Aphasie – Sprachstörung & Kommunikationsstörung

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ICD-Codes für diese Krankheit: F80, R47 ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.

Aphasie: Eine zentrale Störung der Sprache

Als Aphasien werden erworbene, zentrale Sprachstörungen bezeichnet, die durch Schädigungen eingegrenzter Hirnareale auftreten, insbesondere nach Schlaganfällen. Je nach betroffenem Bereich kommt es zu ganz unterschiedlichen Störungsmustern und Begleiterscheinungen, die den Betroffenen die Kommunikation erschweren. Unter günstigen Bedingungen und bei einem guten Therapieerfolg sind die Störungen (teilweise) reversibel. Die genaue Ausprägung und auch der Verlauf sind dabei aber sehr individuell. Meist sind ältere Erwachsene betroffen, seltener kommt es auch zu kindlichen Aphasien zum Beispiel nach einer Unfallverletzung am Gehirn.


Ein kurzer Überblick

Was versteht man unter einer Aphasie? Wodurch treten Aphasien auf? Und was erwartet die Betroffenen? Die wichtigsten Fakten zu diesen Fragen fasst die folgende Übersicht kurz zusammen, während ausführliche Informationen im nachstehenden Artikel zu finden sind:

  • Definition: Eine Aphasie ist eine erworbene, zentral bedingte Sprachstörung, die aufgrund einer umschriebenen Hirnschädigung auftritt. Der Begriff bedeutet „fehlende Sprache“, wobei in der Regel keine Sprachlosigkeit entsteht, sondern unterschiedliche Beeinträchtigungen aller Sprachmodalitäten. Betroffene weisen Defizite im Bereich des Sprechens, Verstehens, Lesens und Schreibens auf.
  • Ursachen: Eine Aphasie tritt hauptsächlich nach einem Schlaganfall auf. Meistens liegt ein ischämischer Hirninfarkt vor, verursacht durch einen Gefäßverschluss. Aber auch Hirnblutungen können ursächlich sein, sowie andere lokal begrenzte Hirnverletzungen und Hirnerkrankungen.
  • Verlauf und Prognose: Alle einzelnen Fälle und damit auch der Verlauf und die Prognose sind sehr individuell, so dass keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden können. Eine Aphasie ist grundsätzlich und unter günstigen Umständen (teilweise) reversibel und therapierbar. Der jeweilige Therapieerfolg und die Dauer hängt von vielen Faktoren ab.
  • Diagnose: Während einige Testverfahren eine Einstufung der Sprachstörung und Bestimmung des Schweregrads als Momentaufnahme ermöglichen, verfügen Sprachtherapeuten weiterhin über sensible und individuell angepasste Methoden, um eine Aphasie genau zu diagnostizieren, die Entwicklung zu beobachten und die Betroffenen entsprechend zu behandeln.
Wenn plötzlich kein verständliches Wort mehr herauskommt, kann eine Aphasie vorliegen. (Bild: deagreez/fotolia.com)

Definition: Aphasie als erworbene Sprachstörung in allen Modalitäten

Aphasien sind häufige neuropsychologische Syndrome, die aufgrund unterschiedlicher umschriebener Hirnschädigungen durch einen Verlust oder durch Defizite im Bereich der vollständig erworbenen Sprache gekennzeichnet sind. Aus dem Griechischen abgeleitet setzt sich das Wort aus der Vorsilbe „a“ (fehlend) und aus dem Begriff „phasiz“ (Sprache) zusammen. In der Regel handelt es sich aber nicht um einen kompletten Sprachverlust, sondern um unterschiedliche Beeinträchtigungen aller vier Sprachmodalitäten: Sprachproduktion, Sprachverständnis, Lesen und Schreiben. Das bedeutet, dass alle Fähigkeiten der Sprache nicht mehr richtig arbeiten und die zuvor im Gedächtnis gespeicherten Regelprozesse und Systeme, die für jede sprachliche Äußerung notwendig sind, den Betroffenen in unterschiedlichem Ausmaß nicht mehr zur Verfügung stehen. Aphasien sind also Störungen der Sprachbildung, der Spracherinnerung und des Sprachverständnisses.

Normalerweise arbeiten die Sprachmodalitäten eng und abgestimmt zusammen. Liegt eine Aphasie vor, schreiben und sagen Betroffene beispielsweise etwas anderes als die denken, oder sie lesen laut etwas anderes vor als sie mit den Augen aufnehmen. Auch wird oftmals nicht wahrgenommen und gehört, was selbst gesagt wird. Dies bezeichnet man als Parallelitätsstörung.

