Selbst unsere Augen leiden: Drohender Sehverlust bei zu viel Stress?

Kann psychologischer Stress zum Verlust der Sehkraft führen?

Die gesundheitlichen Konsequenzen einer hohen Stressbelastung sind extrem weitreichend. Vielen Menschen ist dabei der mögliche Zusammenhang mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verdauungsproblemen oder Rückenschmerzen durchaus bewusst, aber die Auswirkungen des Stress gehen noch viel weiter. So haben Wissenschaftler in einer aktuellen Studie auch einen Zusammenhang mit dem Verlust der Sehkraft nachgewiesen.


Dass Stress zu einem Nachlassen der Sehkraft führen kann, ist ein durchaus überraschender Zusammenhang. Bislang war lediglich bekannt, dass durch den Verlust der Sehkraft bei Betroffenen mitunter erheblicher Stress ausgelöst wird. Nun fand das Forschungsteam um Professor Dr. Bernhard Sabel, Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie der Universität Magdeburg, heraus, dass der Stress seinerseits direkte Auswirkungen auf die Sehkraft hat. Die Patienten geraten demnach gegebenenfalls in einen Teufelskreis aus abnehmender Sehkraft, steigendem Stress, weiterer Verschlechterung der Sehkraft und erneutem Anstieg der Stressbelastung.

Anhaltender Stress kann zu einem Verlust der Sehkraft beitragen. (Bild: Ramona Heim – Fotolia)

Psychosomatische Komponente des Sehverlustes

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler die Forschungsergebnisse hunderter bereits bestehender Studien und klinischer Berichte über den Zusammenhang von Stress und Augenerkrankungen ausgewertet. „Es gibt deutliche Hinweise auf eine psychosomatische Komponente des Sehverlustes, denn Stress ist eine wichtige Ursache – und nicht nur eine Folge – des fortschreitenden Sehverlustes infolge von Erkrankungen wie Glaukom und Optikusneuropathie“, fasst der Studienleiter Prof. Sabel die Ergebnisse zusammen. Veröffentlicht wurden die Studienergebnisse in dem Fachmagazin „EPMA Journal

Auge und Gehirn am Sehverlust beteiligt

Dem Experten zufolge können sich „kontinuierlicher Stress und langfristig erhöhte Cortisolwerte negativ auf das Auge und das Gehirn auswirken, da das vegetative Nervensystem unausgeglichen ist, die Blutgefäße dysreguliert werden und der Augeninnendruck steigt.“ So seien sowohl das Auge als auch das Gehirn am Sehverlust beteiligt. Diese Tatsache werde von den behandelnden Ärzten oft nicht bedacht und sei in der medizinischen Literatur bisher nicht systematisch dokumentiert.

Auswirkungen auf die klinische Praxis

Obwohl viele Betroffene vermuten, dass psychischer Stress mit ihrem Sehverlust im Zusammenhang steht, wurde das Verhältnis von Stress, Sehverlust und Wiederherstellung des Sehvermögens bisher nur unzureichend untersucht, erläutern die Studienautoren. In der aktuellen Studie sei hier nun ein eindeutiger Zusammenhang nachgewiesen worden. „Die Auswirkungen dieses Befundes auf die klinische Praxis sind erheblich“, so die Mitteilung des Universitätsklinikums Magdeburg zu den Studienergebnissen. Beispielsweise empfehlen die Studienautoren beim Arzt-Patient-Gespräch auch die Behandlungen zum Stressabbau zu thematisieren. Einige Fallberichte in der aktuellen Studie hätten gezeigt, wie Stressabbau zur Wiederherstellung des Sehvermögens beitragen kann.

Verhalten der Ärzte als Stressauslöser

Des Weiteren sollten sich die behandelnden Ärzte der Tatsache bewusst sein, dass ihr Verhalten und ihre Worte weitreichende Folgen für die Prognose des Sehverlustes haben können, da sie direkten Einfluss auf das Stressempfinden der Betroffenen haben, erläutern die Experten. Vielen Betroffenen werde gesagt, dass ihre Prognose schlecht sei und sie sich darauf vorbereiten sollten, eines Tages blind zu werden. „Selbst wenn dies bei weitem nicht sicher ist und eine vollständige Blindheit fast nie auftritt, bilden die daraus resultierende Angst und Besorgnis eine neurologische und psychologische Doppelbelastung mit physiologischen Folgen, die den Krankheitszustand oft verschlechtern“, betont Co-Autor Dr. Muneeb Faiq, Privatdozent am All India Institute of Medical Sciences (Neu-Delhi) und der New York University School of Medicine.

