Engelwurz – Engelwurzbalsam

Die Echte Engelwurz (Angelica archangelica) heißt auch Arznei-Engelwurz, was auf ihre Bedeutung als Heilpflanze verweist. Dem früheren Volksglauben zufolge, sollte sie Pest, Zauber und Gifte abwehren – dabei ist sie selbst schwach giftig. Mediziner alter Zeiten lobten sie in höchsten Tönen, moderne Studien zeigen ein Potenzial gegen Brustkrebs, das Altern der Haut und bakterielle Infektionen. Der Doldenblütler ist in den kühleren Teilen der gemäßigten Breiten bis in die Subarktis Skandinaviens und Russlands häufig vorzufinden.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Angelica archangelica
  • Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
  • Volksnamen: Erzengelwurz, Argelkleinwurzel, Geilwurzel, Artekleewurzel, Cholerawurzel, Engelbrustwurz, Brustwurz, Brustwurzel, Giftwürze, Ledepipenkraut, Lidtpfeiffenkraut, Luftwurzel, Theriakwurzel, Gartenangelik, Dreieinigkeitswurzel, Heiliggeistwurzel, Heiligenwurzen, Glüthenwurzel, Geistwurzel.
  • Verbreitung: kühl-gemäßigtes nördliches Eurasien bis in die Subarktis.
  • Verwendete Pflanzenteile: Früchte, Samen, Kraut, frisches Rhizom und getrocknete Wurzeln.
  • Anwendungsgebiete: Magenkolik, Darmkolik, Völlegefühl, Blähungen, Appetitlosigkeit, in der Volksmedizin besonders gegen Schlafbeschwerden, rheumatische Beschwerden und Neuralgien.

Engelwurz Inhaltsstoffe

Arznei-Engelwurz enthält als Hauptkomponente Oxypentadecenlacton. Hinzu kommen ätherische Öle, bei denen wiederum 15-Oxypentadecentacton den Hauptstoff bildet. Weiterhin verfügt Angelika über verschiedene Cumarine: Angelicin, Bergapten, Imperatorin Osthol, Osthenol, Xanthotoxin, Xanthotoxol und Umbelliprenin.

Angelica enthält ätherische Öle aus über 60 verschiedenen Bestandteilen, außerdem Cumarine wie Angelicin und Bergapten.(Bild: Madeleine Steinbach/adobe.stock.com)

Die ätherischen Öle bestehen besonders aus Monoterpenen, Phellandren und Pinen, insgesamt aus mehr als 60 bisher identifizierten Bestandteilen. Auch Sesquiterpene sind in den Ölen enthalten. Hinzu kommen Angelica- und Kaffeesäure, Fumar- und Chlorogensäure, Flavanone und Harze.

Die Engelwurzsamen enthalten ätherisches Öl, Cumarine und Furanocumarine wie Angelicin, Apterin, Bergapten und Xanthotoxin, das aus den Samen mit Wasserdampf destillierte Öl terpenoide Verbindungen sowie Cumarinderivate. Die oberirdischen Teile der Pflanze bieten ätherisches Öl mit den Hauptkomponenten Myreen, alpha-Phellandren und alpha-Pinen, außerdem Cumarine und Furanocumarine wie Osthol, Osthenol, Umbelliferon und Angelicin.

Angelica – Übersicht

  • Engelwurz, Angelica Archangelica, ist eine alte Heilpflanze – sowohl in der Volksmedizin als auch bei gelehrten Ärzten Europas.
  • Viele unterstellte Wirkungen sind nicht belegbar, andere aber wurden eindeutig bestätigt, und Arznei-Engelwurz hat ein großes Potenzial gegen Hautalterung, bestimmte Viren, Entzündungen und vielleicht sogar gegen Krebs.
  • Engelwurz wird auch in Lebensmitteln verwendet, zum Beispiel in Backwaren und in Getränken wie Sirup und Likör.
  • Obwohl die Pflanze auch zur Nahrung dient, ist sie schwach giftig.
  • Engelwurz selbst zu verarbeiten und zu sammeln muss mit großer Vorsicht geschehen, denn die Pflanze lässt sich sehr leicht mit tödlich giftigem Schierling verwechseln.

