Taoismus – Entstehung, Philosophie und medizinische Bedeutung

Der Taoismus ist eine alte, fernöstliche – genauer gesagt chinesische – Philosophielehre, die jedoch gerade im letzten Jahrzehnt auch immer mehr Fans in der westlichen Welt erlangt hat. Gerade wenn es um medizinische und ernährungsbezogene Richtlinien geht, scheinen immer mehr Menschen auf die taoistische Lehre zu vertrauen und sich deren Prinzipien zu eigen zu machen – und dies mit bisweilen erstaunlichem Erfolg. Doch was steckt hinter dieser Lehre, und wie kann man sie erfolgreich in den persönlichen Alltag integrieren? Wer diese Fragen beantwortet haben möchte, der muss mitunter gut lesen und Inhalte deuten können, denn chinesische Philosophie ist nun wirklich keine leichte Kost für den Laien. Um es Interessenten aber ein wenig einfacher zu machen, haben wir die wichtigsten Kernbegriffe und Schriften zum Thema Taoismus nachstehend für sie erläutert.

1. Entstehung des Taoismus

Wer verstehen möchte, wie der Taoismus funktioniert, der muss sich zunächst ein wenig mit der Geschichte dieses Begriffes beschäftigen. Denn die taoistische Lehre entstand nicht über Nacht, sondern war vielmehr das Gemeinschaftswerk zahlreicher Denker und Gelehrter, die jeweils dieser Philosophie über Tausende von Jahren ihr ganzes Leben widmeten. Zwei Bücher gelten hierbei als Grundmanifeste des Taoismus.

Der Taoismus oder Daoismus ist eine chinesische Philosphie, die im Laufe vieler Jahre und mithilfe vieler Denker und Gelehrter entstanden ist. (Bild: hjschneider/fotolia.com)

1.1 Yijing (易經) – Das Buch der Wandlungen

Einen wichtigen, schriftlichen Vorläufer der taoistischen Lehre stellte das sogenannte „Yijing“ oder „I Ging“ dar, das schätzungsweise um 3000 v. Chr. entstand und als ältester klassischer Text der chinesischen Literatur gilt. Die darin enthaltenen Hexagramme beschäftigen sich in philosophischer Weise mit der Frage, wie der Mensch in einem Kosmos, in dem die Dinge stetig im Wandel sind, seinen Weg finden kann.

Niedergeschrieben ist das Yijing in 64 Hexagrammen, wobei 32 davon das genaue Kehrbild der anderen 32 darstellen. Die Hexagramme gehen ihrerseits aus einer unterschiedlichen Anordnung von je zwei Trigrammen hervor, die wiederum aus einer Kombination von durchgehenden (festen und lichten) und beziehungsweise oder unterbrochenen (weichen und dunklen) Linien bestehen. Die individuelle Anordnung der Trigramme ergibt infolge verschiedene Figuren, welche Kräfte, Aufgaben, familiäre Situationen, Charaktereigenschaften, Fähigkeiten, Handlungen oder politische Situationen wiedergeben.

Die 64 Hexagramme des Yijing

 

Hexagramm Nr. Bedeutung Schriftzeichen Pīnyīn
01 Das Schöpferische qián
02 Das Empfangende kūn
03 Die Anfangsschwierigkeit chún
04 Die Jugendtorheit méng
05 Das Warten
06 Der Streit sòng
07 Das Heer shī
08 Das Zusammenhalten
09 Des Kleinen Zähmungskraft 小畜 xiǎo chù
10 Das Auftreten
11 Der Friede taì
12 Die Stockung
13 Gemeinschaft mit Menschen 同人 tóng rén
14 Der Besitz von Großem 大有 dà yǒu
15 Die Bescheidenheit qiān
16 Die Begeisterung
17 Die Nachfolge suí
18 Die Arbeit am Verdorbenen
19 Die Annäherung lín
20 Die Betrachtung guān
21 Das Durchbeißen 噬嗑 shì kè
22 Die Anmut
23 Die Zersplitterung
24 Die Wendezeit
25 Unschuld 無妄 wú wàng
26 Des Großen Zähmungskraft 大畜 dà chù
27 Die Ernährung
28 Des Großen Übergewicht 大過 dà guò
29 Das Abgründige kǎn
30 Das Feuer
31 Die Einwirkung xián
32 Die Dauer héng
33 Der Rückzug dùn
34 Des Großen Macht 大壯 dà zhuàng
35 Der Fortschritt jìn
36 Die Verfinsterung des Lichts 明夷 míng yí
37 Die Sippe 家人 jiā rén
38 Der Gegensatz kúi
39 Das Hemmnis jiǎn
40 Die Befreiung xìe
41 Die Minderung sǔn
42 Die Mehrung
43 Der Durchbruch guài
44 Das Entgegenkommen gòu
45 Die Sammlung cùi
46 Das Empordringen shēng
47 Die Bedrängnis kùn
48 Der Brunnen jǐng
49 Die Umwälzung
50 Der Tiegel dǐng
51 Das Erregende zhèn
52 Das Stillehalten gèn
53 Die Entwicklung jiàn
54 Das heiratende Mädchen 歸妹 gūi mèi
55 Die Fülle fēng
56 Der Wanderer
57 Das Sanfte xùn
58 Das Heitere dùi
59 Die Auflösung huàn
60 Die Beschränkung jíe
61 Innere Wahrheit 中孚 zhōng fú
62 Des Kleinen Übergewicht 小過 xiǎo gùo
63 Nach der Vollendung 既濟 jì jì
64 Vor der Vollendung 未濟 wèi jì

Schon an der Bedeutung der Hexagramme lässt sich erkennen, dass es im Buch der Wandlungen trotz mathematischer Darstellung des Textes relativ abstrakt bis spirituell zugeht. Denn auch wenn das Yijing keinen konkreten Schöpfer des Universums nennt, so spielen zumindest Schöpferkräfte und deren unabänderlicher Mechanismus eine essenzielle Rolle. Diese Schöpferkräfte sind gemäß dem Buch der Wandlungen als konträre Impulse zu verstehen, die sich unweigerlich ablösen müssen, um die kosmische Dynamik, den natürlichen Kreislauf aller Dinge, zu bewahren.

Die berühmte Auffassung, dass Leben und Tod, Licht und Schatten, weibliche und männliche Aspekte des Kosmos unzertrennlich miteinander verbunden sind, obwohl sie gegensätzlicher nicht sein könnten, findet also schon in diesem äußerst frühen Werk der Antike konkreten Ausdruck. Zudem zeichnet das Yijing auch ein sehr detailliertes Bild davon, nach welchen Regeln die Mechanismen dieser paradoxen Einheit ablaufen. Zusammengenommen erinnern all diese Inhalte stark an den Charakter eines Tarots. Und tatsächlich sind die Hexagramme einer alten chinesischen Form des Wahrsagens, nämlich der komplexen Numerologie des Schafgarbenorakels, entnommen.

In Anbetracht des hochphilosophischen Inhalts ist es nicht verwunderlich, dass das Buch der Wandlungen im chinesischen Kaiserreich von Geistlichen, Gelehrten, Künstlern, Medizinern, Politikern und Wissenschaftlern gleichermaßen geschätzt und mitunter sogar als Ratgeberlektüre bei schwierigen Lebensfragen angesehen wurde. Mehr noch, diente das Yijing doch Herrschern und militärischen Befehlshabern als Orakelbuch bei schwierigen politischen und strategischen Angelegenheiten. Und auch heute noch ist das Buch der Wandlungen für viele eine wertvolle philosophische Literatur, und dies weit über die Grenzen Chinas und Asiens hinaus. Einige gehen sogar soweit, das Yijing selbst als ein spirituelles Wesen zu verstehen, das dem Fragesteller wie ein Lehrmeister in Buchform durch das Vermitteln der Gesetzmäßigkeiten natürlicher Wandlungszyklen Erkenntnis über eine geheime Weltformel für den Lauf der Dinge gibt. Dabei spielt das Studium der bucheigenen Bildersprache und Symbolik eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Erkenntnis. Nur wer sich intensiv mit dem Yijing auseinandersetzt, wird dessen Sprache und Botschaft irgendwann vollständig entschlüsseln können.