Teufelskreis von Stress und fortschreitendem Sehverlust unterbrechen

Als mögliche Auswirkung des Stress nennen die Forscher zum Beispiel einen erhöhten Augeninnendruck, eine endotheliale Dysfunktion (Flammer-Syndrom) und Entzündungen, wobei diese Beschwerden jeweils zu weiteren Beeinträchtigungen der Sehkraft bzw. Schäden am Auge führen können. Prof. Sabel hat daher einen ganzheitlichen Behandlungsansatz entwickelt, der Stressmanagement, Patientenaufklärung und Techniken zur Wiederherstellung der Sehkraft kombiniert. Auch psychologische Beratung ist hier vorgesehen, um den Teufelskreis von Stress und fortschreitendem Sehverlust zu unterbrechen.

Kombination verschiedener Behandlungsansätze

Durch zusätzliche Therapien wie Hirnstimulation, Entspannungsreaktion, Wiederherstellung des Sehvermögens, Angstmanagement und soziale Unterstützung werde dem Stress entgegengewirkt und eine Entspannungsreaktion induziert, indem das vegetative System durch Reduzierung der sympathischen und Steigerung der parasympathischen Aktivität wieder ins Gleichgewicht gebracht wird, erläutern die Experten. Parallel erfolgen Maßnahmen, um die Durchblutung des Auges zu erhöhen und damit das Fenster für die Wiederherstellung des Sehvermögens zu öffnen, berichtet das Universitätsklinikum Magdeburg weiter.

Ganzheitlicher Ansatz bei Augenerkrankungen

Die Wissenschaftler empfehlen Stressreduktions- und Entspannungstechniken wie zum Beispiel Meditation, autogenes Training, Stressmanagement-Training, Psychotherapie nicht nur als Ergänzung traditioneller Behandlungen des Sehverlustes, sondern auch als potentiell präventive Mittel gegen das Fortschreiten des Sehverlustes, so die Mitteilung des Universitätsklinikums. Dieser ganzheitliche Ansatz im klinischen Management von Augenerkrankungen könnte nach Ansicht der Experten deutlich mehr eingesetzt werden.

Maßnahmen zum Stressabbau können auch positive Effekte bei der Behandlung von Augenleiden haben. (Bild: fizkes/fotolia.com)

Stressmanagement für Betreuer und Familienmitglieder

Darüber hinaus sollten „Ärzte ihr Bestes tun, um eine positive Einstellung und Optimismus zu vermitteln und ihren Patienten die Informationen zu geben, auf die sie Anspruch haben, insbesondere in Bezug auf die Bedeutung von Stressreduktion“, betonen die Wissenschaftler. Im Zuge der Behandlung sei auch das Stressmanagement für Betreuer und Familienmitglieder relevant, deren Unterstützung und Ermutigung zu einem stressfreien Zustand beitrage. Durch einen ganzheitlichen Behandlungsansatz könne der Teufelskreis von Stress und fortschreitender Blindheit unterbrochen werden.

Weitere Studien erforderlich

Professor Sabel kommt zu dem Schluss, dass die Stress-Reduktion ein ergänzendes Behandlungsziel sein sollte, da durch die ganzheitliche Ergänzung der augenärztlichen Behandlungen etwa mit Elektrostimulation und Entspannungsverfahren neue Chancen eröffnet werden, die Sehleistung bei Erkrankungen wie dem Glaukom oder der Schädigung des Sehnervs zu verbessern. „Weitere klinische Studien sollen durchgeführt werden, um die kausale Rolle von Stress bei verschiedenen Erkrankungen mit niedrigem Sehvermögen zu bestätigen und um verschiedene Anti-Stress-Therapien zur Verhinderung des Fortschreitens sowie zur Verbesserung der Sehkraft als Grundlage der psychosomatischen Ophthalmologie zu evaluieren“, betonen Prof. Sabel und Kollegen. (fp)