Pandemie – Von der Pest zum Coronavirus

Pandemien – Teil 1: Der Schwarze Tod

Pandemien sind Seuchen, genauer gesagt Infektionskrankheiten, die sich über Ländergrenzen oder sogar über Kontinente hinweg verbreiten. Sie unterscheiden sich von einer Epidemie insofern, dass diese örtlich beschränkt ist. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass alle Regionen im Areal einer Pandemie betroffen sein müssen. Ob eine Epidemie zur Pandemie wird, legt heute die World Health Organization (WHO) fest.

„Und sieh, das ganze Land war voller Toter, die Prosa nicht und auch kein Vers erfassen kann: Von Indien und Cathay bis Marokko und Spanien hatte jene Schar die Welt bis zu den Berghängen angefüllt.“ (Petrarca, Begründer des Humanismus, in „Triumph des Todes“ über die Pestwelle, der 1348 seine Frau Laura zum Opfer fiel)

Globale Mobilität – auch für Viren und Bakterien

Heute können sich diese Erkrankungen, die Millionen von Menschen in vielen Ländern heimsuchen, viel schneller verbreiten als je zuvor in der Geschichte der Menschheit – das erleben wir gerade beim Coronavirus. Der Grund dafür ist der weltweite Flugverkehr in der globalisierten Gesellschaft.

Während die Pest des Mittelalters sich vom Schwarzen Meer über genuesische Schiffe nach Italien ausbreitete und von dort weite Teile Europas in Beschlag nahm, brachten Flugreisende AIDS seit den 1980er Jahren, SARS 2002/2003 und heute das Coronavirus in Windeseile über die Ozeane.

Schematische Darstellung der Welt mit COVID-19-Schriftzug in weiß darüber.
Die Weltgesundheitsorganisation erklärte Covid-19 am 11. März 2020 zur Pandemie. (Bild: bluedesign/stock.adobe.com)

Warum verbreitet sich Corona so schnell?

Prof. Dr. Josef Settele vom Weltbiodiversitätsrat und Vizepräsident des Sustainable Research Institute (Seri) in Köln sagt, dass die Menschen heute die Barrieren zwischen Wirtstieren von Erregern und dem Menschen immer mehr niederreißen. Eine pandemische Seuche wäre also abzusehen gewesen, ebenso viele Tote.

Es gebe vermutlich noch weitere Erreger, die sogar schlimmere Auswirkungen hätten als das derzeitige Coronavirus. Lebensräume von Tierarten würden zerstört, und das führe bei einigen Arten wiederum zu hohen Populationsdichten und damit zu mehr Kontakten zu Menschen. Die überlebenden Arten seien in zunehmendem Ausmaß gezwungen, ihren Lebensraum mit Menschen teilen.

Menschen dringen Prof. Settele zufolge außerdem in immer neue Gebiete ein und begegnen damit auch neuen Tierarten, gegen deren Viren keine Immunabwehr besteht. Bei Marktlieferanten, Züchtern und Kunden der Tiermärkte bestehe eine noch höhere Wahrscheinlichkeit, sich mit neuen Erregern zu infizieren. Die große Mehrheit der Krankheitserreger seien noch nicht einmal entdeckt. Deshalb komme der Ausbruch der Corona-Pandemie nicht überraschend.

Pandemien – Die Geißeln der Menschheit

Seuchenwellen, also Pandemien, zählen zu den größten Schrecken der menschlichen Geschichte und fanden deshalb bereits Eingang in die frühesten schriftlichen Überlieferungen. Sie befruchteten die frühen Religionen, die in solchen Massensterben eine Strafe zorniger Götter sahen, sie führten den Untergang von Kulturen herbei und erschütterten Großreiche.

Sie mischten die Karten neu und veränderten fundamental menschliche Gesellschaften: Ohne Masern, Pocken und Grippe, die 90 Prozent der Einheimischen Amerikas dahinrafften, hätten die Spanier, Portugiesen und später Briten wie Franzosen niemals in dieser Form den Kontinent erobern können. Amerika wäre heute indigener, so wie das ebenfalls kolonisierte Indien indisch ist. In Europa führte die große Pestwelle im Spätmittelalter zur größten Migration und Neubesiedlung seit der Völkerwanderung 800 Jahre zuvor.

