Biotinmangel – Anzeichen, Auswirkung und Vorbeugung

Dr. Utz Anhalt
Biotin ist ein B-Vitamin, genauer das Vitamin-B7, auch Vitamin H genannt. Es wird von den Proteinen Streptavidin und Avidin gebunden und löst sich im Wasser. Dieser Stoff ist wesentlich für den Fettstoffwechsel und für den Eiweiß- und Kohlenhydratausgleich im Körper sowie für die Balance des Blutzuckers. Biotinmangel zeigt sich in rissiger Haut, Muskelschmerzen und ständiger Erschöpfung. Ernste Symptome wie Hörverlust oder psychische Störungen können folgen. Das Wichtigste in Kürze:

  • Biotin kann der Körper nicht selbst produzieren, sondern wir nehmen es über die Nahrung auf.
  • Biotin ist notwendig für diverse Körperfunktionen wie Nervensystem, Stoffwechsel, Haut und Haare.
  • Biotinmangel führt deshalb zu einer Vielfalt von Symptomen.
  • Biotinmangel lässt sich durch Zufuhr von Vitamin B 7 heilen.

Wie wirkt Biotin?

Ohne Biotin können wir Fettsäuren, Aminosäuren und Glukose kaum umsetzen. Wenn wir also Fett, Proteine und Kohlenhydrate mit der Nahrung aufnehmen, lassen sich diese ohne Biotin nicht in den „Treibstoff“ für den Körper und das Gehirn umsetzen. Biotin spielt außerdem eine wesentliche Rolle für den Aufbau der Haare und der Haut. Daher rührt der alte Name: Vitamin H.

Biotin löst sich im Wasser, es fließt mit dem Blut, und wir scheiden die überschüssigen Mengen mit dem Urin aus. Es gibt also keinen Biotinspeicher im Körper und wir müssen uns das Vitamin immer wieder zuführen.

Biotin ist wesentlich für den Fettstoffwechsel und für den Eiweiß- und Kohlenhydratausgleich im Körper. Es ist auch ein wichtiges Vitamin für Haut und Haare – daher der Name Vitamin H. (Bild: Микола Ковальчинськи/fotolia.com)

Wer ist von Biotinmangel bedroht?

Biotinmangel tritt selten auf. Eine erhöhte Gefahr besteht bei Menschen, die dauerhaft Arzneien gegen Krämpfe oder Antibiotika einnehmen und Menschen, die an Verdauungskrankheiten wie Morbus Crohn oder dem Leaky-Gut-Syndrom leiden. Außerdem sind häufig Menschen betroffen, die generell an Mangelernährung leiden und sich zu wenig Nährstoffe durch unzureichende oder einseitige Kost zuführen.

Senioren

Ältere Menschen essen oft weniger. Sie sollten daher besonders drauf achten, genug Biotin aufzunehmen. Gerade Älteren fällt ein Biotinmangel häufig nicht auf, denn dessen Leitsymptome wie trockene Haut und Haarausfall oder körperliche Erschöpfung sind auch typische Erscheinungen des alternden Körpers.

Sportler

Wer viel Sport treibt und/oder gestresst ist, braucht mehr Biotin, um die Zellen zu reparieren. Kommen jetzt noch fehlender Schlaf und psychische Belastung hinzu, steigt der Bedarf noch mehr und es kommt leicht zu einem Mangel des Vitamins.

Zigaretten und Alkohol

Rauchen senkt den Biotinspiegel, Alkohol stört die Verdauung. Beide Drogen führen also zu einem höheren Bedarf an Biotin.

