Verdopplung der Essstörungen in den letzten 20 Jahren – was sind die Gründe?

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Warum gibt es in unserer heutigen Gesellschaft immer mehr Essstörungen?

Immer mehr Menschen leiden unter sogenannten Essstörungen. Nach Angaben von Experten hat sich die Anzahl der weltweit jährlich verzeichneten Essstörungen in den letzten 18 Jahren mehr als verdoppelt. Dies ist zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass das Bewusstsein für ein breiteres Spektrum von Störungen zunimmt.


Bei einer aktuellen Untersuchung der Normandy Rouen University in Frankreich wurde festgestellt, dass sich die Prävalenz von Essstörungen von 3,4 Prozent in der Bevölkerung im Jahr 2000 auf 7,8 Prozent im Jahr 2018 mehr als verdoppelt hat. Die Ergebnisse der Studie wurden in der englischsprachigen Fachzeitschrift „American Journal of Clinical Nutrition“ publiziert.

Essstörungen beziehen sich nicht immer nur auf ein krankhaft erhöhtes Gewicht. Sie unfassen beispielsweise auch Magersucht. (Bild: RioPatuca Images/fotolia.com)

Welchen Einfluss hat unsere Gesellschaft auf unser Essverhalten?

Die zunehmende Anerkennung von Essstörungen wie beispielsweise Bulimia nervosa erklärt teilweise den dramatischen Anstieg, aber welche Gründe gibt es noch für solch eine Zunahme? Heutige Gesellschaften haben ihre Aufmerksamkeit für Essen, Ernährung und Diäten wesentlich erhöht. Dies führt zu einem besonders starken Fokus auf Fettleibigkeit, Volksgesundheit und individuelle Interventionen für Fettleibigkeit. Essstörungen waren dabei eher ein unbeabsichtigter kausaler Faktor, erläutern die Forschenden.

Essverhalten von Kindern wird stark beeinträchtigt

Die gegenwärtigen Reaktionen der Menschen auf Fettleibigkeit und Übergewicht tragen zu einer Zunahme von Essstörungen bei, da sie auf unser allgemeines Essverhalten und eine wahre Dämonisierung von bestimmten Lebensmitteln sowie der Einschränkung des Konsums dieser Lebensmitteln als Lösung ausgerichtet seien. Dieser Fokus verstärke auch die Angst und den Stress in Bezug auf das Essen und den generellen Lebensmittelkonsum. Bei kleinen Kindern werde dies durch zunehmende Angst vor dem Essen, restriktives Essverhalten und bestimmte Verhaltensweisen im Bezug auf Lebensmitteln deutlich, berichten die Autoren der Studie.

Gewichtsstigma erschwert eine Behandlung

Die Studie ist durchaus bedeutend, da sie die Gesamtbevölkerung berücksichtigte, um so die Prävalenz von Essstörungen zu quantifizieren, anstatt nur die Menschen, die bereits eine Behandlung erhalten oder nach Unterstützung suchen. Es wurden Menschen aller Körperformen und Körpergrößen untersucht, wobei die Teilnehmenden eine Menge Gemeinsamkeiten aufwiesen. Es ist ein Anstieg bei allen Formen von Essstörungen zu beobachten. Doch die Stigmatisierung verhindere bei vielen Betroffenen eine angemessene Behandlung, was die zunehmende Prävalenz von Essstörungen noch weiter anheize. Die STigmatisierung betreffe sowohl Menschen, welche etwas mehr Gewicht mit sich herumtragen, als auch diejenigen, die zu dünn sind.

Genesungsprozess dauert lange

Eine bessere und einfachere Diagnose und eine verbesserte Unterstützung für Familien und Betreuer und die Beseitigung der Stigmatisierung würden nach Ansicht der Forschenden den Genesungsprozess erleichtern. Zwar dauere die Genesung oft sehr lange und es gebe häufig Rückfälle, aber dies sei alles Teil des Heilungsprozesses. Die Forschenden betonen, dass nun weitere Studien folgen sollten und dem Thema mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse, um die Verbreitung von Essstörungen zu bekämpfen. (as)