Die „Antoninische Pest“

Aus der Blütezeit des Römischen Reiches ist die „Antoninische Pest“ überliefert, die 24 Jahre lang das Römische Reich in Europa und Asien plagte und vermutlich fünf Millionen Menschen das Leben kostete. Ihr Ausbruch ist gut dokumentiert: Römische Legionäre plünderten die Stadt Seleukia-Ktesiphon, die Hauptstadt des Partherreiches im heutigen Irak. Unmittelbar danach brach bei ihnen eine Krankheit aus, die fast immer mit dem Tod endete.

Massenhaft nachgewiesen ist sie unter Zivilisten in Nisibis an der syrisch-türkischen Grenze, dann in Smyrna und Ephesos in der heutigen Türkei, in Europa breitete sich die Seuche schnell bis nach Britannien aus. Sie folgte den Handelsrouten und Soldatenstraßen, vor allem schleppten die Legionäre sie mit sich, die von den Feldzügen im Mittleren Osten in ihre Lager im europäischen Mittelmeergebiet heimkehrten. Die erste Stadt Europas, in der die „Pest“ wütete, war Athen, und schon ein Jahr nach ihrem Auftreten in Mesopotamien hatte sie die Metropole erreicht – Rom.

Galenus, der Leibarzt des römischen Kaisers Mark Aurel, floh umgehend nach Pergamon im Nordwesten der heutigen Türkei, kam aber auf Mark Aurels Befehl in ein Militärlager an der Donau zurück. Besonders heftig grassierte die Krankheit in Italien und auf der iberischen Halbinsel. In Rom sollen laut Cassius Dio täglich 2000 Menschen gestorben sein, jeder Vierte erkrankte. Von Italien wanderte die Seuche an die Donau und von da an den Rhein. Dass 25 bis 30 Prozent der Erkrankten starben, geht auch aus den Steuerlisten des Römischen Reiches hervor.

Ab 170 n. Chr. ging die Zahl der Toten zurück, vermutlich hatten sich viele Menschen inzwischen immunisiert. Sie flackerte aber regional immer wieder auf – bis in die 180er Jahre. 180 n. Chr. starb Mark Aurel angeblich an der „Pest“ – dies ist aber unter Historikern umstritten. Der Begriff „Pest“, lateinisch pestis, bedeutete Seuche. Um die Lungen- oder Beulenpest handelte es sich nicht. Heute gehen wir davon aus, dass es vermutlich eine Form der Pocken war.

Die Justinianische Pest

541 grassierte eine Seuche: Das erste Zentrum war das Rote Meer in Ägypten, dann tobte sie in Alexandria, der wichtigsten Hafenstadt im Südosten des Mittelmeers, und verbreitete sich von hier aus in Nordafrika und im Oströmischen Reich. Ein Jahr später hatte die Pest die Metropole Konstantinopel erreicht, damals eine der größten Städte der Welt.

Ein Jahr darauf starben an ihr Menschen in Syrien, Palästina, Armenien, Italien und Gallien (Frankreich), später schwappte sie sogar nach Britannien über. Seefahrer brachten den Pestbazillus über das Mittelmeer nach Illyrien, Tunesien, nach Spanien und Italien, von Arles kam sie in das Zentrum Frankreichs und in das heutige Bayern.

In Konstantinopel forderte sie hunderttausende Menschenleben. 544 beruhigte sich die Seuche, dann brach sie 557 in Antiochia wieder aus, dann noch einmal in Konstantinopel, in Ravenna, in Istrien und Ligurien und 570 im Tal der Rhone. Inzwischen ist eindeutig belegt, dass es sich wirklich um die Pest handelte – also um das Bakterium Yersinia pestis.

