Schutzimpfung: Werden Kinder zu wenig geimpft?

Fabian Peters

Experten versus Eltern: Werden Kindern zu wenig geimpft? Zahlreiche Eltern beurteilen Schutzimpfungen kritisch

09.02.2011

Immer eindringlicher werden impfkritische Eltern in letzter Zeit zur Schutzimpfung ihrer Kinder aufgefordert. Nachdem Gesundheitsinstitutionen wie das Robert-Koch-Institut (RKI) schon im Rahmen der saisonalen Grippewelle die mangelnde Impfbereitschaft der Deutschen kritisierten, legen sie nun nach und bemängeln eine allgemein zu zögerliche Haltung der Eltern gegenüber Schutzimpfungen.

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Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) proklamierte Ziel Masern und Röteln in Europa bis 2010 zu eliminieren, sei aufgrund der mangelnden Impfbereitschaft nicht erreicht worden und daher auf das Jahr 2015 verschoben, erklärte Ole Wichmann vom Robert-Koch-Institut. Bisher werde zu wenig gegen Infektionskrankheiten wie Masern, Mumps, Röteln, Keuchhusten (Pertussis) und Hepatitis B geimpft, ergänzte Reinhard Burger, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Doch nicht nur viele Eltern sondern auch etliche impfkritische Mediziner haben mit den umfassenden Aufrufen der Gesundheitsbehörden zu den verschiedensten Schutzimpfungen ihre Probleme.

Verbesserung der Impfquoten – Eltern häufig skeptisch
Die Experten haben sich auf Initiative der Gesundheitsminister der Länder zur zweiten Nationalen Impfkonferenz in Stuttgart versammelt und hier ihre Forderung nach einer Verbesserung der Impfquote unterstrichen. Die Impfquoten unter den Schulanfänger steigen zwar kontinuierlich an, doch dem RKI-Präsidenten zufolge sind weitere Verbesserungen erforderlich. Insbesondere bei Schutzimpfungen für Kinder bestehe Nachbesserungsbedarf, erklärte Burger. Es werde bis heute nicht genügend gegen Hepatitis B, Keuchhusten (Pertussis), Masern, Mumps und Röteln geimpft, betonte der RKI-Präsident. Zudem werde oft zu spät geimpft und der Impfschutz sei insgesamt häufig lückenhaft, so Burger weiter. Daher spielt bei der angestrebten Verbesserung der Impfquote nach Aussage des Sprecher der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Peter Lang, auch die Information und Aufklärung der Eltern eine große Rolle. Denn viele Eltern hätten bis heute erhebliche Vorbehalte gegen das Impfen. So habe eine repräsentative Umfrage unter etwa 3.000 Eltern von Kindern im Alter bis 13 Jahren ergeben, dass rund 35 Prozent der Eltern dem Impfen eher kritisch gegenüber stehen. Knapp die Hälfte der befragten Eltern halte Impfungen für unnötig, erklärte Peter Lang. Zahlreiche Eltern seien regelrechte Impfgegner, so Fachmann weiter.

Impfungen auch zum Schutz vor Krebs?
Nach Ansicht des RKI-Präsidenten bedarf es nicht nur gemeinsamer Impfziele sondern auch einer klaren Benennung der für die Umsetzung Verantwortlichen. Die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission des RKI seien als fachliche Empfehlungen ohne rechtliche Verbindlichkeit an dieser Stelle nicht ausreichend, erklärte Burger. Harald zur Hausen, Experte am Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg ergänzte, dass Impfungen auch bei der Vermeidung von Krebs eine große Rolle spielen können. Zum Beispiel würden Immunisierungen gegen das humanpathogene Papillomvirus (HPV) und Hepatits B eine Prävention gegen die spezifische Krebserkrankung des Gebärmutterhalskrebs bieten, so der Experte des DKFZ. Gebärmutterhalskrebs bildet mit rund 500.000 Neuerkrankungen jährlich die zweithäufigste Krebsart bei Frauen weltweit. Ein Großteil (etwa 83 Prozent) davon trete in Entwicklungsländern auf, wobei nach Aussage des Experten eine Schutzimpfung gegen das humanpathogene Papillomvirus (HPV) und Hepatits B die Zahl der Neuerkrankungen deutlich reduzieren könnte. In Deutschland erkranken nach Aussage Harald zur Hausen jährlich rund 6.000 Frauen an Gebärmutterhalskrebs.

Zweifel an der Wirksamkeit von Schutzimpfungen
Die weitreichenden Aufforderungen zur Impfung ihrer Kleinen machen jedoch zahlreiche Eltern skeptisch. Sie fragen sich in erster Linie nach dem tatsächlichen Nutzen, den eine Impfung für ihre Kinder mit sich bringt. Und hier haben die Gesundheitsbehörden für die kritischen Eltern bisher keine überzeugenden Argumente gefunden. Denn objektive, vergleichende Studien zwischen geimpften und ungeimpften Kindern sind bis heute Mangelware. Bisher werde im Rahmen von Zulassungsstudien lediglich die Bildung der Antikörpern, die gegen einen bestimmten Erreger gerichtet sind, bewertet, eine Vergleich zur Überprüfung der Wirksamkeit finde nicht statt, so die Kritik der Impfgegner. Sollten impfkritische Eltern sich von den bestehenden Studien dennoch überzeugen lassen, stellen sie sich als nächstes die Frage nach möglichen negativen Folgen einer Impfung für ihre Kinder.

Angst vor Nebenwirkungen der Schutzimpfungen
Hier sind in erster Linie eventuelle Nebenwirkungen der Impfungen als Begründung dafür zu nennen, dass Eltern ihre Kinder möglicherweise keiner Schutzimpfung unterziehen. Zwar treten Nebenwirkungen bei den gängigen Impfungen nur relativ selten auf, doch im Einzelfall können diese ernsthafte gesundheitliche Probleme mit sich bringen, so dass viele Eltern vor einer entsprechenden Immunisierung zurückschrecken. Die Tatsache, dass zum Beispiel bei dem umfassenden Aufruf zur Schutzimpfung gegen Schweinegrippe im Jahr 2009 auch Erwachsene teilweise unter erheblichen Nebenwirkungen durch den verwendeten Impfstoff litten, hat viele Eltern in ihrer eher impfkritischen Grundhaltung noch bestärkt. Das Vertrauen der Bevölkerung gegenüber den Gesundheitsinstitutionen wie der Ständigen Impfkommission des RKI oder dem für die Zulassung von Impfstoffen verantwortlichen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ist durch den offenbar übereilten Aufruf zur umfassenden Schutzimpfung gegen die H1N1-Erreger deutlich erschüttert worden. So scheint nur verständlich, dass impfkritische Eltern auch gegenüber den aktuellen Aufrufen zur Verbesserung der Impfquote bei Masern, Röteln und Co. ihre Vorbehalte haben. (fp)