Seltene Folge der Antibiotika-Einnahme: Patientin wuchern schwarze Haare auf der Zunge

Alexander Stindt

Nach Unfall wachsen schwarze Haare auf Zunge von Patientin

Nachdem eine 55 Jahre alte Frau in einen schweren Autounfall verwickelt war und sich in einem Krankenhaus erholte, begann die Patientin sich über Übelkeit und einen schlechten Geschmack in ihrem Mund zu beklagen. Die anschließende Untersuchung des Mundes zeigte, dass die Zunge der Patientin sich schwarz verfärbt hatte. Aber es kam noch schlimmer, die Zunge war von haarähnlichen Strukturen bedeckt.


Bei einer Frau entwickelten sich nach einem Autounfall haarähnliche Strukturen auf der Zunge. Solch ein seltener Fall von einer haarigen schwarzen Zunge ist auf eine Krankheit zurückzuführen, welche auch als Lingua villosa nigra bekannt ist. Die Mediziner veröffentlichten jetzt den Fallbericht dieser außergewöhnlichen Erkrankung in dem englischsprachigen Fachblatt „New England Journal of Medicine“.

Zwar helfen uns Antibiotika heutzutage bei vielen früher lebensbedrohlichen Infektionen, aber mitunter drohen auch schwere Nebenwirkungen. Eine Frau entwickelte jetzt durch die Einnahme von Antibiotika schwarze Haare auf ihrer Zunge.

Wie wurde die Frau nach ihrem Unfall behandelt?

Nach einer schweren Verletzung, bei der beide Beine der Patientin zerquetscht wurden, musste die betroffene Frau in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Während der Genesung entwickelte sich bei einer ihrer Verletzungen eine Infektion. Das medizinische Team setzte sie auf eine Antibiotika-Therapie mit Meropenem, welches sie intravenös erhielt, und Minocyclin, das oral verabreicht wurde.

Behandlung führte zu eigenartiger Erkrankung der Zunge

Eine Woche später begann die Zunge der Patientin einen bräunlich-schwarzen Farbton anzunehmen. Sie klagte über Übelkeit und berichtete über einen schlechten Geschmack in ihrem Mund. Die Mediziner diagnostizierten, dass sie eine schwarze behaarte Zunge hatte, wobei eine Reaktion auf Minozyklin als mögliche Ursache zu sehen war, erklärt der Autor des Berichts, Professor David Warren von der Washington University School of Medicine. Eine solche haarige Zunge ist ein gutartiger und überraschend häufiger Zustand, aber die meiste Zeit erscheint sie gelblich, und nicht Schwarz, wie in diesem speziellen Fall.

Warum tritt die Erkrankung auf?

Alleine in den USA ist etwa ein Prozent der Bevölkerung von solch einer Erkrankung betroffen und in einigen Teilen der Welt haben bis zu 10 Prozent der Menschen eine solche Erkrankung. Die Erkrankung tritt auf, wenn die Beulen auf der Oberseite der Zunge, die sogenannten Filiformpapillen, ungewöhnlich lang werden. Diese kleinen Noppen normalerweise eine Länge von 1 Millimeter bis 18 Millimeter. Aus biologischer Sicht gesehen wachsen also nicht wirklich schwarze Haare auf der Zunge. Wenn man die Oberfläche der Zunge genau betrachtet, ist zu erkennen, dass sie wie Sandpapier aussieht. Die filiformen Papillen bilden die raue Oberfläche. Normalerweise wird diese äußere Schicht der Papillen beim Essen kontinuierlich abgerieben. Bei einer behaarten Zunge wächst diese Schicht jedoch aus verschiedenen Gründen schneller und die Papillen werden trotz des Abriebs immer länger.

Veränderungen in den Bakterienarten, die normalerweise im Mund leben, können dazu führen, dass sich das Beschwerdebild entwickelt. Antibiotika und Medikamente wurden auch als mögliche Auslöser genannt. Ebenso können Rauchen, schlechte Mundpflege, der Konsum von schwarzem Tee, der Konsum von Kaffee und die Bestrahlung bei Kopf-Hals-Tumoren einen Einfluss auf die Entstehung haben. Zum Glück ist eine schwarze haarige Zunge reversibel und sie hat keine langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen.

Wie wird die Erkrankung behandelt?

Eine haarige schwarze Zunge kann sehr beunruhigend sein, ist im Allgemeinen aber gutartig, erklären die Experten. Manche Menschen mit behaarter schwarzer Zunge berichten von Reizungen im Mund, schlechtem Geschmack im Mund, schlecht schmeckendem Essen oder schlechtem Atem. Die Behandlung der behaarten Zunge umfasst das Meiden von bestimmten Lebensmitteln und Getränken bei der Ernährung, welche dafür bekannt sind, die Krankheit zu verursachen. Außerdem sollten Betroffene das Rauchen aufgeben und auf eine bessere Mundhygiene achten. Das sanfte Bürsten der Zungenspitze mit einer weichen Zahnbürste kann ebenfalls helfen. Wenn diese Schritte nicht funktionieren sollten Betroffene ihren Arzt aufsuchen, so die Empfehlung der Mediziner. In dem aktuellen Fall wurde bei der Frau das Minocyclin abgesetzt und durch eine andere Gruppe von Antibiotika ersetzt. Der Erkrankten wurde auch geraten, auf eine bessere Mundhygiene zu achten. Vier Wochen nach dem Absetzen von Minocyclin war ihre Zunge wieder normal. (as)