Suchtverhalten abgewöhnen: Welche Methoden können helfen?

Ob wir von einer Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit sprechen oder der betreffende Patient beziehungsweise die Patientin einem zwanghaften Konsum von Social Media zum Opfer gefallen ist – jede Sucht folgt relativ einheitlichen Schemata. Der missbräuchliche Konsum wirkt sich immens auf das Verhalten der suchtkranken Menschen aus, belastet Körper, Geist und soziale Beziehungen. In vielen Fällen kann das Ganze sogar richtig gefährlich werden.

Wege aus der Abhängigkeit

Umso wichtiger ist es, die Menschen weitreichend aufzuklären und wirksame Prävention zu leisten, um es möglichst gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Ist dieser Versuch gescheitert, kann es sehr schwierig werden, die angewöhnten Muster zu durchbrechen und sich vom Suchtmittel zu entwöhnen.

Doch es gibt glücklicherweise Wege aus der Abhängigkeit, wie auch Hypnotiseur Ewald Pipper aus Bremen bei seinen Patienten immer wieder miterleben darf. Wie sehen diese Möglichkeiten aus und was kann man selbst bereits aktiv unternehmen?

Wann spricht man von einer Sucht?

Wie das Bundesministerium für Gesundheit aufzeigt, ist die tatsächliche Zahl der Abhängigen in Deutschland gar nicht so niedrig, wie man vielleicht glauben könnte. Denn Fakt ist, dass Sucht in ganz vielen Facetten daherkommt. Es müssen nicht zwangsläufig illegale Drogen oder Medikamente involviert sein. Auch ein gestörtes Essverhalten fällt darunter. Arbeit oder Glücksspiel kann süchtig machen, ebenso wie das Glücksgefühl beim Einkaufen.

Es findet daher nicht unbedingt körperlicher Konsum statt, der süchtig machende „Stoff“ kann auch anderer Natur sein. Der Experte Klaus Wanke drückt es mit diesen Worten anschaulich aus: „Sucht ist ein unabweisbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand.“

Diese Parallelen zeigen sich in den meisten Fällen:

  • Das Suchtmittel wird als falsches Belohnungssystem eingesetzt, um sich nach eigenem Empfinden selbst etwas Gutes zu tun oder negative Gefühle zu überdecken.
  • Es wird ein starker Drang nach dem Suchtmittel empfunden. Die Beschaffung dessen kann zum Lebensmittelpunkt werden, beispielsweise im Falle von Drogenkriminalität.
  • Die Häufigkeit des Konsums gerät außer Kontrolle, der Betroffene hat selbst kein neutrales Bild mehr davon oder verharmlost dieses bewusst.
  • Die Dosis wird kontinuierlich erhöht, um den gewünschten Effekt zu erzeugen. Die körperliche und/oder psychische Abhängigkeit steigt.
  • Das eigene Verhalten ändert sich gravierend und wird mehr und mehr vom Suchtmittel bestimmt. Dies führt zu veränderten Interessen oder zum Verlust sozialer Kontakte und geht bis zum völligen Entgleiten der Kontrolle über das eigene Leben.
  • Klassische Entzugserscheinungen treten auf, die auch rein seelische Qualen darstellen können.

Selbsterkenntnis ist entscheidend

Bevor eine Sucht sich überhaupt erst einschleicht, kann effektiv mit guter Aufklärung vorgebeugt werden. Je besser man über Gefahren und Auswirkungen Bescheid weiß, desto höher ist die Schwelle, sich willentlich den Risiken auszusetzen. Oftmals spielt hier aber eine Fehleinschätzung der eigenen Disziplin entgegen oder die Abhängigkeit entsteht ganz schleichend.

Holzhand ist per Handschelle mit einem Rotweinglas verbunden.
Der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg in ein suchtfreies Leben ist das Eingeständnis der eigenen Abhängigkeit. (Serge Aubert/stock.adobe.com)

Der größte Knackpunkt, um das Problem anzugehen liegt daher tatsächlich darin, sein eigenes Suchtverhalten realistisch wahrzunehmen und dieses bewusst ändern zu wollen. Denn die Sucht führt häufig auch dazu, ihr trotz des Wissens um alle negativen Auswirkungen weiterhin anzuhängen und den entscheidenden Schalter im Kopf nicht umlegen zu wollen oder zu können.

