Transplantationsmedizin: Organabstoßung langfristig verhinderbar

Abstoßungsreaktion nach Organtransplantation verhindert

Transplantationen gehen immer mit dem Risiko einher, dass der Körper des Empfängers das gespendete Organ abstößt. Forschern ist es nun gelungen, diese Abstoßungsreaktion bei einer Nierentransplantation zu verhindern.


Enorme Fortschritte in der Transplantationsmedizin

Die Transplantationsmedizin hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. So ist etwa Medizinern 2015 die sensationelle Transplantation einer Schädeldecke gelungen. Und im vergangenen Jahr wurde in den USA die erste Penis-Verpflanzung durchgeführt. Für Aufsehen sorgte auch eine kürzlich erfolgte Operation eines deutsch-italienischen Wissenschaftlerteams, bei der einem Jungen eine fast komplett neue Haut transplantiert wurde. Noch aufsehenerregender ist allerdings das Vorhaben eines italienischen Chirurgen: Er plant die erste menschliche Kopftransplantation. Problematisch bei allen Formen der Transplantation von Organen ist das Risiko, dass der Körper das fremde Gewebe abstößt. Forschern ist es jetzt jedoch gelungen, diese Abstoßungsreaktion – bei Tieren – bei einer Transplantation zu verhindern.

Bei Transplantationen besteht immer die Gefahr, dass der Körper das gespendete Gewebe abstößt. Forschern ist es nun gelungen, diese Abstoßungsreaktion zu verhindern. (Bild: Kadmy/fotolia.com)

Abstoßungsreaktion der Empfänger verhindern

Der Immunologe Prof. Dr. Marcus Groettrup von der Universität Konstanz hat mit seiner Arbeitsgruppe einen Weg entwickelt, um bei Ratten nach einer Nierentransplantation die Abstoßungsreaktionen der Empfänger zu verhindern, und im Immunsystem der Organempfänger die Bildung von Antikörpern gegen das transplantierte Organ zu unterdrücken.

Die entscheidende Rolle spielt dabei die Hemmung des Immunproteasoms, wodurch die Produktion der Antikörper unterdrückt wird, heißt es dazu in einer Mitteilung.

Die Ergebnisse der Forschergruppe wurden nun im Fachjournal „Kidney International“ veröffentlicht.

Bislang gibt es kaum eine wirksame medikamentöse Abwehr

Laut den Experten werden im Verlauf von zehn Jahren nach einer Nierentransplantation circa die Hälfte der Transplantatnieren durch Antikörper wieder abgestoßen. Gegen diese chronische Abstoßung gibt es bisher kaum eine wirksame medikamentöse Abwehr.

Nicht-selektive Proteasomhemmer können zwar die durch Antikörper verursachte Abstoßung von Transplantaten unterdrücken, sind aber aufgrund starker negativer Nebeneffekte nur bedingt einsetzbar.

Immunproteasomhemmer haben sich hingegen bei vorklinischen Modellen von Autoimmunerkrankungen als effektiv erwiesen und wurden über Wochen hinweg ohne offensichtlich erkennbare Nebenwirkungen verabreicht.

Produktion von Antikörpern unterdrückt

In einem Rattenmodell haben die Wissenschaftler um Marcus Groettrup gezeigt, dass durch die Hemmung des Immunproteasoms die aktivierten Plasmazellen, die die Antikörper gegen die Transplantatniere produzieren, abgetötet werden.

Die selektive Immunproteasomhemmung durch den Hemmer ONX 0914 reduzierte die Anzahl von B- und Plasmazellen und unterdrückte die Produktion der dem Spender eigenen Antikörper.

Die Transplantationen wurden von einem urologischen Chirurgen vom Cancer Institute Chongqing in China, Dr. Jun Li, durchgeführt, der im Rahmen eines Stipendiums des Chinese Scholarship Council an der Universität Konstanz arbeitet und internationaler Experte für Mikrochirurgie ist.

Vielversprechender Therapieansatz

„Die Ergebnisse sind ein voller Erfolg. Wir können die Abstoßung komplett bei allen Tieren verhindern und sehen, dass die Antikörper, die gegen das Transplantatorgan gebildet werden, praktisch kaum mehr vorhanden sind“, so Groettrup.

„Die Entzündungsparamter in der transplantierten Niere sind deutlich zurückgegangen und die Nierenfunktion der Empfänger ist exzellent“, resümiert der Experte und erläutert, dass diese Ergebnisse darauf schließen lassen, dass Immunproteasomhemmung ein vielversprechender Therapieansatz bei der Behandlung chronischer, durch Antikörper verursachter Abstoßung sein kann.

Groettrups Strukturmodell des Immunproteasoms gilt als grundlegend für die Entwicklung von Wirkstoffen gegen Autoimmunerkrankungen wie Diabetes, rheumatoide Arthritis und Multiple Sklerose.

Bereits Anfang der 2000er-Jahre gelang es Groettrup, das Immunproteasom als Regulator für genau jene Botenstoffe auszumachen, die autoimmune Erkrankungen verursachen.

Eine pharmazeutische Entwicklung von Hemmstoffen, die gezielt das Immunproteasom ausschalten, würde eine Bekämpfung von Autoimmunerkrankungen und Organspendenempfängern erlauben, ohne zugleich das gesamte Immunsystem des Körpers zu schwächen. (ad)