Übergewichtige werden krank – andere nicht

Heilpraxisnet

Übergewichtige werden krank – andere nicht

06.07.2014

Übergewicht und Adipositas werden mit zahlreichen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Doch nicht alle Dicken werden krank. Forscher haben nun herausgefunden, dass das Enzym HO-1 dafür verantwortlich sein könnte, ob Übergewichtige unter den üblichen Folgekrankheiten wie etwa Diabetes leiden.

Gesund trotz Übergewicht
Wer an Übergewicht oder Adipositas leidet, hat ein höheres Risiko für Folge- oder Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, koronare Herzkrankheiten wie Herzinfarkt bis hin zu bestimmten Krebserkrankungen. Drei von vier Betroffenen entwickeln solche Folgekrankheiten. Zwar ist die Gefahr, durch Übergewicht krank zu werden, deutlich erhöht ist, doch es gibt Menschen, die trotz starkem Übergewichts gesund bleiben. Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und den USA haben nun herausgefunden, woran das liegt: Ein Molekül entscheidet demnach über Gesundheit und Krankheit von stark Übergewichtigen.

Neues Ziel für diagnostische und therapeutische Ansätze
Die Forscher berichten in der Fachzeitschrift „Cell“ über "den Einfluss des Moleküls Hämoxygenase (HO-1), von dem man bislang annahm, dass es daran beteiligt ist, Gefäße gesund zu halten oder Entzündungen zu unterdrücken". Offenbar hat es aber auch eine schädliche Wirkung. Demnach "entwickeln Menschen mit niedriger HO-1-Aktivität selten Folgeerkrankungen und jene mit hohem HO-1-Spiegel haben dagegen häufiger Diabetes". „Das deutet sehr stark darauf hin, dass HO-1 direkt in der Schnittstelle zwischen Übergewicht und Folgeerkrankungen wirkt“, wird Harald Esterbauer von der Universität Wien, einer der Studienleiter, in einer Mitteilung zitiert. Damit sei das Enzym ein neues Ziel für diagnostische und therapeutische Ansätze. Es könne möglicherweise als Biomarker helfen, das Erkrankungsrisiko von Übergewichtigen besser einzuschätzen.

Überwältigender Zusammenhang festgestellt
Die Forscher entnahmen für die Untersuchung Gewebe von 51 Personen, die sich einer Operation zur Gewichtsreduktion unterzogen hatten. Die Patienten hatten einen Körper-Masse-Index (BMI) von mehr als 30 und wurden somit als fettleibig eingestuft. Sechs normalgewichtige Menschen, bei denen ein anderer chirurgischer Eingriff vorgenommen wurde, dienten als Kontrollgruppe. „Der Zusammenhang zwischen HO-1-Werten und dem Gesundheitszustand der Patienten war überwältigend“, so Esterbauer. „Weder Gewicht, Fettanteil oder die Menge an ungesundem Bauchfett waren aussagekräftiger.“

Trotz Übergewicht weder Diabetes noch Fettleber
Untersuchungen an Mäusen lieferten Einblicke in die Stoffwechselzusammenhänge. HO-1 fördert demnach chronische Entzündungen. So nahmen zwar Tiere, bei denen das Enzym in den Fresszellen des Immunsystems, den Makrophagen, genetisch abgeschaltet war, zu wie normale Mäuse mit intaktem Enzym. Doch sie entwickelten trotz Übergewicht weder Diabetes noch eine Fettleber, sondern blieben gesund und lebten so lange wie Artgenossen mit Normalgewicht. Der Grund dafür ist, dass der Verlust von HO-1 die Makrophagen entschärft. Die Fresszellen können sich nicht mehr im Fettgewebe ansammeln und so chronische Entzündungen und Typ-2-Diabetes auslösen. HO-1 fördert Diabetes auch direkt, wie weitere Untersuchungen an Mäuse-Leberzellen zeigten: Demnach sprachen Zellen ohne HO-1 besser auf Insulin an und können so Blutzucker besser aufnehmen. Den Wissenschaftlern zufolge verändert das Enzym die Insulin-Rezeptoren der Zellen und hemmt so die Wirkung von Insulin.

Noch Jahre von einer Therapie entfernt
Wenn die Forscher nun nach einem Medikament, welches das diabetesfördernde HO-1 blockiert, suchen, dürfte eine Therapie auf Basis der neuen Erkenntnisse noch rund zehn Jahre entfernt sein. Erst kürzlich war eine US-amerikanische Studie veröffentlicht worden, die aufzeigte, dass im vergangenen Jahr 2,1 Milliarden Menschen weltweit zu viel wogen. Den Forschern um Marie Ng vom Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der Universität von Washington zufolge habe sich der Anteil der Dicken sowohl in den Industrie- als auch den Entwicklungsländern erhöht. In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Mehrheit der Männer (67,1 Prozent) und der Frauen (53,0 Prozent) übergewichtig. Mit 23,3 Prozent bei den Männern und 23,9 Prozent bei den Frauen sind sogar ein knappes Viertel der Erwachsenen fettleibig. Rund sechs Millionen Menschen leiden dem RKI zufolge hierzulande an Diabetes Typ 1 oder Typ 2. (ad)

Bild: Etak / pixelio.de