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Die vergessene Wurzel wächst überall und ist Heilpflanze des Jahres 2026

Sebastian Bertram
Geprüft von Dr. med. Andreas Schilling, FA für Chirurgie, FA für Thoraxchirurgie
Verfasst von Sebastian Bertram
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10. Oktober 2026
in News
Heilpflanze des Jahres 2026
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Tagsüber fällt sie zwischen Gräsern und anderen Wildpflanzen oft kaum auf, am Abend öffnet sie ihre leuchtend gelben Blüten. Die Gemeine Nachtkerze ist jedoch mehr als eine auffällige Erscheinung am Wegesrand: Ihre Wurzeln wurden als Gemüse genutzt, ihre Samen liefern ein besonderes Pflanzenöl.

Für 2026 hat der Naturheilverein NHV Theophrastus die Nachtkerze zur Heilpflanze des Jahres gewählt. Die Auszeichnung macht eine vielseitige Pflanze bekannter, doch gibt es nachweisbar wissenschaftliche Wirksamkeit für die zahlreichen Gesundheitsversprechen, die mit ihr verbunden sind?

Gerade bei Nachtkerzenöl lohnt sich ein genauer Blick: Eine Creme für trockene Haut, eine Kapsel gegen Neurodermitis und eine selbst gekochte Wurzelsuppe sind sehr unterschiedliche Anwendungen. Was sich über die eine sagen lässt, gilt deshalb nicht automatisch für die anderen.

Warum die Nachtkerze 2026 besondere Aufmerksamkeit bekommt

Mit seiner Wahl zur Heilpflanze des Jahres 2026 rückt der NHV Theophrastus die Gemeine Nachtkerze mit dem botanischen Namen Oenothera biennis ins öffentliche Interesse. Bekannt ist sie auch als Gewöhnliche oder Zweijährige Nachtkerze.

Ihr Reiz liegt in der Verbindung aus Naturbeobachtung, traditioneller Pflanzenkunde und kulinarischer Nutzung. Wer sich mit ihr beschäftigt, entdeckt deshalb nicht nur ein Öl aus der Apotheke oder dem Reformhaus, sondern eine Pflanze mit einem bemerkenswerten Lebenszyklus.

Der Titel sollte dennoch nicht mit einer arzneimittelrechtlichen Zulassung verwechselt werden. Ob ein bestimmtes Präparat Beschwerden lindert, muss unabhängig von einer solchen Auszeichnung untersucht und für die jeweilige Anwendung bewertet werden.

Aus Nordamerika nach Europa gekommen

Die Gemeine Nachtkerze stammt aus Nordamerika und wurde in Europa eingeführt. Dass sie heute vielerorts wild wächst, macht sie zu einer hier etablierten Pflanze, aber nicht zu einer ursprünglich europäischen Art.

Historisch wurde sie sowohl als Zierpflanze als auch als Nahrungspflanze geschätzt. An ihre Nutzung als Wurzelgemüse erinnert der Name „Schinkenwurz“, der mit der rötlichen Färbung der Wurzel in Verbindung gebracht wird.

Weitere Informationen zur Pflanze bietet unser Porträt der Nachtkerze mit Angaben zu Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen. Bei medizinischen Aussagen bleibt dabei die Unterscheidung zwischen überlieferter Verwendung und belastbaren klinischen Ergebnissen entscheidend.

Warum sie erst am Abend aufblüht

Die gelben Blüten öffnen sich gewöhnlich in der Dämmerung und schließen sich im Verlauf des folgenden Tages wieder. Da nacheinander neue Blüten entstehen, kann eine Pflanze über längere Zeit blühen, obwohl die einzelne Blüte nur kurz erhalten bleibt.

Die Nachtkerze wächst bevorzugt an offenen, sonnigen Stellen und kommt auch mit sandigen oder kiesigen Böden zurecht. Die botanische Beschreibung der North Carolina State University nennt unter anderem gestörte Standorte, Straßenränder und Bahntrassen als typische Vorkommen.

Ein häufiger Standort ist allerdings noch kein geeigneter Ernteort. Pflanzen unmittelbar an viel befahrenen Straßen oder auf möglicherweise belasteten Flächen sollten nicht für die Küche gesammelt werden.