Eine als Pestdoktor mit Schnabelmaske und Hut verkleidete Person vor einem historischen Gebäude.
Der Pestdoktor mit Schnabelmaske, schwarzem Umhang und dunklem Hut gilt als Sinnbild für die Pest im Mittelalter. (Bild: crisfotolux/stock.adobe.com)

Beulen- und Lungenpest

Wie bereits erwähnt heißt das lateinische Wort pestis Seuche, und dieses konnte in der römischen Antike verschiedene Krankheiten bezeichnen. Bei der Beulenpest tritt zunächst eine Lymphknotenschwellung am Hals und in den Achseln auf. Wenn sich die Bakterien im Blut sammeln, können sie eine Lungenpest auslösen. Die Beulenpest konnten Betroffene überleben, wenn die vereiterten „Beulen“ schnell aufgeschnitten wurden. Die Lungenpest führte direkt zum Tod.

Die Pest und das Römische Reich

Diese Pandemie heißt Justinianische Pest, da sie in die Regierungszeit des Kaisers Justinian I. von Ostrom fiel (482-565). Ihr Ausmaß und ihre Auswirkungen sind umstritten. Viele Historiker gingen davon aus, dass die Pest ganze Regionen des Oströmischen Reiches entvölkerte, die Wiedereroberung des im 5. Jahrhundert an Germanen gefallenen Weströmischen Reiches verhinderte, die Agrarproduktion Konstantinopels zusammenbrechen ließ und die Seuche dafür sorgte, dass die Muslime wenige Jahrzehnte später die reichsten Provinzen des Byzantinischen Reiches aufsammelten wie vom Baum gefallene Äpfel.

Die neueste historische Forschung und archäologische Befunde ergeben ein anderes Bild. Der Historiker Peter Heather erörtert, dass die Pest in Konstantinopel furchtbar viele Todesopfer forderte, Massengräber in Außenbezirken angelegt werden mussten und die unteren Stockwerke von Türmen mit Leichen gefüllt wurden.

Auf dem Land starben zwar auch so viele Menschen, dass Arbeitskräfte knapp wurden und den Landarbeitern deutlich höhere Löhne gezahlt werden mussten – es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass die Wirtschaft, der allgemeine Wohlstand und der Handel in größerem Umfang gestört wurden.

Der Schwarze Tod

„Der Schwarze Tod“ war namenloser Schrecken. Wer sich angesteckt hatte, bemerkte, dass die Lymphknoten schwollen. Hautausschlag folgte, Schwindel, Schüttelfrost, heftiger Schmerz, manche spuckten Blut. Der Tod kam, so die Lunge ergriffen war, noch am selben Tag, manchmal blieben den Erkrankten derer drei. Ein Chronist, der in Orvieto lebte, konstatierte lapidar: „An einem Morgen war man gesund, am folgenden schon tot.“ (Bernd Roeck in „Der Morgen der Welt: Geschichte der Renaissance“)

Ein Bakterium wie ein Atomkrieg

Im 7. und 8. Jahrhundert kam es immer wieder zu lokalen Pestausbrüchen, im Hochmittelalter verschwand die Pest aus Europa – bis heute ist nicht geklärt, warum. 1347 kehrte Yersinia pestis wieder, und dieser Ausbruch war schlimmer als alles, was die Menschen in den letzten Jahrhunderten an Seuchen erfahren hatten: Rund ein Drittel oder mehr der Europäer und Europäerinnen starben innerhalb von drei Jahren, und danach wurden die Karten auf dem Kontinent völlig neu gemischt.

Die Historiker Sournia und Ruffié schreiben: „Auf die heutigen Verhältnisse übertragen, müsste man ihr Wüten mit einem weltweiten Atomkrieg vergleichen.“

Der Schwarze Tod am Schwarzen Meer

Die Mongolen der Goldenen Horde brachten Yersinia Pestis mit sich, das seit alten Zeiten unter Nagetieren in den Steppen Asiens lebte. Sie belagerten 1347 Kaffa, eine genuesische Kolonie am Schwarzen Meer. Die Belagerung scheiterte, weil immer mehr Mongolen an der Seuche starben. Die Gestorbenen katapultierten die Mongolen über die Mauern der Festung, und hier forderte die Seuche in wenigen Tagen immer mehr Tote. Die überlebenden Genuesen flohen auf ihren Galeeren Richtung Italien und trafen bald in Messina ein.