Aphasische Störungen betreffen die Teilbereiche der Sprache in unterschiedlichem Ausmaß, wodurch es zu vielen unterschiedlichen Formen und Symptomen kommt. So können zum Beispiel Schwierigkeiten in der Wortfindung, Grammatik, Satzbildung und Lautbildung bestehen, die sich sowohl im Sprechen als auch im Schreiben bemerkbar machen. Dabei kann es vorkommen, dass Betroffene sich kaum mehr oder nur unvollständig und stockend äußern können oder aber fließend sprechen mit vielfach falschen und entstellten Wörtern und Sätzen. Und auch das Verstehen kann deutliche Defizite aufweisen.

Eine häufig angewandte Klassifikation der verschiedenen Aphasieformen unterscheidet dabei zwischen der schwerwiegendsten Form, der globalen Aphasie und der leichtesten Form, der amnestischen Aphasie. Weitere näher beschriebene Formen sind die sogenannte Broca-Aphasie (motorisch) und die Wernicke-Aphasie (sensorisch).

Eine aphasische Störung bedeutet nicht nur Defizite im Sprechen, denn auch das Verstehen, Lesen und Schreiben stehen im Zusammenhang und können bei einer Hirnschädigung mit betroffen sein. (Bild: radachynskyi/fotolia.com)

Begleitstörungen

Zusammen mit einer Aphasie treten häufig noch andere Störungen auf. So kann beispielsweise auch die Koordination von Bewegungsabläufen, inklusive der Stimmgebung und Atmung (Dysarthrie und Dysarthrophonie), die für die Sprechvorgänge notwendig sind, beeinträchtigt sein.

Bei einer begleitenden Apraxie, ist die Planung von Bewegungen und Bewegungsfolgen beeinträchtigt, so dass beispielsweise bei einer Sprechapraxie einzelne Laute nicht richtig und nicht zeitgerecht produziert werden. Auch können bei einer Apraxie die Mund- und Gesichtsmuskulatur oder die Gliedmaßen betroffen sein, so dass alltägliche Bewegungen und Handlungen eingeschränkt sein können.

Neben den Störungen, die vorrangig die Sprache betreffen, kann es aufgrund der vorliegenden Hirnschädigung auch zu weiteren Begleiterscheinungen kommen, wie etwa Wahrnehmungs- und Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsschwächen, Lähmungen einer Körper- und Gesichtshälfte (Hemiplegie und Fazialisparese) oder ein halbseitiger (oft rechtsseitiger) Gesichtsfeldausfall (Hemianopsie). Mit jeder weiteren der genannten Störungen vermindert sich die Kompetenz, sprachlich und nichtsprachlich, etwa mittels Gestik und Gesichtsausdruck, zu kommunizieren.

Häufig berichten Angehörige auch von Stimmungsschwankungen und Persönlichkeitsveränderungen der Betroffenen. Dabei ist es oft unklar, ob dies als eine direkte Folge der Hirnschädigung oder eine sekundäre Reaktion auf die sich veränderte Lebenssituation anzusehen ist. Denn in Anbetracht der Bedeutung von Sprache und Kommunikation in zwischenmenschlichen Beziehungen, sei es beruflich oder privat, hat eine Aphasie nicht selten weitreichende psychosoziale Folgen.

In jedem Fall stellt die Aphasie eine mehr oder weniger große Veränderung sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen und die nächste Umgebung dar. Bedeutsam für den Alltag und für die (Sprach-) Therapie ist die Tatsache, dass bei mehrsprachigen Aphasikern die Muttersprache am ehesten erhalten bleibt.

Eine Sprachstörung mit verschiedenen Begleiterscheinungen kann zu einer sehr belastenden Lebenssituation führen. (Bild: Jonas Glaubitz/fotolia.com)

Abgrenzung zu anderen Sprachstörungen

Wichtig ist, dass man nur von einer Aphasie spricht, wenn bereits erworbene Sprache verloren geht. Dies stellt einen entscheidenden Unterschied zu anderen und vor allem angeborenen Sprachstörungen dar. Im Gegensatz zu den Sprachproblemen, die bei einer angeborenen Gehörlosigkeit oder Taubstummheit vorliegen, ist bei einer Aphasie noch ein umfangreiches sprachliches Wissen im Langzeitgedächtnis vorhanden. Das Abrufen und Einsetzen dieses Wissens ist allerdings beeinträchtigt.