„Der Weg ist das Ziel.“

– Konfuzius –

Über den Verfasser des Yijing wird und wurde stets viel spekuliert. Traditionellerweise wird als Erschaffer der Grundsätze des Buches der mythologische Urkaiser Fu Xi (伏羲) genannt. Verschiedene Könige und Gelehrte sollen dem ursprünglichen Buch der Wandlungen dann über die nächsten zwei Jahrtausende weitere Elemente hinzugefügt haben. Ungeachtet des tatsächlichen Verfassers lässt sich jedoch sagen, dass dem Taoismus ohne das Yijing eine entscheidende Grundlage fehlen würde und eine weitere Entstehung durch zeitgenössische Philosophen deutlich erschwert worden wäre.

Die Hexagramme zur Weissagung des Yijing entstammen dem Scharfgabenorakel, heute in vereinfachter Form häufig mit Stäbchen anstatt Pflanzenstielen der Schafgarbe durchgeführt. (Bild: Monika Wisniewska/fotolia.com)

1.2 Daodejing (道德經) – Das Buch vom Weg und seiner Wirkung

Der Begriff Daoismus oder Taoismus leitet sich von dem chinesischen Wort dàojiā ab, welches übersetzt „Lehre des Weges“ bedeutet. Konkrete Ausformulierung fand der Daoismus oder Taoismus während der Zhou Dynastie, die im antiken China von 1040 v. Chr. bis 256 v. Chr. bestand hatte und als Zeit besonders grausamer und blutiger Kriege gilt. Die Ära war geprägt von Machtstreitigkeiten unter den damals noch nicht vereinten Herzogtümern und Lehen des chinesischen Reiches und hatte zur Folge, dass sich viele Philosophen Gedanken darüber machten, wie sich das Land in einen friedlicheren und geordneten Zustand überführen ließe.

Vor allem in der Zeit der Frühlings- und Herbstannalen (春秋時代, Chūnqiū Shídài), mit denen die dynastische Zeitspanne in China von 722 v. Chr. bis 481 v. Chr. beschrieben wird, sowie in der Zeit der Streitenden Reiche (戰國時代, Zhànguó Shídài) von 475 v. Chr. bis 221. v. Chr. sah man dabei den Aufstieg einiger philosophischer Lehren, die das Land für immer verändern sollten und deren Vorreiter bis heute legendär sind. Die Rede ist von

  • Laozi bzw. Lao Tse (老子, Alter Meister),
  • Kong Fuzi bzw. Konfuzius (孔子, Meister Kong),
  • Liezi (列 子, Meister Lie),
  • Mengzi (孟子, Meister Meng),
  • Mo Zi (墨子, Meister Mo)
  • und Zhuangzi (莊子, Meister Zhuang).

Als Begründer des Taoismus im Speziellen gilt hierbei Lao Tse, dessen Schriftensammlung „Daodejing“ – in älteren Fassungen auch Tao Te King genannt – Weisungen zur Schaffung des Weltfriedens durch ein Leben im Einklang mit sich selbst und der eigenen Umwelt enthält. Genauer gesagt kann das Daodejing als eine Empfehlung an die damaligen Herrscher der Zhou-Dynastie zur Etablierung einer humanistischen Staatsform betrachtet werden, um die im Lande grassierende Armut und Gewalt zu beseitigen.

Wissenswertes: Lao Tses Gedanken hierzu wurden später von Liezi und Zhuangzi aufgegriffen und teilweise stark umgedeutet. So verzichten beide Philosophen zum Beispiel auf die Zielsetzung des Weltfriedens in politischen Angelegenheiten. Ob dies eine Schutzmaßnahme war, um die eigenen Überzeugungen vor dem Zorn der Obrigkeiten zu bewahren und so dem Exil zu entgehen, bleibt ungeklärt.

„Als er siebzig war und war gebrechlich
Drängte es den Lehrer doch nach Ruh
Denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu.
Und er gürtete den Schuh.“

Um den Entstehungsprozess des Daodejing ranken sich, wie schon im Falle des Yijing, viele Vermutungen. Es soll von Lao Tse verfasst worden sein, kurz bevor er selbst das Land aufgrund der zunehmenden Konflikte verließ. Ein biographischer Aspekt, der zu Zeiten des zweiten Weltkriegs insbesondere den deutschen Lyriker Bertolt Brecht inspirierte. Er selbst war 1930 aufgrund der gewaltsamen Herrschaft durch die Nationalsozialisten, denen seine kritischen Werke ganz und gar nicht gefielen, dazu gezwungen, nach Dänemark ins Exil auszuwandern. 1938 schrieb er dort das berühmte Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Es gibt die gängigste Version zur Entstehung des Daodejing wieder, wobei die Geschichte zuvor schon in Brechts Prosastück „Die höflichen Chinesen“ von 1925 verarbeitet wurde. Hier beschreibt er die Entstehung des Daodejing wie folgt:

„Laotse hatte von Jugend auf die Chinesen in der Kunst zu leben unterrichtet und verließ als Greis das Land, weil die immer stärker werdende Unvernunft der Leute dem Weisen das Leben erschwerte. […] Da trat ihm an der Grenze des Landes ein Zollwächter entgegen und bat ihn, seine Lehren für ihn, den Zollwächter, aufzuschreiben, und Laotse, aus Furcht unhöflich zu erscheinen, willfahrte ihm. Er schrieb die Erfahrungen seines Lebens in einem dünnen Buche für den höflichen Zollwächter auf und verließ erst, als es geschrieben war, das Land seiner Geburt.“

In seinem späteren Gedicht zollt Brecht dem hiesigen Zöllner deshalb ausdrücklich Dank, hat er Lao Tse doch dazu bewogen, seine Weisheiten niederzuschreiben, ehe er ins Exil verschwand.

„Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.“

Was aus diesem Abschnitt von Lao Tses Biographie ganz klar hervorgeht, ist ein entscheidendes Prinzip der taoistischen Philosophie, das im Daodejing immer wieder betont wird: Vermeide Konfliktsituationen. Die Enthaltsamkeit, insbesondere wenn es um das Vermeiden von Streitigkeiten geht, spielt in der taoistischen Weltanschauung nach Lao Tse eine zentrale Rolle. Stattdessen solle man den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen und sich diesem Lauf lieber durch Nichthandeln anschließen als gegen die Natur zu handeln. Der Taoismus kennt für diese Haltung sogar einen Begriff, nämlich Wu wei (無為) – Die Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns. Dem Wu wei zufolge ist Handeln durch Nicht-Handeln der Schlüssel zur Gewaltlosigkeit und somit zum Frieden. Geschäftigkeit, Stress und das Suchen von Konfrontation hingegen tragen zur Entstehung von Streit, Konflikten und somit zu Disharmonie bei.

„Wer gut zu führen weiß,
ist nicht kriegerisch.
Wer gut zu kämpfen weiß,
ist nicht zornig.
Wer gut die Feinde zu besiegen weiß,
kämpft nicht mit ihnen.“

– Lao Tse, Kapitel 68 des Daodejing –

Lao Tse gilt als Begründer des Taoismus. Hier im Bild eine der größten Statuen in Quanzhou, China. (Bild: bbbar/fotolia.com)

2. Die taoistische Philosophie

Das philosophische Konzept des Taoismus bildet gemeinsam mit dem Buddhismus und Konfuzianismus die sogenannten „Drei Lehren“ Chinas, wo die Triade dieser Weltanschauungen besser bekannt ist als Sānjiào (三教). Aufgrund ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung gibt es in China kaum einen gesellschaftlichen Bereich, der nicht von diesen drei Lehren geprägt wurde. Am wichtigsten ist hierbei der Einfluss auf:

  • Chemie,
  • Ernährungslehre,
  • Geographie,
  • Kampfkunst,
  • Kunst,
  • Literatur und Philosophie,
  • Medizin,
  • Musik,
  • Politik
  • und Wirtschaft.