Die Pest erfasst Europa

Die Pest kam so nach Europa. Ein Priester schrieb, dass „die Seeleute in ihren Gebeinen eine Krankheit trugen, die jeden, der nur mit ihnen sprach, ergriff, so dass er dem Tode auf keiner Weise entfliehen konnte.“ Von Sizilien kam die Seuche nach Pisa, erreichte Genua, dann Sienna, dann Florenz. In Florenz mussten Gruben ausgehoben werden, um die Massen der Leichen schichtweise übereinander zu stapeln, bis sie zum Rande gefüllt waren.

Der österreichische Historiker Egon Friedell (1878-1938) schrieb, dass sich der Schwarze Tod, wie die Zeitgenossen die Krankheit nannten, nicht reißend wie andere Epidemien verbreitete, sondern langsam, aber unaufhaltsam – von Haus zu Haus, von Land zu Land. Die Seuche erfasste Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien, dann Polen, Dänemark, Schweden und Finnland, später Island und sogar Grönland.

Pandemie als Zorn Gottes

Die Menschen im 14. Jahrhundert standen der Pest hilflos gegenüber, da ihre Ursache unbekannt war. Mal sollte eine Planetenkonstellation verantwortlich sein, dann schlechte Luft, dann der Zorn Gottes. „Die Seuche galt als Gottestrafe für eine Welt, die aus den Fugen geraten schien“, so Bernd Roeck.

Um Gott zu besänftigen, zogen Geißlerzüge durchs Land, religiöse Fanatiker, die glaubten, sich selbst zu peitschen sei das wahre Abendmahl, weil sich so ihr Blut mit dem von Jesus Christus vermische. Ihnen schlossen sich Arme an und Abenteurer, Verbrecher und Verzweifelte. Und diese Ansammlungen verbreiteten in ihren Gottesdiensten das Bakterium weiter, steckten sich und andere an.

Das leere Land

In den Handelsstädten Italiens starben weite Teile der Eliten, und in Florenz rückte die Familie der Medici an deren Stelle. Straßen, Klöster und Dörfer verwahrlosten, Überlebende plünderten und flohen, Felder und Weingärten verwilderten in großem Ausmaß, wie die Archäologie anhand von Pollenfunden bestätigt.

Der Historiker Siegfried Fischer-Fabian erläutert: „Die Kornfelder waren im Halm verdorrt, das Vieh auf den Weiden verkommen, der Boden unbestellt, die Vorräte aufgebraucht. Es gab keine Schnitter, keine Hirten, verlassene Höfe überall, Wüsteneien.“

Judenpogrom und Pestparties

„Plötzlich sprang in Südfrankreich das Gerücht auf, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, und drang, schneller als die Pest, in die benachbarten Länder. Es kam zu scheußlichen Judenschlächtungen, bei denen die Geißler die Stoßtruppe bildeten […]” (Egon Friedell)

Auf die Selbstgeißelung folgte die Suche nach vermeintlich Schuldigen. Juden, Leprakranke, Sinti und Roma sowie „Zauberer“ machte der Mob als „Schuldige“ aus, zerstörte ihre Häuser und verbrannte sie lebendig. Der Jurist Gabriele de Mussis behauptete, in China hätten „gräßliche Schlangen und Kröten das Unheil angekündigt“. Während die Geißler sich selbst quälten, um Gott gnädig zu stimmen, verfielen andere in das Gegenteil. So wie heutige Veranstalter von „Coronaparties“ versammelten sie sich, betranken sich und schlugen sich den Bauch voll.

Ein Pestdoktor geht nachts auf einem menschenleeren Platz umher.
Der als „Schwarzer Tod“ bezeichneten Pest-Pandemie fiel in Europa rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung zum Opfer. (Bild: Viktor/stock.adobe.com)

Tod und Wahnsinn

„Sie (die Pest) hinterließ verödete Städte, auf deren Plätzen die Leichenfeuer zum Himmel stanken, verlassene Dörfer, auf deren Höfen Wölfe und wilde Hunde hausten, Flüsse und Seen, auf denen Pesttote mit aufgeblähten Leibern trieben; auf den Landstraßen irrten Vagabundierende umher, denen das Grauen den Verstand verwirrt hatte,“ schreibt Fischer-Fabian.