Die Erkenntnis, von einem Suchtmittel fremdbestimmt zu werden, ist bereits der erste entscheidende Schritt. Wer damit offen umgeht und Menschen im eigenen Umfeld involviert, erfährt auch Unterstützung beziehungsweise sogar hilfreichen Druck, der das Abgewöhnen erleichtert (siehe Fachverband Sucht e.V.).

Auch die Ursachen zu definieren ist extrem wichtig. Denn oftmals führt ein suchtartiges Verhalten zum nächsten. Darüber hinaus geht es darum, sich über die wahren Auswirkungen der Sucht auf den eigenen Alltag klar zu werden. Und Ziele zu formulieren, die man stattdessen erreichen möchte.

Was man gegen die Sucht unternehmen kann

Es gibt verschiedene Methoden, der Sucht den Kampf anzusagen. Dabei ist entscheidend, wie stark diese bereits ausgeprägt ist und ob professionelle Hilfe benötigt wird.

  • Ablenkung in unterschiedlicher Form kann eine Möglichkeit sein, weniger an das Suchtmittel zu denken. Eine „Ersatzbefriedigung“ kann Durststrecken überbrücken, beispielsweise indem eine Person mit Fettsucht sich mit einer schönen Unternehmung anstatt dem nächsten vollen Teller belohnt.
  • Meditation schärft das Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und kann helfen, auch ohne Suchtmittel in Einklang mit sich selbst zu kommen.
  • Sport und körperliche Betätigung jeder Art tragen dazu bei, ein neues Körpergefühl zu entwickeln und lösen im Gehirn Glückshormone aus.
  • Die bekannten Auslöser bewusst umgehen und Trigger vermeiden, also bei einer Alkoholsucht einen Bogen um die Kneipe machen. Das kann auch den Abschied von einem schädlichen sozialen Umfeld bedeuten.
  • Hypnotherapie beziehungsweise Hypnose stärkt die Impulskontrolle der süchtigen Person, sobald diese wirklich eine Verhaltensänderung herbeiführen möchte. Gute Ergebnisse gibt es beispielsweise bei starken Rauchern und Menschen mit Essstörungen.
  • Selbsthilfegruppen machen deutlich, mit dem Problem nicht alleine dazustehen und geben viele gute Anregungen. Die Erfolgsgeschichten von Menschen, die ihre Sucht überwunden haben, können eine tolle Motivation sein.
  • Beratungsstellen und professionelle Hilfe in Form von psychologischer und ärztlicher Begleitung.
  • Bei körperlichen Vergiftungs- oder starken Mangelerscheinungen sind häufig ein Entzug beziehungsweise ein klinischer Aufenthalt vonnöten. Weitere begleitende Therapien schließen an.

Es gibt zahlreiche Wege und kein Süchtiger beziehungsweise keine Süchtige muss diesen Kampf alleine austragen. Auch für Familienmitglieder von Betroffenen existieren Hilfsangebote.

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autoren:
Dipl. Sozialwiss. Nina Reese, Barbara Schindewolf-Lensch
Quellen:
  • Prof. Dr. med. Klaus Wanke: Normal - abhängig - süchtig: Zur Klärung des Suchtbegriffs, in: Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (Hrsg.): Süchtiges Verhalten. Grenzen und Grauzonen im Alltag. Schriftenreihe zum Problem der Suchtgefahren, Band 27, Seite 11ff., Hoheneck Verlag, 1985
  • DAK Gesundheit: Studie: So süchtig machen WhatsApp, Instagram und Co. (Abruf: 11.1.2021), DAK
  • Bundesministerium für Gesundheit: Gesundheitsgefahren: Sucht und Drogen (Abruf: 11.1.2021), Bundesministerium für Gesundheit
  • Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Suchtprävention (Abruf: 11.1.2021), BZgA
  • Fachverband Sucht e.V.: Hinweise zu Beratungs- und Behandlungsangeboten (Abruf: 11.1.2021), Fachverband Sucht e.V.
  • Gerhard Scherhorn, Lucia A. Reisch, Gerhard Raab: Addictive Buying in West Germany. An Empirical Study, in: Journal of Consumer Policy, 13 (1990), S. 355 - 387, Springer Link
  • Dirk Revenstorf: Expertise zur Beurteilung der wissenschaftlichen Evidenz des Psychotherapieverfahrens Hypnose, Universität Tübingen, Januar 2003, DGH

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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