Vor allem die taoistischen Ernährungs- und Medizinkonzepte trugen diesbezüglich auch wesentlich zur Entstehung der Traditionellen Chinesischen Medizin (中醫, hōngyī) bei, lieferte die Lehre doch sämtliche Grundlagen für TCM-Disziplinen wie die Akupunktur, Feng Shui oder Qi Gong. Auch die psychische Gesundheit wird in der Traditionellen Chinesischen Medizin entscheidend nach Kriterien der taoistischen Lehre betrachtet, denn nur ein Geist, der nach taoistischem Verständnis im harmonischen Gleichgewicht ist, ist gesund. Da sich im Taoismus aber auch kosmologische Überzeugungen wiederfinden, fällt eine Unterscheidung zwischen dem Taoismus als (Gesundheits-)Philosophie und Taosimus als Religion oftmals sehr schwierig. Nichtsdestotrotz muss, insbesondere mit Blick auf medizinische Aspekte, zwischen zwei Hauptformen der Lehre differenziert werden:

  1. philosophischer Daoismus / Daojia (道家, dào jiā)
  2. und religiöser Daoismus / Daojiao (道教, dào jiào).

Für medizinische Zwecke hat hierbei logischerweise der philosophische Daoismus Priorität, auch wenn es essenzielle Begriffe gibt, die für beide Formen des Taoismus ihre Gültigkeit haben.

Taoistische Ernährungs- und Medizinkonzepte trugen wesentlich zur Entstehung von TCM-Disziplinen wie zum Beispiel Akupunktur bei. (Bild: hjschneider/fotolia.com)

2.1 Das Dao / Tao (道)

Den Wortstamm des Begriffes Taoismus bildet das Wort tao oder dao. Es kann sowohl „Weg“ oder „der rechte Weg“ als auch „Methode“, „Prinzip“ oder „Sinn“ bedeuten, was bereits aufzeigt, wie vielseitig sich die Lehre des Weges deuten lässt. Auf der einen Seite ist hiermit der tatsächliche Lebensweg gemeint, den jeder Mensch zu beschreiten hat. Er ist von verschiedenen Phasen geprägt, die es zu meistern gilt, wobei jede Phase bestimmte Lehrsätze für den „Wanderer“ bereithält. Auf der anderen Seite beschäftigt sich der Taoismus aber nicht nur mit Lektionen, die es während der Beschreitung dieses Lebensweges zu verinnerlichen gilt, sondern auch mit den Prinzipien und Methoden, die diesen Lebensweg überhaupt erst entstehen lassen. Eine sehr abstrakte Definition also, die durch das Konzept der „zehntausend Dinge“ noch komplexer wird.

„Das Tao, das sich mit Worten beschreiben lässt, ist nicht das wahre Tao.“

– Lao Tse –

Als zehntausend Dinge versteht der Taoismus den Kosmos mit all seinen paradoxen Gegensätzen, also dem Werden und Vergehen, Sein und Nichtsein, Materie und Antimaterie, Ordnung und Unordnung. Nach Lao Tse entsteht aus dem Dao zunächst die Einheit, aus dieser die Zwei, aus der Zwei wiederum die Drei. Erst die Drei bringt infolge schließlich die Welt der zehntausend Dinge hervor. Diese sind zu allem Überfluss auch noch ständig im Wandel, was es nur noch unmöglicher macht, sie in greifbare Worte zu fassen. Es lässt sich sagen, dass Dao in gewisser Weise ein Überbegriff für die mannigfaltigen, naturgesetzmäßigen Zusammenhänge des Kosmos ist, welche sich nur schwer in Worte fassen lassen. Dabei muss auch bedacht werden, dass die Naturgesetze zur Zeit der Entstehung des Daoismus noch nicht so explizit erforscht waren wie sie es heute dank naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Chemie, Physik oder Astronomie sind. Es fiel taoistischen Philosophen wie Lao Tse also denkbar schwer, die kosmischen Gesetzmäßigkeiten in Worte zu fassen, was im Übrigen auch in der Moderne noch ein relativ schwieriges Unterfangen ist.

„Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da,
so still, so einsam.
Allein steht es und ändert sich nicht.
Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht.
Man kann es nennen die Mutter der Welt.
Ich weiß nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als Dào.“

– Lao Tse, Kapitel 25 des Daodejing –

So komplex wie die kosmische Struktur im Großen ist nach taoistischer Auffassung auch das Individuum im Kleinen, was vor allem mit Blick auf die Gesundheit eine wichtige Rolle spielt. Wie ein Stein, der nach Berührung der Wasseroberfläche sich ausbreitende Wellen auf ebendieser erzeugt, können schon die geringsten Störfaktoren eine unglaubliche Auswirkung auf das komplexe Geflecht des Körpers haben. Es gilt deshalb, dieses Geflecht in seinem natürlichen Zustand zu erhalten und vor schädlichen Einflüssen von außen zu bewahren. Ein zentraler Begriff ist diesbezüglich der harmonische Fluss des Qi.

2.2 Das Qi (氣)

Als Qi wird im Taoismus die Energie bezeichnet, die den Kosmos und alles Leben darin erfüllt. Wörtlich auch oft mit „Atem“ oder „Äther“, im chemischen und physikalischen Bereich auch mit „Luft“, „Gas“ oder „Dampf“ übersetzt, stellt das Qi jene ungreifbare kosmische Kraft dar, welche den Lauf der Dinge maßgeblich bestimmt. Diesen natürlichen Lauf der Dinge zu akzeptieren und zu folgen, ist nach taoistischer Überzeugung essenziell für eine harmonische Balance. Das gilt auch für die Traditionelle Chinesische Medizin, in der das Qi die körpereigene Lebensenergie symbolisiert. Nur ein ungestörter Qi-Fluss kann dabei auch vollständige Gesundheit garantieren, wohingegen ein gestörter Qi-Fluss zu Krankheiten und seelischem Ungleichgewicht führt.

Zur Behebung etwaiger Dysbalancen, beziehungsweise zum Erhalt eines gesunden Qi-Flusses, gibt es in der TCM verschiedene Praktiken, die wir Ihnen im Abschnitt „Taoismus in der Alltagspraxis“ näher erläutern. An dieser Stelle soll aber genügen zu erwähnen, dass der Qi-Fluss durch die sogenannten Meridiane (經絡, jīngluò), die energetischen Leitbahnen des Körpers, bestimmt wird. Um deren Funktion zu verstehen, ist es wichtig, ein weiteres Element, oder besser gesagt die fünf Elemente der taoistischen Lehre, zu kennen. Diese Fünf-Elemente-Lehre, hat im Taoismus sogar einen eigenen Namen: Wǔxíng.