In drei Jahren starb rund ein Drittel der Menschen Europas, womöglich die Hälfte, so Roeck. Der Zeitgenosse Jean Froissart sagte „Ein Drittel der Welt starb“. Laut Fischer-Fabian starben 25 bis 30 Prozent der Menschen in Europa, im Deutschen Reich rund zwei bis drei Millionen. Es handelte sich bei der Großen Pestwelle, die 1347 vom Schwarzen Meer Italien und von dort ganz Europa erreichte, um eine kontinentübergreifende Pandemie. Sie wütete auch in China, und dort starben 1352 in der Provinz Schansi 80 Prozent der Menschen, in der Provinz Hupeh rund 70 Prozent.

Unberechenbarer Schrecken

Dabei war ihre Verbreitung unberechenbar, so Fischer-Fabian: „Sie ließ ganze Landstriche unberührt, übersprang innerhalb der Städte einzelne Straßen, kehrte nach Jahren wieder zurück und wütete um so erbarmungsloser unter denen, die sie verschont hatte.“ Die Ursache für diese „Merkwürdigkeit“ liegt in der Art, wie sich die Pest auf Menschen übertrug. Das Bakterium brachten Rattenflöhe auf den Menschen, und überall da, wo infizierte Ratten auf Menschen trafen, brach die Seuche aus.

Nach der großen Pestwelle von 1347 bis 1350 brach die Seuche rund 100 Jahre hinweg regional immer wieder aus. So berichten Chroniken von einem „großen Sterben am Rhein“, von der „Pest in Preußen“, oder „zehntausend sterben in Nürnberg“ oder auch einer „großen Pestilenz in den Seestädten“.

Die Pest mischt die Karten neu

In der Folge der Pest veränderten sich die Gesellschaften Europas immens. Arbeitskräfte waren knapp, und Bauern setzten oft günstige Bedingungen durch. Ritter wurden zu Raubrittern und unternahmen von ihren Burgen Überfälle auf reisende Kaufleute. Entwurzelte verdingten sich als Söldner, die für Geld töteten – in Italien begann die Zeit der Condottieri, der bezahlten Berufskiller.

Die wenigen Handwerker, die noch am Leben waren, ließen sich ihre Seltenheit bezahlen, streikten effektiv und erzwangen höhere Löhne. Vorherige Hungerleider zogen in die verwaisten Häuser reicher Bürger ein.

Wo entstand die Pest?

Der Schwarze Tod, also die Pestwelle Mitte des 14. Jahrhunderts, entstand vermutlich in Zentralasien – Afghanistan, Turkmenistan, Usbekistan und Mongolei. Dort gibt es Yersinia pestis bei wilden Nagetieren, und lokale Pestausbrüche bei den dortigen Hirtennomaden sind seit alten Zeiten bekannt. Diese wurden aber unter den Steppenreitern nie zu Pandemien, da die Stämme der Einheimischen nicht in Massen auf engem Raum zusammen lebten.

Möglich ist, dass die wilden Nagetiere die Pest auf Ratten in den Handelszentren übertrugen und der Rattenfloh so im Netzwerk der Seidenstraßen von der Mongolei nach Persien, Konstantinopel und Europa zog. Das würde bereits die Justinianische Pest erklären, denn Konstantinopel, wo die Seuche am stärksten wütete, galt als Königin der Städte an den Kreuzwegen der Welt und war der westliche Endpunkt der Seidenstraße.

Mit den Kamelkarawanen und Schiffen konnte das Pestbakterium einfach von Ostasien bis Nordafrika und Westeuropa ziehen. Zudem schleppten die Mongolen, Dschingis Khan und seine Nachfolger, die Pest ein, als sie ihr Weltreich eroberten, wie der Pestausbruch von 1347 belegt, dessen erste nachgewiesene Brutstätte die Mongolen der Goldenen Horde waren.

Konstantinopel, das erstens den Bosporus beherrschte, die einzige Seeverbindung zwischen Asien und Europa, und zweitens über Kleinasien die Landbrücke zum Balkan stellte, war exakt das Nadelöhr, durch das jeder musste, der von Asien nach Europa wollte. Es ist also alles andere als ein Zufall, dass Yersinia pestis das heutige Istanbul verheerte.