Engelwurz in der Medizingeschichte

Angelica galt seit dem Altertum als herausragende Medizinpflanze, wobei pharmakologische Wirkungen und magische Zuschreibungen sich oft überschnitten. Bei den ärztlichen Koryphäen des antiken Ägyptens, Persiens und Griechenlands tauchte sie jedoch nicht auf, denn als Pflanze des Nordens war sie südlich der Alpen kaum bekannt.

Im Mittelalter sollte sie dann die Verdauung anregen (was wissenschaftlich belegt ist), die Bisse tollwütiger Hunde heilen (gegen das Tollwutvirus hilft keine Heilpflanze), die Brust reinigen (was immer damit gemeint war) und Zauber ebenso abwehren wie Gifte. 1500 erwähnte Hieronymus Bruschwig Angelica in seinem „Kleinem Destillierbuch“ und unterschied zwischen der Wildform und der kultivierten Arzneipflanze. Paracelsus schließlich sah das Wurzelöl als Mittel gegen die Tuberkulose, um infektiösen Krankheiten vorzubeugen, Blähungen zu lindern sowie als Schmerzmittel.

Im Mittelalter wurde Engelwurz unter anderem zur Förderung der Verdauung angewendet. Diese Wirkung ist heute wissenschaftlich belegt. (Bild: SENTELLO/stock.adobe.com)

Historische Ärzte verschrieben Engelwurzextrakte bei Schwächesymptomen verschiedener Krankheiten (Hufeland), gegen Lähmungen (Clarus), gegen die Symptome von Ruhr wie Cholera (Kneipp). Die Volksmedizin nutzte Engelwurz besonders gegen Appetitlosigkeit und um die Verdauung anzuregen, um den Magen zu stärken und Krämpfe zu lösen – Wirkungen, die die evidenzbasierte Medizin bestätigt. Engelwurz fand sich auch im „Theriak“, einem Sammelbegriff für Heilsalben, -breie und -tränke, denen oft Opium zugesetzt war, sowie in anderen Heiltränken, die zugleich dazu dienten, sich zu berauschen. Die Grenze zwischen Medizin und Kräuterlikör lässt sich dabei selten scharf ziehen.

Was weiß die heutige Medizin?

Angelikawurzel ist anerkannt als Mittel gegen Appetitlosigkeit und Verdauungsprobleme mit einer Dosis von 10 bis 20 Tropfen des ätherischen Öls pro Tag. Die Furanocumarine sensibilisieren die Haut für UV-Strahlen, fördern also bei starkem Sonneneinfall Sonnenbrand, können umgekehrt aber bei niedrigem Sonneneinfall die Aufnahme der Strahlen verbessern und so Vitamin-D-Mangel vorbeugen.

Engelwurz wirkt gegen Bakterien und antibiotisch, er regt die Produktion des Magensaftes und die Bauchspeicheldrüse an. Die in Engelwurz enthaltenen Wirkstoffe eignen sich, um Schleim zu lösen und sind somit als Mittel gegen Husten, Bronchitis wie Pleuritis geeignet.

Wirkung gegen Brustkrebs?

Eine neue Studie untersuchte mögliche Antitumor-Effekte von Engelwurzextrakt bei Brustkrebs. In vitro und in vivo zeigte sich, dass das in Angelikawurzeln enthaltene Angelicin ein Potenzial hat, Brustkrebszellen zu bekämpfen. Weitere Forschungen sind nötig, um diese pharmakologische Tendenz möglicherweise für die Krebstherapie zu nutzen.

Engelwurzöl wirkt Entzündungen entgegen

Eine weitere Studie erforschte in in-vitro-Modellen die Effekte von Engelwurzöl gegen Entzündungen. Das Ergebnis war, dass hochdosiertes Öl gegen den (Entzündungen begünstigenden) Cytokin-Interleukin-6-Pegel wirkte. Diese Erkenntnis könnte eine Basis sein, um neue Medikamente zu entwickeln, die Entzündungen vorbeugen, ebenso wie dementsprechende neue Nahrungsmittel oder Nahrungsergänzungsmittel.