Qi bezeichnet im Taoismus die alles durchströmende Energie. Der Qi-Fluss im Körper wird durch die Meridiane (energetische Leitbahnen) bestimmt. (Bild: Pixelrohkost/fotolia.com)

2.3 Wǔxíng (五行)

Fünf Elemente gibt es in zahlreichen spirituellen Konzepten. Allerdings sind die fünf Elemente im Taoismus nicht wie so oft als elementare Partikel, sondern als Aspekte jener Wandlungsphasen zu verstehen, von denen schon im Buch der Wandlungen die Rede ist. Außerdem weichen auch die Elemente an sich, welche im westlichen Kulturkreis zumeist von Feuer, Wasser, Erde, Luft und dem Äther gestellt werden, im taoistischen Konzept etwas ab. So scheiden Äther und Luft – in der westlichen Elementarlehre für gewöhnlich zwei separate Elemente – im Taoismus völlig aus den fünf Elementen aus, da sie bereits gleichsam mit dem Qi bezeichnet sind. Des Weiteren folgen die Elemente in der taoistischen Lehre in einem Kreislauf aufeinander, der sich ähnlich wie nach westlichen Standards zwar mit den Jahreszeiten gleichsetzen lässt, hier jedoch fünf anstatt vier Abschnitte hat. Beschreiben lässt sich dieser Kreislauf wie folgt:

  • Wasser (水, shuǐ) – Den Ausgangspunkt der elementaren Wandlungsphasen bildet im Taoismus das Wasser. Es gilt als Ruhepol und symbolisiert den Winter. Hier legt die Flora eine Vegetationspause ein und das Leben zieht sich weitestgehend in geschützte Bereiche zurück. Es ist die Zeit des In-sich-Gehens, der Geist reflektiert und das Wasser gefriert aufgrund der kalten Temperaturen zu Eis.
  • Holz (木, mù) – Holz ist nach traditionellem Verständnis im Alltag unerlässlich, um das Herdfeuer vorzubereiten. Auch in der Fünf-Elementen-Lehre kommt Holz eine vorbereitende Rolle zu, mit Blick auf die Jahreszeit Frühling. Es ist somit dem Vorfrühling zugeordnet, wo das Eis zu schmelzen beginnt, das Leben in der Natur langsam wiedererwacht, die Temperaturen allmählich wärmer werden und die Pflanzen sich auf die bevorstehende Blütezeit, den Höhepunkt der Vegetationsphase, vorbereiten.
  • Feuer (火, huǒ) – Aus dem Holz wird das Feuer entfacht. Dieses steht im taoistischen Elementarkreislauf deshalb für den jahreszeitlichen Abschnitt von Spätfrühling bis Hochsommer. Die Flora sprießt jetzt üppig und in bunter Vielfalt. Die Pflanzen zeigen ihre Blüten in voller Pracht und strecken sich der Sonne entgegen, deren Wärme nun deutlich spürbar wird. Temperaturen und Vegetationszyklus stehen jetzt im Zenit und somit auch die Wandlungsphasen.
  • Erde (土, tǔ) – Der Spätsommer bedeutet zwar das langsame Schwinden der Blütenpracht in der Natur, jedoch setzt zeitgleich auch die Fruchtbildung der Pflanzen ein. Es findet eine Umwandlung, eine Metamorphose des Lebens statt, deren ureigener Antrieb aus der Erde kommt. Die Evolution selbst entstammt der Erde, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass dieses Element die Zeit der Fruchtbildung markiert.
  • Metall (金, jīn) – Nach Ihrer Bildung, müssen sich Früchte im Laufe des Reifeprozesses zunächst ausdefinieren. Es entstehen filigrane Strukturen, wobei die strukturelle Beschaffenheit im Taoismus mit der des Metalls assoziiert wird. Früchte und Getreide müssen sich festigen, kräftigen, bevor eine Ernte möglich ist. Diese muss danach konzentriert und gelagert werden, damit sie den Menschen auch im Winter, der erneuten Ruhephase der Natur, Nahrung spenden kann.
Die fünf Elemente, Wasser, Holz, Feuer, Erde und Metall, folgen in der taoistischen Lehre in einem Kreislauf aufeinander. (Bild: markus dehlzeit/fotolia.com)

Die Symbolik der fünf taoistischen Elemente ist auch für die Meridiane des Körpers wichtig, welche den Qi-Fluss leiten. Davon gibt es insgesamt zwölf Stück, die neben den verschiedenen Elementen gleichzeitig auch verschiedenen Emotionen, Gewebeschichten, Organen und Sinnesorganen zugeordnet werden. Die Organzuordnung stellt diesbezüglich auch gleichzeitig den Namen bzw. den jeweiligen Funktionskreis des Meridians dar, selbst eine bestimmte Tageszeit, in der jeweils ein Meridian für zwei Stunden seinen elementaren Zenit erreicht.

Die 12 Meridiane

 

Meridian Abk. Emotion Sinnesorgan Gewebe Element Uhrzeit
Blase Bl Angst Ohr Knochen Wasser (水) 15 – 17h
Niere Ni Angst Ohr Knochen Wasser (水) 17 – 19h
Perikard Pe Freude Zunge Blut Feuer (火) 19 – 21h
3facher Erwärmer 3E Freude Zunge Blut Feuer (火) 21 – 23h
Gallenblase Gb Wut Auge Muskel Holz (木) 23 – 01h
Leber Le Wut Auge Muskel Holz (木) 01 – 03h
Lunge Lu Trauer Nase Haut Metall (金) 03 – 05h
Dickdarm Di Trauer Nase Haut Metall (金) 05 – 07h
Magen Ma Sorge Lippen Bindegewebe Erde (土) 07-09h
Milz Mi Sorge Lippen Bindegewebe Erde (土) 09 – 11h
Herz He Freude Zunge Blut Feuer (火) 11 – 13h
Dünndarm Freude Zunge Blut Feuer (火) 13 – 15h

Sowohl für die Körpermeridiane als auch für jeden anderen dynamischen Prozess legt die Fünf-Elementen-Lehre einen bestimmten Zyklusverlauf fest. Insgesamt gibt es vier Zyklen, deren Prozesse im Elementarkreislauf entweder im oder gegen den Uhrzeigersinn ablaufen und somit das taoistische Motiv der Gegensätze wiedergeben:

  1. Nährungszyklus: In diesem Zyklus folgen die Elemente tatsächlich im Uhrzeigersinn aufeinander. Mehr noch, nährt das vorangegangene Element das darauffolgende. Der Zyklus lautet dementsprechend:

    • Holz nährt das Feuer,
    • Feuer (Asche) reichert die Erde mit Nährstoffen an,
    • Erde bringt Metall (Erze) hervor,
    • Metall (Spurenelemente) reichert das Wasser an,
    • Wasser nährt das Holz (Bäume und Pflanzen).
  2. Schwächungszyklus: Hier läuft der Zyklus umgekehrt zum Nährungszyklus, also entgegen dem Uhrzeigersinn, ab. Man kann den Schwächungszyklus als Zyklus des „Aufzehrens“ oder „Absorbierens“ betrachten, bei dem sich ein Element durch Schwächung des jeweils vorangegangenen entwickelt. Das entsprechende Prinzip lautet:

    • Feuer zehrt Holz auf,
    • Holz saugt Wasser auf,
    • Wasser korrodiert Metall,
    • Metall entzieht der Erde Mineralien,
    • Erde löscht das Feuer aus.
  3. Kontrollzyklus: Für TCM-Ärzte, aber auch für jeden anderen, der seinen Körper und den darin befindlichen Energiefluss gezielt kontrollieren bzw. stärken möchte (z.B. durch Sport oder Kampfsport), ist dieser Zyklus besonders wichtig. Denn auch jeder Eingriff von außen in den Energiekreislauf erfordert gemäß dem Taoismus ein systematisches Vorgehen. Wer also ein geschwächtes Element durch entsprechende Maßnahmen stärken oder ein elementares Übermaß reduzieren möchte, der muss auch hier einem vorgegebenen Kontrollschema folgen. Dieses lautet:

    • Wasser kontrolliert beziehungsweise löscht Feuer,
    • Feuer schmilzt beziehungsweise verändert Metall,
    • Metall (Axt) spaltet Holz,
    • Holz (Wurzeln) reguliert den Nährstoffgehalt der Erde,
    • Erde (Staudamm) hält das Wasser auf.
  4. Schädigungszyklus: Bei diesem Zyklus läuft der Prozess in entgegengesetzter Richtung des Kontrollzyklus“ ab. Es fällt auf, dass beide Zyklen im Vergleich zum Nährungs- und Schwächungszyklus keinen Kreislauf, sondern einen Verlauf in Pentagramm-Form innerhalb des Kreises vollziehen. Was allerdings gleich bleibt, ist der gemeinsame Ausgangspunkt, das Wasser. Die entsprechende Reihenfolge der Abläufe gestaltet sich beim Schädigungszyklus wie folgt:

    • Wasser weicht die Erde auf,
    • Erde begräbt das Holz (Wurzeln) unter sich und lässt es verrotten,
    • Holz lässt Metall (Axt) stumpf werden,
    • Metall nimmt Feuer (Hitze) auf.
Die zwölf Meridiane, die außer den fünf Elementen gleichzeitig auch verschiedenen Emotionen, Gewebeschichten, Organen und Sinnesorganen zugeordnet werden. (Bild: Victor Moussa/fotolia.com)

Man fühlt sich bei den vier Wandlungszyklen unweigerlich an eine weitere Lehre aus dem Buch der Wandlungen erinnert, nämlich die der kosmischen Gegensätze. Während Nährungs- und Kontrollzyklus eher als fördernde beziehungsweise erhaltende Aspekte verstanden werden können, sind der Schwächungs- und Schädigungszyklus als eher reduzierende bis zerstörende Aspekte zu begreifen. Eine Relation, die nur einem Begriff zugeschrieben werden kann: Yin und Yang.

