Zahl der Demenz-Neuerkrankungen geht zurück

Alfred Domke

Weniger Neuerkrankungen an Demenz in westlichen Industrienationen

In den vergangenen Jahren wurden immer wieder Berichte über Untersuchungen veröffentlicht, die zu dem Schluss kamen, dass die Zahl der Demenzkranken immer weiter steigt. Doch Forscher aus Leipzig haben nun eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass es in westlichen Industrieländern weniger Neuerkrankungen an Demenz gibt.


Mehr als eineinhalb Millionen Deutsche haben Demenz

Der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft zufolge leben hierzulande gegenwärtig fast 1,6 Millionen Demenzkranke; zwei Drittel von ihnen sind von der Alzheimer-Krankheit betroffen. In den vergangenen Jahren wurde immer wieder prognostiziert, dass die Zahl der Betroffenen weiter steigen wird – und zwar nicht nur in Deutschland. So gehen Experten aufgrund der demographischen Entwicklung davon aus, dass 2030 weltweit mehr als 74 Millionen Menschen unter Demenz leiden werden. Forscher aus Leipzig berichten aber nun, dass die Zahl der Demenz-Neuerkrankungen – zumindest in manchen Industrienationen – zurückgeht.

Demenzerkrankungen gehören zu den folgenschwersten Erkrankungen im Alter. Deutsche Forscher berichten nun, dass die Zahl der Demenz-Neuerkrankungen – zumindest in manchen Industrienationen – zurückgeht. (Bild: Ocskay Mark/fotolia.com)

Trend zu sinkenden Neuerkrankungsraten bei Demenz

Gesundheitsexperten zufolge gehören Demenzerkrankungen zu den folgenschwersten Erkrankungen im Alter.

Wissenschaftler der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig belegen nun einen Trend zu sinkenden Neuerkrankungsraten bei Demenz in westlichen Industrieländern.

Das heißt, dass Menschen, die heute 85 Jahre alt sind, seltener an Demenz erkranken, als diejenigen, die eine Generation früher ihr 85. Lebensjahr erreichten, heißt es in einer Mitteilung der Uni.

Veränderungen in den Neuerkrankungsraten an Demenz belegen demnach vor allem, dass das Risiko, an Demenz zu erkranken, beeinflussbar ist. Somit scheint auch Prävention möglich.

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit wurden im Fachjournal „Clinical Epidemiology“ veröffentlicht.

Lebensumstände können stark variieren

Um zu ihren Ergebnissen zu gelangen, fassten die Leipziger Forscher in einer Metaanalyse aktuelle Studien aus Industrienationen zusammen, die Unterschiede in Demenzraten in vergleichbaren Stichproben mit einem zeitlichen Abstand von mindestens zehn Jahren untersuchten.

Bei der Datensynthese von sieben identifizierten Studien zeigte sich eine positive Entwicklung in den Neuerkrankungsraten – zumindest in westlichen Industrieländern, konkret Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und den USA.

Gegenläufig dazu war allerdings die Entwicklung in einer japanischen Studie: Hier wurde gar ein Anstieg bei den Demenz-Neuerkrankungen verzeichnet.

Demnach ist anzunehmen, dass sich Trends in den Neuerkrankungsraten von Demenz in den Industrienationen nicht einheitlich entwickeln.

„Selbst in Industrieländern können die Lebensumstände und Erfahrungen im Lebensverlauf stark variieren und damit Entwicklungstrends von Demenz unterschiedlich beeinflussen“, sagt Dr. Susanne Röhr vom Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP).

„Und das trotz der insgesamt sehr günstigen Lebensbedingungen, die einkommensstarke Länder in der Regel auszeichnen“, so die Studienautorin.

„Für abschließende Schlussfolgerungen ist es aber noch zu früh, da für andere Regionen bisher sehr wenige Erkenntnisse vorliegen.“

Erkrankungsrisiko ist durch gesunden Lebensstil beeinflussbar

Wie es in der Mitteilung heißt, belegen Veränderungen in den Neuerkrankungsraten an Demenz vor allem: das Risiko, an Demenz zu erkranken, ist beeinflussbar.

Der tendenzielle Rückgang in den westlichen Industrieländern wird vor allem vermehrter Bildung und komplexeren beruflichen Anforderungen sowie einer besseren Versorgung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und anderen chronischen Erkrankungen zugeschrieben.

„Mehr Bildung und fordernde berufliche Tätigkeiten erhöhen die Widerstandsfähigkeit des Gehirns gegen dementielle Erkrankungen“, erklärt Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller, Direktorin des ISAP an der Universität Leipzig.

Gleichfalls können Diabetes oder Bluthochdruck, die im engen Zusammenhang mit Demenzerkrankungen stehen, heutzutage besser behandelt werden.

Zudem kann jeder Einzelne etwas unternehmen, um Demenz und Alzheimer vorzubeugen.

Grundsätzlich gilt: „Ein gesunder Lebensstil mit viel Bewegung, geistiger und sozialer Aktivität, Nichtrauchen und ausgewogener Ernährung hilft nicht nur Herz-Kreislauferkrankungen vorzubeugen, sondern auch Demenz“, so Riedel-Heller.

Demenz ist im Moment nicht heilbar, deshalb kommt der Prävention eine besondere Bedeutung zu.

Absolute Anzahl an Betroffenen steigt durch höhere Lebenserwartung

Laut den Leipziger Experten ist bislang wenig erforscht, inwiefern kulturelle und ethnische Faktoren wie auch Umweltbedingungen oder der historische Kontext, in denen Populationen aufwachsen, Trends in der Demenzentwicklung mitbestimmen.

„Das ist jedoch ein Feld, in dem immer mehr Forschungsaktivität zu beobachten ist“, sagt Röhr.

Analysen von zeitlichen Trends in Demenzraten aus verschiedenen Ländern und Kulturen tragen zum Verständnis bei, unter welchen Voraussetzungen Menschen Demenz entwickeln – und daraus können wiederum Hinweise für weitere präventive Wirkfaktoren gewonnen werden.

Die absolute Anzahl an Betroffenen steigt jedoch vor allem durch die höhere Lebenserwartung weiter an. So bleibt Demenz eine der größten globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert.

„Zu sehen, dass jeder Einzelne und auch die Gemeinschaft etwas tun kann, ist ein Lichtblick. Deshalb ist es Zeit, mehr über die Prävention von Demenz zu sprechen“, schlussfolgert Riedel-Heller. (ad)