstische Störung oder die Angststörung. Wie bei den meisten psychischen Störungen muss der Betroffene willens sein, sein Verhalten zu ändern.

Selbst wenn das der Fall ist, versucht er oft, den Therapeuten anzulügen. Viele Betroffene „messen“ die Qualität des Therapeuten sogar daran, ob er die erfundenen Geschichten durchschaut. Die meisten zwanghaften Lügner empfinden wenig Leidensdruck, da ihr Verhalten eine erfolgreiche Strategie darstellt, mit anderen Menschen umzugehen.

Die erste Aufgabe des Therapeuten ist es deswegen, den Patienten zu motivieren, indem er ihm klar macht, welche Vorteile es für ihn hat, mit dem Schwindeln aufzuhören. Dabei sollte er auf jede moralische Zuweisung verzichten. In der Therapie geht es jetzt nicht darum, dass der Betroffene sich schämt, weil sein verwerflich ist, sondern darum, sein Selbst zu stabilisieren und sein Selbstwertgefühl zu stärken. Eine Regel lautet: Je stärker das Selbst des Patienten wird, desto weniger lügt er.

Durch eine Verhaltenstherapie können Betroffene ein alternatives Verhalten erlernen. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Da Lügen ein Verhalten ist, wirkt eine Verhaltenstherapie erfolgreich. Hier geht es nicht primär darum, die Ursachen der Unwahrheiten zu durchleuchten, sondern darum alternatives Verhalten in den Situationen durchzuspielen, in denen der Patient eine solche erzählt.

Therapeut und Patient gehen konkret bestimmte erfundene Geschichten des Betroffenen durch und analysieren, welche Bedürfnisse in dieser zum Ausdruck kommen. Was ist der Hintergrund einer Lüge? Wie sah die Wirklichkeit aus? Was kann der Patient tun, um sich das dahinter stehende Bedürfnis zu erfüllen?

Vorbeugen?

Das Verhalten lässt sich schwer präventiv entschärfen. Die Wurzeln liegen nämlich in Traumatisierungen und Vernachlässigung in der Kindheit. Das zwanghafte Lügen entwickelte sich dabei als Überlebensstrategie. Deswegen bringt ein autoritäres „Du sollst nicht lügen“ überhaupt nichts.

Menschen, denen es um das nackte Überleben geht, erzählen Unwahrheiten, um zu überleben, und bei einem Menschen, der traumatisiert ist, geht es um das psychische Überleben, zumindest suggeriert ihm das sein Trauma. Vorbeugung heißt hier erst einmal, dass sich Kinder, die unter Isolation leiden, jemand anvertrauen und eine Bindung zu einem verantwortungsvollen Menschen aufbauen. Die gute Nachricht ist: Traumatisierungen und die Gefühle von Angst und Einsamkeit bei Kindern lassen sich gut behandeln.

Je früher eine solche Therapie einsetzt, um so besser können die Betroffenen auf das Ventil des notorischen Lügens verzichten, das ihre Art ist, mit den belastenden Erlebnissen umzugehen. Der Therapeut geht jetzt die wirklichen Erlebnisse an und nicht das notorische Schwindeln.

Fallbeispiel Jan

Jan wuchs in einer Kleinstadt bei Hannover auf, mit einem dominanten Vater, der zu cholerischen Anfällen neigte und einer unterwürfigen Mutter. In der Mittelstufe kam er auf ein Gymnasium. Jan litt unter seiner Dickleibigkeit, und manche Mitschüler hänselten ihn.

Er lebte in ständigem Konflikt mit seinem Vater, der mit 14 Jahren in ständigen Wortgefechten und Handgreiflichkeiten eskalierte, bei denen Jan den Vater eines Tages die Treppe im Reihenhaus herunter schubste. Als Jan in der 10. Klasse war, starb sein Vater an Kehlkopfkrebs. Für die Mutter bedeutete das eine Erlösung, doch sie hatte Jan überhaupt nicht mehr unter Kontrolle.

Jans schulische Leistungen nahmen dramatisch ab, er verließ das Gymnasium, machte den Realschulabschluss, begann eine Lehre als Koch, brach diese ab und finanzierte sich mit dem Geld seiner Großmutter und als Haschischhändler.

Bereits in der Mittelstufe hatte Jan sich Geschichten ausgedacht, in der er die Hauptrolle spielte und die sich aus pubertären Fantasien speisten. Als er von der Schule ging und sich „irgendwie“ in der Welt draußen orientierte, wuchsen sich diese zu fast eigenmächtigen Gebilden heran, deren Setting wechselte, je nachdem, in welchem Umfeld er sich bewegte.

Ein roter Faden in diesen Stories war eine reale Paranoia, die Jan entwickelte, zum einen, aus Angst von der Polizei erwischt zu werden, zum anderen aus Angst vor seinen Gläubigern. Jan erzählte jetzt, er würde den Bruder von Christian Klar kennen, und wenn das BKA davon erführe, ständen die morgen bei ihm vor der Tür. Fehlende sexuelle Erfahrungen ersetzte er durch Fantasiegeschichten. Zu bewussten Lügen gesellte sich ein Rollenspiel, in dem Jan immer neue Muster erprobte, vom „Antifa-Aktivisten“ über „esoterischen Magier“, an die er teilweise selbst glaubte.