Auch tritt eine Aphasie aufgrund einer auf bestimmte Hirnareale begrenzten Schädigung der dominanten Hemisphäre auf, nicht aber bei diffusen Erkrankungen des Gehirns, die in Folge auch zu Sprachstörungen führen können. Bei solchen generalisierten Störungen, wie etwa bei einer Demenz, ist nicht das Sprachsystem betroffen, sondern Störungen im Bewusstsein, in der Wahrnehmung und im Denken äußern sich auch in der Sprache.

Prinzipiell kann eine Aphasie auch bei Kindern und Jugendlichen auftreten, beispielsweise nach Unfällen mit Hirnverletzungen. Dies ist aber nur selten der Fall. Es ist wichtig die Aphasie von einer Sprachentwicklungsverzögerung abzugrenzen, die bei Kindern auftreten und in der Symptomatik ähnlich sein kann. In den verschiedenen Therapieansätzen zeigt sich der elementare Unterschied der Sprachstörungen. Während bei einem Kind mit Sprachentwicklungsstörung die Sprache schrittweise aufgebaut und erweitert wird, bemüht man sich bei Erwachsenen mit einer Aphasie das noch vorhandene Sprachwissen zu mobilisieren und wieder nutzbar zu machen.

Häufigkeit

Das quantitative Vorkommen von Aphasien ist noch wenig bekannt. In Deutschland rechnet man mit rund 50.000 neuen Fällen von Aphasie nur aufgrund von Schlaganfällen. Da viele Aphasien auch langjährig bestehen bleiben, wird die Prävalenz auf 70.000 bis 80.000 Fälle in Deutschland geschätzt.

Grundsätzlich können Menschen aller Altersklassen von einer Aphasie betroffen sein, wobei hauptsächlich (ältere) Erwachsene an dieser erworbenen Sprachstörung leiden. Nach Angaben des Bundesverbands Aphasie e.V. tritt in Deutschland jährlich bei etwa 3000 Kindern und Jugendlichen eine Aphasie auf, insbesondere als Folge eines Schädel-Hirn-Traumas.

Als Hauptursache für eine Aphasie gilt der ischämische Schlaganfall aufgrund einer Gefäßverstopfung. (Bild: sakurra/fotolia.com)

Ursachen

Bei etwa 80 Prozent der Hirnverletzungen, die eine Aphasie verursachen, handelt es sich um einen Schlaganfall (Apoplex) und damit verbundene Schädigungen. Damit stellen Schlaganfälle die Hauptursache für aphasische Störungen. In den allermeisten Fällen (circa 85 Prozent) sind ischämische Hirninfarkte ursächlich, die sogenannten weißen Schlaganfälle. Dabei kommt es zu einer Gefäßverengung, die eine Minderversorgung mit Sauerstoff und Glukose bestimmter arterieller Bereiche des Gehirns zur Folge hat. Häufig wird dies durch eine sogenannte Thromboembolie ausgelöst, bei der ein Thrombus (Blutgerinnsel) zum Beispiel aus dem Herzen im Blut mitgeschwemmt wird und an anderer Stelle im Gehirn einen Gefäßteil oder einen gesamten Gefäßast verschließt.

Weitaus seltener (etwa 15 Prozent) handelt es sich um einen Schlaganfall aufgrund einer Hirnblutung, bei der beispielsweise ein durch Arteriosklerose vorgeschädigtes Gefäß platzt und ins Gehirn einblutet. Aber auch andere Gefäßerkrankungen können dabei eine Rolle spielen.

Andere seltene Ursachen für eine Aphasie sind Schädelverletzungen aufgrund von Unfällen (Schädel-Hirn-Trauma), Hirntumore, andere Hirnerkrankungen oder auch Operationen, die zu Schädigungen in der dominanten Hemisphäre führen.

Meistens ist die linke Hirnhälfte die dominante Seite, auf der die Sprache programmiert und bereitgestellt wird. Diese wird durch drei große Arterien mit Blut versorgt. Die wichtigste ist die Arteria cerebri media (mittlere Gehirnschlagader), die auch die für die Sprache wichtigen Hirnareale versorgt. Bei den Schlaganfällen der linken Hemisphäre ist vorzugsweise genau dieses Versorgungsgebiet betroffen, was dann als Mediainfarkt bezeichnet wird. Die Größe und die genaue Lokalisation der dabei entstehenden Läsion bedingen zu einem großen Teil die Ausprägung und auch die Prognose der Sprachstörung.

