Zecken übertragen neue bakterielle Erkrankung

Fabian Peters

Zecken sind Überträger einer neuen bakteriellen Krankheit

01.11.2012

Neue von Zecken übertragene Krankheit entdeckt. Schweizer Forscher der Universität Zürich haben eine bislang unbekannte, durch Zeckenstiche übertragene Krankheit nachgewiesen und den Großraum Zürich als besonderes Risikogebiet identifiziert. Die sogenannte Neoehrlichiose wird durch das Bakterium Candidatus Neoehrlichia mikurensis hervorgerufen und kann mit Antibiotika zuverlässig behandelt werden, so die Mitteilung der Universität Zürich.

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Die Wissenschaftler um Dr. Guido Bloemberg vom Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Zürich hatten bereits im Jahr 2009 die erste Infektion mit dem Bakterium Candidatus Neoehrlichia mikurensis beim Menschen in der Region Zürich entdeckt. Insgesamt waren bis vor einem Jahr sechs Fälle einer Neoehrlichiose-Erkrankung aus Europa bekannt, berichten Bloemberg und Kollegen im Fachmagazin „Journal of Clinical Microbiology“. Die Forscher der Universität Zürich haben nun zwei weitere Infektionen im Raum Zürich nachgewiesen. Außerdem untersuchten die Mikrobiologen mit Hilfe eines neuen Testverfahrens knapp 2.000 Zecken, die in Wäldern um Zürich gefangen wurden. Dabei konnten sie an einzelnen Standorten bei bis zu acht Prozent der Zecken Candidatus Neoehrlichia mikurensis Bakterien nachweisen.

Bisher acht Menschen in Europa an neuer Zecken-Krankheit erkrankt
Erstmals wurde das Bakterium Candidatus Neoehrlichia mikurensis im Jahr 1999 in Zecken und Nagetieren in Europa und Asien identifiziert. Im Jahr 2010 bestätigten die Wissenschaftler um den Leiter der molekularen Diagnostik am Institut für Medizinische Mikrobiologie, Dr. Guido Bloemberg, gleichzeitig mit Kollegen aus Schweden und Deutschland die weltweit erste Infektion beim Menschen und benannten diese als „Neoehrlichiose“. Im November 2011 und Januar 2012 konnten die Schweizer Forscher erneut zwei Infektionen anhand des Patientenblutes von zwei Personen aus der Region Zürich nachweisen. Somit betrafen von den acht bislang europaweit bekannten Neoehrlichiose-Erkrankungen drei den Großraum Zürich. Für die Wissenschaftler ein klarer Hinweis dafür, dass hier ein erhöhtes Infektionsrisiko mit der neu entdeckten Erkrankung nach einem Zeckenstich besteht.

Zürich Risikogebiet der neu entdeckten Erkrankung
Um zu ermitteln, ob Zürich tatsächlich als Risikogebiet für die Neoehrlichiose zu bewerten ist, fingen die Wissenschaftler 1.916 Zecken in vier Wäldern aus dem Umfeld der bisher infizierten Patienten. Bei Untersuchung der Nymphen, Weibchen und Männchen habe sich gezeigt, dass zwischen 3,5 Prozent und acht Prozent der Tiere das pathogene Bakterium Candidatus Neoehrlichia mikurensis in sich trugen, schreiben die Schweizer Mikrobiologen. Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, „dass der Großraum Zürich ein Risikogebiet für Neoehrlichiose ist, insbesondere für immungeschwächte Menschen“, betonte Florian Maurer vom Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Zürich. Nahezu alle bisher erkrankten Patienten hatten ein ohnehin geschwächtes Immunsystem, was den Ausbruch der Neoehrlichiose offenbar begünstigte. Allerdings wurden aus China jüngst auch Infektionen bei Patienten mit gesundem Immunsystem gemeldet. In China sind bislang sieben Patienten an Neoehrlichiose erkrankt.

Schnelltest ermöglicht Nachweis der Neoehrlichiose
Nach Ansicht der Schweizer Forscher liegt die Anzahl der tatsächlichen Infektionen mit Candidatus Neoehrlichia mikurensis Bakterien möglicherweise deutlich höher, als bisher angenommen. „Weil die Bakterien, die die Neoehrlichiose verursachen, bislang nicht im Labor gezüchtet werden konnten und dementsprechend keine Schnelltests vorhanden waren, blieben womöglich viele Infektionen unerkannt“, erklärte Dr. Guido Bloemberg. Der nun entwickelte Schnelltest schaffe hier Abhilfe und könne innerhalb eines Tages Aufschluss über eine mögliche Infektion bringen. Bei Verdacht auf eine Neoehrlichiose-Erkrankung lasse sich anhand klinischer Proben wie Blut oder Knochenmark eine eindeutige Diagnose stellen.

Erfolgreiche Behandlung mit Antibiotika
Bei den Patienten lösen die durch Zecken übertragenen Candidatus Neoehrlichia mikurensis Bakterien wiederkehrendes hohes Fieber (Rückfallfieber) von bis zu 40 Grad Celsius, einen massiven Gewichtsverlust und allgemeines Unwohlsein aus. Bei den Schweizer Patienten habe die Antibiotikatherapie jedoch eine schnelle Heilung ermöglicht. Einige Wochen nach Beginn der Behandlung seien die Bakterien nicht mehr im Organismus der Patienten nachzuweisen gewesen, berichten Bloemberg und Kollegen. Allerdings ist bisher unklar, ob die Behandlungsaussichten ähnlich gut stehen, wenn der Erreger längere Zeit unentdeckt bleibt. Auch müsse noch geklärt werden „wie gut das Bakterium bei einem Stich durch eine infizierte Zecke auf den Mensch übertragen wird“, so Bloemberg weiter.

Wachsende Gesundheitsrisiken durch Zecken
In jedem Fall erhöht sich durch die neu entdeckte Neoehrlichiose das Gesundheitsrisiko eines Zeckenbisses weiter. Heute übertragen die blutsaugenden Spinnentiere in vielen Regionen Deutschlands bereits das Bakterium Borrelia burgdorferi, welches Borreliose verursachen kann, und und Viren, die unter Umständen zu einer Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) führen. Beide Erkrankungen bergen nicht zu unterschätzende Gesundheitsrisiken.. Die FSME kann schlimmstenfalls sogar tödlich enden. Eine medikamentöse Behandlung ist bei FSME nicht möglich. Bei Borreliose zeigt eine zeitnah eingeleitete Antibiotika-Therapie zwar häufig den gewünschten Erfolg, doch schlimmstenfalls kann die bakterielle Infektionskrankheit einen chronischen Verlauf nehmen und erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen der Patienten bedingen. Als typisches Merkmal der Borreliose gelten auffällige Rötungen um die Bissstelle, diese sind jedoch längst nicht bei allen Patienten zu beobachten. Wer nach einem Zeckenbiss an Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Fieber leidet, sollte generell dringend einen Arzt aufsuchen, da dies sowohl Anzeichen einer Borreliose, aber auch einer FSME sein können. Lassen sich die beiden bislang bekannten Erkrankungen nicht feststellen, sollte außerdem künftig auch an eine Neoehrlichiose gedacht werden und mit Hilfe des Schnelltests eine entsprechende Überprüfung erfolgen. (fp)