Entrümpeln – Hygiene für die Psyche

Ausmisten – Ordnung in der Seele
Aufräumen, Ordung schaffen, Entrümpeln – das schafft nicht nur eine Übersicht über Dinge, sondern auch Struktur in der Psyche. Unsere Wohnung spiegelt das, was wir fühlen, was wir denken, was wir sind – unsere Weltanschauung und die Form, wie wir uns in der Welt bewegen. Ausmisten entrümpelt nicht nur die Wohnung, sondern auch die Psyche. Denn meist hat es psychische Ursachen, wenn wir von Dingen nicht loslassen, die wir nicht brauchen. Die spätkapitalistische Warenproduktion drängt uns, ständig neue Dinge zu kaufen. Wenn wir diese nicht bald wieder entsorgen, steigt der Berg an Gegenständen, die wir horten, unaufhörlich an.

Schmeiße ich es weg, entsorge ich damit einen nützlichen Gegenstand. Behalte ich es, sammelt sich Ballast an. Dieser Widerspruch lässt sich kaum auflösen – es sei denn, ich verzichte auf immer neue Elektronik. Wer sich jedes Jahr ein neues Smartphone, Laptop und Tablet kauft, steht automatisch vor der Frage: Behalte ich das „alte“, was ich nicht mehr nutze, was aber funktioniert?

Ausmisten ist individuell

Die eine Lösung, um auszumisten, gibt es nicht. Menschen sind Individuen, welche und wie viele Dinge ein Mensch um sich schart und sich damit wohlfühlt, ist sehr unterschiedlich. Deshalb lassen sich auch keine starren Regeln von außen vorschreiben, die einen Plan zum Ausmisten für alle bieten.

Vorteile des Entrümpelns

Entrümpeln schafft Platz. Es bringt Übersicht über die Dinge und ermöglicht es, eine Struktur zu schaffen. Es ordnet die Gedanken, weil unser Blick nicht ständig an Unwesentlichem hängen bleibt. Es rückt wertvolle Einzelstücke in den Fokus.

Äußere Ordnung schafft innere Ordnung

Haushalt und Psyche stehen im Wechselspiel. Wenn Sie ihre Wohnung ausmisten, sortieren Sie auch auf anderen Ebenen, was ihnen wichtig und was ihnen unwichtig ist, was Sie in ihrem Umfeld haben wollen und was nicht. Einen Schrank aus- und aufräumen führt so auch dazu, im Kopf und im Leben Angelegenheiten zu klären.

Training für die großen Fragen des Lebens

Auch wenn es sich merkwürdig liest: In den kleinen Handlungen bearbeiten wir dieselben Themen wie im “Game of thrones”: Einen Keller auszumisten bedeutet sich zu entscheiden, zu bewahren und loszulassen, Veränderungen bewusst zu gestalten, Prioritäten zu setzen und ein Ziel zu verfolgen.

Unordnung: Kleidung und Kleiderbügel
Haufenweise Kleidung, die wir nicht mehr anziehen. Es wird Zeit zum Ausmisten! (Bild: Daniela Stärk – fotolia.com)

Dosierte Trauer

Ohne jedes Pathos trainieren wir beim Entrümpeln auch zu trauern. Wir nehmen Abschied, von Dingen, die für uns einmal einen persönlichen Wert hatten. Wenn wir es geschafft haben, den zerlöcherten Pullover von unserer Ex-Freundin wegzuschmeißen, machen wir uns mit etwas vertraut, das uns immer wieder in viel ernsteren Situationen begegnen wird: Wir trauern.

Am Anfang steht der Wille

Generell gilt: Um auszumisten, muss erst einmal die Motivation da sein, die Wohnung (und das Leben) zu entrümpeln. Manche Menschenertragen sowieso keine Ansammlungen von Überflüssigem, andere neigen dazu, Dinge zu sammeln. Bisweilen führt der Krempel zu Belastungen im Alltag, und der Druck auszumisten, wächst. Besser ist es, wenn es dazu gar nicht erst kommt.

Wohnungen sind Chroniken

Viele alte Dinge schmeißen wir nicht weg, weil wir sie mit Erinnerungen verbinden. Oft sind diese positiv, aber wir lösen uns auch von Gegenständen nicht, deren Erinnerungen uns belasten: Stellen Sie eine Liste mit Gegenständen auf, die sie an alte Zeiten erinnern. Schreiben Sie dann dazu, was Sie mit ihnen verbinden. Oft bringt bereits das Aufschreiben Klarheit über die symbolische Bedeutung dieser Dinge. Ist diese aber in der Erinnerung abgespeichert, verlieren viele dieser Dinge ihren Sinn. Sind sie eine sinnvolle Stütze oder ein Klotz am Bein?

