Stechginster – Wirkung und Anwendung

Der immergrüne Stechginster ist eine Charakterpflanze der Atlantikküsten Nord- und Mitteleuropas, ein „zäher Brocken“ der Strände, Moore, Heiden und des Magerrasens und eine Zeigerpflanze für kalkarme Böden. Weidetierhalter schätzten ihn, da seine Dornen verhindern, dass Nutztiere ausbrechen und Fressfeinde eindringen.

Vielerorts wird seine expansive Dominanz als unerwünschter Neophyt aber bekämpft. Stechginster ist giftig und spielt zugleich seine Rolle in der Medizin, da sich mit ihm das H-Antigen im Blut nachweisen lässt und Stoffe der Pflanze helfen, Krebs zu erkennen.

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Ulex europaeus
  • Volksnamen: Ginster, Gaspeldorn
  • Verwendete Pflanzenteile: Junge Triebe und Samen
  • Anwendungsgebiete: Das im Stechginster enthaltene Ulex-Lektin (Agglutinin) ist in der experimentellen Medizin ein Marker für Tumorzellen vaskulären Ursprungs. Mit dem Ulex-Lektin lassen sich H-Antigene im Blut erkennen und so Blutgruppen bestimmen.
Tumormarkertest, Ampulle und Formular
Mit dem im Stechginster enthaltenen Ulex-Lektin lassen sich Endothel- beziehungsweise Tumorzellen vaskulären Ursprungs nachweisen. (Bild: jarun011/stock.adobe.com)

Inhaltsstoffe

Stechginster enthält Cytisin, Methylcytisin, Anagyrin, Flavonoide (wie Ulexosid) und Lektine (Ulex europaeus bietet zwei Agglutinine).

Medizinische Wirkung – H-Antigen Nachweis

Lektin aus Ulex europaeus dient der Immunhämatologie, da sich mit ihm das H-Antigen auf Erythrozyten nachweisen lässt – und damit die Blutgruppe. Lektine sind komplexe Proteine beziehungsweise Glykoproteine, die bestimmte Kohlenhydrate binden, sich so an Zellen / Zellmembranen heften und bioaktive Reaktionen auslösen. Sie beeinflussen dann zum Beispiel Zellteilung, Proteinbiosynthese und das Verklumpen von Blutkörperchen (Hämagglutination).

Erythrozyten, die roten Blutkörperchen, sind Beutel mit Zellplasma und Hämoglobin (dem roten Blutfarbstoff), die keinen Zellkern enthalten. Das H-Antigen auf den roten Blutkörperchen bei Säuglingen ist ein Lipid oder Protein, das sich mit fünf Zuckermolekülen verbindet. Aus diesem Antigen bei Babys entwickeln sich die Blutgruppen-Antigene.

Menschen mit der Blutgruppe A produzieren ein Enzym, das einen N-Acetylglucosamin-Baustein an die Galactose-Einheit des H-Antigens setzt. Daraus entsteht das Antigen der Blutgruppe A. Menschen mit der Blutgruppe B bilden eine Variante dieses Enzyms, das ähnlich funktioniert. Menschen mit der Blutgruppe 0 behalten das „Baby-Antigen“, ohne weitere Bausteine hinzuzufügen. Fast alle Menschen mit der AB0-Blutgruppe haben also dieses H-Antigen, doch bei denen mit der (seltenen) Bombay-Blutgruppe fehlt es.

Das Lektin aus Stechginster zeigt an, ob dieses H-Antigen vorhanden ist. Es verhält sich wie ein Antikörper zum H-Antigen und reagiert umso stärker, je mehr von diesem Antigen vorhanden ist und umso schwächer, je weniger davon es gibt – es reagiert überhaupt nicht, wenn dieses H-Antigen fehlt.

Wofür ist der Nachweis wichtig? Bluttransfusion und Thrombosen

Die Antikörper (Agglutinine) mit ihren vier unterschiedlichen Antigeneigenschaften ergeben jeweils eine andere Blutgruppensubstanz (A, B, 0 oder AB). Anhand des Nachweises der Agglutinine Anti-B (Blutgruppe A), Anti-A (Blutgruppe B), Anti-A und Anti-B (Blutgruppe 0), weder Anti-A noch Anti-B (Blutgruppe AB) lassen sich die Blutgruppen feststellen.