2.4 Yin und Yang (陰陽)

Oftmals auch fälschlich Ying und Yang genannt, ist dieser Begriff des Taoismus, inklusive des dazugehörigen Symbols, dem Taijitu, wohl der weltweit berühmteste. Der Name des Symbols leitet sich dabei vom chinesischen taiji für „großer Pol“ ab. Es handelt sich bei Yin und Yang also um die Polarität aller Dinge. Diese Philosophie der Gegensätze, die ohne einander nicht existieren können, vereint so viele verschiedene Aspekte im Kosmos, dass sie sich nur schwer alle aufzählen lassen können. Grob lassen sich Yin und Yang aber wie folgt umschreiben:

  • Yin (陰) – das Dunkle, Weiche und Weibliche. Es ist kalt, steht für Passivität und Ruhe.
  • Yang (陽) – das Helle, Harte und Männliche. Es ist heiß und aktiv und immer in Bewegung.

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass eine generalisierte Interpretation von Yin und Yang als Gut und Böse, ebenso wie eine einheitliche Zuordnung der fünf taoistischen Elemente zu bestimmten Eigenheiten von Yin und Yang (z.B. Wasser = ruhig = Yin oder Feuer = heiß = Yang), nicht so einfach vorgenommen werden kann. Denn jedes Element trägt beides, sowohl Yin als auch Yang von Natur aus in sich. Das gilt im Übrigen auch für den Menschen, dessen Meridiane zur Hälfte dem Yin, zur Hälfte dem Yang zugerechnet werden:

 

Meridian Element Pol Meridian Element Pol
Blase Wasser (水) Yang (陽) Lunge Metall (金) Yīn (陰)
Niere Wasser (水) Yīn (陰) Dickdarm Metall (金) Yang (陽)
Perikard Feuer (火) Yīn (陰) Magen Erde (土) Yang (陽)
3facher Erwärmer Feuer (火) Yang (陽) Milz Erde (土) Yīn (陰)
Gallenblase Holz (木) Yang (陽) Herz Feuer (火) Yīn (陰)
Leber Holz (木) Yīn (陰) Dünndarm Feuer (火) Yang (陽)

„Alle Dinge haben im Rücken das Yin
und vor sich das Yang.
Wenn Yin und Yang sich verbinden,
erlangen alle Dinge Einklang.“

– Lao Tse, Kapitel 42 des Daodejing –

Für die Gesundheit bedeutet das Prinzip von Yin und Yang nun verschiedene Vorgaben. Zum einen müssen sich aktive Phasen harmonisch mit passiven Phasen abwechseln, was im Grunde der Vorbeugung von Stresserkrankungen wie Burnout auf der einen und Erkrankungen wie Adipositas, die durch Bewegungsmangel entstehen, dient. Ebenso ist der Mensch gemäß dem Taoismus aufgefordert, sowohl das „Harte“, also die Entschlossenheit, Willenskraft und Stärke, als auch das „Weiche“, gleichbedeutend mit Zurückhaltung, Mitgefühl und Intuition, in sich zu fördern und im Gleichgewicht zu halten. Nur wer beide Aspekte in sich fördert, kann seine seelische Gesundheit erhalten und einen edlen Charakter ausbilden.

In Bezug auf die Körpermeridiane spielen Yin und Yang darüber hinaus eine wichtige Rolle für etwaige Maßnahmen zur Krankheitsbehandlung. Denn sowohl Erkrankungen als auch die begleitenden Symptome werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin entweder einem Yin-Charakter (kalte Krankheit) oder einem Yang-Charakter (warme Krankheit) zugeschrieben. Beispielsweise ist die Haut im Normalfall gut durchblutet, warm und rosig und besitzt deshalb von Natur aus einen Yang-Charakter. Erscheint die Haut nun krankheitsbedingt dunkel oder kühl, liegt darum eine Yin-Erkrankung vor. Im Gegenzug wird nach TCM eine Yang-Erkrankung diagnostiziert, wenn zum Beispiel ein schneller beziehungsweise starker Puls und Bluthochdruck vorliegen. Zusätzlich lassen sich die Erkrankungen je nach organischer Lokalisation auch verschiedenen Elementen zuordnen.

Zur Therapie gibt es in der Traditionellen Chinesischen Medizin nun verschiedene Maßnahmen, die durch Regulierung und Entstörung der Körpermeridiane das Gleichgewicht zwischen den Elementen und somit auch zwischen Yin und Yang wiederherstellen. Den Kern der Therapie bilden dabei die sogenannten „Fünf Säulen“ der Traditionellen Chinesischen Medizin, welche ebenfalls nach dem taoistischen Prinzip funktionieren:

  • chinesische Ernährungslehre,
  • chinesische Arzneimittellehre,
  • Akupressur,
  • Akupunktur
  • und Bewegungsübungen (v.a. Feng Shui, Qigong und Taijiquan).
Das Taijitu, das vielleicht bekannteste Symbol im Taoismus, die Polarität aller Dinge. (Bild: kwasny221/fotolia.com)

3. Taoismus in der Ernährung

Um taoistische Gesundheitskonzepte erfolgreich in den Alltag einzubauen, kann man schon bei der eigenen Ernährung anfangen. Im Vordergrund stehen hier zum einen schonende Zubereitungsmaßnahmen wie das Garen sowie der Verzicht auf unnatürliche Lebensmittel wie Fertigprodukte oder Softdrinks. Zum anderen werden Lebensmittel nach der Chinesischen Ernährungslehre (中醫藥膳, zhōngyī yàoshàn) auch gemäß den Kriterien der taoistischen Philosophie ausgewählt. Die Ausbildung zu einem professionellen Koch, der die alte Kunst der taoistischen Kulinarik beherrscht, kann dabei ein ganzes Jahrzehnt in Anspruch nehmen. Von alten TCM-Meistern und Chefköchen gleichermaßen wird hier gelernt, wobei ein intensives, medizinisches Studium mit dem Erlernen von Grundregeln der chinesischen Landesküche kombiniert wird. Für den Privatgebrauch geht es aber auch etwas einfacher:

3.1 Yin- und Yang-Speisen

Mit warm und kalt werden in China nicht zwingend temperaturbezogen erhitzte und gekühlte Gerichte unterschieden. Vielmehr sind die Lebensmittel nach der Yin-Yang-Lehre den beiden Polen zugeordnet. Die Unterscheidung ist nach taoistischer Lehre von großer Bedeutung, wenn man bedenkt, dass auch Gesundheitsbeschwerden Störungen im Yin-Yang-Kreislauf zugeschrieben werden. Ebenso kann eine falsche Ernährung entsprechende Störungen überhaupt erst hervorrufen. Wer zum Beispiel zu wenige Yin-Lebensmittel konsumiert, dem droht ein Übermaß an Yang. Umgekehrt kann ein Zuviel an Yang durch gezielten Verzehr von Yin-Lebensmitteln ausgeglichen werden. Das gleiche gilt natürlich auch für ein Übermaß an Yin, bei dem die Menge an Yang-Lebensmitteln erhöht werden muss. Dabei gibt es sehr genaue Abstufungen von kalt bis heiß. Hier einige Beispiele:

