Wann müssen die Mandeln raus?

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Nina Reese

Notwenigkeit von Mandel-Operation wird heute genau abgewägt

24.04.2014

Müssen die Gaumenmandeln (Tonsillen) beispielsweise in Folge einer chronischen Mandelentzündung operativ entfernt werden, kann der Eingriff für den Patienten sehr unangenehm und schmerzhaft werden. Da es außerdem häufig zu starken Blutungen infolge der OP kommt, wird heute genau abgewägt, ob die vollständige bzw. teilweise Entfernung der Tonsillen wirklich notwendig ist. Gerade bei Kindern scheint dies ein sinnvolles Vorgehen zu sein, denn in den ersten Lebensjahren übernehmen die Mandeln eine wichtige Funktion bei der Bildung des Immunsystems.

Tonsillen stellen wichitgen Teil des Immunsystems dar
Bei den sogenannten „Mandeln“ (medizinisch: Tonsillen) handelt es sich um lymphatische Organe im Bereich der Mundhöhle und des Rachens. Die Tonsillen stellen einen Teil des Immunsystems dar und sind vor allem in den ersten Lebensjahren wichtig, da sie alle Substanzen, die das Kind einatmet, isst oder trinkt „filtern“ und dadurch dem Immunsystem helfen, eigene Antikörper zu entwickeln. Gelangen allerdings Krankheitserreger über Mund oder Nase in den Körper, können sich diese bei einem nicht ausreichend funktionierenden Immunschutz im Gewebe der Gaumenmandeln explosionsartig vermehren und dort eine Entzündung hervorrufen. Je nach dem, um welche Form der Mandelentzündung (Angina tonsillaris) es sich handelt, können in der Folge ganz unterschiedliche Beschwerden auftreten – typisch sind jedoch Fieber, Mattigkeit, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden, Halsschmerzen, vermehrter Speichelfluss und Mundgeruch. Tritt eine Angina tonsillaris häufiger hintereinander auf, wurde früher meist schnell gehandelt und die Mandeln operativ entfernt, doch "heute ist man insbesondere bei Kindern, aber auch bei Erwachsenen, bei der Entscheidung für einen Eingriff sehr viel zurückhaltender“, so der geschäftsführende Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Klinikums Großhadern, Klaus Stelter, gegenüber „Spiegel Online“.

Häufige Komplikation: Starke Blutungen infolge der OP
Für die stärkere Abwägung einer vollständigen (Tonsillektomie) bzw. teilweisen Entfernung der Tonsillen (Tonsillotomie) würden dem Mediziner nach aus heutiger Sicht mehrere Gründe sprechen. Zentral sei hier die hohe Komplikationsrate, denn laut einer US-Studie hatte von mehr als 36.000 ambulant operierten Patienten jeder Fünfte in den zwei Wochen nach dem Eingriff Komplikationen erlebt, aufgrund derer ein erneuter Arztbesuch nötig wurde, so Klaus Stelter weiter. Hier seien zwar häufig auch Schmerzen beim Schlucken als Beschwerde dokumentiert worden – dennoch wären die Ergebnisse prinzipiell auch auf Deutschland und Österreich übertragbar. Besonders problematisch sind hier Nachblutungen, die dem Experten nach in etwa sechs Prozent der Fälle in unterschiedlicher Stärke nach einer Mandel-OP auftreten. Hier kann in leichten Fällen Kühlung helfen, bei stärkeren Blutungen sei jedoch in einigen Fällen ein erneuter Eingriff notwendig, um die Blutung zu stillen. Da diese Komplikation zumeist entweder am ersten oder aber zwischen dem fünften und siebten Tag nach der OP auftritt, würden die Tonsillen daher hierzulande normalerweise stationär entnommen, um eine sorgfältige Überwachung der Patienten zu gewährleisten.

Eingriff ist mit starken Schmerzen verbunden
Doch Komplikationen sind nicht der einzige Grund dafür, dass heute eine Mandel-OP genauer abgewägt wird als früher. Denn diese ist heute nach wie vor mit starken Schmerzen verbunden, die zum Beispiel dazu führen, dass direkt nach der OP nicht getrunken werden kann – wodurch es schnell zu Austrocknung und Kreislaufproblemen kommen kann. Auch auf Essen würden viele Patienten nach dem Eingriff aufgrund der Schmerzen lieber verzichten, was dem Experten nach allerdings kontraproduktiv sei, denn "durch das Essen lösen sich [.] die Wundbeläge ab, was für die postoperative Wundheilung sehr wichtig ist.“

Mandel-Entfernung heute erst nach mindestens sieben Entzündungen innerhalb eines Jahres
Aufgrund der möglichen Nachwirkungen und der Schmerzen würden die Mandeln daher heute in der Regel erst dann operativ entfernt werden, wenn bei Kindern mindestens fünf Mandelentzündungen pro Jahr in zwei aufeinanderfolgenden Jahren oder mindestens sieben innerhalb eines Jahres auftreten. Denn durch eine chronische Entzündung kann es zum einen zu einem schmerzhaften Abszess in unmittelbarer Umgebung einer Mandel kommen, zum anderen können sich aber auch Folgeerkrankungen wie rheumatisches Fieber, Herzmuskel- oder Herzklappen-Entzündungen, immunreaktive Hauterkrankungen und Nierenentzündungen entwickeln. Auch wenn heute die Notwendigkeit einer OP generell genauer geprüft werde, bestehen laut dem Faktencheck-Report "Entfernung der Gaumenmandeln bei Kindern und Jugendlichen" der Bertelsmann Stiftung jedoch regional große Unterschiede, wie häufig bei Kindern eine Tonsillektomie durchgeführt wird. Demnach waren beispielsweise inBremen zwischen 2007 und 2010 jährlich 76 von 10.000 Kindern und Jugendlichen die Mandeln entnommen worden, während es in Berlin im gleichen Zeitraum lediglich 27 von 10.000 Kindern waren. Neben dem konnte die Stiftung eine noch stärkere Diskrepanz zwischen den 412 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten ausmachen, indem zum Beispiel im Stadtkreis Schweinfurt in Bayern mehr als acht Mal so häufig operiert wurde wie im nicht weit entfernten Landkreis Sonneberg in Thüringen. Diese enormen Unterschiede ließen sich dem „Faktencheck Gesundheit“ nach jedoch nicht nur darauf
zurückführen, dass die Krankheitsbilder regional unterschiedlich oft auftreten. Vielmehr würden die Ergebnisse darauf schließen lassen, dass die zuweisenden Ärzte und Krankenhausärzte, sowie die Eltern bzw. jugendlichen Patienten die Krankheitsbilder regional unterschiedlich bewerten würden und demzufolge „zu unterschiedlichen Entscheidungen bezüglich der angemessenen Behandlung kommen.“

Auch bei Erwachsenen erfolgt Entscheidung im Einzelfall
Auch bei Erwachsenen erfolge die Entscheidung, ob Eingriff oder nicht je nach Einzelfall, so Stelter weiter. Sofern die Beschwerden nicht innerhalb von wenigen Tagen von selbst abklingen, kann der HNO-Arzt Antibiotika verordnen – was allerdings nur bei einer bakteriell bedingten Mandelentzündung wirken kann. Besteht jedoch eine Allergie gegen mehrere Antibiotika oder ein Mandelabszess, wird meist doch eine OP notwendig, um gesundheitliche Risiken und mögliche Folgeerkrankungen zu vermieden. (nr)

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