Im ersten Jahr Rosette, im zweiten Jahr Blütenstängel

Die Nachtkerze bildet gewöhnlich zunächst eine bodennahe Blattrosette und eine kräftige Pfahlwurzel. Erst im folgenden Jahr entwickelt sie den hohen Blütenstängel und später die Samenkapseln.

Ihre länglichen Blätter besitzen eine deutlich sichtbare Mittelrippe, die gelben Blüten vier Blütenblätter. Der NHV Theophrastus dokumentiert diese Entwicklung von der jungen Pflanze bis zur Fruchtreife.

Für die Nutzung ist diese Abfolge wichtiger als die bloße Größe einer Pflanze. Eine stattliche, bereits blühende Nachtkerze liefert nicht automatisch eine besonders gute Gemüsewurzel.

Nachtkerzenwurzel ernten: Der Entwicklungsstand entscheidet

Als Gemüse werden vor allem die Wurzeln junger Pflanzen genutzt, die noch keinen Blütenstängel gebildet haben. Üblich ist die Ernte vom Herbst des ersten Jahres bis zum zeitigen Frühjahr vor dem weiteren Austrieb.

Mit der Entwicklung des Blütenstängels wird die Wurzel zunehmend faserig und holzig. Eine pauschale Empfehlung, Nachtkerzenwurzeln im Mai oder während der Sommerblüte auszugraben, geht deshalb am geeigneten Erntezeitpunkt vorbei.

Auch der Kalender allein bietet keine Sicherheit, weil Witterung und Entwicklung der einzelnen Pflanze unterschiedlich ausfallen. Wer im Herbst ernten möchte, sollte gezielt eindeutig bestimmte Rosettenpflanzen aus geeignetem Anbau auswählen.

Der Beitrag von Kräuterkeller beschreibt die Nachtkerze ebenfalls als wiederzuentdeckendes Wurzelgemüse. Seine kulinarischen Anregungen lassen sich jedoch nicht als Beleg für eine medizinische Wirkung der Wurzel verstehen.

Nur sicher bestimmte Pflanzen gehören auf den Teller

Eine Blattrosette ohne Blüten ist für Ungeübte schwieriger zu bestimmen als eine ausgewachsene Pflanze. Einzelne Merkmale wie eine längliche Blattform oder eine rötliche Blattader reichen für eine sichere Zuordnung nicht aus.

Wer Nachtkerzen erstmals nutzen möchte, sollte sich die Pflanze vor Ort von einer fachkundigen Person zeigen lassen. Eine Bestimmungs-App oder ein einzelnes Foto kann Anhaltspunkte liefern, sollte bei einer geplanten Mahlzeit aber nicht die einzige Grundlage sein.

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen empfiehlt, Wildkräuter sicher zu erkennen und belastete Sammelstellen zu meiden. Für Wurzeln bietet ein eigenes Beet mit bekanntem Saatgut und geeignetem Boden die bessere Übersicht über Herkunft und Wachstumsbedingungen.

Mit der Wurzelernte wird die gesamte Pflanze entfernt. Deshalb ist es sinnvoll, gezielt für die Küche anzubauen und andere Exemplare bis zur Blüte und Samenreife stehen zu lassen.

Wie Nachtkerzenwurzeln schmecken und zubereitet werden

Junge Nachtkerzenwurzeln lassen sich ähnlich wie anderes Wurzelgemüse verarbeiten. Ihr Geschmack wird häufig als mild bis leicht scharf beschrieben, wobei Alter und Zustand der Pflanze das Esserlebnis beeinflussen.

Vor der Zubereitung werden anhaftende Erde gründlich entfernt und die Wurzeln nach Bedarf geschabt oder dünn geschält. Anschließend können sie in Stücke geschnitten und beispielsweise mit Kartoffeln oder anderem Gemüse gegart werden.

Für die erste Verwendung empfiehlt sich eine kleine Menge in einem gemischten Gericht. Der Wildpflanzenkoch Alan Bergo beschreibt in seinen eigenen Erfahrungen mit Nachtkerzen bei manchen Pflanzenteilen ein kratziges oder zusammenziehendes Mundgefühl, besonders beim rohen Verzehr.

Das ist ein guter Grund, die Pflanze zunächst zurückhaltend und vorzugsweise gegart auszuprobieren. Bei deutlicher Reizung oder Unverträglichkeit sollte sie nicht weiter gegessen werden.