Wer viel Sport treibt oder gestresst ist, braucht mehr Biotin, um die Zellen zu reparieren. Kommen jetzt noch fehlender Schlaf und weitere psychische Belastungen hinzu, steigt der Bedarf noch mehr und es entsteht leicht ein Mangel an Vitamin H. (Bild: Robert Kneschke/fotolia.com)

Symptome

Erste äußere Symptome eines Biotinmangels sind trockene Haut, brüchiges Haar, Haarausfall und dünnes Haar. Haare verfärben sich. Hinzu kommen Probleme mit der Verdauung, Leistungsschwäche, kognitive Beschwerden, Anämie, psychische Labilität und fehlender Appetit. Vermehrte Infektionen als Folge des geschwächten Immunsystems können ebenfalls auf Biotinmangel hindeuten. Oft leiden die Betroffenen unter Depressionen, verbunden mit Schlaflosigkeit. Um Auge, Mund wie Genitalien kann sich ein roter Hautausschlag bilden. Sehstörungen treten auf und der Urin verändert seinen Geruch. Da Proteine nicht mehr transformiert werden, folgen Muskelschmerzen wie bei einem Muskelkater, Muskelkrämpfe, Nervenschäden und neuronal bedingte Schmerzen, ein Prickeln in den Gliedmaßen, oft von Taubheitsgefühlen begleitet.

Längerfristiger Biotinmangel ist ernst: Dauerhafte psychische Schäden können die Folge sein, ebenso permanenter Hörverlust. Bei Kindern treten bisweilen Entwicklungsstörungen auf, bei Schwangeren sind Geburtsfehler des Neugeborenen möglich.

Bei Erwachsenen ist die körperliche Entwicklung zwar abgeschlossen, dennoch muss der Organismus die Zellen regenerieren und schützen und der Stoffwechsel funktionieren. Da Biotin auf den Gesamtorganismus einwirkt, betreffen die beschriebenen Symptome verschiedenste Bereiche der Körpers: Blut, Gewebe, Gehirn, Haut, Haare und Nerven.

Blutdruck

Ein Mangel an Biotin führt zu niedrigem Blutdruck. Ist ihr Blutdruck bereits zu gering, kann der Abfall dazu führen, dass das Gehirn nicht mit Sauerstoff versorgt wird: Sie verlieren das Bewusstsein.

Körpergewebe

Vitamin B 7 steuert das Zellwachstum. Ohne Biotin wird das Gewebe schwächer und/oder verändert sich.

Haare

Biotin spielt eine wesentliche Rolle beim Aufbau und Wachstum von Haaren und Nägeln. Fehlt es, bröckelt die Haarstruktur, Haare werden brüchig, dünn und fallen aus. Nägel werden spröde und reißen. Die Haare bleichen aus.

Biotin spielt eine wesentliche Rolle beim Aufbau und Wachstum von Haaren und Nägeln. Fehlt es, bröckelt die Haarstruktur, Haare werden brüchig, dünn und fallen aus. (Bild: DDRockstar/fotolia.com)

Haut

Biotin ist das Vitamin für Haut und Haare. Ohne Vitamin B 7 wird die Haut blass, rötet sich und schuppt, schwillt an, juckt und kann Infektionen kaum noch abwehren. Wunden verheilen langsamer. Auch die Schleimhäute trocknen aus und entzünden sich.

Immunsystem

Ein Biotinmangel wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus. Pilze und Bakterien können einfach eindringen und Krankheiten auslösen.

Leistungsfähigkeit

Biotinmangel führt zu einer generellen Abnahme der Leistungsfähigkeit, körperlich wie geistig: Betroffene fühlen sich chronisch erschöpft, abgeschlagen und demotiviert. Psychisch geht dies oft mit depressiven Stimmungen einher.

Das Nervensystem

Bei langfristigem Biotinmangel leidet das Nervensystem – es kommt zu Lähmungen und anfallartigen Krämpfen.

Stoffwechselaktivität

Biotin trägt zur Bildung von Stoffwechselenzymen bei. Fehlt es, dann werden Nährstoffe nicht mehr hinreichend umgesetzt. Ein plötzlicher und rapider Gewichtsverlust ist die Folge.

Symptome bei Kindern

Bei Kindern sind die Symptome anders als bei Erwachsenen, da Biotin bei der Zellteilung mitwirkt und somit die Entwicklung des Körpers beeinflusst. Bei Embryos, Säuglingen und Kleinkindern ist ein Biotinmangel ungleich gefährlicher als bei Erwachsenen. Ein genetisch bedingter Biotinmangel steht in engem Zusammenhang mit autistischem Verhalten. Kleinkinder, die unter starkem Biotinmangel leiden, können sich geistig wie körperlich kaum entwickeln.