Beispiel Johnny

Johnny ist Nordire, leidet am Posttraumatischen Belastungssyndrom und vermutlich an einer Borderline-Störung mit narzisstischen Zügen, außerdem ist er Alkoholiker und zwanghafter Lügner. Seine genaue Diagnose kennt er bis heute nicht, da er zwar in früheren Jahren einige Therapien begann, diese jedoch jedes Mal abbrach.

Er wuchs auf mit einer gefühlskalten leiblichen Mutter und einem autoritären Vater mit sadistischen Neigungen. Die Eltern trennten sich, und er blieb einige Jahre bei seinem Stiefvater, der ihn mehrfach sexuell missbrauchte. Hinzu kam Johnnys Kleinwüchsigkeit, über die sich seine Mitschüler in Belfast lustig machten.

Hänseleien in der Kindheit können massive Folgen für das weitere Leben haben. (Bild: gpointstudio/fotolia.com)

Die Hänseleien führten bei ihm frühzeitig zu einer aufgestauten inneren Wut und Rachegelüsten. Außerdem versuchte er diese durch gesteigerte Aggressivität wieder „wettzumachen“. Als „harter Schläger“ versuchte er, sich den Status zu verschaffen, den ihm die anderen verweigerten. Früh trainierte er mit Messern, Wurfsternen und anderen Waffen.

Mit 15 überredete ihn sein Vater, in die British Army einzutreten. Mit 16 stach ihm ein IRA-Aktiver ein Messer in den Brustkorb, mit 19 erhielt er einen Bauchschuss in Bosnien. Johnny kämpfte in einer Special Force in Ruanda und Serra Leone und erlebte Schreckliches. Wegen einem Posttraumatischen Belastungssyndrom schied er aus der Armee aus.

Er verdingte sich im Rotlichtmilieu als Türsteher, als Barmann und als Hehler für Diebesgut. Er war nach Deutschland gezogen und bewegte sich in einem Umfeld, in dem erfundene Biografien zum Handwerk gehörten.

Er hatte bereits als Kind gelogen und lebte jetzt in Geschichten, in denen sich Botschaften über seine traumatischen Erfahrungen mit brachialer Überlebenspraxis und dem Kompensieren von Minderwertigkeitsgefühlen vermischten. Teilweise glaubte er selbst daran und verbreitete rechstextreme Verschwörungstheorien.

Seine Geschichten erzählten von ständigen Straßenkämpfen, in die er verwickelt sei, was zum Teil stimmte, von sexuellen Eskapaden, die teilweise ebenfalls stimmten, und von Stories, in denen er Opfer war, die er frei erfunden hatte.

Als er sich bei einem Arbeitgeber wochenlang nicht meldete, und die Zeit mit Besäufnissen verbrachte, erzählte er seinem Chef, er hätte Krebs und würde bald sterben. Als er betrunken seine EC-Karte verlor, behauptete er einer Freundin gegenüber, ein „Punk“ hätte ihn morgens am Automaten überfallen. Als „Beleg“ fand sie vor seiner Waschmaschine ein weißes T-Shirt, das er vermutlich mit Kirschsaft präpariert hatte, damit es blutig aussah. Um den Bauch trug er einen improvisierten Verband.

Seine Lügen handelten von Projektionen seiner eigenen Abgründe auf andere. Zum Beispiel erzählte er, er sei bei dem Nachbarn eines Freundes nachts in die Wohnung gekommen. In der Küche hätte der seinen Penis aus der Hose geholt und onaniert. Johnny hätte ihm darauf mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Der Beschuldigte hatte hingegen Johnny seit Monaten nicht mehr gesehen.

Johnny weiß oft nicht mehr, was die Wahrheit ist, und bei ihm schälen sich verschiedene Lügenmuster heraus. Zum einen handelt es sich um Lügen, in denen sein Trauma wiederkehrt. Das sind die Geschichten, in denen er sich inmitten einer deutschen Großstadt im Bürgerkrieg befindet und gegen imaginäre Feinde kämpft.
Dann sind es die konkreten Lügen, um einen Vorteil zu erhaschen oder seine desolate berufliche wie private Situation zu verschleiern. Dazu gehören auch diverse Konstrukte, in denen er anderen die Schuld gibt für massive Probleme, die er verursacht.

Dann wiederum lügt er, um für Frauen sexuell interessant zu wirken, er ist promiskutiv und leidet zugleich an wahnhafter Eifersucht. Immer wieder begeistert er besonders jüngere Frauen für sich und spielt erfolgreich den vom Leben gebeutelten Geläuterten mit dunkler Vergangenheit, der jetzt sein Leben in den Griff kriegen will. Die Beziehungen zerbrechen jedes Mal, wenn seine Seifenblasen platzen und klar wird, dass er einer Psychotherapie aus dem Weg geht.

Mit 47 Jahren ist Johnny mal wieder an einem Tiefpunkt angekommen, wohnt in einem alten Bauernhaus isoliert von seinen alten Freunden und drückt sich nach wie vor vor einer langfristigen Psychotherapie. (Dr. Utz Anhalt)