Falls Gegenstände an eine Lebensphase erinnern, an die Sie sich erinnern möchten, selektieren sie. Oder machen Sie Fotos.

Selten Gebrauchtes in den Keller

Nicht alle Dinge aus vergangenen Lebensphasen sind sinnlos. Der Keller ist zum Beispiel ein hervorragender Ort für alte Tagebücher und Briefe, also persönliche Schätze, die Sie nicht weg werfen sollten, aber in denen Sie auch nicht täglich darin herum blättern. Außerdem ist hier der Platz für Dinge, die sie selten benutzen: Das Zelt, den Taucheranzug oder die Kettensäge. Im Keller geben Sie die Gegenstände ab, die sie nicht nutzen und schaffen so Platz für das, was Sie selten nutzen.

Ausmisten kann wehtun

Überprüfen Sie, warum ihnen Ausmisten schwer fällt. Wie sieht es mit dem Geld aus, dass Sie ausgegeben haben? Stehen die teuren Sachen dort von Anfang an, weil Sie sie nie einsetzten? Dann war es ein Fehlkauf, und das Geld sowieso rausgeschmissen.

Schaffen Sie Raum für neue Werte

Oder haben die Dinge ihren Wert verloren? Ein zehn Jahre alter PC, dessen Tasten nur mit massivem Fingereinsatz reagieren, hatte vor zehn Jahren vielleicht einen Wert und seinen Dienst erwiesen. Heute tut er es nicht mehr, und damit hat er seinen Wert verloren. Demgegenüber steht der Wert, solche Dinge wegzuwerfen: Sie lenken nicht länger ab, sie versperren nicht den Platz für andere Gegenstände, sie können wieder aus dem Fenster gucken etc..

Tauschen als Regel

Dieses Austauschen kann sogar eine Regel werden, um nicht zu viele Gegenstände zu horten. Überlegen Sie, bei jedem neuen Buch, jedem neuen Stück Kleidung oder jeden neuen DVD, welches alte Gegenstück Sie dafür weg geben können. So frischen sich die Bestände automatisch auf, ohne zu überfrachten.

Erinnerungen

Viele alte Dinge schmeißen wir nicht weg, weil wir sie mit Erinnerungen verbinden. Oft sind diese positiv, aber wir lösen uns auch von Gegenständen nicht, deren Erinnerungen uns belasten: Im Keller steht ein Karton der Ex-Freundin, mit der es unschön auseinander ging. Oder Beziehungen blieben ungeklärt. Oder wir lagern die Hinterlassenschaften eines Freundes, der sich das Leben nahm. Oder der Sohn, mit dem wir uns verkrachten, verließ sein Zimmer ohne aufzuräumen.

Niemand braucht kaputte Kabel

Sofort aussortieren können Sie aber zum Beispiel im Wohnzimmer: Kaputte Kissen und Decken ohne emotionalen Wert, alte ungebrauchte Kabel, alte zerkratzte DVDs und CDs, alte uninteressante Magazine, hässliche Tischdeko, die sie irgendwo versteckt haben, abgelatschte Teppiche.

Verschenken Sie

Falls Dinge für sie zu wertvoll sind, um sie in den Müll zu werfen, aber bei ihnen keinen Platz mehr haben, gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Sie an Menschen zu verschenken, die damit etwas anfangen können.

Geben Sie ab

In vielen Städten stehen heute öffentliche Bücherschränke, in die sie ausgelesene Bücher stellen können, an denen andere Freude haben. Oder Sie geben ihre alten Bücher (in gutem Zustand) in ein Antiquariat. Kleidung, Möbel oder technische Geräte können Sie bei Oxfam, Fairkauf und anderen Sozialkaufhäusern abgeben.

Bewahren statt horten

Sie müssen nicht alles weg schmeißen. Wenn sie aussortieren, konzentrieren Sie sich auf den wirklichen Wert, den diese Erinnerungs-Zeichen für Sie haben: Aus alten Zeitungen können Sie den Artikel heraus schneiden, um den es geht Bei Sammlungen, die einen symbolischen Wert haben, reicht ein Symbol aus, um die Erinnerung wach zu halten.

Was kann sofort weg?

Sofort weg kann Krimskrams: Kugelschreiber, die nicht schreiben, leere Feuerzeuge, abgebrannte Räucherstäbchen, leere Füllerpatronen, verrostete Kartoffelreiben, und das alles mehrfach. Famit schaffen Sie bereits viel Raum.