Wie Erwachsene bekommen Kinder Störungen des Stoffwechsels, wenn es ihnen an Biotin fehlt. Die Störungen des Nervensystems führen bei Kindern ebenfalls zu Krämpfen, können aber im heranwachsenden Körper zudem die Entwicklung verzögern. Haare und Haut zeigen die gleichen Symptome wie bei Erwachsenen.

Vorsicht: Bei Embryos und Kleinkindern kann Biotinmangel auch zu dauerhafter Schwerhörigkeit und mangelnder Sehkraft führen.

Bei Kindern sind die Symptome anders als bei Erwachsenen, da die Entwicklung des Körpers beeinflusst wird. Bei Embryos und Kleinkindern kann Biotinmangel beispielsweise zu dauerhafter Schwerhörigkeit und mangelnder Sehkraft führen. (Bild: Robert Przybysz/fotolia.com)

Die „Egg White Injury“

Biotin wurde entdeckt, als Forscher eine Krankheit untersuchten, die nach dem Verzehr von rohen Eiern auftrat. Die Betroffenen litten an Haarausfall, Hautausschlag und Nervenstörungen. In der Leber fanden die Wissenschaftler den heute als Biotin bekannten Stoff. Bei ungekochten Eiern bindet Avidin, eines der Proteine im Eiweiß, das Vitamin B 7 und der Körper geht leer aus.

Biotinmangel bei Schwangeren

Jede zweite Schwangere hat niedrige Biotinwerte. Das liegt daran, dass der wachsende Fötus einen hohen Bedarf an Vitamin B 7 hat, weil dieses notwendig ist für die Teilung der Zellen. Die meisten der Frauen mit niedrigen Werten zeigen keine Symptome eines Biotinmangels. Aber Vorsicht: Geburtsfehler können auftreten. Bei einer Versorgung mit Vitaminpräparaten steigt der Spiegel schnell wieder an.

Biotin zur Vorbeugung

Ein ausgeglichener Biotinspiegel beugt brüchigen Nägeln vor, zumindest, wenn wir die effektiven Therapien von Huferkrankungen bei Pferden zur Basis nehmen. Er lindert das Risiko für Diabetes, Haarausfall und Herzkrankheiten, fördert die Wundheilung und stärkt das Nervensystem.

Wann sprechen wir von Biotinmangel?

Ein Mangel an dem „Haut- und Haarvitamin“ verläuft schleichend und bleibt deshalb oft unbemerkt. Bei weniger als 0,1 Mikrogramm pro Liter Körperflüssigkeit sprechen wir von einem Biotinmangel, der ärztlicher Hilfe bedarf. Bei weniger als 0,199 Mikrogramm liegt eine Unterversorgung vor, die möglicherweise behandelt werden muss, bei circa 0,6 Mikrogramm ist der Biotinwert gut.

Wie kommt es zu Biotinmangel?

Entscheidend für den Biotinspiegel sind der Gehalt in der Nahrung, der individuelle Bedarf, die Aufnahme durch den Körper und mögliche Krankheiten. Der Körper produziert kein Biotin, wir müssen es uns also zuführen. Biotinmangel ist oft die Folge von einseitigen Diäten, Essstörungen wie Bulimie oder Anorexie und er tritt bei Bodybuildern auf, die rohe Eier schlucken und damit das Vitamin binden.

Der Tagesbedarf für Erwachsene liegt bei 30 bis 60 Mikrogramm, erhöht sich aber durch Schwangerschaft, Stillen, Sport, körperliche Tätigkeit, Stress oder Rauchen. Bei Verdauungsbeschwerden nimmt der Körper nicht hinreichend Vitamin B 7 auf, bei chronisch entzündlichen Darmkrankheiten, einem genetisch bedingten Biotinidasemangel wird das Biotin entweder schlecht absorbert oder ungenügend transportiert. Nierenschwäche und übermäßiger Harndrang sorgen dafür, dass der Körper vermehrt Biotin ausscheidet.