Wirkung gegen Viren

Antibakterielle Wirkungen von Inhaltsstoffen in Engelwurz sind lange bekannt. Eine neue Studie der Medizinischen Universität Lublin in Polen erforschte 2017 konkret, wie sich ein Dichlormethanextrakt aus den Früchten der Pflanze auf das Herpes simplex Virus-1 und auf Infektionen mit dem Coxsackievirus B 3 auswirkt.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten sowohl den Dichlormethanextrakt wie auch fünf Einzelstoffe der Engelwurz: Xanthotoxin, Bergapten, Imperatorin, Phellopterin und Isoimperatorin, dazu eine Mischung aus Imperatorin und Phellopterin. Die Zytotoxität wurde mit der MTT-Methode gemessen.

Es zeigte sich, dass die isolierten Einzelkomponenten keine signifikanten Auswirkungen hatten. Nur der Extrakt zeigte einen „decrease in the titre of virus in relation to the virus control“. Laut Rajtar folgt daraus, dass echte Engelwurz möglicherweise ein Kandidat ist, um alternative Mittel gegen Herpes simplex-1 zu entwickeln.

Studien lassen vermuten, dass ein Extrakt des Echten Engelwurzes ein vielversprechendes Mittel gegen Herpes Viren sein kann. (Bild: Africa Studio/stock.adobe.com)

Positiver Effekt auf die Hautalterung

Eine medizinische Studie in Korea untersuchte 2016 Effekte von Engelwurz auf die Haut. Konkret ging es um die photoprotektiven Effekte auf den Kollagenabbau bei normalen Hautstrukturen von Menschen, die UVB-Strahlen ausgesetzt sind. Das Ergebnis war: Engelwurz ist eine vielversprechende Pflanze, um das Altern der Haut durch Sonnenstrahlen zu bremsen.

Schädliche Auswirkungen von Engelwurz

Die Furocumarine sind phototoxisch und sie können, ähnlich dem Wiesen-Bärenklau und der Herkulesstaude, die Haut entzünden – zu den Symptomen gehören Schmerzen, Rötungen, allgemeine Schwäche und ein Krankheitsgefühl. Der Saft der frischen Pflanze kann bei empfindlicher Haut zu einer Hypersensitivität gegenüber Sonnenlicht führen, die dann eine Angelicadermitis auslöst, und das bedeutet ein hohes Sonnenbrandrisiko. Engelwurz ist schwach giftig. Beim Konsum größerer Mengen der Wurzel und besonders der konzentrierten Öle kann es zu Vergiftungen kommen.

Verwechslungsgefahr

Weitaus gefährlicher als eine Vergiftung durch Engelwurz selbst ist die Verwechslung mit toxischen Pflanzen. Engelwurz wächst auf feuchten Wiesen, in Wäldern und an Uferböschungen. Das Habitat überschneidet sich mit dem des Wasserschierlings, und der ist tödlich giftig. Ebenso wie Sie niemals Champignons sammeln sollten, ohne die Unterschiede zum weißen Knollenblätterpilz genau zu kennen, sollten Sie auf gar keinen Fall Engelwurz sammeln, ohne ihn zu 100 Prozent vom Wasserschierling unterscheiden zu können. Beide Pflanzen sehen sich sehr ähnlich. Am besten erkennen lässt sich Engelwurz am Geruch. Der Schierling riecht nach Moder aus verfaulenden Pflanzen, Angelica süß nach Sellerie.

Engelwurz als Hausmittel

Engelwurz ist erstens schwach giftig und lässt sich zweitens leicht mit dem tödlichen Schierling verwechseln. Deswegen gilt für Engelwurz als Hausmittel ein Vorbehalt: Nur in kleinen Mengen verwenden und nur verzehren, wenn eine Verwechslung mit Schierling absolut ausgeschlossen ist. Dann lässt sich Engelwurz vielseitig einsetzen, in Säften, in Sirup, Likör, Tee oder Ölen.

Für einen Tee zerkleinern Sie einige Wurzeln, geben Sie diese in kaltes Wasser, lassen alles kurz aufkochen und zehn Minuten ziehen. Sie trinken jeweils eine kleine Tasse circa 30 Minuten vor den Mahlzeiten. Dieser Tee hilft gegen Probleme mit der Verdauung, Blähungen und fehlenden Appetit.
Ein klassisches Rezept ist Angelikawein. Hier geben Sie circa 50 Gramm klein geschnittene Wurzeln in einen Liter Weißwein. Sie lassen die Wurzeln zwei Tage im Wein ziehen, geben dann zwei Gramm Anissamen hinzu und lassen alles noch einmal zwei Tage ziehen. Dann seihen Sie die Wurzeln ab. Von dem Wurzelwein trinken Sie jetzt jeden zweiten Tag einen Esslöffel, um die Verdauung zu stabilisieren.