Auch Blätter, Blüten und Samen lassen sich verwenden

Neben der Wurzel werden junge Blätter, Blüten und reife Samen kulinarisch genutzt. Die Blätter eignen sich eher als kleine Zugabe zu gegarten Gemüsegerichten, während die empfindlichen Blüten frisch verwendet werden.

Ältere Blätter können zäh sein und deutlich herber schmecken. Die Samen lassen sich in kleinen Mengen beispielsweise über eine Speise streuen, ergeben dadurch aber noch keine standardisierte Anwendung von Nachtkerzenöl.

Der Unterschied ist praktisch bedeutsam: Ein Lebensmittel liefert eine Mischung verschiedener Bestandteile, ein Ölpräparat eine konzentrierte Fettfraktion. Aus einer Untersuchung zu Kapseln lässt sich daher keine bestimmte Wirkung eines Salats oder einer Wurzelsuppe ableiten.

Was Nachtkerzenöl besonders macht

Das bekannte Nachtkerzenöl wird aus den Samen gewonnen, nicht aus den gelben Blüten und auch nicht aus der Wurzel. Es handelt sich um ein fettes Pflanzenöl, das unter anderem in Kapseln und Hautpflegeprodukten eingesetzt wird.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2023 nennt etwa 70 bis 74 Prozent Linolsäure und 8 bis 10 Prozent Gamma-Linolensäure als typische Anteile. Die genaue Zusammensetzung kann abhängig vom Ausgangsmaterial und der Herstellung variieren.

Beide Fettsäuren gehören zur Omega-6-Gruppe, sind aber nicht gleichzusetzen. Linolsäure ist essenziell und muss mit der Nahrung aufgenommen werden; Gamma-Linolensäure kann der Körper grundsätzlich aus Linolsäure bilden.

Diese Stoffwechselwege erklären, warum sich Forschende für das Öl interessieren. Eine vertiefende Darstellung der Produktformen bietet unser Beitrag über Nachtkerzenöl.

Warum ein interessanter Inhaltsstoff noch kein Heilmittel beweist

Aus Gamma-Linolensäure entstehen im Körper weitere Verbindungen, die an Entzündungsprozessen beteiligt sind. Die biochemischen Zusammenhänge sind allerdings komplexer als die verbreitete Aussage, Nachtkerzenöl wirke grundsätzlich entzündungshemmend.

Eine Übersichtsarbeit zur chemischen Zusammensetzung und biologischen Aktivität beschreibt unterschiedliche Stoffwechselwege und deren mögliche Auswirkungen. Solche Erkenntnisse liefern eine Erklärung für denkbare Effekte, ersetzen aber keine Untersuchung, ob Menschen mit einer bestimmten Erkrankung tatsächlich profitieren.

Für diese Frage sind unter anderem Vergleichsgruppen, eine ausreichende Teilnehmerzahl und die tatsächlich gemessenen Beschwerden wichtig. Eine veränderte Konzentration von Fettsäuren im Blut ist nicht dasselbe wie weniger Juckreiz, besserer Schlaf oder seltenere Krankheitsschübe.

Trockene Haut: Was die europäische Bewertung aussagt

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA beschreibt Nachtkerzenöl zum Einnehmen als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Juckreiz bei trockenen Hautzuständen. Diese Einordnung beruht ausdrücklich auf langjähriger Verwendung.

Die EMA erläutert zugleich, dass die klinischen Daten für einen ausreichend gesicherten Wirksamkeitsnachweis nicht ausreichen. „Traditionell angewendet“ bedeutet somit etwas anderes als „durch überzeugende Studien nachgewiesen“.

Die Bewertung bezieht sich auf bestimmte Zubereitungen zur Einnahme. Sie ist weder eine pauschale Bestätigung sämtlicher Nahrungsergänzungsmittel noch ein Wirksamkeitsnachweis für jede Creme mit Nachtkerzenöl.

Neurodermitis: Kapseln überzeugen in der Gesamtauswertung nicht

Bei Neurodermitis gehört Nachtkerzenöl zu den seit Langem untersuchten ergänzenden Mitteln. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit von 2013wertete 27 Studien mit insgesamt 1.596 Teilnehmenden zu Nachtkerzenöl oder Borretschöl aus, darunter 19 Untersuchungen zu Nachtkerzenöl.

