Alzheimer noch lange nicht heilbar

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Wissenschaftler warnen: Alzheimer noch lange nicht heilbar. Experten fordern bessere Versorgung der Patienten

13.01.2011

Auch wenn die Alzheimer-Forschung in den letzten Jahren einen großen Wissenszuwachs gebracht hat, ist aus wissenschaftlicher Sicht unklar, ob und wann ein Alzheimer-Medikament zur Heilung der verbreitetsten Demenzform zur Verfügung stehen wird, betonten die Experten im Rahmen eines Symposiums der Hirnliga e.V.

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Mehrere Experten haben den aktuelle Forschungsstand zur Alzheimer-Krankheit im Rahmen des Symposium der Hirnliga am Dienstag in Frankfurt am Main vorgestellte und diskutiert. Dabei wiesen sie darauf hin, dass Alzheimer trotz intensiver Forschung auch auf längere Sicht noch nicht heilbar sein wird, weshalb der Schwerpunkt auf die Möglichkeiten zur Früherkennung und Behandlung gesetzt werden sollte. Die Chancen müssen genutzt werden, um den Ausbruch und das Voranschreiten der Erkrankung im Sinne der Patienten so lange wie möglich hinaus zu zögern, anstatt weiter auf die Erforschung eines Patentrezeptes zu hoffen, erklärten die Experten. Dabei haben die Wissenschaftler nicht nur die Gesundheit jedes Einzelnen im Blick, sondern sehen in der starken Zunahme von Alzheimer-Erkrankungen jährlich auch eine wachsende Bedrohung für „unsere sozialen Sicherungssysteme“.

27 Millionen Alzheimer-Erkrankungen weltweit
Die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen ist weltweit in den letzten Jahren rasant gestiegen. Betroffen sind derzeit nach Angaben des stellvertretenden Hirnliga-Vorsitzenden Hans Gutzmann weltweit rund 27 Millionen Menschen. Deutschlandweit leiden aktuell rund eine Million Menschen an einer Alzheimer-Erkrankung, wobei jährlich rund 200.000 Personen hinzukommen, so der Experte weiter. Neuere Studien gehen davon aus das sich die Zahl der Alzheimer-Patienten in Deutschland bis zum Jahr 2050 verdoppeln oder sogar verdreifachen könnte. Eine Vielzahl der Erkrankungen bleibe jedoch unerkannt und werde daher nicht behandelt, erklärte Gutzmann. So würden nur etwa zehn Prozent der Betroffene im Laufe ihrer Krankheit von einem Facharzt untersucht.

Alzheimer belastet die gesamte Familie
Der Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Frankfurter Goethe-Universität, Harald Hampel, erläuterte das Alzheimer eine „hochkomplexe und chronisch“ verlaufende Erkrankung ist, welche durch fortschreitenden Gedächtnisverlust und den Verlust weiterer höherer Hirnfunktionen bis hin zum vollständigen Verlust der Eigenständigkeit gekennzeichnet sei. Die Betroffenen seien im späteren Stadium der Krankheit oft rund um die Uhr auf Pflege angewiesen, wodurch die Erkrankung in der Regel die gesamte Familie betreffe, ergänzte Gutzmann. Für die Angehörigen seien die hohen körperlichen und seelischen Belastungen nach Aussage des Experten auf Dauer kaum tragbar, so dass rund ein Drittel der pflegenden Angehörigen an Depressionen, Burnout und ähnlichen Störungen erkranke.

Bessere Versorgung der Alzheimer-Patienten gefordert
Im Rahmen des Hirnliga-Symposiums forderten die Experten außerdem die Verbesserung der Versorgung von Alzheimer-Kranken. Die Wissenschaftler bemängelten, dass Demenzkranke häufig unangemessene Medikamente erhielten. Der Gerontopsychiater Ralf Ihl betonte auf dem Symposium, dass weniger als 20 Prozent der Demenzkranken, die Mitglied in der gesetzlichen Krankenkasse sind, angemessene Medikamente verschrieben bekommen. Unter den privat versicherten Patienten seien es immerhin doppelt so viele, erklärte Ihl. Der Experte zitierte außerdem aus einer Studie, die ergeben habe, dass fast 90 Prozent der Neurologen einem Verwandten beim Auftreten entsprechender Symptome einen Acetylcholinesterasehemmer, das heißt ein Medikament zur Blockierung des Abbaus der Nervenzellen, verschreiben würden. Unter den Befragten Hausärzten würden 64 Prozent so verfahren. Im Rahmen seines Beitrags unterstrich der Gerontopsychiater, dass in der Realität die Neurologen jedoch nur 44 Prozent der Patienten mit entsprechenden Symptomen einen Acetylcholinesterasehemmer verschrieben und die Hausärzte dies sogar nur bei neun Prozent der Patienten taten. Als Begründung hätten die Fach- und Hausärzte im Rahmen der Studie Budgetrestriktionen als wichtigste Ursache genannt.

