Hunderttausende Kinder haben Rückenschmerzen

Heilpraxisnet

Hunderttausende Kinder leiden in Deutschland unter Rückenschmerzen.

Viele Kinder leiden unter Rückschmerzen. Deutschlandweit sind es schätzungsweise bis zu 300.000 Kinder die schon in frühen Jahren wegen Rückenproblemen in ärztlicher Behandlung sind. Dies ist eines der überraschenden Ergebnisse, die der aktuelle Heil- und Hilfsmittelreport der gesetzlichen Krankenkasse Barmer GEK bietet. Außerdem interessant: die Ausgaben der Krankenkassen für Heil- und Hilfsmittel sind weiter massiv gestiegen und liegen nun fast rund zehn Milliarden Euro.

Bereits Zweijährige werden mit Schmerzmitteln abgespeist
Die Zahlen nannte der Bremer Gesundheitsexperte Prof. Gerd Glaeske bei der Vorstellung des Heil- und Hilfsmittelreports, den die Bamer GEK gemeinsam mit Wissenschaftlern des Zentrums für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen erarbeitet hat. Insbesondere die hohe Zahl von Kindern mit Rückenschmerzen, ist dabei nach seiner Ansicht von Glaeske äußerst auffällig. Und Rolf-Ulrich Schlenker Bamer GEK ergänzte, dass Anzahl der Kinder mit unspezifischer Rückenschmerz-Diagnose und Krankengymnastik-Verordnung stutzig machen müssen, denn es „fällt auf, dass es so viele sind". Besorgniserregend ist zudem, dass nach den Angaben des Heil- und Hilfsmittelreports 51 Prozent der Kinder mit Rückenschmerzen Schmerzmittel verordnet bekommen, nur 30 Prozent hingegen Krankengymnastik. Teilweise werden die Schmerzmittel jedoch auch bei Physiotherapien begleitend eingesetzt. In manchen Fällen haben sogar zweijährige Kinder Ibuprofen als Schmerzmittel vom Arzt verschrieben bekommen. „Die Kinder werden mit Arzneimitteln abgespeist, aber nicht in ihren Ressourcen gestärkt“, betonte Prof. Gerd Glaeske.

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Rückenschmerzen durch Bewegungsmangel, schlechte Sitzhaltungen und schwere Schultaschen
Dass die meisten Rückenbeschwerden der Kinder eine Folge des Bewegungsmangels, schlechter Sitzhaltungen, schwerer Schultaschen oder ungeeigneter Schulmöbel sind, ist unter den Fachleuten unumstritten. Rolf-Ulrich Schlenker geht sogar davon aus, dass "die Ursachen eigentlich häufig im erzieherischen Umfeld" liegen und Defizite wie zum Beispiel mangelnder Sport über Physiotherapie auf Kosten der Krankenkassen ausgeglichen werde. "Da stellt sich die Frage, ob nicht zu viel Medizin bei Kindern angewendet wird", betonte der Barmer GEK – Vizechef. Da die gesetzlichen Krankenkassen auf den Folgekosten nicht sitzen bleiben wollen, empfehlen sie zum Beispiel mit Sport vorzubeugen, um das Auftreten von Rückenschmerzen und die anschließende Krankengymnastik auf Kosten der Kassen zu vermeiden.

Vorbeugung statt Krankengymnastik
Auch der Gesundheitsökonom, Prof. Gerd Glaeske, ist der Meinung, dass Physiotherapien zu schnell und zu häufig bei Kindern angewendet werden. So erhielten 4,7 Prozent aller Kinder im Alter bis zu 13 Jahren im vergangenen Jahr Krankengymnastik, obwohl die Beschwerden eigentlich oft auch mit Sport hätten ausgeglichen werden können. Hier sehen die Experten auch die Kindergärten und Schulen in der Pflicht, sich stärker um die regelmäßige körperliche Bewegung der Kinder zu kümmern. „Die Prävention muss ausgebaut werden, anstatt die Kinder nachträglich zu behandeln“, erklärte in diesem Zusammenhang Rolf-Ulrich Schlenker. Dass die Experten im Rahmen der Vorstellung des Heil- und Hilfsmittelreports auf eine verbesserte Vorbeugung zur Vermeidung von Rückenschmerzen verweisen, ist auch aus anderen Gründen gut zu verstehen. Denn die massiv steigenden Kosten der Heil- und Hilfsmittel lösen bei ihnen Alarmsignale aus und Krankengymnastik aufgrund von Rückenschmerzen ist einer der stärksten Kostenfaktoren in dem Segment.