Die Einnahme von Nachtkerzenöl zeigte gegenüber einem Scheinpräparat keinen überzeugenden Vorteil bei den zusammengefassten Ekzembeschwerden. Diese Aussage betrifft die untersuchte orale Anwendung und darf nicht undifferenziert auf sämtliche äußerlichen Pflegeprodukte übertragen werden.

Auch das US-amerikanische Forschungszentrum NCCIH hält einen Nutzen der Einnahme bei atopischer Dermatitis für nicht nachgewiesen. Eine ärztlich abgestimmte Behandlung sollte deshalb nicht zugunsten von Nachtkerzenöl-Kapseln aufgegeben werden.

Informationen zum Krankheitsbild finden sich in unserem Überblick über Neurodermitis, ihre Ursachen und Behandlung. Für die Bewertung eines Zusatzmittels ist dabei entscheidend, ob es die Beschwerden über die bestehende Versorgung hinaus verbessert.

Hautpflege mit Nachtkerzenöl ist eine andere Anwendung

Eine Creme kann trockene Haut pflegen, auch wenn für die Einnahme ihres namensgebenden Pflanzenöls kein entsprechender Nutzen belegt ist. Bei einem Pflegeprodukt zählt die gesamte Rezeptur, darunter das Verhältnis von Fett und Wasser sowie die Verträglichkeit weiterer Bestandteile.

Eine Übersicht über klinische Untersuchungen zu pflanzlichen Hautölen zeigt, dass sich verschiedene Öle nicht beliebig gegeneinander austauschen lassen. Die Ergebnisse hängen unter anderem von ihrer Fettsäurezusammensetzung und dem Zustand der behandelten Haut ab.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen betont bei Neurodermitis die tägliche Pflege mit rückfettenden und feuchtigkeitsbindenden Mitteln. Gute Basispflege kann Juckreiz vermindern und die Häufigkeit von Schüben reduzieren.

Ein Nachtkerzenölprodukt kann Teil einer individuell verträglichen Pflege sein, ist aber nicht automatisch anderen geeigneten Produkten überlegen. Bei Brennen, zunehmender Rötung oder neuem Ausschlag sollte die Anwendung beendet und die Ursache geklärt werden.

Wechseljahre: Hinweise auf einzelne Effekte, aber kein sicherer Nutzen

Nachtkerzenöl wird häufig gegen Hitzewallungen und andere Beschwerden der Wechseljahre angeboten. Die Vorstellung einer sanften pflanzlichen Unterstützung ist verständlich, die Forschung rechtfertigt jedoch keine verlässliche Wirkungszusage.

Eine Ende 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit im Journal of Menopausal Medicine fand Hinweise auf eine geringere Stärke von Hitzewallungen bei kürzerer Anwendung. Bei deren Häufigkeit und Dauer zeigte sich dagegen kein statistisch eindeutiger Vorteil gegenüber einem Scheinpräparat.

Die Autorinnen und Autoren bewerteten die Daten als unzureichend für feste Schlussfolgerungen. Ein einzelnes günstiges Teilergebnis belegt somit noch keine zuverlässige Hilfe gegen das gesamte Beschwerdebild.

Auch ein im Februar 2026 veröffentlichtes Addendum der EMA verweist bei möglichen Effekten auf psychische Beschwerden nach der Menopause auf weiteren Forschungsbedarf. Für Betroffene ist es sinnvoll, belastende Wechseljahrsbeschwerden gezielt abklären und die verfügbaren Behandlungen individuell besprechen zu lassen.

PMS und Brustschmerzen: Werbung geht häufig weiter als die Daten

Auch beim prämenstruellen Syndrom, kurz PMS, reichen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nach Einschätzung des NCCIH nicht aus, um einen Nutzen zu bestätigen. Für Brustschmerzen hält das Institut Nachtkerzenöl wahrscheinlich nicht für wirksamer als ein Scheinpräparat.

Bezeichnungen wie „für die hormonelle Balance“ liefern deshalb keine ausreichende Grundlage für eine Therapieentscheidung. Sie sagen weder, welche konkrete Beschwerde untersucht wurde, noch wie groß ein möglicher Effekt ist.