Andere enttäuschen

Stauen sich bei ihnen Geschenke, die für Sie keinen Wert haben? Haben Sie Angst, andere Menschen zu enttäuschen, wenn Sie den nie getragenen Pullover ihrer Großmutter weg schmeißen? Oder die kitschige Clownsfigur, die Sie von ihrer besten Freundin zum Geburtstag bekamen?

Entrümpelung -Schild und ein Sperrmüllhaufen
Es wird Zeit zum Entrümpeln. Wer überfordert ist, sollte sich für das Ausmisten Hilfe suchen. (Bild: animaflora/fotoliacom)

Wollen Sie diese Dinge nur verschieben und im Keller stapeln, wo Sie wieder Platz weg nehmen? Oder werden Sie zu einer Notlüge greifen, wenn der Schenker fragt, wo das gute Stück hin ist?
Wie fühlt es sich an, die Wahrheit zu sagen? „Ich mochte es nicht.“

Angst vor dem Risiko?

Haben Sie Angst, etwas weg zu schmeißen und es danach zu bereuen? Woher kommt diese Angst? Haben Sie Angst, dass der Gegenstand doch einen Wert hat, den Sie übersehen? Könnte er noch einmal nützlich sein? Beginnen Sie sofort mit Schuhen, die nicht passen, kaputter Kleidung, einzelnen Socken, kaputten Plastikboxen und anderen Dingen, die sich nicht gebrauchen lassen.

Entscheiden Sie sich

Haben Sie Angst vor einer Entscheidung? Entscheidungen bedeuten immer Risiko. Es kann sich immer etwas so wenden, dass Dinge wieder einen Wert bekommen, zum Beispiel, wenn die Beziehung scheitert und Sie ihre zweite Geschirrspülmaschine jetzt gut gebrauchen könnten.

Dieses Risiko können sie ausleuchten. Stellen Sie sich den schlimmsten Fall vor, wenn Sie ohne diese Dinge da stehen.

Würden Sie es vermissen?

Fragen Sie sich: Würde ich diesen Gegenstand vermissen? Ein Tipp: Wenn Sie etwas seit zwei Jahren nicht mehr benutzt haben, vermissen Sie es in der Regel nicht. Achten Sie auf den Ort: Stopfen Sie etwas in die hinterste Schublade, in die sie nie hinein gucken, oben auf dem Küchenschrank oder in der Bettkiste? Das ist ein Zeichen dafür, dass es ihnen nicht wichtig ist.

Dinge, die niemand braucht

Sie brauchen keine vertrockneten Zimmerpflanzen, kaputten Stühle oder löchrigen Körbe. In der Küche sammelt sich besonders viel Krempel an: Sofort weg können abgelaufene Lebensmittel, alte Küchenlappen, zerkratzte Töpfe, kaputte Tassen, Einzelteller, hässliche Gläser; im Schlafzimmer brauchen Sie keine alten ungeliebten Bettbezüge und keine verbogenen Kleiderständer.

Warum hängen wir an Überflüssigem?

Wenn wir klären, was weg kann, klären wir auch innere Konflikte. Stauen sich bei ihnen Geschenke, die für Sie keinen Wert haben? Haben Sie Angst, andere Menschen zu enttäuschen, wenn Sie den nie getragenen Pullover ihrer Großmutter weg schmeißen? Wie fühlt es sich an, die Wahrheit zu sagen? „Ich mochte es nicht.“

Was gehört in den Koffer?

Fragen Sie sich, was Sie praktisch brauchen und was ihnen ideell wichtig ist. Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in die USA und können nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Was wäre das? Welche Dinge wollen, welche müssen Sie ständig um sich haben?

Elementar, sehr wichtig, wichtig

Von dieser Grundliste können Sie ausgehen, Sie als inneren Kreis zeichnen und darum einen zweiten Kreis ziehen, mit Dingen, die ihnen nicht ganz so wichtig sind, aber dennoch einen Wert haben, einen dritten mit unwichtigeren, etc. Schnell kommen Sie dann in die „outer areas“ mit Dingen, die keinen Wer haben, also überflüssig sind. Die können weg.

Organisieren Sie das Entrümpeln

1) Lassen Sie kaputte Dinge, Überflüssiges oder Müll nicht in dunklen Ecken verschwinden. Das verlagert und vergrößert das Problem.

2) Denken Sie nicht über jeden Gegenstand nach, bevor sie ihn weggeben. Dann fällt es ihnen immer schwerer, sich zu trennen, und aus einem großen Krempelhaufen werden viele kleine. .

