Achtung: Alle Blutverdünner können unbemerkte Blutungen auslösen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Blutverdünner: Unbemerkte Blutungen durch Gerinnungshemmer

Millionen Menschen in Deutschland nehmen täglich Gerinnungshemmer ein. Die „Blutverdünner“ können das Risiko für gefährliche Blutungen erhöhen. Was vielen aber nicht bekannt ist: solche Präparate führen mitunter auch zu unbemerkten Blutungen im Körperinneren. Das kann gefährliche Folgen haben.


Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken

„Gerinnungshemmer werden eingesetzt, um das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken, die durch Blutgerinnsel verursacht werden. Dazu gehören Herzinfarkte, Schlaganfälle und Venenthrombosen“, erklärt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) auf dem Portal „gesundheitsinformation.de“. Es ist kein Geheimnis, dass solche Medikamente das Risiko für gefährliche Blutungen erhöhen können. Weniger bekannt ist jedoch, dass es sich dabei auch um unbemerkte Blutungen im Körperinneren handeln kann, die im Laufe der Zeit zu einer Blutarmut führen. Damit es dazu erst gar nicht kommt, sollten bei der Einnahme ein paar wichtige Punkte beachtet werden.

Die Einnahme von Gerinnungshemmern kann mit Nebenwirkungen wie Blutungen einhergehen. Diese können mitunter auch länger unbemerkt bleiben und daher schwerwiegende Folgen haben. (Bild: bilderstoeckchen/fotolia.com)

Medikamente schützen vor der Bildung von Blutgerinnseln

„Gerinnungshemmende Medikamente sorgen dafür, dass bestimmte Bestandteile des Blutes nicht so leicht aneinander haften. Sie schützen deshalb vor der Bildung von Blutgerinnseln“, erläutert das IQWIG.

„Umgangssprachlich werden sie oft „Blutverdünner“ genannt. Da sie das Blut nicht flüssiger machen, ist diese Bezeichnung genau genommen aber nicht ganz korrekt“, so die Experten.

Die Medikamente können auch mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergehen. Die häufigsten davon sind Blutungen, teilweise bleiben diese unbemerkt.

Bei der Einnahme sind daher ein paar wichtige Punkte zu beachten. Darauf weist die Deutsche Herzstiftung auf ihrer Webseite hin.

Blutverluste münden in eine Blutarmut

In der Herzstiftungs-Sprechstunde meldete sich ein Mitglied, bei dem eine Blutarmut (= Anämie) aufgetreten war und bei dem die Frage bestand, ob daran der verschriebene Gerinnungshemmer schuld sein könnte?

Das ließ sich in diesem Fall eindeutig bejahen. Denn diese Medikamente bremsen nicht nur die überschießende Blutgerinnung, was vor gefährlichen Blutgerinnseln schützt, sondern sie können auch die normale Gerinnung verlangsamen, wie sie im Körper bei Verletzungen automatisch zur Blutstillung in Gang gesetzt wird.

Als Folge kann es dann zu Blutverlusten kommen, die im Laufe der Zeit in eine Blutarmut münden.

Präparate nicht ohne ärztliche Rücksprache absetzen

Wichtig: Bei den Blutungen muss es sich keinesfalls um offensichtliche Blutungen handeln wie Nasenbluten oder blaue Flecken, auch unbemerkte Blutungen sind möglich, was besonders beim Auftreten im Magen-Darm-Trakt oft der Fall ist.

Nicht selten fallen die Blutverluste dann erst nach Wochen oder Monaten auf, beispielsweise wenn eine routinemäßige Blutabnahme zufällig einen zu niedrigen Hämoglobin-Wert oder zu wenig rote Blutkörperchen zeigt.

Man selbst stellt dabei oft eine verstärkte Müdigkeit fest und bei genauem Hinsehen auch eine blassere Haut, was eine klassische Kombination bei einer Blutarmut darstellt.

Die Experten weisen darauf hin, dass der Gerinnungshemmer in dieser Situation auf keinen Fall ohne ärztliche Rücksprache einfach abgesetzt werden darf.

Zum einen sind Gerinnungshemmer bei vielen Herz-Kreislauf-Erkrankungen immens wichtig, zum Beispiel um sich vor der Entstehung von Blutgerinnseln im Herz zu schützen, die mit dem Blutstrom ins Gehirn gelangen können und dort einen Schlaganfall verursachen.

Zum anderen kommen für eine Blutarmut auch andere Ursachen in Frage wie etwa Magengeschwüre, kleine Schleimhaut-Wucherungen im Dickdarm oder auch eine unzureichende Blutneubildung aufgrund eines Mangels an Eisen, Vitamin B12 oder Folsäure.

Dies muss immer gewissenhaft abgeklärt werden, bevor ein Gerinnungshemmer vorschnell angeschuldigt wird.

Verschiedene Untersuchungen können Aufschluss geben

Nachdem eine Blutarmut festgestellt wurde, sollte im nächsten Schritt anhand weiterer Blutwerte überprüft werden, ob entweder eine gestörte Blutbildung verantwortlich ist oder der vermutete Blutverlust in Frage kommt.