Was sich über die verschiedenen Anwendungen sagen lässt

Anwendung Stand der Erkenntnisse Bedeutung für den Alltag
Junge Wurzel als Gemüse Traditionelle kulinarische Verwendung. Sichere Bestimmung und geeigneter Entwicklungsstand sind Voraussetzung.
Einnahme bei Juckreiz durch trockene Haut Von der EMA als traditionelle Anwendung beschrieben; klinische Wirksamkeit nicht ausreichend gesichert. Produktbezogene Hinweise beachten und anhaltende Beschwerden abklären.
Kapseln bei Neurodermitis Kein überzeugender Nutzen gegenüber Placebo in der Cochrane-Auswertung. Kein Ersatz für eine abgestimmte Behandlung.
Äußerliche Hautpflege Gesondert von der Einnahme zu beurteilen; die gesamte Formulierung zählt. Nach Hautzustand und Verträglichkeit auswählen.
Hitzewallungen Uneinheitliche Ergebnisse, insgesamt keine ausreichende Grundlage für eine sichere Wirkungszusage. Belastende Beschwerden gezielt behandeln lassen.
PMS oder Brustschmerzen Nutzen unzureichend belegt beziehungsweise wahrscheinlich kein Vorteil gegenüber Placebo. Werbeversprechen kritisch prüfen.

Welche Nebenwirkungen und Einschränkungen zu beachten sind

Nachtkerzenöl kann bei Einnahme unter anderem Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, weicheren Stuhl oder Kopfschmerzen verursachen. Auch Überempfindlichkeitsreaktionen sind möglich; pflanzliche Herkunft bedeutet daher nicht automatisch Beschwerdefreiheit.

Die EMA-Monografie empfiehlt die beschriebene orale Anwendung mangels ausreichender Daten nicht für Kinder unter zwölf Jahren sowie während Schwangerschaft und Stillzeit. Daraus lässt sich keine pauschale Bewertung sämtlicher äußerlicher Produkte ableiten.

Wer Medikamente einnimmt, sollte vor einer zusätzlichen regelmäßigen Einnahme die Verträglichkeit in der Arztpraxis oder Apotheke klären. Insbesondere zur eigenständigen Geburtseinleitung sollte Nachtkerzenöl nicht verwendet werden, da die Studien dazu uneinheitlich sind und die Sicherheit nicht abschließend geklärt ist.

Warum es keine passende Dosis für jedes Anliegen gibt

Eine allgemeingültige Empfehlung für „Nachtkerze“ ist schon deshalb nicht sinnvoll, weil Gemüse, Hautcreme und Kapseln unterschiedliche Produkte sind. Selbst bei Kapseln müssen Ölmenge, Zusammensetzung, Verwendungszweck und Herstellerangaben auseinandergehalten werden.

Für ein Arzneimittel gelten die Angaben seiner Gebrauchsinformation; aus einer Studienmenge lässt sich keine persönliche Einnahmeempfehlung ableiten. Bleibt der erhoffte Nutzen aus, ist eine selbstständige Dosiserhöhung keine begründete Lösung.

Für die traditionelle orale Anwendung nennt die EMA eine ärztliche Abklärung, wenn Beschwerden länger als acht Wochen anhalten. Bei deutlicher Verschlechterung, ausgeprägter Entzündung oder unklaren Hautveränderungen sollte eine Untersuchung früher erfolgen.

Öl kaufen und aufbewahren: Auf den Verwendungszweck achten

Beim Kauf sollte eindeutig erkennbar sein, ob ein Produkt zum Verzehr, zur kosmetischen Anwendung oder als Arzneimittel vorgesehen ist. Ein Hautöl ist nicht automatisch ein Lebensmittel, und eine Kapsel ist nicht allein wegen ihrer Darreichungsform ein Arzneimittel.

Hinweise zur Aufbewahrung und zur Haltbarkeit nach dem Öffnen verdienen ebenso Aufmerksamkeit wie die Zutatenliste. Nachtkerzenöl sollte entsprechend den Produktangaben vor Licht und Wärme geschützt aufbewahrt werden.

Für die Küche ist es sinnvoll, ein ausdrücklich als Lebensmittel angebotenes Öl erst nach dem Garen an die Speise zu geben. Auch der Rezeptvorschlag des NHV Theophrastus sieht die Zugabe zur nicht mehr kochenden Suppe vor.

