Wissenschaftler sehen Entscheidungen, bevor sie uns bewusst sind

Wissenschaftler erkennen manchmal Entscheidungen, bevor die Menschen diese selbst kennen, so das Magazin IFLScience und berichtet: In einer Studie wählten Teilnehmer zwischen zwei Mustern, die Studienleiter nutzten dabei Bilder auf einer funktionelle Magnetresonanztomographie, um vorauszusehen, welche sie wählen würden.


Funktionelle Magnetresonanztomographie

Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)ist ein bildgebendes Verfahren, das aktivierte Hirnareale mit hoher räumlicher Auflösung darstellen kann. Wir sehen so, welche Gehirnströme aktiv sind – Entscheidungen laufen dabei vor dem Bewusstsein durch einen unbewussten „Stand-By Modus“.

Hirnaktivität lässt sich mit bildgebenden Verfahren nachweisen. (Bild: picture-waterfall/fotolia.com)

Vertikal oder horizontal

Professor Joel Pearson von der Univerity of New South Wales bat eine Gruppe Freiwillige, sich ein entweder ein Muster von horizontalen oder vertikalen farbigen Linien vorzustellen. Er wählte diese Muster, weil die Orientierung an vertikal / horizontal spezifischen Reaktionen im visuellen Cortex entspricht.

Begrenzte Zeit

Wenn sich die Probanden entschieden, welches Muster sie sich vorstellen würden, drückten sie einen Knopf. Später drückten sie andere Knöpfe, um anzuzeigen, wie stark das Bild in ihrem Kopf war. Pearson verifizierte die Zeit der Entscheidung, um sicher zu gehen, dass die Teilnehmenden nicht einfach die Zeit verzögerten, bevor sie den Knopf drückten. In der Mehrzahl der Fälle kannte Pearsons Team den Ausgang vorher.

Bis zu 11 Sekunden vorher

Die Muster zeigten sich im bildgebenden Verfahren bis zu 11 Sekunden, bevor sich die Probanden bewusst entschieden. Das deutet darauf hin, dass die Gehirne prädisponiert waren zu einer Orientierung oder einer anderen, bevor die Teilnehmenden es selbst wussten.

Kein freier Wille?

Pearson kritisierte gegenüber IFLScience indessen Medienberichte, die seine Studie so verkürzten, dass sie belege, es gäbe keinen freien Willen. Das lehnt er ab. Zwar stimmte die Prädisposition im Unbewussten in mehr als 50 % der Fälle mit der späteren bewussten Entscheidung überein, aber keinesfalls immer. Gäbe es keinen freien Willen, müsste die Übereinstimmung bei 100 % liegen.

Priming

Pearson sieht das Ergebnis hingegen als Beleg für Priming an. Er sagt, laut IFLScience: „Wenn ich sage, stell dir eine Bank vor, dann denkst du vielleicht an einen Ort, wo du dein Geld deponierst. Aber wenn ich dir vorher ein Bild mit Wasser zeige, dann denkst du an eine „river bank“ (Flussufer).“ Etwas ähnliches geschähe vermutlich in seinem Experiment, das fMRT zeige dieses Priming von Mustern an, die bestimmte Hirnregionen formten.

Freier Wille oder nicht?

Die Frage, ob es einen freien Willen gibt, beschäftigt heute nicht nur Philosophen und Priester, sondern auch die Hirnforschung. John-Dylan Haynes und sein Team vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig kamen 2008 zu dem Ergebnis, dass die entsprechenden Hirnregionen bereits aktiv waren, bevor Probanden glaubten, eine bewusste Entscheidung zu fällen. Sie konnten das Ergebnis voraussagen – allerdings auch nur in 60 % aller Fälle.

Wie lassen sich Entscheidungen erkennen

Anbahnende Entscheidungen lösen im Gehirn Stoffwechselprozesse aus. Haynes setzt damals einen Kernspintomografen ein, der zeigte, welche Regionen des Gehirns wie viel Sauerstoff verbrauchten. Die aktiven Teile des Gehirns verbrauchen mehr Sauerstoff.

Was erhofft Pearsons von seiner Studie?

Dem Forscherteam ging es nicht darum, zu beweisen, ob es einen freien Willen gibt oder nicht. Vielmehr hoffen sie, dass die Ergebnisse dazu beitragen können, dass Posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) besser zu verstehen. Menschen, die dieser Folge einer Traumatisierung ausgesetzt sind, berichten von einem totalen Kontrollverlust, sowohl, was die Stärke als auch den Inhalt ihrer inneren Vorstellung betrifft.

Bilder, die sich nicht stoppen lassen

Die Betroffenen sind hilflos Alpträumen ausgesetzt und wie in einer Dauerschleife suchen sie Horrorbilder ein, verbunden mit der Stressreaktion Flucht oder Kampf, sobald ein objektiv harmloser Auslöser die Bilderwelten aktiviert, die mit dem traumatischen Geschehnis verknüpft sind: Wenn Männer aus dem Auto steigen, ist der Krieg wieder da.

Wie könnten die Erkenntnisse gegen die PTBS helfen?

Bei Posttraumatischen Syndrom ist vermutlich der Prozess zwischen Priming und bewussten Entscheidungen gestört. Die abgespeicherten Schreckensbilder durchlaufen keinen Filter, in dem sie an die jeweilige Situation angepasst werden, sondern erwischen die Betroffenen mit voller Wucht. Möglicherweise gibt die Studie einen Ansatz zu erforschen, an welchem Punkt dieser Prozess kippt, und wie sich das Priming auf die Bilder des Traumas ändern lässt. (Dr. Utz Anhalt)