EHEC-Rätsel gelöst: Erreger aus Ägypten importiert

Fabian Peters

EHEC-Erreger mit Sprossensamen aus Ägypten eingeschleppt

06.07.2011

Das Rätsle um den Ursprung der neuen besonders gefährlichen EHEC-Erreger scheint gelöst. Die EHEC-Epidemie in Deutschland und auch die EHEC-Infektionen in anderen europäischen Ländern sollen durch den Einsatz verseuchter Bockshornkleesamen aus Ägypten verursacht worden sein, berichtete die Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bereits vor einer Woche.

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Nun haben Experten einer deutschen Task Force den Verdacht bestätigt, dass der neue EHEC-Erreger O104:H4 wahrscheinlich mit Bockshornkleesamen aus Ägypten importiert wurde. Dies teilten das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das Bundesinstitut für Risikobewertung und das Robert-Koch-Institut am Dienstag gemeinsam in Berlin mit. Die EU plant derweil ein Importverbot für die Bockshornkleesamen und andere Sprossensamen aus Ägypten. Da sich jedoch vermutlich noch zahlreiche belastete Bockshornkleesamen im Umlauf befinden, sollten die vorhandenen Chargen vernichtet werden und Verbraucher weiterhin keine Sprossensamen oder rohe Sprossen verzehren, warnte die ESFA.

Bockshornkleesamen aus Ägypten Ursache der EHEC-Infektionen
Während der ägyptische Landwirtschaftsminister bis zuletzt dementierte, dass Produkte aus seinem Land möglicherweise Ursprung der EHEC-Infektionswelle in Deutschland oder anderen europäischen Staaten sein könnten, kommen die europäischen Behörden und die Experten einer eigens eingerichteten deutschen Task Force zu einem anderen Ergebnis. Sowohl die ESFA als auch die deutschen Spezialisten gehen davon aus, dass die neuen, besonders gefährlichen EHEC-Erreger mit Bockshornkleesamen aus Ägypten eingeschleppt wurden. Die EU plant daher laut Medienberichten ein Importverbot für Bockshornklee- und andere Sprossensamen aus Ägypten bis Ende Oktober. Bestehende Restchargen der Bockshornkleesamen sollen entsorgt werden und Verbrauchern empfehlen die Behörden vorerst weiterhin auf den Verzehr der Sprossensamen oder roher Sprossen zu verzichten. Auch sollten aus den Samen keine Sprossen selbst gezogen werden, warnen die Experten. Denn eine Belastung mit den gefährlichen EHEC-Erregern O104:H4 könne nicht ausgeschlossen werden. O104:H4 verursacht besonders häufig schwere EHEC-Symptome und die Folgeerkrankung des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS).

Zweimonatige Suche nach der EHEC-Infektionsquelle
Mit der Identifizierung verseuchter Bockshornkleesamen aus Ägypten scheint nun die Suche nach den Ursachen der in Deutschland Mitte Mai ausgebrochenen EHEC-Infektionswelle dem Ende entgegen zu gehen. Während die Behörden Anfangs lange im Dunkeln tappten und schnell verschiedenste Gemüsesorten ins Visier der Verdächtigungen gerieten – wie zum Beispiel die spanischen Salatgurken – haben sich die Ermittlungen in den vergangenen Wochen immer weiter konkretisiert. Über die Lieferlisten und -scheine konnten die Experten des Robert-Koch-Instituts (RKI) einen Zusammenhang der vermehrt auftretenden EHEC-Infektionen mit den Sprossen eines Biohofs in Bienenbüttel herstellen. Der Hof wurde geschlossen und es erfolgten gezielte Warnungen vor dem Verzehr der rohen Sprossen. Seither gehen die Infektionszahlen in Deutschland deutlich zurück. Zur EHEC-Belastung der Sprossen führte dem aktuellen Ermittlungsstand zufolge die Verwendung verunreinigten Saatguts aus Ägypten. Über verseuchte Bockshornkleesamen aus Ägypten sollen die neuen, besonders aggressiven EHEC-Erreger auf den Biohof in Bienenbüttel gelangt sein, berichteten das RKI, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Auf die Spur der Bockshornkleesamen kamen europäische Behörden nachdem auch in Frankreich im Raum Bordeaux vermehrt EHEC-Infektionen aufgetreten waren.

Zwei Chargen EHEC verseuchter Sprossensamen verarbeitet
Offenbar wurden zwei Chargen der mit den EHEC-Erregern belasteten Bockshornkleesamen aus Ägypten zur Sprossenproduktion genutzt, erläuterten die Experten. Den Untersuchungsergebnissen der Task Force zufolge stammte die erste Charge aus dem Jahr 2009. Diese wird in Zusammenhang mit den Mitte Juni im Raum Bordeaux aufgetretenen EHEC-Infektionen gebracht, während die zweite Charge aus dem Jahr 2010, welche auch in dem Biohof in Bienenbüttel verarbeitete wurde, zu der dramatischen Ausbreitung der EHEC-Infektionen in Deutschland geführt haben soll. Während sich die Behörden über die Fahndungserfolge freuen, kann der Geschäftsführer des Biohofs in Bienenbüttel ebenfalls erleichtert sein: die Staatsanwaltschaft Oldenburg hat ihre Ermittlungen eingestellt, da dem Biohof weder fahrlässiges Verhalten noch vorsätzliches Handeln unterstellt werden könne. Der Staatsanwaltschaft zufolge haben sich keine Hinweise darauf ergeben, dass die Geschäftsführer frühzeitig von einer Verunreinigung wussten und die Sprossen dennoch weiter vertrieben haben. Die Einstellung der Ermittlungen ist für den Biohof jedoch noch kein wirklicher Grund zur Freude, denn seit Wochen ist der Betrieb gesperrt und dies wird sich voraussichtlich auch in den kommenden Tagen nicht ändern. Für den Biohof eine existenzielle Bedrohung, doch im Sinne der Verbraucher können „erst wenn alle Untersuchungen in Niedersachsen abgeschlossen sind“, die „nächsten Schritt“ eingeleitete werden, erklärte eine Sprecherin des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums in Hannover.

Ermittlungen zu den EHEC-Infektionen in Ägypten fortsetzen
Obwohl die Suche nach der EHEC-Infektionsquelle mit der Identifizierung der ägyptischen Bockshornkleesamen einen guten Schritt weiter gekommen ist, kann dies nach Ansicht der Experten jedoch nicht den Abschluss der Ermittlungen darstellen. Denn der Hinweis auf ägyptische Bockshornkleesamen ist im Grunde genommen wenig konkret. Die Frage bleibt, wo vor Ort die Verunreinigung des Saatguts entstehen konnte. Hier wären zusätzliche Ermittlungen in Ägypten erforderlich, um den tatsächlichen Ursprung der neuen, besonders gefährlichen Darmkeime auszumachen, aus den Fehlern zu lernen und ähnlich dramatische Folgen wie bei der aktuellen EHEC-Epidemie in Zukunft zu vermeiden. Denn einen vergleichbar gravierenden EHEC-Ausbruch hat es in Deutschland bisher noch nicht gegeben. Mit über 4.000 EHEC-Infektionen und HUS-Erkrankungen sowie 49 Todesopfern war die mittlerweile ihrem Ende entgegengehende EHEC-Epidemie eine der bisher schwersten weltweit. Und der neue, besonders aggressive EHEC-Erreger verschwindet nicht einfach, sondern nistet sich in unserer Umwelt, so dass auch künftig mit Erkrankungen durch O104:H4 zu rechnen sei, warnen die Behörden. (fp)