Blut im Beutel für eine Bluttransfusion
Über die Bestimmung der H-Antigene lassen sich Blutgruppen ermitteln, was im Rahmen einer Bluttransfusion von immenser Bedeutung ist. (Bild: Stephan Morrosch/stock.adobe.com)

Der Nachweis der Antikörper und damit der jeweiligen Blutgruppe ist immens wichtig für Bluttransfusionen: Treffen Blutkörper aus Blutgruppe 1 auf Blutplasma einer anderen Blutgruppe, die Antikörper gegen Blutgruppe 1 hat, verklumpt das Blut. Eine Transfusion ist nicht möglich, Blutgefäße werden verschlossen – es bildet sich eine Thrombose.

Eine solche Thrombose kann, je nachdem, wo sie sitzt, zu starken Schmerzen führen oder sogar einen Schlaganfall, Lungen- oder Herzinfarkt auslösen. Mögliche Folgen sind ein Lungenabszess, eine Infarktpneumonie und Tod durch Herzversagen.

Ulex europaeus spielt eine Rolle für Blutbanken und Bluttransfusionen, allerdings in geringerem Ausmaß als Dolichos biflorus, die Zwillingsblume, ein Schmetterlingsblütengewächs. Der Nachteil am Ulex-Lektin ist, dass die möglichen Anzeigen unspezifisch sind, darum lässt es sich als Zeigerstoff für H-Antigene nur im Rahmen eines Gesamtpakets von histochemischen / immunhistochemischen Nachweisen einsetzen.

Ulex-Lektin zeigt Krebs an

Das Ulex-Lektin kann außerdem in der experimentellen Medizin Krebszellen vaskulären Ursprungs anzeigen. Metastatische Karzinome binden Ulex und lassen sich so erkennen.

Toxische Wirkung

Der Europäische Stechginster ist sehr giftig, sowohl die Zweige wie auch die Früchte. Inhaltsstoffe erregen in kleineren Dosen das Zentralnervensystem, in höheren Dosen lähmen sie es. Hauptgiftstoff ist das Cytisin. Circa eine Stunde nach dem Verzehr kommt es zu brennenden Schmerzen im Mund und Rachen, starkem Durst, Übelkeit und Erbrechen.

Das Erbrochene ist oft blutig. Magen-Darm-Krämpfe gehören zu den Symptomen, ebenso Schweißausbrüche, Kopfschmerzen, Hypererregung, Delirium, Muskelzuckungen und Krämpfe sowie eine gestörte Motorik. Der Tod kann eintreten als Kreislaufkollaps infolge einer Atemlähmung.

Aussehen

Stechginster ist ein Strauch von kleiner bis mittlerer Größe. Die Blattfarbe schwankt von graugrün bis dunkelgrün. Der Strauch ist immergrün. Er blüht im Juni mit kleinen gelben Blüten.

Verbreitung

Stechginster wächst natürlich in Mittel- und Nordeuropa, er braucht Sonne und mag feuchte Luft – nicht notwendig aber feuchten Boden. Er kommt sowohl in wintermilden Lagen vor wie in normal- bis winterrauhem Klima, an frostarmen Standorten wie bei gemäßigten Temperaturen und ausgeprägten Warmregionen.

Stechginster ist eine Charakterpflanze subatlantischer Pflanzengemeinschaften und ist dominant an den Atlantikküsten Nordfrankreichs und Großbritanniens. Er zeigt sich auf bodensauren Borstgrasrasen wie auf Strand-Dünen. Er wächst in der offenen Landschaft, in Feldgehölzen, Böschungen, Parks oder Hausgärten, in Mooren, Heiden und auf Brachflächen, an Stränden und Meeresklippen sowie als typischer Besiedler von Besenginsterheiden, Wacholderdickichten, Sandheiden und Staudenfluren trockenwarmer Standorte.

Stechginster in offener Landschaft
Stechginster ist vielerorts anzutreffen, oft auch sehr großflächig und dominant. (Bild: Dr. Jürgen Tenckhoff/stock.adobe.com)

Der Stachlige mag es sauer

In Wäldern finden wir ihn bevorzugt am Boden saurer Eichenbestände, bei Gebüschen bevorzugt er warmliebende Trockengebüsche, Schlehengebüsche und Dünengebüsche. An den Boden stellt Ulex europaeus wenig Ansprüche, nur zu dicht sollte dieser nicht sein und eine gute Humusschicht haben: Die Pflanze verträgt keine Staunässe, die Erde kann mäßig trocken sein, frisch, sommertrocken oder feucht.