Heil- und Hilfsmittel kosten die Krankenkassen 10 Milliarden
Rund 10 Milliarden Euro bzw. 6 Prozent des Gesamtetats haben die gesetzlichen Krankenkassen im vergangenen Jahr für Heil- und Hilfsmittel bezahlt. Unter Hilfsmitteln sind dabei Utensilien wie Rollstühle, Hörgeräte, Einlagen oder Stützstrümpfe zu verstehen, Heilmitteln sind zum Beispiel Krankengymnastik, Sprach- oder Ergotherapien. Die Kosten der Barmer GEK für Heilmittel sind im vergangenen Jahr um 8,4 Prozent auf 670,8 Millionen Euro gestiegen und die der Hilfsmittel um 4,3 Prozent auf 618,4 Millionen Euro. Zusammen bilden die Heil- und Hilfsmittel einen Anteil von 3,12 Prozent der Gesamtausgaben der Barmer GEK. Die eindeutig größten Kosten bei den Heilmitteln verursacht dabei die Physiotherapie und hier sind Rückenschmerzen der häufigste Grund. „Wir sind augenscheinlich ein Land von Rückenkranken“, erklärt Rolf-Ulrich Schlenker und betonte, dass jeder sechste Versicherte Leistungen aus dem Bereich der Heilmittel in Anspruch nehme. So habe die Barmer GEK über 442 Millionen Euro für Krankengymnastik bei Rückenschmerzen ausgegeben, was einer Steigerung von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Je nach Alter und Region stark unterschiedliche Verordnungspraxis
Die regional und je nach Alter sehr unterschiedliche Verordnungspraxis ist für den Studienleiter Prof. Glaeske ebenfalls fragwürdig. So erhielten von den bei der GEK versicherten Kindern bis 13 Jahren im Durchschnitt 4,7 Prozent Physiotherapie, jedes zweite davon wegen Rückenschmerzen. Wobei häufig bereits Kinder im Alter unter zwei Jahren wegen wegen unspezifischer Rückenbeschwerden oder -auffälligkeiten therapiert werden.2008 waren 10,3 Prozent der wegen Rückenschmerzen behandelten Mädchen und 7,4 Prozent der Jungen unter zwei Jahre alt.

Während bei jungen Patienten relativ großzügig mit dem Einsatz entsprechender Heilmittel umgegangen wird, sehen die Experten bei älteren, kranken Menschen jedoch erheblichen Nachholbedarf. So habe die Auswertung der GEK-Daten zum Beispiel gezeigt, dass bei der physiotherapeutischen Betreuung unheilbar krebskranker Versicherter erhebliche Defizite bestehen, erklärte Prof. Glaeske. Demnach wurden 2008 nur 18 Prozent der Krebspatienten vor ihrem Tod mit Heilmitteln versorgt. „Die palliative Versorgung in Deutschland muss dringend ausgebaut werden“, betonte Prof. Glaeske und ergänzte: „Am Anfang des Lebens wird Physiotherapie oft zu schnell eingesetzt, am Ende des Lebens wird sie dagegen zu sparsam verwendet.“ Bei den Hilfsmittel war im Rahmen des Heil- und Hilfsmittelreports eine regional stark unterschiedliche Verordnungspraxis zu verzeichnen. So wundert sich Rolf-Ulrich Schlenker darüber, dass in Mecklenburg-Vorpommern rund doppelt so viele Kinder Einlagen verordnet bekamen wie in Baden-Württemberg: "In Norddeutschland scheint ein Schwerpunkt von Plattfüßen zu sein"

Kritik an mangelnder Transparenz im Bereich der Heil- und Hilfsmittel
Generell kritisierten Schlenker und Glaeske, die mangelnden Transparenz im Bereich der Heil- und Hilfsmittel, denn eine Nutzen-Überprüfung bestehe nach wie vor nicht, erklärte Prof. Glaeske. Der Fachmann ergänzte: „Es wird viel Geld dafür ausgegeben, aber wir wissen nicht, was die verschiedenen Behandlungen letztlich bringen.“ Vor dem Hintergrund der Kostenexplosion und dem dynamischen Wachstum in dem Bereich, müsse nach Ansicht der Experten jedoch ein klarer medizinischer Nutzen zu erkennen und auch zu belegen sein. Bezogen auf die Verordnung von Krankengymnastik für Kinder ergänzte Prof. Glaeske: „Heilmittel sind dann sinnvoll, wenn sie die Kinder fördern, und nicht, wenn sie die fehlende Bewegung in der Schule ausgleichen.“

Gegen Rückenschmerzen können schon leichte Übungen helfen. Der Heilpraktiker mit Schwerpunkt Osteopathie, Thorsten Fischer, hat zahlreiche Rückenschmerzen Übungen veröffentlicht, die auch zur Vorbeugung dienen können. (fp, 06.10.2010)