Ein selbst hergestellter Auszug aus Blüten in einem anderen Pflanzenöl ist außerdem etwas anderes als gepresstes Nachtkerzensamenöl. Weder die Zusammensetzung noch Ergebnisse aus Untersuchungen mit Samenöl lassen sich darauf ohne Weiteres übertragen.

Die Nachtkerze im Garten beobachten und gezielt anbauen

Für den Garten eignet sich ein sonniger Platz mit durchlässigem Boden. Nach der Samenreife kann sich die Nachtkerze selbst aussäen und dadurch an wechselnden Stellen wieder auftauchen.

Wer sowohl die Blüten erleben als auch Wurzeln ernten möchte, sollte verschiedene Pflanzen dafür vorsehen. Die einen bleiben bis zur Samenbildung stehen, die anderen werden im geeigneten jungen Stadium als Gemüse genutzt.

Gerade diese Trennung macht den Anbau anschaulich: An den blühenden Exemplaren lässt sich die Art kennenlernen, während markierte Jungpflanzen für die spätere Ernte vorgesehen sind. So wird die Nutzung planbarer als beim zufälligen Fund am Straßenrand.

Ein Beispiel aus der Küche: Nachtkerze als kleine Gemüsezugabe

Wer die Pflanze erstmals probieren möchte, kann eine kleine, sicher bestimmte junge Wurzel aus dem eigenen Beet zusammen mit Kartoffeln und Möhren zu einer Gemüsesuppe verarbeiten. Die gründlich gereinigten und klein geschnittenen Zutaten werden in Gemüsebrühe gegart, bis sie weich sind, und anschließend nach Geschmack püriert.

Für die erste Mahlzeit genügt wenig Nachtkerzenwurzel, damit Geschmack und Verträglichkeit beurteilt werden können. Die Suppe ist eine kulinarische Entdeckung, für die sich kein Versprechen gegen Hautkrankheiten oder hormonelle Beschwerden ableiten lässt.

Sechs häufige Fragen und Antworten zur Nachtkerze

Warum ist die Nachtkerze Heilpflanze des Jahres 2026?

Der NHV Theophrastus hat die Gemeine Nachtkerze für 2026 ausgewählt, um die Aufmerksamkeit auf diese vielseitig verwendete Pflanze zu lenken. Der Titel ist eine Auszeichnung des Vereins und kein Nachweis, dass sämtliche beworbenen Anwendungen medizinisch wirksam sind.

Kann man Nachtkerzenwurzeln essen?

Ja, junge Wurzeln werden als Gemüse verwendet, sofern die Pflanze zweifelsfrei bestimmt wurde und von einem geeigneten Standort stammt. Bereits stark verholzte Wurzeln ausgewachsener Pflanzen eignen sich dafür nicht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Wurzelernte?

Üblich ist die Ernte vom Herbst des ersten Jahres bis zum frühen Frühjahr vor der Ausbildung des Blütenstängels. Entscheidend ist der Entwicklungsstand der Pflanze, nicht ein festes Kalenderdatum.

Hilft Nachtkerzenöl bei Neurodermitis?

Für die Einnahme als Kapseln ergibt die Cochrane-Auswertung keinen überzeugenden Nutzen gegenüber einem Scheinpräparat. Äußerliche Pflegeprodukte müssen gesondert beurteilt werden und können eine erforderliche medizinische Behandlung nicht ersetzen.

Ist Nachtkerzenöl gegen Hitzewallungen zuverlässig wirksam?

Ein verlässlicher Nutzen ist bislang nicht ausreichend belegt. Einzelne Untersuchungen fanden zwar günstige Teilergebnisse, die Gesamtdaten erlauben aber keine sichere Wirkungszusage.

Dürfen Schwangere und Kinder Nachtkerzenöl einnehmen?

Die EMA empfiehlt die in ihrer Monografie beschriebene orale Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter zwölf Jahren wegen unzureichender Daten nicht. Für die Verwendung eines konkreten Präparats sollte ärztlicher oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autoren:
Sebastian Bertram, Dr. med. Andreas Schilling
Quellen:
  • Systematische Übersichtsarbeit im Journal of Menopausal Medicine, Journal of Menopausal Medicine

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.

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