Richtungsweisend ist dabei vor allem der Anteil an sogenannten Retikulozyten im Blut, bei denen es sich um noch unreife rote Blutkörperchen handelt und wobei zu niedrige Werte auf eine gestörte Blutneubildung hinweisen.

Von großer Bedeutung ist unter anderem auch die Bestimmung des Eisen-Wertes und anderer Parameter des Eisenstoffwechsels, um auf keinen Fall einen Eisenmangel zu übersehen, der zu den häufigsten Gründen einer Blutarmut zählt.

Bei Hinweisen auf eine Blutung im Magen-Darm-Trakt kann eine Untersuchung auf Blut im Stuhl durchgeführt werden – am besten mit einem immunologischen Test, bei dem im Unterschied zu früheren Stuhltests sehr spezifisch menschliches Hämoglobin nachgewiesen werden kann.

Sollte die Detail-Analyse der Blutwerte eine Blutung anzeigen, kann zum Auffinden der Blutung eine Magen- und auch eine Darmspiegelung eine große Hilfe sein.

Zudem lassen sich Blutungsquellen im Dünndarm – beispielsweise durch Gefäßmissbildungen – mittels Video-Kapsel-Endoskopie oder der sogenannten Doppelballon-Enteroskopie nachweisen und mit letzterer auch behandeln.

Insgesamt können auf diese Weise versteckte Blutungsquellen im Verdauungstrakt sehr gut erkannt werden.

Was jeder selbst zum Schutz tun kann

Jeder kann selbst viel dazu beitragen, dass es bei der Einnahme eines Gerinnungshemmers nicht zu Nebenwirkungen kommt.

An erster Stelle steht, das Arzneimittel tatsächlich so einzunehmen, wie er sinnvollerweise verordnet wurde, was eigentlich selbstverständlich klingen mag.

Doch in der Realität wird die tägliche Einnahme nicht selten vergessen, was insbesondere bei kurz wirksamen Gerinnungshemmern zu deutlichen Schwankungen der Gerinnungswerte führen kann.

Sehr zu empfehlen sind daher kleine Medikamenten-Boxen, deren Fächer mit den Wochentagen beschriftet sind und womit sich auch versehentlich mehrfach eingenommene Tages-Dosen zuverlässig verhindern lassen.

Muss auf Gemüse mit Vitamin K verzichtet werden?

Wie die Herzstiftung erklärt, taucht immer wieder die Frage auf, ob man unter Phenprocoumon-haltigen Gerinnungshemmern wie Marcumar, Phenprogamma oder Falithrom auf Vitamin K-reiches Gemüse verzichten sollte, da Phenprocoumon im Körper ein Gegenspieler des Vitamin K ist.

Den Experten zufolge ist ein solcher Verzicht allerdings grundsätzlich nicht notwendig.

Wichtig ist vielmehr im Verlauf von Tagen auf eine einigermaßen konstante Vitamin K-Aufnahme zu achten, was meist einfach zu erreichen ist, wenn man eine möglichst gleichmäßige und ausgewogene Ernährungsweise bevorzugt.

Sehr zu empfehlen ist es bei diesen Phenprocoumon-haltigen Gerinnungshemmern dagegen, den Gerinnungswert „INR“ regelmäßig selbst zu messen, statt ihn beispielsweise alle vier Wochen in der Sprechstunde bestimmen zu lassen.

Auf diese Weise ist häufig eine deutlich bessere Gerinnungseinstellung zu erreichen. An vielen Orten werden dazu Schulungen angeboten, wozu man sich in der Sprechstunde Informationen geben lassen kann.

Wechselwirkungen mit anderen Präparaten

Wissen sollte man auch, dass andere Medikamente die Wirkung von Gerinnungshemmern beeinflussen können oder sogar selbst Auswirkungen auf die Gerinnung haben, was zu gefährlichen Blutgerinnseln oder auch umgekehrt zu Blutungen führen kann.

Daher sollten auch frei erhältliche Medikamente grundsätzlich nur nach ärztlicher Absprache eingenommen werden, was insbesondere bei rezeptfreien Medikamenten wie etwa Rheuma- und Schmerzmitteln immer wieder vergessen wird.

So hemmt beispielsweise Acetylsalicylsäure (ASS) die Blutgerinnung zusätzlich und steigert damit das Blutungsrisiko.

Am besten man fragt in der Sprechstunde kurz nach, welche Schmerzmittel bei dem jeweils verschriebenen Gerinnungshemmer erlaubt sind.

Das Fazit der Deutschen Herzstiftung: Bei der Einnahme eines Gerinnungshemmers sollte man wissen, dass als Nebenwirkung auch unbemerkte Blutverluste möglich sind. Nicht zuletzt bei einer blasseren Haut und verstärkter Müdigkeit ist daher auch an eine Blutarmut zu denken.

Fällt dann bei einer Blutabnahme ein verringerter Hämoglobin-Wert auf, sollte dies unbedingt ernst genommen werden und eine sorgfältige Abklärung erfolgen, um nicht leichtfertig eine Blutung zu übersehen. (ad)