Alzheimer-Früherkennung deutlich verbessert
Auch der Frankfurter Psychiater Harald Hampel unterstrich, dass trotz der erheblichen Forschungserfolge, Alzheimer noch lange nicht heilbar sein wird. Allerdings wurden deutliche Fortschritte bei der Diagnose und Ermittlung von Risiko-Genen gemacht, so dass sich die aktuellen Bemühungen der Forscher eher auf die Verbesserung der Früherkennung und auf die Entwicklung von Medikamenten zur Verzögerung des Krankheitsverlaufs konzentrieren, erläuterte Hampel. Dabei sei eines der wesentlichen Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre, dass die krankhaften Prozesse im Gehirn, welche als Ursache für eine Alzheimer-Erkrankung gelten, bereits Jahrzehnte vorher nachweisbar sind, betonte der Frankfurter Psychiater. So sei eine Früherkennung beispielsweise durch die Kernspintomographie und Biomarker möglich.

Zahlreich Risikofaktoren für Alzheimer-Erkrankungen bekannt
Außerdem sei eine Reihe von Genen entdeckt worden, an deren Veränderungen man ein erhöhtes Alzheimer-Risiko feststellen könne, erklärte Hampel. Darüber hinaus deuten nach Aussage des Wissenschaftlers aktuelle Befunde darauf hin, „dass Fett- und Cholesterinstoffwechsel sowie das Immunsystem“ bei Alzheimer-Erkrankungen eine „wichtige Rollen spielen“. Weitere Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alzheimer-Erkrankung sind laut dem Frankfurter Pharmaforscher Gunter Eckert, unter anderem zu hoher Blutdruck, ein hoher Spiegel des Stoffwechselzwischenprodukts Homocystein, Diabetes, Fettsucht und Rauchen. Alzheimer vorbeugend wirke sich indes erwiesenermaßen eine gesunde, mediterrane Ernährung und körperliche und geistige Betätigung aus, erklärte Eckert.

Medikamentöse Behandlung bei Alzheimer-Erkrankungen ungenügend
Der Krefelder Gerontopsychiater Ralf Ihl widmete sich in seinem Beitrag gleich mehreren Themenfeldern. Der Experte äußerte sich zu den gängigen Methoden der Medikation und führte unter anderem fünf Substanzen an, die derzeit zur Behandlung von Alzheimer-Erkrankungen eingesetzt werden können – so zum Beispiel aus Ginkgo-Blättern gewonnene Präparate. Mit den zugelassenen Medikamenten lassen sich nach Aussage von Ralf Ihl mitunter auch gute Erfolge, wenn sie kombiniert werden, was jedoch nicht ohne ärztliche Zustimmung erfolgen sollte. Der Krefelder Gerontopsychiater kritisierte in seinem Vortrag außerdem die ungleiche Behandlung von gesetzlichen Versicherten und Privatpatienten. Wie dargestellt erhalten nur etwa 20 Prozent der gesetzlichem Versicherten entsprechende Antidementiva, Privatpatienten würden immerhin doppelt so häufig angemessen medikamentös behandelt. Das Problem sei dabei im Wesentlichen, dass die Haus- und Fachärzte aus Angst vor Budgetüberziehungen keine Medikamente verschreiben, mit deren Hilfe jedoch eine teure Heimunterbringung um bis zu einem Jahr hinausgezögert werden könnte.

Demenzplan sowie Zusammenlegung von Pflege- und Krankenkasse gefordert
Um dem „Finanzierungs-Dilemma“ bei der medikamentösen Behandlung von Alzheimer-Erkrankungen zu entgehen, forderte Ralf Ihl in seinem Vortrag auch die Zusammenlegung der Pflege- und Krankenkasse. Denn die Krankenkassen würden Demenz-Erkrankungen eher als Pflegeproblem und weniger als medizinisches Problem betrachten, so die Aussagen auf dem Symposium der Hirnliga. Eine adäquate Therapie würde jedoch nicht nur den Pflegebedarf verzögern, sondern letztendlich auch erheblich Kosten sparen, betonte Ralf Ihl und forderte daher einen nationalen Demenzplan, wie er bereits in Frankreich oder in den USA zum Einsatz komme. Nach Aussage des Experten bedarf es der Koordinierung aller Aktionen gegen Demenz, von der politisch-lokalen Ebene bis zur Forschungsebene, wobei neben der Erstellung eines Demenzplanes auch die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt werden müssen, um der wachsenden Zahl von Alzheimer-Erkrankungen erfolgreich zu begegnen. Dabei bestehe auch auf europäischer Ebene dringender Handlungsbedarf, betonte Ihl.