 

Lebensmittelgruppe Art Beispiele
kalte Lebensmittel yin-lastig Bananen, Gurken, Melonen, Milch, Salz, Sojasoße, Tomaten
kühle Lebensmittel yin-lastig Auberginen, Grüner Tee, Pfefferminze, Pilze, Sojasprossen, Tofu, Zitrusfrüchte
neutrale Lebensmittel Blumenkohl, Dinkel, Eier, Erbsen, Getreide, Karotten, Kartoffeln, Kidneybohnen, Kokosnuss, Linsen, Quark, Rundkornreis, Sojabohnen, Weißwein
warme Lebensmittel yang-lastig Fenchel, Himbeeren, Ingwer, Kaffee, Kakao, Kirschen, Knoblauch, Koriander, Langkornreis, Muskat, Rapsöl, Rotwein, Schafsmilch, Ziegenmilch, Zimt
heiße Lebensmittel yang-lastig Chili, Fisch, Fleisch, Knoblauch, Lauch, Paprika, Schwarzer Pfeffer, Sojaöl, Trockenobst, Yogitee

3.2 Ernährung nach den fünf Elementen

Ergänzend zur Einteilung der Lebensmittel nach Yin und Yang gibt es auch eine Zuordnung zu den jeweiligen Elementen. Sie ist wichtig, um im Krankheitsfall die Therapie gezielt an den Meridianen auszurichten und so gestörte Funktionskreise des Körpers in den Behandlungsfokus zu setzen. Ferner sind mit den fünf Elementen auch die fünf Kardinalgeschmäcker, also sauer, süß, bitter, scharf und salzig verbunden.

Es sei erwähnt, dass es sich bei der Ernährung nach den Fünf Elementen nicht um einen Bestandteil der traditionellen Chinesischen Ernährungslehre handelt. Vielmehr entstand das Prinzip im westlichen Kulturkreis als Adaption des Taoismus für die abendländische Ernährung. Zugeordnet werden die Lebensmittel hierbei wie folgt:

 

Element Geschmack Lebensmittel
Wasser (水) salzig Fisch, Hülsenfrüchte, Meeresfrüchte, Oliven, Salz, Wasser
Holz (木) sauer Essig, Hühnerfleisch, Kiwis, Orangen, Tomaten, Weizen, Zitrone
Feuer (火) bitter Brokkoli, Endivie, Roggen, Rote Beete, Rucola, Schafskäse, Spargel
Erde (土) süß Bananen, Butter, Eier, Karotten, Kartoffeln, Mais, Milch, Rindfleisch
Metall (金) scharf Chili, Ingwer, Gänsebraten, Senf, Zwiebeln

 

Die Frucht der fünf Elemente:
Auch wenn die Ernährung nach den Fünf Elementen eine Erfindung aus dem Westen ist, gibt es doch auch in der TCM elementare Bezüge. So kennt die chinesische Heilkunde zum Beispiel eine Frucht, welche die Qualitäten aller fünf Elemente erfüllt. Die Rede ist vom Chinesischen Spaltkörbchen (Schisandra chinensis), das in seiner Heimat China besser unter dem vielsagenden Namen Frucht der fünf Elemente, alternativ auch als „Frucht der fünf Energien“ oder „Frucht der fünf Geschmacksrichtungen“ bekannt ist. Tatsächlich birgt die Schisandra Inhaltsstoffe, welche die Frucht sowohl sauer und salzig, als auch bitter, süß und scharf schmecken lassen. Schisandra wird in der TCM deshalb zur Stärkung aller Elemente im Körper und somit als Vitalfrucht verwendet.

3.3 TCM-Kräuter

Als vitalisierend und verjüngend beschrieben wurde die Schisandra bereits vom Urvater der chinesischen Kräuterkunde, Kaiser Shennong (神農). Wie der sagenumwobene Verfasser des Buchs der Wandlungen, Fu Xi, und dessen Gemahlin Nü Gua, soll Shennong vor etwa 5000 Jahren als einer der Urkaiser in China gelebt haben. Seine Empfehlung der Schisandra verleiht dieser also einen ganz besonderen Stellenwert, der durch den ungewöhnlichen Geschmack, wie auch die Wirkungsweise der Frucht noch betont wird.

Die Schisandra ist eine chinesische Heilpflanze, der eine regenerierende Wirkung nachgesagt wird. (Bild: geshas/fotolia.com)

Auch viele weitere, klassische TCM-Kräuter gehen auf Erstbeschreibungen des obersten Kräuterkundigen in dessen Schriften zurück. Seine Empfehlungen sind niedergeschrieben im Heilkräuterklassiker nach Shennong (神農本草經, Shénnóng Běncǎojīng), der Arzneimittel-Bibel aller TCM-Ärzte. Hier finden sich Worte Shennongs zu Heilpflanzen, die heutzutage wahre Kräuter- und Gewürzlegenden sind, wie zum Beispiel Ingwer oder Ginseng. Passend zu seiner Profession als Kräuterkaiser soll Shenonng der Überlieferung zufolge auch gleich den Tee entdeckt haben. Der Medizingelehrte trank aus Hygienegründen nur abgekochtes Wasser. Dabei wehte ihm eines Tages das Blatt eines Teezweiges ins heiße Wasser und verfärbte dieses golden. Nach einer positiven Kostprobe gab Shennong dem Getränk den Namen Tschai (Tee) und genoss es ab da jeden Tag.

„Tee weckt den guten Geist und weise Gedanken. Er erfrischt das Gemüt.
Bist du niedergeschlagen, so wird Tee dich ermuntern.“

– Shennong –

Dass Shennong aufgrund seiner Affinität zu „heißem Kräuterwasser“ insbesondere Kräutertees und wässrige Abkochungen aus Kräutern (Kräutersuppen) zur Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten empfahl, erklärt sich von selbst. Überhaupt ist diese Art der Verwendung von Kräutern in der Tao- und TCM-Küche wesentlich selbstverständlicher als im modernen Westen. Wer die chinesische Küche schon einmal ausprobiert hat, dem ist dabei der hohe Anteil an Blattgemüse, Wurzeln, Kräutern und Gewürzen in Gerichten sicher nicht entgangen. Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Essen in China neben der Stillung des Hungergefühls auch eine präventive und therapierende Aufgabe hat.

Grundlage für die Anwendung von TCM-Kräutern in Gerichten und Tees bildet die Chinesische Arzneimitteltherapie (中藥治療, zhōngyào zhìliáo). Sie beruht auf Shennongs Weisungen und stellt in China selbst das wichtigste Behandlungsverfahren überhaupt dar. Nach einem anfänglichen Patientengespräch wird der Patient hier zunächst einer Puls- und Zungendiagnose unterzogen und festgestellte Beschwerden nach taoistischen Kriterien den körpereigenen Funktionskreisen, Meridianen, Elementen und Yin-Yang-Polen zugeordnet. Erst wenn diese Aufschlüsselung vollständig erfolgt ist, geht es daran, die richtigen Kräuter zur Gegenbehandlung der Erkrankung abzuwiegen und zu dosieren. Eingeteilt werden die Heilkräuter in der Chinesischen Arzneimitteltherapie insbesondere nach der Yin-Yang-Lehre von warm und kalt:

 

Kräuter Art Beispiele
kalte und kühlende Kräuter yin-lastig Ackerschachtelhalm, Artischocke, Borretsch, Calendula, Chinarinde, Echinacea, Frauenmantel, Heidelbeere, Hopfen, Kresse, Lavendel, Liebstöckel, Löwenzahn, Portulak, Schneeballbaumrinde, Thuja, Zitrone / Zitronenmelisse
wärmende und heiße Kräuter yang-lastig Chili, Curry, Fenchel, Gewürznelken, Ginseng, Ingwer, Knoblauch, Lauch, Pfeffer, Pfefferminze, Rosmarin, Rote Beete, Sellerie, Süßholz, Thymian, Zimt, Zimtkassie, Zwiebeln

Wichtig: Zur Behandlung von Krankheiten müssen TCM-Kräuter stets von einem Facharzt verschrieben und dosiert werden. Von Selbstversuchen wird hier ausdrücklich abgeraten!

