Studien: Häufiges Röntgen bei Rückenschmerzen: Viel zu früh und unnötig

Wegen Rückenschmerzen werden jährlich rund sechs Millionen Röntgenaufnahmen gemacht. Doch die meisten Bilder verbessern weder Diagnose noch Behandlung der Beschwerden. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)
Alfred Domke
Volksleiden: Röntgenaufnahmen bei Rückenschmerzen meist vermeidbar
Rückenschmerzen sind zu einem wahren Volksleiden geworden. Jeder fünfte gesetzlich Versicherte geht mindestens einmal im Jahr wegen solchen Beschwerden zum Arzt. Wie eine neue Studie nun zeigt, werden dort häufig Röntgenaufnahmen gemacht, die nicht nötig wären. Die meisten Bilder verbessern demnach weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen.

Viele Röntgenaufnahmen wären vermeidbar
Die Zahl der Menschen, die wegen Rückenschmerzen behandelt werden müssen, steigt immer weiter. Wie vor kurzem berichtet wurde, haben allein im vergangenen Jahr knapp 37 Millionen Bundesbürger wegen Muskel-Skelett oder Bindegewebserkrankungen einen Arzt aufgesucht. Von den rund sechs Millionen Bildaufnahmen, die jährlich bei rückenschmerzbedingten Besuchen bei Haus- oder Fachärzten gemacht werden, wären viele vermeidbar. Zu diesem Schluss kommt die Studie „Faktencheck Rücken“ der Bertelsmann Stiftung.

Wegen Rückenschmerzen werden jährlich rund sechs Millionen Röntgenaufnahmen gemacht. Doch die meisten Bilder verbessern weder Diagnose noch Behandlung der Beschwerden. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)
Wegen Rückenschmerzen werden jährlich rund sechs Millionen Röntgenaufnahmen gemacht. Doch die meisten Bilder verbessern weder Diagnose noch Behandlung der Beschwerden. (Bild: Andrey Popov/fotolia.com)

Eine der unnötigsten Behandlungen
Viele Ärzte lassen ihre Rückenschmerz-Patienten erst einmal röntgen, denn schließlich soll kein Knochenschaden als mögliche Ursache unentdeckt bleiben. Doch viele solche Untersuchungen sind oft überflüssig. Denn an Rückenschmerzen ist nicht immer das Kreuz selbst Schuld ist.

Röntgen hilft innerhalb der ersten sechs Wochen nicht, die Diagnose bei Rückenschmerzen zu verbessern, meinen Mediziner der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), die vor kurzem eine Liste mit den unnötigsten Behandlungen veröffentlichten.

Nur selten spezifische Ursachen festzustellen
Das zeigt sich auch in der aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Zwar sind mehr als zwei von drei Personen (69 Prozent) der Meinung, dass der Arzt durch Röntgen-, Computertomografie- (CT) und Magnetresonanztomographie-Aufnahmen (MRT) die genaue Ursache des Schmerzes findet.

Doch: „Ärzte können gerade einmal bei höchstens 15 Prozent der Betroffenen eine spezifische Ursache für den Schmerz feststellen. Die meisten Bilder verbessern oft also weder Diagnose noch Behandlung von Rückenschmerzen“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Übermäßig viele Arztbesuche
Laut den Experten werden die falschen Erwartungen von den Ärzten oft nicht zurecht gerückt. Dadurch kommt es neben übermäßig vielen Arztbesuchen auch zu unnötig vielen Bildaufnahmen. Allein 2015 haben Ärzte über sechs Millionen Röntgen-, CT- und MRT-Aufnahmen vom Rücken veranlasst.

„Oft werden die Befunde der Bildgebung überbewertet. Dies führt zu unnötigen weiteren Untersuchungen und Behandlungen, zur Verunsicherung des Patienten und kann sogar zur Chronifizierung der Beschwerden beitragen“, sagte Prof. Dr. Jean-Francois Chenot von der Universität Greifswald und medizinischer Experte für den Faktencheck.

