Neuer bahnbrechender Ansatz bei Atherosklerose und Alzheimer-Demenz

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Alzheimer und Atherosklerose sind Krankheiten, die mit chronischen Entzündungen im Gehirn und den Blutgefäßen im Zusammenhang stehen. Eiweißstoffe des Immunsystems halten diese Entzündungen aufrecht. Ein Fettstoffwechsel-Eiweißkörper (ApoE) hingegen bekämpft die Entzündungen und könnte in Zukunft Vorbild sein, um sie zu stoppen.


Ansatz für neue Therapien gegen Atherosklerose und Alzheimer-Demenz

Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) konnten in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena und weiteren Partnern zeigen, dass das Protein ApoE ein Schlüsselmolekül bei der Entstehung chronisch-entzündlicher Erkrankungen ist und identifizierten einen vielversprechenden Ansatz für neue Therapien gegen Atherosklerose und Alzheimer-Demenz. Ihre Studienergebnisse wurden in dem englischen Fachmagazin “Nature Medicine“ veröffentlicht.

Ein spezielles Protein eröffnet neue Optionen im Kampf gegen Arterienverkalkung und Alzheimer. (Bild: Design Cells/fotolia.com)

ApoE als Schlüsselmolekül und Regulator

Die Forschenden um Dr. Changjung Yin, Professor Andreas Habenicht und Professor Christian Weber vom Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten (IPEK) am Klinikum der LMU zufolge konnten nun in Kooperation mit dem Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie in Jena und weiteren Partnern nachweisen, dass ApoE als Schlüsselmolekül und Regulator in eine zentrale Signalkaskade der Immunreaktion eingreift und damit Entzündungen direkt beeinflusst. So wird ApoE nicht nur mit Atherosklerose, sondern auch mit der Alzheimer-Demenz, AIDS und vielen anderen entzündlichen Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Neuer Ansatzpunkt für die Entwicklung weiterer Therapien

Durch die Behandlung mit einem Wirkstoff, der an dieser Kaskade ansetzt, gelang es den Wissenschaftlern, Atherosklerose und entzündliche Prozesse im Gehirn zu hemmen. Damit haben die IPEK-Forscher eine völlig unerwartete aber vor allem gemeinsame Funktion von ApoE bei unterschiedlichen Erkrankungen identifiziert und einen Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Therapien bei diesen Erkrankungen gefunden.

ApoE wirkt positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Beim Menschen gibt es drei verschiedene Varianten von ApoE, die ein breites Spektrum an Wirkmechanismen haben, deren verschiedene Funktionen aber bisher unklar blieben. Seit Anfang der 1990er-Jahre ist bekannt, dass Träger der Variante ApoE4 ein höheres Risiko haben, eine bestimmte Form von Alzheimer-Demenz zu entwickeln. „Viele Alzheimer-Forscher betrachten ApoE deshalb als schädlich. In Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirkt sich ApoE aber offenbar positiv aus: Mäuse, die dieses Protein nicht bilden können, weil das entsprechende Gen ausgeschaltet wurde, zeigen erhöhte Blutfettwerte und schwere Atherosklerose“, sagt Yin.

Wie wirkt sich ApoE-Mangel auf das Gehirn aus

Es ist bekannt, dass auch Alzheimer-Demenz mit entzündlichen Prozessen im Gehirn in Verbindung steht. Um die Funktion des Proteins genauer zu charakterisieren, untersuchten die Forschenden unter anderem, wie sich ApoE-Mangel auf das Gehirn auswirkt. Dabei fanden sie in einer wichtigen Struktur im Gehirn von Patienten – dem sogenannten Plexus Choroideus – pathologische Fettablagerungen in der Mehrzahl der erkrankten Probanden und keine oder nur geringe Ablagerungen bei gesunden Patienten. Der Plexus Choroideus ist ein zentrales Adergeflecht im Gehirn, das etwa für die Bildung der Blut-Hirn-Schranke und den Gehirnstoffwechsel sowie für die Einwanderung von Immunzellen in das Gehirn verantwortlich ist und deshalb eine wichtige Schnittstelle zwischen dem Immunsystem, dem Herz-Kreislauf System und dem Gehirn bildet. „Diese Fettablagerungen sind ein ganz neues Krankheitsbild, das zuvor völlig unbekannt war“, sagt Yin. „Je ausgeprägter diese Ablagerungen sind, umso früher und ausgeprägter entwickelten die Patienten Demenz.“

Fettablagerungen lösen entzündliche Prozesse aus

Wie die Forschenden weiter zeigen konnten, lösen die Fettablagerungen entzündliche Prozesse aus, indem sie das sogenannte Komplementsystem aktivieren, eine Signalkaskade des Immunsystems, an der fast 30 Proteine beteiligt sind. Alle menschlichen Apo-Varianten waren in der Lage, diese Aktivierung abzuschwächen, indem sie an ein bestimmtes Protein dieses Systems mit dem Namen C1q binden. Damit wurde ApoE als Bindungspartner von C1q und als ein direkter und zentraler Regulator dieser Signalkaskade identifiziert. C1q initiiert normalerweise die Aktivierung des klassischen Komplementsystems. „Den resultierenden C1q-ApoE-Komplex haben wir an so unterschiedlichen Orten wie im Plexus Choroideus, den Alzheimer-typischen Plaques im Gehirn und in atherosklerotischen Arterien des Herzens, der Arterien, die das Gehirn mit Blut versorgen und der Hauptschlagader (Aorta) nachgewiesen. Dabei korrelierte die Anzahl der Komplexe mit dem Grad an Demenz von Alzheimer-Patienten und mit dem Schweregrad der Atherosklerose“, so Yin in einer Pressemitteilung der LMU.

Weitere Therapieansätze mit ApoE

Neben dem klassischen gibt es aber zwei weitere Aktivierungswege für das Komplementsystem, die ohne C1q auskommen. Bei der Suche nach neuen Wirkstoffen zur Reduzierung der fatalen Entzündungsreaktionen wählten die Wissenschaftler daher nicht C1q direkt als mögliche Zielstruktur, sondern einen bestimmten Faktor, der eine zentrale Komponente aller drei Aktivierungswege ist. „Tatsächlich ist es uns mithilfe einer sogenannten small interfering RNA, kurz siRNA, gelungen, diesen Faktor zu hemmen“, sagt Yin. „Auf diese Weise konnten wir bei Mäusen Entzündungsreaktionen im Gehirn und auch die Atherosklerose stark reduzieren. Es könnte sein, dass wir damit einen lange gesuchten gemeinsamen Wirkmechanismus von ApoE bei unterschiedlichen und bisher schwer behandelbaren entzündlichen Erkrankungen aufdecken konnten“, so das Fazit des Experten. (fm)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.