4. Druckpunktbehandlung im Taoismus

Manuell lässt sich der Taoismus anhand verschiedener Behandlungspraktiken in den Alltag integrieren. Wohl bekannt ist hier zum Beispiel die Druckbehandlung der Körpermeridiane.

4.1 Akupunktur

Der Begriff Akupunktur (针灸, zhēn jiǔ) stammt eigentlich nicht aus dem Chinesischen, sondern aus dem Lateinischen. Das Wort acus bedeutet hier „die Nadel“, das Wort punctura bedeutet „das Stechen“. Folgerichtig gibt der Terminus den Vorgang des Stechens von Akupunkturnadeln in die Haut wieder. Gestochen werden die Nadeln hierbei aber nicht wahllos, sondern in bestimmte Meridiane, um diese zu stimulieren und so Blockaden im Qi-Fluss aufzulösen.

Die Akupunktur hat sich inzwischen auch im Westen als alternativmedizinische Behandlungsmaßnahme bei einer Reihe von Krankheiten durchgesetzt. Vor allem bei Knochen- und Gelenkerkrankungen sowie Schmerzsymptomen und neurologischen Beschwerden ist solch eine Therapie sehr beliebt. Entsprechende Indikationen sind zum Beispiel:

Insgesamt kennt die Akupunktur etwa 400 verschiedene Akupunkturpunkte, die auf den 12 Meridianen liegen und somit über den gesamten Körper verteilt sind. Je nachdem, welches Organ oder Gelenk zu Gesundheitsbeschwerden führt, werden die Nadeln also an unterschiedlichen Körperregionen angesetzt.

4.2. Akupressur

Die Akupunktur entstand seinerzeit aus der chinesischen Form der Akupressur, nämlich der Tuina (推拏, tuīná). Eine traditionelle Form der Massage, die ebenfalls mit manueller Druckeinwirkung auf die Meridiane arbeitet. Die Grifftechniken vereinen dabei alle auch im Westen bekannten Varianten:

  • Kneifen,
  • Kneten,
  • Pressen,
  • Reiben
  • und Schieben.

Massiert werden kann bei der Akupressur mit Fingern, Händen, Ellenbogen und Füßen gleichermaßen. Ein zyklischer Massageablauf, der sich an den elementaren Wandlungsphasen orientiert, ist für die Tuina unabdingbar. Gesundheitsbeschwerden, die sich hiermit besonders gut behandeln lassen, liegen vor allem im Kopfbereich. Von Müdigkeit und Abgeschlagenheit über Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen bis hin zu innerer Unruhe gibt es hier viele Indikationen aus dem neurologischen und psychischen Spektrum, bei denen Tuina standardmäßig zur Anwendung kommt.

Die Tuina ist eine traditionelle, chinesische Massageform, die Blockaden lösen und den Energiefluss fördern soll. (Bild: Tono Balaguer/fotolia.com)

Eine Sonderform der Massage für junge Patienten ist die Kinder-Tuina (小儿推拿, Xiao“er tuina). Hier liegt der Fokus der Massage auf den Handflächen und Fingern, in denen die Energien des noch nicht vollständig entwickelten kindlichen Qis zusammenlaufen. Aufgrund seiner besonderen Sensibilität erfordert dieses kindliche Qi natürlich auch besonders schonende Akupressurmaßnahmen, daher die überwiegende Beschränkung auf Hände und Finger.

Wissenswertes: Die Drucktherapien am Meridiansystem werden normalerweise ohne besondere Temperaturerhöhungen (z.B. warmes Öl) vorgenommen. Allerdings gibt es hier auch einige Wärmeverfahren. Beispielsweise stellt die Moxibustion (auch Moxa-Therapie) ein solches Verfahren dar. Dabei werden getrocknete Beifußfasern (sog. Moxa) auf den Akupunkturpunkten verbrannt und mit der aus dem Beifuß gewonnenen Heilwärme die Meridiane stimuliert. Beim Fa Zhen werden gar erwärmte Akupunkturnadeln verwendet und beim Schröpfen werden entweder kühle oder erhitzte Schröpfgläser an den Akupunkturpunkten angebracht, um eine Unterdruckbehandlung der Meridiane vorzunehmen.

5. Taoistische Bewegungstherapien

Die klassischen Bewegungstherapien der taoistischen Lehre richten sich ebenfalls stark auf den Qi-Fluss und die Fünf Elemente. Die Übungen können hierbei entweder der Harmonisierung des inneren Energieflusses oder dem Einklang zwischen dem Individuum und dem äußeren Qi-Fluss dienen.

5.1 Feng Shui

Zur Wiederherstellung und Wahrung der Harmonie zwischen dem Individuum und seiner Umgebung dient im Taoismus das Feng Shui (風水, fēngshuǐ). Zu übersetzen mit „Wind und Wasser“, gibt diese Bewegungstherapie die besondere Beziehung zwischen dem Element Wasser und dem Qi wieder. Wasser kann verdampfen und somit zum Teil der Luft werden. Nach der Lehre der Wandlungsphasen ein natürlicher Übergang von einer Form in eine andere. Und genauso natürlich soll der Mensch auch in der Natur aufgehen, die ihn umgibt. Hierfür ist nach Auffassung des Feng Shui vor allem die richtige Gestaltung der Wohn-, Arbeits- und Lebensräume wichtig. Doch auch in der chinesischen Gartenkunst ist Feng Shui von besonderer Bedeutung.

Interessant an der Lehre des Feng Shui ist, dass bei den Richtlinien für die angestrebte Gestaltung des Wohn- und Arbeitsumfeldes sowohl wissenschaftliche Parameter (z.B. die Himmelsrichtungen) als auch künstlerische Aspekte (z.B. die Farb- und Formenlehre) Hand in Hand gehen. Ziel ist es dabei, so sparsam wie möglich mit der Anzahl der Einrichtungsgegenstände umzugehen und diese harmonisch anzuordnen. Die Anordnung erfolgt auf Basis des Hausgrundrisses und unter Verwendung des Lo Pan (羅盤, luópán), einer Art taoistischem Kompass, in dem die Elemente den jeweiligen Himmelsrichtungen zugeordnet werden und somit jedem Wohnbereich bestimmte Funktionskreise und Farben zuordnen. Yin und Yang stehen bei dieser kompassartigen Anordnung im Zentrum:

„Der Mensch besteht aus QI, und QI umgibt ihn wie den Fisch das Wasser.“- Sprichwort aus dem Qigong – (Bild: heilpraxis.net)

5.2 Qigong

Wo bei Feng Shui die Harmonie mit dem Äußeren angestrebt wird, richtet sich Qigong (氣功, qìgōng) auf den Einklang im Inneren. Hier finden sich die traditionellen Meditations- und Konzentrationsübungen des TCM wieder, welche unter Ausführung bestimmter Körperfiguren vollzogen werden. Übersetzt bedeutet qìgōng in etwa „Arbeit am Qi“. Diese Arbeit wird am besten täglich in den Morgen- und beziehunhsweise oder Abendstunden ausgeführt, um den Körper gleichermaßen für die Herausforderungen des Tages zu stärken und ihn danach wieder zu regulieren. Auch als Krankheitstherapie ist Qigong theoretisch möglich.