Der Reiter der Apokalypse

In den Pestpandemien des 6. und des 14. Jahrhunderts wussten die Menschen nichts von Bakterien. Als der Schwarze Tod vom Schwarzen Meer in Europa Einzug hielt, glaubten manche Ärzte, üble Winde aus Asien hätten die Seuche gebracht, andere machten Gase aus dem Inneren der Erde verantwortlich, wieder andere die Stellung der Planeten. Demzufolge war auch der Schutz gegen die Pest sinnlos: Mal sollten die Menschen stehende Gewässer meiden, mal die Fenster nur nach Norden öffnen, damit der Wind nicht hinein kam.

Im Umlauf waren Salben mit Zutaten wie Krötenlaich oder Spinneneiern, manche verzichteten auf Schweinefleisch – andere entzündeten Weihrauch, Myrrhe und Sandelholz. Die Flöhe störte das herzlich wenig. Bald rückten religiöse Ideen in den Vordergrund – immerhin war die Pestilenz einer der Reiter, der die Apokalypse ankündigte, und die sahen die gläubigen Menschen nicht als Metapher an.

Blätter und Früchte der Schwarzen Tollkirsche auf weißem Grund.
Zur Behandlung von Pestbeulen wurde im Mittelalter unter anderem die Schwarze Tollkirsche als Heilpflanze eingesetzt. (Bild: Hans und Christa Ede/stock.adobe.com)

Engelwurz und Tollkirsche

Ohne Wissen um die Ursachen stocherten die Menschen im Nebel. Sie für „dumm“ zu halten, wäre höchst anmaßend. Die Ärzte kannten die Symptome und Folgen einer Pesterkrankung bestens, und sie entwickelten diverse Methoden, um vor Ansteckung zu schützen und die Symptome zu lindern. Als Heilkräuter gegen die Pest nutzten sie zum Beispiel den Gemeinen Wacholder, Kleine Bibernelle und Arznei-Engelwurz.

Die Pestbeulen behandelten die Ärzte mit der Schwarzen Tollkirsche. Beulen wurden aufgeschnitten, mit gekochtem Wasser ausgespült und mit Salz gewaschen, zudem mit Kräutersalben gereinigt. Tatsächlich ist es möglich, die Beulenpest in einem sehr frühen Stadium durch das Aufschneiden und Auswaschen der Beulen zu stoppen, bevor die Bakterien sich im Körper verbreiten.

Dabei gab es durchaus den Verdacht, dass die Krankheit ansteckend war. Nach dem Ausbruch in Messina mussten Schiffe, die von dort kamen, vierzig Tage in Quarantäne verbringen. Die Pest verbreitete sich dennoch, und das schien die erst einmal richtige Vermutung zu widerlegen, dass sich die Krankheit von Mensch zu Mensch übertrug. Die Ratten und ihre Flöhe hinderte die Quarantäne nicht – sie liefen über die Schiffstaue an Land und brachten den Tod.

Pandemien – Erfahrung und Aufklärung

Die Große Pest brachte dennoch die Medizin voran. Die Säftelehre des Hippokrates, nach der ein Ungleichgewicht von Säften Krankheiten verursachte, war in Frage gestellt. Denn zu viele hatten immer wieder gesehen, dass Menschen erkrankten, die Kontakt mit Erkrankten hatten. Gegen 1500 setzte sich schließlich die Annahme durch, dass Krankheiten durch Berührungen ausgelöst werden.

Die Pest sorgte auch für eine straffere Hygiene. Seife, um sich zu desinfizieren, verbreitete sich. Der Kampf gegen Ratten und Flöhe wurde zunehmend ernst genommen, und Rattenfänger wurde ein anerkannter Beruf.

Die Kleine Eiszeit – Das Klima und der Floh

Neue Studien zeigen, welchen Einfluss das Klima in Zentralasien an Pestausbrüchen im weit entfernten Europa hatte. Demnach kam es dann zu Pestausbrüchen, wenn rund 15 Jahre zuvor das günstige Klima in den asiatischen Steppen zu einem Anstieg der Nagerpopulationen und ihrer Flöhe geführt hatte und sich dann rapide verschlechtert hatte. Brachen die vom Pestbakterium befallenen Nagerpopulationen jetzt zusammen, mussten sich die Flöhe alternative Wirte suchen.

