Interstitium: Neu entdecktes Organ zieht sich durch unseren ganzen Körper hindurch

Flüssigkeiten-Schnellweg in der Anatomie des Menschen entdeckt

Eine neue Entdeckung hat das Potential für maßgebliche Fortschritte in der Medizin. Offenbar haben amerikanische Forscher ein unbekanntes System im menschlichem Körper entdeckt, bei dem es sich um ein neues Organ handeln könnte. Das sogenannte Interstitium ist ein körperweites Netzwerk von miteinander verbundenen, flüssigkeitsgefüllten Kammern, die von einem Geflecht aus starken, flexiblen Proteinen getragen werden. Dieses Netzwerk könnte unter anderem bahnbrechende Erkenntnisse über die Verbreitung von Krebs im Körper liefern.


Bei der Entdeckung handelt es sich um eine Art Straße für Flüssigkeiten des menschlichen Körpers. Dieses Netzwerk besteht aus miteinander verbundenen Kammern, in denen sich Flüssigkeiten bewegen können. Diese Kammern verbinden so den Verdauungstrakt, die Lunge und die Harnwege sowie die umgebenden Arterien, Venen und die Faszien zwischen den Muskeln in einem System. Die Ergebnisse der Studie wurde kürzlich in dem Fachjournal „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Ein neu entdecktes Netzwerk aus flüssigkeitsgefüllten Kammern zieht sich durch den gesamten Körper und wird in einer aktuellen Studie als eigenständiges Organ betrachtet. (Bild: adimas/fotolia.com)

Welche Aufgabe erfüllt das neu entdeckte System

Diese Reihe von Kammern wird durch ein Geflecht aus Kollagenen und flexiblen Bindegewebsproteinen verstärkt. Das ganze System wirkt ähnlich wie ein Stoßdämpfer, der verhindert, dass das Gewebe reißt, während Organe, Muskeln und Gefäße bei ihrer normalen Funktion pumpen, pulsieren und sich zusammenziehen.

Die Flüssigkeiten-Straße

Das neue entdeckte Netzwerk stellt eine Art Straße mit sich bewegenden Flüssigkeiten dar, die sich durch den gesamten Körper zieht und alles miteinander verbindet. Die Forscher vermuten, dass hier die Erklärung liegen könnte, warum sich Krebs viel wahrscheinlicher verbreitet, sobald die Krankheit in dieses System eindringt.

Eines der größten Organe im Menschen?

Die Studienautoren berichten, dass über die Hälfte der Flüssigkeit im Körper in Zellen gebunden ist und etwa ein Siebtel im Inneren des Herzens, in den Blutgefäßen, Lymphknoten und in den Lymphgefäßen. Die restliche Flüssigkeit bewege sich in den Zwischenräumen. Diese „freie“ Flüssigkeit wird in der Medizin interstitiell genannt. Die Forscher betrachten dieses Flüssigkeitssystem als eigenständiges Organ. Somit wäre das sogenannte Interstitium eines der größten Organe des menschlichen Körpers.

Erstmalige Betrachtung als zusammenhängendes System

Die Wissenschaftler der Studie sind die ersten, die das Interstitium als zusammenhängende Einheit betrachten. In vorherigen Studien wurden nur Untersuchungen von fixiertem Gewebe auf Objektträgern durchgeführt, von denen angenommen wurde, dass sie die genaueste Ansicht der biologischen Realität abbilden würden.

Falsche Annahmen

Bei der vorherigen Art der Untersuchung sei jedoch jegliche Flüssigkeit abgeflossen und das habe zu der falschen Annahme geführt, dass die flüssigkeitsgefüllten Gewebekammern Feststoffe seien. „Die Untersuchung des Fixationsartefakts hat einen flüssigkeitsgefüllten Gewebetyp im ganzen Körper über Jahrzehnte hinweg in Biopsie-Objektträgern fest erscheinen lassen“, berichtet einer der Hauptautoren der Studie Neil D. Theise, Professor für Pathologie an der NYU Langone Health, in einer Pressemitteilung. Die Ergebnisse der Studie hätten diese fehlerhafte Annahme in der Anatomie des Menschen korrigiert.

Potential für maßgebliche Fortschritte in der Medizin

„Dieser Befund hat das Potenzial, dramatische Fortschritte in der Medizin voranzutreiben“, erläutert Theise. Dies schließe die Möglichkeit ein, das Interstitium als neues und leistungsfähiges Diagnoseinstrument zu nutzen, indem Proben dieser Flüssigkeit entnommen und untersucht werden.

Lebende Zellen statt fixierte Objektträger

Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer neueren Technologie, bei der sich eine winzige Kamera-Sonde durch das Gewebe bewegt und mit einem Laser die Umgebung beleuchtet. Dadurch werden mikroskopische Ansichten von lebendem Gewebe anstelle von fixiertem möglich.

Zufällige Entdeckung

Die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume wurden zufällig bei einer Untersuchung im Herbst 2015 über die Verbreitung von Krebs entdeckt. Bei dieser Untersuchung kam die neue Sonden-Technologie zum Einsatz. Während der Gallengang eines Patienten sondiert wurde, stießen die Forscher auf die Hohlräume. Diese Entdeckung war die Grundlage der Studienarbeit. (vb)