Ähnlich den Yoga-Figuren des Ayurveda kennt auch Qigong verschiedene Körperfiguren, wie etwa die Kunst der fünf Tiere (五禽戲, Wu Qin Xi), die um 200 n. Chr. von dem chinesischen Arzt Hua Tuo entwickelt wurde und welche als Atemübung fungiert. Die entsprechenden Figuren lauten:

  • Affe (猴, hóu),
  • Bär (熊, xióng),
  • Hirsch (鹿, lù),
  • Kranich (鹤, hè),
  • Tiger (虎, hǔ).

Aus der Hua Tuo Kunst der fünf Tiere als Meditations- und Konzentrationsübung entwickelten sich später die Fünf Tiersysteme der Shaolin (五形戲, Wu Xing Xi). Dieses Bewegungssystem ist eine Meditationsdisziplin aus der Shaolin Kampfkunst Kung Fu und beinhaltet folgende Tierstile:

  • Drache (龙, lóng),
  • Kranich (鹤, hè),
  • Leopard (豹, bào),
  • Tiger (虎, hǔ)
  • und Schlange (蛇, shé).

An den Tierstilen zeigt sich noch einmal deutlich, dass die Zahl fünf, entspringend aus den fünf Elementen, im Taoismus sehr weitreichende Folgen für viele, in sich geschlossene Systeme hat. Seien es nun die fünf Säulen der TCM an sich, oder untergeordnete Figuren und Kontrolleinheiten. Apropos Kontrolle und Kampfsport, es gibt noch eine dritte Disziplin im Bereich der taoistischen Bewegungsübungen: Taijiquan.

Qigong beinhaltet Atem-, Bewegungs- und Konzentrationsübungen, wie zum Beispiel die Kunst der fünf Tiere. (Bild: ulza/fotolia.com)

5.3 Taijiquan

Im Begriff Taijiquan (太極拳, tàijíquán) begegnet uns erneut das Wort Taiji, welches das Wirkprinzip von Yin und Yang symbolisiert. Es handelt sich hierbei um einen chinesischen Volkssport, der besser bekannt sein dürfte als Schattenboxen. Wenngleich die Förderung der Gesundheit und inneren Ausgeglichenheit auch im Taijiquan wichtige Kernaspekte sind, so hat diese Bewegungsübung gleichzeitig doch auch den Sinn der Persönlichkeitsentwicklung und ist ein spezielles Training zum unbewaffneten Nahkampf, der ganz nach Lao Tses Lehre der gewaltlosen Auseinandersetzung mit Kontrahenten dient. In der Traditionellen Chinesischen Medizin dient Taijiquan maßgeblich der Stärkung und Heilung des Herz-Kreislauf-Systems sowie des Immunsystems. Ebenso sollen Übergewichte, egal ob physisch oder psychisch, durch die Bewegungsübung leichter abgebaut werden.

„Die Waffen sind unheilvolle Geräte,
nicht Geräte für den Edlen.
Nur wenn er nicht anders kann, gebraucht er sie.
Ruhe und Frieden sind ihm das Höchste.“

– Lao Tse, Kapitel 31 des Daodejing –

Als Begründer dieser gewaltlosen, inneren Kampfkunst gilt im Übrigen der daoistische Mönch Zhang Sanfeng, eine Heldengestalt, über dessen Alter und genaues Geburtsdatum sich viele Sagen ranken. Er soll irgendwann zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert in den Wudang Bergen gelebt haben und gilt als Urvater des Wudang (Wu Tang) Kampfstils. Die Eingebung zur Entwicklung des Taijiquan kam Zhang Sanfeng dabei angeblich, während er in den Bergen den Kampf einer Schlange und eines Kranichs beobachtete. Die Schlange wich dem Kranich wieder und wieder aus, woraufhin der Kranich irgendwann erschöpft aufgab. Von dem so entstandenen Grundstil des Taijiquan leiteten sich später weitere Stile ab. Erneut ist es die Zahl fünf, die hier hervorsticht, denn es gibt insgesamt fünf Familienstile:

  • Chen-Stil (陳式, chénshì),
  • Yang-Stil (楊式, yángshì),
  • Wu / Hao-Stil bzw. „alter Wu-Stil“ (武郝式, wǔhǎo shì),
  • Wu-Stil bzw. „neuer Wu-Stil“ (吳式, wúshì)
  • und Sun-Stil (孫式, sūnshì).

Oberstes Gebot beim Taijiquan ist es, sich in fließenden Bewegungen locker, entspannt und weich zu gebärden. Es geht nicht um Kraft, Schnelligkeit oder Härte, womit die Übung eher dem Yin- als dem Yang-Charakter zuzuordnen ist. Dem (Schatten-)Gegner keinen Angriff entgegen zu setzen, keinen Widerstand zu leisten, sondern ihn eher wie Wasser zu umfließen ist das Ziel.

„Auf der ganzen Welt
gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser.
Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt,
kommt nichts ihm gleich.
Es kann durch nichts verändert werden.
Daß Schwaches das Starke besiegt
und Weiches das Harte besiegt,
weiß jedermann auf Erden,
aber niemand vermag danach zu handeln.“

– Lao Tse, Kapitel 78 des Daodejing –

Hierfür sind bestimmte Muskel- und Atmungsschemata wichtig. Es muss eine niedrig frequentierte und tiefe Bauchatmung angestrebt werden, wobei jeweils nur jene Muskeln im Körper angespannt werden, die für individuelle Bewegungen und Figuren benötigt werden. Bei der Einhaltung dieser Richtlinien helfen im Taijiquan zehn Grundregeln:

  1. Richte den Kopf entspannt auf.
  2. Halte die Brust zurück und den Rücken gedehnt aufrecht.
  3. Lasse Kreuz und Taille locker.
  4. Verteile das Körpergewicht harmonisch wie Leere und Fülle gleichmäßig im Kosmos verteilt sind.
  5. Lasse Schultern und Ellenbogen hängen.
  6. Wende Intention (Yi) nicht Muskelkraft (Li) an.
  7. Koordiniere Oben und Unten.
  8. Schaffe Harmonie zwischen Innen und Außen.
  9. Gestalte deine Bewegungen wie ein ununterbrochener Fluss.
  10. In der Bewegung bleibe ruhig.

6. Schlusswort

Die Grundsätze des Taoismus sind zweifelsohne eine Bereicherung für jeden, der gewillt ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Abgesehen von dem interessanten Konzept einer friedvollen Weltanschauung kann die taoistische Philosophie Anwendern auch dazu dienen, ihren Alltag friedlicher zu gestalten, im alltäglichen Leben gefestigter voran zu schreiten und negative Einflüsse besser abzuwehren. Gerade Stresseinflüsse, die in unserem modernen Alltag leider Gang und Gebe sind, lassen sich durch die im Taoismus gepredigte Ruhe, Harmonie und Gelassenheit gut in den Griff bekommen. Und auch das soziale Miteinander profitiert von den taoistischen Lehren, da sie Mitgefühl und Sanftheit den Vorzug vor Konflikten und Auseinandersetzungen geben. In Kombination mit den lehreneigenen Grundsätzen zur Ernährung und Körperertüchtigung, sowie den alternativmedizinischen Behandlungs- und Präventivmaßnahmen des Taoismus, birgt diese Lebensphilosophie also tatsächlich einen nicht zu übersehenden Gesundheitswert. Dies alles ganz ohne aggressive oder aufdringliche Rhetorik, sondern dafür mit ganz viel Feingefühl und Umsicht.

„Das Allerweichste auf Erden
überholt das Allerhärteste auf Erden.
Das Nichtseiende dringt auch noch ein in das,
was keinen Zwischenraum hat.
Daran erkennt man den Wert des Nicht-Handelns.
Die Belehrung ohne Worte, den Wert des Nicht-Handelns
erreichen nur wenige auf Erden.“

– Lao Tse, Kapitel 43 des Daodejing – (ma)