Verlauf und Prognose

Eine Reihe von verschiedenen Faktoren spielt eine Rolle dabei ob, in wie weit und in welchem Zeitraum eine verlorengegangene Sprachfähigkeit wiedererlangt werden kann. Prinzipiell haben die Ursache und der Schweregrad der Störung einen bedeutenden Einfluss auf die Genesung und den Therapieerfolg. So haben Betroffene mit anfänglich nur leichten Sprachdefiziten meist eine bessere Chance auf eine vollständige Rehabilitation, als Betroffene mit einer schweren Form. Dennoch ist ein günstiger Verlauf auch bei schwerwiegenden Aphasien möglich.

Wovon letztendlich der Therapieerfolg abhängt und in welchem Zeitraum Fortschritte gemacht werden können, ist immer individuell abhängig von der persönlichen Situation und dem genauen Erscheinungsbild inklusive möglicher Begleiterscheinungen (physisch und psychisch). Keine Aphasie ist mit einer anderen direkt zu vergleichen und es ist größte Vorsicht geboten, bei Aussagen zu möglichen Therapiedauern. Fest steht, je früher eine Therapie einsetzt, desto besser sind die Erfolgsaussichten.

Ein möglichst frühzeitiger Therapiebeginn und ein gutes soziales Umfeld, mit einfühlsamen und informierten Angehörigen, unterstützt die Rehabilitation und Rückgewinnung der Sprache. (Bild: seventyfour/fotolia.com)

Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie haben mehr als 60 Prozent der überlebenden Betroffenen mit einer anfänglichen Aphasie nach einem halben Jahr keine Sprachstörung mehr. Bei etwa einem Drittel normalisieren sich die Störungen sogar in den ersten vier Wochen weitgehend, was als Spontanrückbildung bezeichnet wird. Weitere Studien weisen darauf hin, dass innerhalb eines Jahres nach Auftreten die verbleibenden Kommunikationsstörungen noch weiter zurückgehen. Aber auch über das erste Jahr hinaus können noch Fortschritte erreicht werden.

Diagnose

Zur Diagnostik und zur Bestimmung des Schweregrades stehen in der akuten sowie postakuten Phase verschiedene Tests zur Verfügung, wie der Token-Test, der Aachener Aphasie-Bedside-Test (AABT) und der Aachener Aphasie-Test (AAT). Diese Tests sind allerdings als Momentaufnahme zu betrachten und liefern keine vollständig gültigen Ergebnisse. Da die Störungsmuster von vielen Faktoren abhängen, stark variieren und sich entwickeln, sind solche Testergebnisse laufend zu ergänzen und zu überprüfen. Die Einstufungen können helfen bessere Prognosen abzugeben und die Behandlungsmöglichkeiten entsprechend anzupassen.

Oft werden solche Tests erst durchgeführt, wenn die Betroffenen physisch und psychisch stabil genug sind für solch einen belastenden Leistungsnachweis. In der professionellen Sprachtherapie, als zentrales Element jeder Aphasie-Behandlung, werden in aller Regel weitere behutsame und persönlich abgestimmte Methoden zur genauen Diagnostik und für eine individuelle Therapieplanung eingesetzt. (jvs, cs)

Autor:
Dr. rer. nat. Corinna Schultheis
Quellen:
  • Lutz, Luise: Das Schweigen verstehen: Über Aphasie, Springer, 4. überarb. Auflage, 2011
  • Masuhr, Karl F. / Masuhr , Florian / Neumann, Marianne: Neurologie, Thieme, 7. Auflage, 2013
  • Huber, Walter / Poeck, Klaus / Springer, Luise: Klinik und Rehabilitation der Aphasie: Eine Einführung für Therapeuten, Angehörige und Betroffene, Thieme, 2006
  • Schneider, Barbara / Wehmeyer, Meike / Grötzbach, Holger: Aphasie: Wege aus dem Sprachdschungel, Springer, 6. Auflage, 2014
  • Deutscher Bundesverband für akademische Sprachtherapie und Logopädie e.V.: Informationsbroschüre Aphasie (Abruf: 26.06.2019), dbs-ev.de
  • Revenstorf, Dirk (Hrsg.), Peter, Burkhard (Hrsg.): Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin: Manual für die Praxis, Springer, 3. überarb. und akt. Auflage, 2015
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN): S1 Leitlinie Rehabilitation aphasischer Störungen nach Schlaganfall, Stand: September 2012, dgn.org
  • Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V.: Aphasie (Aufruf: 26.06.2019), aphasiker.de
  • Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe: Formen und Auswirkungen der Aphasie (Aufruf: 26.06.2019), schlaganfall-hilfe.de
  • Mayo Clinic: Aphasia (Aufruf: 26.06.2019), mayoclinic.org

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.