85 Prozent der Rückenschmerzen unkompliziert
Außerdem erfolgt die bildgebende Diagnostik häufig vorschnell. Demnach wurde bei jedem zweiten Betroffenen ein Bild veranlasst, ohne vorher einen konservativen Therapieversuch, zum Beispiel mit Schmerzmitteln oder Physiotherapie, unternommen zu haben. Doch „85 Prozent der akuten Rückenschmerzen gelten als medizinisch unkompliziert und nicht spezifisch“, berichtet die Stiftung.

Da Rückenleiden in den meisten Fällen muskulär bedingt sind, wird in der Regel dazu geraten, vorbeugend den Rücken durch Bewegung zu stärken. Haben sich Beschwerden eingestellt, können spezielle Rückenschmerzen-Übungen oder auch eine Wärmetherapie helfen. Weitere Tipps gegen Rückenschmerzen: Übergewicht vermeiden oder gegebenenfalls abbauen und regelmäßig Sport betreiben.

Leitlinien empfehlen körperliche Aktivitäten
Laut der Bertelsmann-Stiftung empfehlen ärztliche Leitlinien bei Rückenschmerzen ohne Hinweise auf gefährliche Verläufe (beispielsweise Wirbelbrüche oder Entzündungen), körperliche Aktivitäten so weit wie möglich beizubehalten, Bettruhe zu vermeiden und keine bildgebende Diagnostik durchzuführen. Ärzte weichen von diesen wissenschaftlichen Empfehlungen jedoch häufig ab.

So wird 43 Prozent der Betroffenen Ruhe und Schonung empfohlen. Zudem verstärken Mediziner häufig das Krankheitsgefühl der Betroffenen, anstatt sie zu beruhigen. Demnach wird 47 Prozent der Betroffenen vermittelt, dass der Rücken „kaputt“ oder „verschlissen“ sei.

„Ärzte müssen falsche Kenntnisse und Erwartungen von Patienten korrigieren. Nur so werden sie ihrem eigenen Anspruch als vertrauenswürdige Experten gerecht“, erläuterte Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

In Berlin und Bayern gehen Rücken-Patienten häufiger zum Arzt
In der Studie, für die das Institut für angewandte Gesundheitsforschung die anonymisierten Daten von sieben Millionen gesetzlich Krankenversicherten ausgewertet hat, zeigten sich deutliche regionale Unterschiede.

Den Angaben zufolge gehen Betroffene mit Rückenschmerzen in Berlin oder Bayern viel häufiger zum Arzt als in Hamburg, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Die Zahl der Behandlungsfälle pro 1.000 Versicherten und Jahr variiert auf Bundeslandebene zwischen 370 in Hamburg und 509 in Berlin.

Weiter wurde festgestellt, dass die Verordnungen von Röntgen-, CT-, und MRT-Aufnahmen zwischen den Bundesländern um bis zu 30 Prozent variieren. In manchen Stadt- und Landkreisen werden sogar doppelt so viele Aufnahmen veranlasst wie anderswo.

Gespräche müssen besser bezahlt werden
„Die gründliche körperliche Untersuchung und das persönliche Gespräch zwischen Arzt und Patient müssen wieder mehr Gewicht erhalten“, meinte Mohn. Dafür bedarf es Korrekturen im ärztlichen Vergütungssystem. Gespräche müssten im Verhältnis zu technikbasierten Untersuchungen besser bezahlt werden.

Dass es Möglichkeiten gibt, unnötige und im Zweifelsfall gesundheitsschädliche Aufnahmen zu reduzieren, zeigen auch internationale Beispiele. So erhalten Ärzte in Teilen Kanadas seit 2012 keine Vergütung mehr, wenn sich herausstellt, dass Bildaufnahmen veranlasst wurden, obwohl kein gefährlicher Verlauf der Rückenschmerzen erkennbar war. Und in den Niederlanden setzt man auf striktere Zugangsbeschränkungen zu Röntgen-, CT- und MRT-Geräten. (ad)

Advertising