Macht das Stadtleben krank?

Fabian Peters

Das soziale Lebensumfeld hat einen wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit

17.10.2011

Weltweit leben immer mehr Menschen im städtischen Umfeld, während die Bevölkerung auf dem Land tendenziell zurückgeht. Im Jahr 2007 waren erstmals mehr Einwohner weltweit in den Städten als in ländlichen Regionen zu verzeichnen. Demografen bezeichnen diese Entwicklung als sogenannte „urbane Wende“, die begleitet wird von dem Phänomen der Landflucht.

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Ein Ende des Trends ist nach Einschätzung der Experten bisher nicht absehbar und so strömen immer mehr Menschen weltweit in Richtung der Großstädte. Für die Gesundheit kann dies mitunter jedoch fatale Folgen haben, denn das soziale Umfeld spielt nach Ansicht des Leiters vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim (ZI), Prof. Dr. med. Andreas Meyer-Lindenberg, beim Auftreten verschiedenster Krankheiten eine wesentliche Rolle. Zahlreiche Studien belegen zum Beispiel ein erhöhtes Erkrankungsrisiko im Bereich psychischer Leiden oder eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Bluthochdruck bei den Stadtbewohnern. Der Bluthochdruck hat seinerseits wiederum Auswirkungen auf den gesamten Organismus und das Auftreten weiterer Beschwerden vor allem im Herz-Kreislauf-Bereich (z. B. Herzinfarkt). So leben die Menschen auf dem Land laut Aussage des ZI-Experten im Schnitt deutlich länger als die Stadtbewohner.

Zahlreiche krankmachende Faktoren in den Städten
In vielen Staaten veranlasst vor allem die Hoffnung auf bessere Erwerbsmöglichkeiten die Menschen dazu, sich in einer der stark expandierenden Großstädte niederzulassen. Für die Gesundheit hat dies jedoch einige negative Folgen. Bereits im Juni veröffentlichte das Forscherteam um Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit gemeinsam mit Kollegen der McGill Universität in Montreal erstmals konkrete Studienergebnisse, die ein erhöhtes Risiko psychischer Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie in den Großstädten belegten. Den Angaben der Forscher zufolge lässt sich tendenziell festhalten, dass mit zunehmender Größe des Wohnorts auch das Erkrankungsrisiko steigt. Dabei spielen verschiedenste Faktoren wie die Lärmbelastung, Luftverschmutzung (z. B. Feinstaubbelastung), die Enge der Bebauung, die schlechten Lichtverhältnisse und sozialer Stress ein wesentliche Rolle. Die jeweiligen Risikofaktoren wurden in zahlreichen zurückliegenden Studien separat sowie auch im Zusammenspiel untereinander eingehend wissenschaftlich untersucht – mit erschreckendem Ergebnis. So kann allein der Lärm ausreichen, um das Immunsystem nachhaltig zu schwächen. Insbesondere ab einer Lautstärke von 55 Dezibel während der Nacht, stört Lärm den Schlafrhythmus, was auf Dauer ein erhöhtes Herzinfarktrisiko mit sich bringt, so die Aussage der Experten. Dieser Effekt tritt den Forschern zufolge auch auf, wenn die Betroffenen sich durch den Lärm gar nicht bewusst gestört fühlen.

Sozialer Stress erhöht die Wahrscheinlichkeit von psychischen Erkrankungen
In Bezug auf den erhöhten sozialen Stress, dem die Stadtbewohner regelmäßig ausgesetzt sind, erläuterte Prof. Andreas Meyer-Lindenberg, dass dieser ebenfalls negative Folgen für die Gesundheit habe und dazu führt, dass die Städter tendenziell anfälliger auf psychisch belastende Situationen reagieren. In den eigenen Untersuchungen konnten die Forscher des ZI belegen, dass Stadtbewohner unter Stress im Durchschnitt eine deutlich höhere Aktivität der Amygdala und des sogenannte cinguläre Cortex (Teil des Frontallappens im Gehirn) aufwiesen, als die Studienteilnehmer aus ländlichen Regionen. Wie Prof. Meyer-Lindenberg erklärte, sind „diese beiden Regionen im Hirn besonders empfänglich für Stress.“ Die erhöhte Aktivität verdeutlicht daher laut Aussage des Experten, dass die Menschen, die in der Stadt leben, deutlich empfindlicher auf Stresssituationen reagieren. Außerdem könnten die veränderte Hirnaktivität nach Einschätzung von Prof. Meyer-Lindenberg auch bei der Erklärung des nachweislich erhöhten Risikos psychischer Erkrankungen der Stadtbewohner helfen.

Bluthochdruck durch Luftverschmutzung
Zu den gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Luftverschmutzung und insbesondere die Feinstaubbelastung im städtischen Bereich haben Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen schon im Mai 2010 auf einer US-Fachtagung der „American Thoracic Society“ in New Orleans Ergebnisse präsentiert, die einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Bluthochdruck und der Luftbelastung herstellen. Dabei sei eine gesundheitsschädigende Wirkung bereits bei Feinstaubbelastungen, die deutlich unter den vorgeschriebenen gesetzlichen Grenzwerten lagen, festzustellen gewesen, so die damalige Aussage der Studienleiterin Barbara Hoffmann.

Insgesamt gehen mit dem Leben in der Stadt also zahlreiche gesundheitliche Risiken einher, die zwar im Einzelfall vermutlich kaum auffallen, in der Masse jedoch einen wesentlichen Effekt auf die Gesundheit der Stadtbewohner haben. Da das Erkrankungsrisiko nach Einschätzung der Experten mit der Größe der Stadt und der Dauer des Lebens im städtischen Umfeld zunimmt, sollte dies bei der Wohnortwahl gegebenenfalls berücksichtigt werden. Auch könnte bei genauere Analyse der krankmachenden Faktoren in den Städten in Zukunft möglicherweise das Erkrankungsrisiko durch städtebauliche Maßnahmen deutlich reduziert werden, so dass am Ende das Stadtleben wesentlich weniger Nachteile für die Gesundheit mit sich bringt. (fp)