Depressionen, ADHS und Co: Psychische Erkrankungen genetisch miteinander verbunden

Alfred Domke

Studie zeigt: Zahlreiche Erkrankungen des Gehirns sind genetisch miteinander verwandt

In einer internationalen Studie konnte gezeigt werden, dass zwischen bestimmten Erkrankungen des Gehirns genetische Beziehungen bestehen. Dadurch erhöht sich das Risiko, im Fall einer Krankheit auch an der entsprechend korrelierten zu erkranken.


Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet

Gesundheitsexperten zufolge leidet etwa jeder vierte Mensch irgendwann in seinem Leben an einer psychischen Störung wie beispielsweise einer Depression. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass wir alle die Anlagen dafür in uns tragen. Wenn man an einer solchen Krankheit leidet, ist die Gefahr groß, auch an einer anderen psychiatrischen oder neurologischen Erkrankung zu erkranken. Denn viele Erkrankungen des Gehirns sind genetisch miteinander verwandt.

In einer neuen Studie konnte gezeigt werden, dass bestimmte Erkrankungen des Gehirns genetisch miteinander verwandt sind. Dadurch erhöht sich das das Risiko, im Fall einer Krankheit auch an der entsprechend korrelierten zu erkranken. (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Genetische Beziehungen zwischen bestimmten Krankheiten

In einer weltweiten Studie des internationalen „Brainstorm Consortiums“ wurde erstmals das Genom von 1,1 Millionen PatientInnen mit psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen analysiert.

Wie es in einer Mitteilung der Medizinischen Universität (MedUni) Wien heißt, konnte dabei gezeigt werden, dass zwischen bestimmten Erkrankungen des Gehirns genetische Beziehungen bestehen.

So korrelieren etwa psychiatrische Krankheiten wie Angststörungen und Depressionen signifikant miteinander.

Die Ergebnisse der Studie wurden vor kurzem im Fachjournal „Science“ veröffentlicht.

„Es gibt keine „reine“ Depression“

Die Diagnostik psychiatrischer Erkrankungen, wie beispielsweise Anorexie, Depression oder Schizophrenie, wurde bisher vorwiegend phänotypisch anhand der Symptome vorgenommen.

Das ergab jedoch meist auch eine gewisse Unschärfe, weil viele Klassifikationsmodelle die tatsächlichen Krankheiten nicht ausreichend beschreiben.

Andreas Karwautz, Kinder- und Jugendpsychiater der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien und Mit-Autor der Studie erklärte dazu:

„Es gibt keine ‚reine‘ Depression, oder „reine“ Anorexie, die nicht Symptome anderer psychischer Störungen aufweist. Eine Diagnose ist immer heterogen.“

Daten zum Genom von über einer Million Menschen analysiert

Die internationale Studie des Brainstorm Consortiums, eines Zusammenschlusses mehrerer Arbeitsgruppen der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology, analysierte nun Daten zum Genom von rund 265.000 psychiatrischen und neurologischen Patienten sowie 785.000 gesunden Menschen.

Den Angaben zufolge wurde untersucht, ob Erkrankungen mit bestimmten genetischen Merkmalen miteinander zusammenhängen. Für die aktuelle Studie wurden gemeinsame Erbanlagen von insgesamt fünfzehn neurologischen und zehn psychiatrischen Erkrankungen überprüft.

Von der MedUni Wien kam Datenmaterial von Patienten mit Essstörungen aus der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Studienautoren setzten drei Schwerpunkte der Untersuchung: So wurden die psychiatrischen und neurologischen Krankheiten als jeweils eigene Gruppe betrachtet und dann im Vergleich zueinander.

Große genetische Gemeinsamkeiten

Als zentrales Ergebnis zeigte sich, dass es bei einigen psychiatrischen Erkrankungen große genetische Gemeinsamkeiten gibt, wodurch das Risiko sich erhöht, im Fall einer Krankheit auch an der entsprechend korrelierten zu erkranken.

Das gilt für Schizophrenie, depressive Episoden, bipolare Störung, Angststörung und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom), nicht aber für das Tourette-Syndrom und Autismus.

Diese wiesen kaum genetische Korrelationen auf. Depression und Angststörung wiederum sind genetisch eng verwandt, auch wenn die Symptome unterschiedlich sind.

Dasselbe gilt für Magersucht und Zwangsstörung, sowie für Schizophrenie und bipolare Störung.

Resultat des zweiten Schwerpunktes ist, dass neurologische Erkrankungen sich gemäß der Studie allgemein stärker in ihrer Gruppe voneinander genetisch unterscheiden.

Die dritte Schwerpunkts-Analyse zeigte, dass sie sich auch von den psychiatrischen Störungen genetisch unterscheiden, mit Ausnahme der Migräne. Da fanden sich Korrelationen mit ADHS, Tourette-Syndrom und depressiven Episoden.

Die Studie zeigte also, dass es bei speziellen genetischen Anlagen zu Überlappungen kommt, wodurch die traditionellen diagnostischen Klassifikationen neuerlich in Frage gestellt werden.

Ebenso kann man anhand des Materials erkennen, dass genetisch korrelierende Erkrankungen, zum Beispiel Psychosen, ähnliche Symptome aufweisen, die sowohl bei Schizophrenie als auch bei Alzheimerdemenzen auftreten.

„Diese Genom-Analyse mit erstmals relevant hohen Fallzahlen ist eine gute Basis für eine Verbesserung der psychiatrischen Klassifikationsmodelle mittels einer neurobiologisch fundierten Diagnostik“, so Karwautz. (ad)