Neuer General-Impfstoff gegen Grippe

Fabian Peters

General-Impfstoff gegen Grippe erstmals erfolgreich getestet

08.02.2011

Britische Forscher haben offenbar einen Generalimpfstoff entwickelt, der über Jahre vor allen Grippe-Viren schützt – möglicherweise auch vor zukünftigen neuen Influenza-Stämmen.

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Anders als bisherige Impfstoffe greift die neu Vakzine die Grippe-Erreger im Inneren des Virus an und bietet so einen dauerhaften Schutz gegen sämtlichen Grippe-Viren, berichten die Forscher um Sarah Gilbert vom Jenner Institute. Statt an der Oberfläche der Viren anzudocken, greife das Serum zwei Proteine im Kern der Grippe-Erreger an. Diese Proteine seien ein wesentlicher Bestandteil aller Grippe-Viren, so dass der Impfstoff als Generalserum gegen sämtliche Influenza Gattungen wirke, erklärten die britischen Forscher.

Britische Forscher entwickeln Generalimpfstoff gegen Grippe
Bisher muss für jede Grippe-Saison ein neuer Impfstoff entwickelt werden, da die Influenza-Viren schnell mutieren und der Wirkstoff entsprechend angepasst werden muss. Um dieses jährliche Prozedere zu vermeiden, arbeiten die britischen Forscher seit längerem an einen Impfstoff, der über mehrere Jahre gegen alle Influenza-Viren und möglichst auch gegen zukünftige Erreger wirken soll. Dabei konnten die Wissenschaftler vom Jenner Institute jetzt offenbar deutliche Fortschritte verzeichnen. Sie entwickelten eine Vakzine (Impfstoff), die das Immunsystem dazu anregt, vermehrt T-Lymphozyten (kurz T-Zellen) auszuschütten, die gezielt sämtliche Influenza-Virenstämme bekämpfen. Die T-Zellen erkennen die Grippe-Erreger anhand der zwei Proteine und töten die Viren ab, bevor es zu einem Ausbruch der Grippe kommen kann.

Generalimpfstoff gegen Grippe an elf Freiwilligen getestet
Das Forscherteam um Sarah Gilbert hat Berichten der Zeitung „The Guardian“ zufolge das Serum bereits an elf Freiwilligen getestet, wobei die Wissenschaftler zu dem Ergebnisse gekommen sind, dass der Impfstoff vor Grippe schützt. Im Rahmen ihrer klinischen Studie haben Gilbert und Kollegen die elf Freiwilligen nach der Impfung mit einem H3N2-Grippe-Virus infiziert und als Kontrollgruppe elf nicht geimpfte Personen ebenfalls mit dem Erreger angesteckt. Bei dem anschließenden Vergleich der Symptome habe sich ergeben, dass „von den Geimpften (…) weniger an Grippe (erkrankten) als von den Nicht-Geimpften“, erklärte die Studienleiterin Sarah Gilbert. Darüber hinaus sei bei den geimpften Studienteilnehmern, eine deutlich erhöhte Aktivität der T-Zellen festzustellen gewesen, erläuterten die britischen Wissenschaftler.

Weitere Studien zur Untersuchung des Generalimpfstoffes notwendig
Um die Wirkung des Generalserums gegen Grippe eindeutig zu belegen, müssen allerdings aufgrund der geringen Anzahl der Studienteilnehmer noch weitere Studien durchgeführt werden, so die Aussage der Forscher vom Jenner Institut. Sollte sich die Effizienz des Impfstoffes jedoch bestätigen, könnte er als Generalserum vor sämtliche Formen der Grippe schützen, hoffen die britischen Wissenschaftler. Von der saisonalen Grippe über die sogenannten Schweinegrippe, die Vogelgrippe und die Asiatischen Grippe bis hin zur Spanischen Grippe oder der Hongkong Grippe. Dabei wäre der Impfstoff anders als bei bisherigen Grippe-Impfstoffe über einen Zeitraum von zehn Jahren wirksam und könnte möglicherweise auch vor zukünftige neue Influenza-Stämme schützen, erklärten Gilbert und Kollegen. Eventuell lassen sich mit Hilfe des Serums auch weitere Pandemien verhindern, so die Aussage der Experten.

Generalimpfstoff könnte die Pandemie-Gefahr deutlich reduzieren
Denn „das Problem bei der Grippe ist, dass es viele verschiedene Stämme gibt, die sich auch noch ständig verändern“, erklärte der Direktor des Jenner Institute, Adrian Hill. Sobald zufällig eine Grippe-Virus-Variante aus Wildvögeln oder Schweinen mutiere, die auch den Menschen infizieren kann, seien sämtlich bisher verwendeten Impfstoffe wirkungslos und es dauere zu lange bis ein passendes Serum zur Verfügung steht. Es drohen Pandemien,wie zuletzt bei der sogenannten Schweinegrippe. Sollte dabei ein vergleichbar tödliches Virus mutieren, wie 1918 bei der Spanischen Grippe, könnte dies Millionen Tote fordern. Mit Hilfe eines Impfstoffes der gegen alle Influenza-Formen schützt, ließe sich die Ausbreitung zur Pandemie jedoch bereits im Keim ersticken, so die Hoffnung der britischen Forscher. Auch wäre aufgrund der langen Schutzwirkung eine Impfung der Patienten das ganze Jahr über möglich und nach Schätzung der Wissenschaftler nur einmal alle zehn Jahre erforderlich. So ließe sich mit dem neu entwickelten Impfstoff laut Aussage der Forscher viel Zeit und Geld sparen.

Generalimpfstoff gegen Grippe bietet erhebliche Vorteile
Mit einem Generalserum gegen Grippe würden sich auch die Probleme der Nebenwirkungen durch die übereilte Einführung von benötigten Impfstoffen, wie bei der Schweinegrippe-Pandemie 2009, erübrigen. Damals musste nach dem Auftreten des neuen Erregers, möglichst schnell ein entsprechender Impfstoff entwickelt werden. Allerdings verging von der Isolierung des Erregers bis zur Massen-Impfstoffproduktion ein halbes Jahr und bei dem Serum mussten außerdem umstrittene Wirkverstärker (Adjuvantien) eingesetzt werden, um zeitnah die angeblich benötigte Anzahl an Impfdosen zur Verfügung stellen zu können. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass insbesondere die Wirkverstärker bei den Schweinegrippe-Impfungen teilweise zu massiven Nebenwirkungen führten und darüber hinaus die Zahl der von den Gesundheitsbehörden angeforderten Impfdosen in Deutschland deutlich zu hoch war. Ein Generalimpfstoff würde hier deutliche Vorteile bieten, da dieser in jedem Fall ohne Wirkverstärker auskommen müsste und außerdem deutlich besser dosierbar wäre. Außerdem könnte bei mehrjährigem Einsatz des Grippe-Impfstoffs auch eine intensivere Untersuchung möglicher Nebenwirkungen erfolgen.

Impfkritiker sehen in der Neuentwicklung von Impfstoffen keine medizinische Verbesserung. Im Gegenteil, viele sehen gerade beim Thema Schweinegrippe eine propagierte Impfpanik. Eine zuletzt veröffentlichte Studie zu dem Thema Grippeimpfstoff und Schlafkrankheit dürfte die Debatte über den Nutzen von Grippeimpfstoffen wieder weiter entfachen. (fp)