Kamele lassen sich leicht durch Flohbisse infizieren, und die Flöhe reisten dann mit den Kamelen auf den Seidenstraßen durch die Karawanenstationen, wo sie wiederum auf Ratten übersprangen. In Hafenstädten trafen die europäischen Kaufleute dann auf Handelsreisende aus Asien – und der Floh hüpfte von Kontinent zu Kontinent.

Ungeklärt ist, warum Yersinia pestis im 14. Jahrhundert so viel schlimmere Auswirkungen hatte als zur Zeit Justinians, in der nachweislich nicht einmal die landwirtschaftliche Produktion des Oströmischen Reiches ernsthaft in Gefahr war.

Einen Hinweis bietet der Abfall der Temperatur in Europa seit dem 14. Jahrhundert, der als „Kleine Eiszeit“ bekannt ist: Die Temperatur fiel im Durchschnitt um mehrere Grad Celsius, die Sommer wurden kühl und verregnet, im Winter froren die großen Flüsse zu, und die Gletscher wuchsen in die Täler hinein. Im Hochmittelalter zuvor hatten Bauern hingegen am deutschen Rhein Feigen geerntet.

Der Biologe Josef H. Reichholf zeigt Zusammenhänge auf, die sich fatal auswirkten. Das Klima kühlte sich in den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts schnell ab, jedenfalls schneller, als dass die Menschen adäquate Heizsysteme entwickelt hätten.

Die Wanderratte (Rattus norvegicus) hatte in der Wärmeperiode vor allem draußen gelebt – in den Müllhaufen der Stadtgräben oder in den verschmutzten Straßen. Jetzt wurde es ihr besonders im Winter draußen zu kalt, und sie verdrängte die kleinere Hausratte (Rattus rattus) auf die Dachböden und zog in die Keller und Gewölbe ein.

Von der Hausratte, die kaum in Kontakt mit der Welt draußen kam, ging wenig Gefahr aus. Wanderratten aber trieben sich sowohl draußen wie auch drinnen herum, waren die Wirte des mit dem Pestbakterium befallenen Flohs auf den Schiffen, und von draußen kamen sie in die Häuser. Die Menschen konnten nicht wirklich heizen und zogen deshalb mehrere Schichten Kleidung übereinander an – ideal für Flöhe.

Außerdem hielten sie sich viel mehr als in der Wärmezeit zuvor drinnen auf. Sie hatten lediglich Kienspäne und Kerzen als Beleuchtung, das reichte aber besonders in den langen Winternächten nicht aus, um die Ratten zu verjagen. Hinzu kam, dass sich die Bevölkerung in den letzten 350 Jahren vervierfacht hatte, und in den Armenvierteln lebten die Menschen dicht an dicht.

Eine wilde Ratte in der Kanalisation.
Das Pestbakterium Yersinia pestis befällt vornehmlich Nagetiere und dabei insbesondere Ratten. (Bild: creativenature.nl/stock.adobe.com)

Die Chinesische Pest

Pestepidemien hatte es in Ländern, in denen das Pestbakterium endemisch bei Nagetieren war, in der ganzen Neuzeit gegeben, mal mit 30.000 Toten in Kairo, mal mit 100.000enden Toten an der Küste Chinas, dann wieder in Istanbul. Die dritte und letzte Pestpandemie nach der Justinianischen Pest und dem Schwarzen Tod des Spätmittelalters brach 1894 in China aus, und zwar im Gebiet von Hunan und Kanton, also Regionen, in denen Yersinia pestis bei Nagetieren endemisch ist. Diese übertrugen den Erreger durch Flöhe auf Menschen, und die Krankheit erreichte Hongkong.

Hier erfolgte endlich die Entdeckung, die der Pest heute ihren großen Schrecken genommen hat. Der 31 Jahre alte schweizerisch-französische Arzt Alexandre Yersin identifizierte am 20. Juni 1894 in Hongkong das Bakterium als Erreger der Krankheit. Bereits bei seiner Ankunft in Hongkong am 15. Juni schrieb er: „Ich sehe viele tote Ratten auf dem Boden liegen. Die Ratten sind sicherlich die eigentlichen Verbreiter der Epidemie.“ Bald waren die Flöhe als die eigentlichen Überträger entlarvt.