Bei Verdauungsproblemen kann ein Tee beziehungsweise ein Wein aus Angelica-Wurzeln helfen. (Bild: zcy/stock.adobe.com)

Engelwurzbalsam

In Apotheken erhältlich ist Engelwurzbalsam. Dieser besteht aus pflanzlichen Ölen von Engelwurz, Majoran und Thymian, dazu Bienenwachs und Johanniskrautöl. Er ist ein anerkanntes Mittel gegen Schnupfen. Er soll besonders gut verträglich sein und wird deshalb auch bei Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt, um Erkältungen zu behandeln und vorzubeugen sowie die entzündeten Nasenschleimhäute zu entlasten.

Eine heilige Pflanze

Engelwurz ist nur einer der christlichen Namen dieses Doldenblütlers. In St. Gallen ist sie bekannt als Heiliggeistwurzel oder Heiligenwurzel. Andere Namen verweisen auf die alte Tradition, Angelica als Heilpflanze einzusetzen. So hieß sie im Mittelhochdeutschen Brustwurz oder Cholerawurzel, andernorts Theriakwurzel. Der schlesische Begriff Lidtpfeiffenkraut bezieht sich darauf, dass die Menschen aus ihren Stängeln Flöten herstellten.

Wo kommt Engelwurz vor?

Angelica archangelica ist natürlich verbreitet in Nord- wie Osteuropa, bis nach Nordamerika, Grönland, Sibirien und in den Himalaya hinein. In den Niederlanden und Deutschland ist sie ebenso heimisch wie in Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und Russland, im Baltikum sowie in Weißrussland, in der Ukraine und in den Staaten des Kaukasus. Auf dem Balkan besiedelt sie Serbien und Kroatien, in Mittelosteuropa Tschechien und die Slowakei. Sie liebt nährstoffreiche Tonböden, die zeitweise überschwemmt werden und war ein typischer Bewohner der heute nur noch in Resten vorkommenden Auwälder.

Fazit

Engelwurz war nicht nur wichtig in der Volksmedizin. Antivirale wie antientzündliche Wirkungen werden durch moderne Studien belegt. Beim eigenen Sammeln und Zubereiten sollten Sie darauf achten, nur kleine Mengen zu verwenden, da Angelica selbst leicht giftig ist. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Peter Keil: Ökologie der gewässerbegleitenden Agriophyten Angelica archangelica ssp. litoralis, Bidens frondosa und Rorippa austriaca im Ruhrgebiet, Borntraeger Verlag, 1999
  • Petra Lehrnbecher: Engelwurz und Teufelsdreck: Zur Lexikographie der Heilpflanzen in Wörterbüchern des 16.-18. Jahrhunderts, Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 1995
  • D. Fraternale et al.: The In Vitro Activity of Angelica archangelica L. Essential Oil on Inflammation. In: Med Food. 2018 Aug 29. doi: 10.1089/jmf.2018.0017, PubMed
  • C. R. Oliveira et al.: Medicinal properties of Angelica archangelica root extract: Cytotoxicity in breast cancer cells and its protective effects against in vivo tumor development, in J Integr Med. 2019 Mar;17(2):132-140. doi: 10.1016/j.joim.2019.02.001. Epub 2019 Feb 8, PubMed
  • B. Rajtar et al.: Antiviral effect of compounds derived from Angelica archangelica L. on Herpes simplex virus-1 and Coxsackievirus B3 infections, in Food Chem Toxicol. 2017 Nov;109(Pt 2):1026-1031. doi: 10.1016/j.fct.2017.05.011. Epub 2017 May 6, PubMed
  • Z. Sun et al.: Angelica archangelia Prevented Collagen Degradation by Blocking Production of Matrix Metalloproteinases in UVB-exposed Dermal Fibroblasts, in Photochem Photobiol. 2016 Jul;92(4):604-10. doi: 10.1111/php.12595. Epub 2016 Jun 3, PubMed

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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