Bewegungsstörungen mit tiefer Hirnstimulation künftig besser behandelbar?

Tiefe Hirnstimulation verbesserter den Therapieerfolg bei Bewegungsstörungen

Bestimmte Muster der Hirnaktivität stehen laut einer aktuellen Studie im Zusammenhang mit dem Schweregrad der Bewegungsstörung Dystonie. Hier kann eine Therapie mittels Tiefer Hirnstimulation (THS) zu verbesserten Behandlungserfolgen führen, berichten die Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin.


Die Hirnaktivitätsmuster zeigen den Schweregrad der Bewegungsstörung und den Therapieeffekt der Tiefen Hirnstimulation an, so die Mitteilung der Charité. Erstmals sei den Wissenschaftlern der Nachweis gelungen, dass ein bestimmtes Hirnaktivitätsmuster mit dem Schweregrade der Erkrankung und dem Behandlungserfolg der Hirnstimulation zusammenhängt. Die neuen Erkenntnisse könnten helfen, „das Therapieverfahren noch bedarfsgerechter anzupassen und damit die Lebensqualität der Patienten entscheidend zu verbessern“, so die Hoffnung der Forscher. Ihre Studienergebnisse haben sie in dem Fachmagazin „Annals of Neurology“ veröffentlicht.

Bestimmte Hirnaktivitätsmuster werden in Zusammenhang mit der Bewegungsstörung Dystonie gebracht. Eine Tiefe Hirnstimulation kann hier zu einer deutlichen Linderung der Symptome führen. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Dystonie eine der häufigsten Bewegungsstörungen

Mehr als 500.000 Menschen leiden den Angaben der Experten zufolge europaweit unter einer Dystonie. Bei der Erkrankung ist das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Nervenverbindungen gestört, das für „geordnete“ Bewegungsabläufe sorgt, erläutern die Forscher. Die Folge seien unwillkürliche Bewegungen, Zuckungen und Krämpfe bestimmter Muskeln. Von der zervikalen Dystonie seien dabei vor allem der Hals- und Nackenbereich betroffen. Insgesamt bilde die Erkrankung nach Morbus Parkinson und dem essentiellen Tremor die dritthäufigste Bewegungsstörung weltweit.

Elektroden im Gehirn

„Bei Dystonie-Patienten schwingen die Nervenzellen im sogenannten Theta-Rhythmus von vier bis zwölf Hertz“, erläutern die Experten. In der aktuellen Studie konnten die Charité-Forscher nun erstmals für die isolierte Dystonie einen direkten Zusammenhang zwischen einem spezifischen Hirnaktivitätsmuster, dem Auftreten der Symptome und dem anschließenden Effekt der THS nachweisen. Bei 27 Patienten wurden im Rahmen der Studie mithilfe stereotaktischer Verfahren Elektroden auf beiden Seiten in den Globus pallidus internus (Gpi; Bereich in den Basalganglien), implantiert, berichten die Forscher. Zwar sei schon länger bekannt, dass die gesteigerte neuronale Aktivität durch die Stimulation des GPi gebremst werden kann und dass die THS eine effektive Therapie bilde, allerdings bliebt die genaue Wirkungsweise laut Aussage der Experten bisher unklar.

Hirnaktivitätsmuster von mehr als 400 Patienten ausgewertet

Das Team um Professor Dr. Andrea Kühn erforscht an der Charité intensiv die Ursachen von Bewegungsstörungen und den Einsatz der THS als Therapieform. Hier haben bereits mehr als 400 THS-Patienten an Messungen der Hirnaktivität teilgenommen. Die gewonnenen Daten wurden auf bestimmte Muster untersucht wurden, welche mit der Symptomschwere und dem Therapieeffekt korrelieren. Mittels der extra entwickelten Software „LEAD-DBS“ seien dann die Amplitude der gefundenen Aktivitätswellen dreidimensional in einem virtuellen Gehirn kartiert worden, berichtet die Charité. Dabei zeigte sich „ein signifikanter lokaler Anstieg ebendieses Aktivitätsmusters genau in dem Hirnareal, wo die THS bei Dystonie am effektivsten ist“, so die Wissenschaftler weiter.

Weitere Studien laufen bereits

Laut Dr. Wolf-Julian Neumann von der Sektion Bewegungsstörungen und Neuromodulation an der Charité liefern die aktuellen Studienergebnisse „Hinweise für die ursächliche Bedeutung der Theta-Aktivität für die Symptome der Dystonie und bieten einen Erklärungsansatz für die Wirkweise sowie den optimalen Zielpunkt der Tiefen Hirnstimulation bei den betroffenen Patienten.“ Um die Langzeiteffekte der THS auf die Aktivität der Nervenzellen zu erforschen, werde dies an der Charité noch in einer weiteren Studie mit 15 Patienten untersucht. Möglich seien diese Untersuchungen dank „eines innovativen THS-Systems, das die Hirnaktivität auch nach der Implantation noch weiter aufzeichnet“, ergänzt Prof. Dr. Andrea Kühn. (fp)