Ungewollte Folgen nach einer Schwangerschaft

Manche Frauen klagen darüber, dass nach Kindsgeburt und Stillzeit ihre Haare dünner werden. Ursache ist häufig eine Unterversorgung mit Biotin in dieser Zeit. Die gute Nachricht: Auch, wenn die Haare dünner werden oder sogar ausfallen, lässt sich das durch einen Ausgleich des Biotinspiegels rückgängig machen.

Biotinmangel selbst erkennen?

Einen Biotinmangel können Sie kaum selbst erkennen. Die Symptome können diverse andere Ursachen haben, besonders andere Mängel an Mineralien und Vitalstoffen. Vermuten Sie eine Unterversorgung an Biotin bzw. anderen Stoffen, dann lassen Sie sich ärztlich untersuchen. Hierbei wird in der Regel sowohl das Blut als auch der Urin untersucht. Treten in beiden Körperflüssigkeiten zu niedrige Biotinwerte auf, dann ist das ein sicheres Zeichen.

Behandlung

Biotinmangel lässt sich durch Zufuhr von Biotin beheben. Dafür verabreicht der Arzt Kapseln, Tabletten oder Injektionen. Injektionen sind nur bei einer starken Unterversorgung nötig.

Biotinmangel vorbeugen

Biotinmangel ist relativ selten, da Menschen, die sich ausgewogen ernähren und nicht unter den spezifischen Krankheiten leiden, mit dem Essen genug Vitamin B 7 aufnehmen. Günstig sind Nüsse, Vollkorngetreide, Gemüse, Hefe, Meeresfrüchte und Innereien. Verzichten Sie auf rohe Eier, auch in Form von Eiklar. Reduzieren Sie das Rauchen. Durch Zigarettenrauch scheiden Sie vermehrt Biotin mit dem Urin aus. Ein gesunder Lebensstil beugt Biotinmangel ebenfalls vor. Entspannen Sie sich, schlafen Sie ausreichend und überlasten sich nicht körperlich.
Im Unterschied zu anderen Vitaminen haben Sie bei Biotin keine Probleme mit Überdosierungen, da B 7 den Körper mit dem Urin verlässt, wenn kein Bedarf besteht. Insofern gibt es auch keine Probleme, wenn Sie vorbeugend Biotinpräparate zu sich nehmen.

Biotinmangel ist bei einer ausgewogenen Ernährung relativ selten, da mit dem Essen genug Vitamin B 7 aufgenommen wird. Günstig sind z. B. Nüsse, Vollkorngetreide, Gemüse, Hefe, Meeresfrüchte und Innereien. (Bild: airborne77/fotolia.com)

Welche Lebensmittel enthalten viel Biotin?

Biotin ist besonders in Trockenhefe, Sojabohnen, Haferflocken, Walnüssen, Wildreis, Spinat, Blumenkohl, Avocado, Champignons, Tomaten, Himbeeren, Bananen, Milch, Rinderleber und Nieren sowie Eigelb vorhanden.

Biotinkapseln für die Schönheit?

In den letzten Jahren boomte der Markt für Biotin-Kapseln, um Haare zum Glänzen zu bringen und die Nägel zu stärken. Das ist nicht falsch: Biotin hilft, wenn die Haare brüchig werden und ihren Glanz verlieren oder ausfallen. Glauben Sie aber nicht an die Quacksalber-Versprechen vom Wundermittel. Ihre Haare glänzen mit zusätzlichem Biotin nicht über das Normalmaß hinaus – aus einem einfachen Grund: Mit Biotinkapseln gleichen Sie einen vorhandenen Biotinmangel aus. Überschüssiges Vitamin B 7 sorgt aber nicht für noch prächtigere Haare oder noch schönere Nägel, sondern verlässt ihren Körper auf der Toilette. (Dr. Utz Anhalt)
Fachliche Aufsicht: Barbara Schindewolf-Lensch (Ärztin)