Yersin schnitt einem Pesttoten eine Beule heraus und untersuchte das Gewebe unter einem Mikroskop. Er schrieb: „Im Nu habe ich ein Präparat hergestellt und lege es unter mein Mikroskop. Auf den ersten Blick erkenne ich einen regelrechten Brei aus Mikroben, die alle gleich aussehen.“ Er hatte die Ursache des Schwarzen Todes entdeckt, die nach ihm Yersinia pestis genannt wurde.

An der Verbreitung der Seuche 1894 konnte Yersin aber nichts mehr ändern. Statt mit Kamelen wie zuvor reisten die Ratten und Flöhe jetzt auf Dampfschiffen um den Globus. Von China breitete sich die Pest nach Indien und Südostasien aus. 1896 forderte sie unzählige Menschenleben in Singapur und Bombay. In den Jahren danach erreichte sie Sydney, San Francisco, Honolulu, Vera Cruz, Lima, Asuncion, Buenos Aires, Rio de Janeiro, Alexandria, Kapstadt, Portugal und Schottland.

Am schlimmsten traf es Bombay. Die Inder waren tolerant gegenüber Ratten, und die Armen lebten in der Metropole auf engstem Raum zusammen. Die hohe Temperatur und die hohe Luftfeuchtigkeit sorgten dafür, dass sich die Flöhe bestens vermehrten. Pilger waren in Massen unterwegs und die Zentren an die Eisenbahn angeschlossen. 1896 verzeichnete Bombay innerhalb kurzer Zeit 2000 Verstorbene und wurde unter Quarantäne gestellt.

Yersinia pestis kam sehr spät nach Amerika und verankerte sich in den USA bei Präriehörnchen. In Australien brach sie zwar während der großen Pandemie nach 1900 auch aus, Yersinia pestis siedelte sich hier aber nie fest an – vermutlich liegt das am Fehlen endemischer Nagetiere als Reservoir. Insgesamt forderte die letzte große Pestpandemie rund 12 Millionen Opfer weltweit, die meisten davon in China, Indien und Südostasien.

Die Pest heute

Die durch Yersinia pestis ausgelöste Beulenpest, die unsere Vorfahren mehr fürchteten als alle anderen Krankheiten, ist heute keine apokalyptische Gefahr mehr. Eine Pestpandemie, und selbst eine größere regionale Pestepidemie, ist heute unwahrscheinlich: Bakterium, Floh und Ratten werden bekämpft, und selbst nach dem Ausbruch ist die Krankheit kein Todesurteil, wenn sie früh erkannt wird. Die Bakterien lassen sich gut mit Antibiotika bekämpfen – mit Mitteln wie Streptomycin, Gentamycin, Tetracyclinen oder Chloramphenicol. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Ruffié, Jacques; Sournia, Jean-Charles: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit, dtv, 1992
  • Roeck, Bernd: Der Morgen der Welt – Geschichte der Renaissance, C.H. Beck Verlag, 2017
  • Heather, Peter: Die letzte Blüte Roms: Das Zeitalter Justinians, wbg Theiss, 2019
  • Fischer-Fabian, Siegfried: Der Jüngste Tag: Die Deutschen im späten Mittelalter, Droemer Knaur, 1985
  • Beck, Rainer (Hg.): Streifzüge durch das Mittelalter, C.H. Beck Verlag, 1989
  • Reichholf, Josef H.: Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends, Fischer Taschenbuch, 2008
  • Blom, Philipp: Die Welt aus den Angeln. Eine Geschichte der kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart, Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 2017
  • Rakin, A.: Yersinia pestis - Eine Bedrohung für die Menschheit, in: Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 46/11: 949 - 955, November 2003, RKI
  • World Health Organization: Plague (Abruf: 27.3.2020), WHO
  • Wulfers, E.: Heilpflanzen als Mittel gegen die Pest im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin, 26: 34-44, 2014, Karger
  • Schmid, Boris V.; Büntgen, Ulf; Easterday, W. Ryan et al.: Climate-driven introduction of the Black Death and successive plague reintroductions into Europe, in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), Februar 2015, PNAS

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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