3) Streichen Sie Nebulöses aus ihren Gedanken. Gehen Sie stattdessen nach einem festen Zeitplan vor: Freitag das Wohnzimmer, Samstag der Keller. Machen Sie einen Termin mit dem Sperrmüll aus und verabreden Sie sich mit der Sozialbetreuerin im Flüchtlingsheim wegen ihren Altkleidern.
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Kreativität gleich Unordnung?

Wer sich Inspirationen aus zehn Büchern holt, bei dem liegt mehr herum als bei jemand, der zu Hause die Wand anstarrt. Wer in einem Stein den Rohstoff für eine Skulptur sieht, in einem alten Putzlappen Stoff für ein T-Shirt oder drei Leinwände mit Farben in Arbeit hat, bei dem sieht es „wilder“ aus als bei jemand, der in seiner Freizeit nur Fernsehen guckt.

Kreatives Chaos auf dem Schreibtisch
Kreatives Chaos. (Bild: Tinatin/fotolia.com

Deswegen sind aber gerade kreative Menschen gut beraten, ihr Material immer wieder zu ordnen: Welche von den zehn Baumwurzeln eignet sich am besten zum Schnitzen? Die anderen können weg.
Wenn eine Arbeit, ein Gemälde, ein Text oder eine Skulptur fertig gestellt ist, genießen Sie den Moment und entsorgen Sie alle Materialien, die Sie jetzt nicht mehr brauchen.

Lagern Sie die Materialien und Werkzeuge für ihre kreative Arbeit an einem speziellen Platz und bringen Sie diese nach dem Werk wieder dorthin zurück.

Behalten Sie den Überblick

Haben Sie erfolgreich entrümpelt? Dann sorgen Sie dafür, dass Sie den Überblick behalten. Sie können sich zum Beispiel Regeln aufstellen wie: Für jedes Buch, das ich neu kaufe, gebe ich ein altes weg. Das gleiche gilt für T-Shirts, CDs und generell Nippes.

Krempel sofort entsorgen

Entsorgen Sie Dinge sofort, die Sie nicht brauchen. Stellen Sie dafür in jedem Zimmer einen Mülleimer auf und machen Sie es sich zur Gewohnheit, die Nachrichten des Kleingartenvereins, die Gratis-Lokalzeitung, und die Fernsehzeitung der nächsten Woche hinein zu werfen.

Täglich aufräumen

Räumen Sie täglich die Sachen von ihrem Schreibtisch. Bringen Sie Sperrmüll zum Wertstoffhof, bevor er sich sammelt. Sagen Sie ihren Freunden und Verwandten deutlich, welche Art von Geschenken Sie nicht brauchen.

Denken Sie beim Einkauf mit

Eine Kunst liegt bereits darin, den Einkauf zu beschränken. Im Urlaub bedeutet das: Ein Souvenir, das ihnen viel bedeutet statt viele kleine, die herumliegen. Oft sind Fotos die besten Eckpfeiler für Erinnerungen – und die passen auf einen USB-Stick.

Entrümpeln schafft Lebenszeit

Wenn wir erfolgreich entrümpelt haben, haben wir gelernt, uns zu entscheiden. Jetzt merken wir, was Zeit bedeutet und lassen nicht mehr die Wochen und Monate dahinfließen, um irgendwann zu merken, dass wir verlorene Zeit nicht nachholen können.

Buchtipp: Das Piratenprinzip

“Das Piratenprinzip: Das Geheimnis für Erfolg und Karriere” von Manfred Schmid, 2018 im Hanser-Verlag erschienen, ruft mit einem Augenzwinkern dazu auf, die Prinzipien von Piraten auf den Alltag und das Unternehmen zu übertragen: Feste Ziele im Blick behalten, Ballast abwerfen, agil bleiben, sich auf das Wesentliche beschränken. Demnach waren Piraten deshalb effektiv, weil sie ihre Kräfte konzentrierten. Heute hieße das: Nicht abschweifen, beim Thema bleiben, und das tun, was wichtig und richtig ist, nicht das, was die Anderen machen. Piratisch zu leben hätte bedeutet, einen schlanken Lebensstil zu führen, denn alles musste auf einem Schiff Platz finden. Piraten hätten einfache Regeln und Strukturen installiert und damit Fehler vermieden, für Transparenz und Klarheit gesorgt. Schmid liefert eine Fülle von Beispielen, wie Sie mit diesen Prinzipien heute erstens entrümpeln können und zweitens erfolgreich werden.(Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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