Ginster liebt saure Böden und ist deswegen auch in Mooren verbreitet, kommt auf sehr armen, armen und mittleren Böden vor. Diese können mäßig kalk- bis basenreich sein, ph-neutral, leicht sauer, kalkfrei oder sauer, sowohl aus Sand bestehen wie aus lockerem Lehm. Als Pionierpflanze besiedelt Stechginster Schotterflächen.

Ein invasiver Neophyt

Stechginster ist also kein „Sensibelchen“, sondern gilt im Gegenteil in vielen Ländern als invasiver Neophyt, der andere Pflanzen verdrängt und die Flächen beherrscht. Als typische Pflanze der Atlantikküsten wächst er in England, Wales und Schottland, und die Siedler des britischen Empires schleppten ihn als Heckenpflanze auf verschiedene Kontinente ein.

Schädlich oder nützlich?

Stechginster gilt zwar in vielen Ländern als unerwünschter Neophyt, ist aber nicht nur eine „Plage“. Als Pionierpflanze festigt er exzellent Schotterböden, Dünen und Strände, beugt so der Erosion vor, verhindert das Wegspülen von Sandstränden und Gerölllawinen.

Stechginster im Garten

Trotz seiner Dornen und seiner Dominanz ist Stechginster eine tradierte Gartenpflanze. Erst einmal handelt es sich um eine gute Hecke: Ulex wächst schnell, lässt sich einfach in Form bringen und hält mit den Dornen unerwünschte Besucher ab. Seine gelben Blüten und die immergrünen Blätter machen ihn für Ziergärten attraktiv.

Stechginster ist ein Kandidat für „schwierige“ Gärten mit sauren Böden, Trockenheit oder Hanglage. Er findet sich neben Wacholder und Erika in Heidegärten, in Moorgärten und Magerrasengärten. Es handelt sich um eine wichtige Insektenweide. Auch in Pflanzgefäßen wächst er bestens, auf dem Balkon wie auf der Terrasse. Er bietet sich an zur Straßenbegrünung, für Autobahnränder, Bahndämme und trockene Böschungen, für Grünanlagen mit geringer Pflegestufe und solche mit hoher Pflegestufe.

Ein Dornengestrüpp

Stechginster bildet spitze Dornen bis zu zwei Zentimeter Länge an seinen zahlreichen Zweigen, um zu verhindern, dass Tiere seine Blüten fressen. Abgestorbene und lebende Ginstersträucher bilden Dickichte aus, die sich für größere Lebewesen kaum oder nicht durchqueren lassen. Deshalb war und ist die Pflanze auch als lebender Zaun für Weidetiere beliebt – vor allem für Rinder, denn Ziegen und Pferde haben mit den Dornen keine Probleme, und Kaninchen mögen die jungen Sprösslinge.

Eine solche „Dornenmauer“ bietet aber auch Gefahren: Stechginster enthält bis zu vier Prozent entzündliche Öle, und die Zweige fangen schnell Feuer – für Outdoorfreaks ist die Pflanze als Anzündmaterial geeignet.

Fazit

Stechginster ist eine Giftpflanze – kein Heilstrauch für den Hausgebrauch und kein Medikament. In ihm enthaltene Lektine sind medizinisch dennoch sehr wertvoll, da sie als Marker dienen, um Blutgruppen zu bestimmen und Krebs frühzeitig zu erkennen. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Gringmuth, Uwe: Kapillardichte und Kapillararchitektur als Prognosefaktor für das kolorektale Karzinom, Rostock: Universität , 2007, Uni Rostock
  • Hesselbach, S.: Lektin- und immunhistochemische Markeranalyse zur Prognosebestimmung beim Prostatakarzinom, Universität Hamburg, 2008, Uni Hamburg
  • Hiller, Karl; Melzig, Matthias F.: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen in zwei Bänden. Zweiter Band L bis Z. Heidelberg-Berlin 1999
  • Larena, A. et al.: Blutgruppenantigenexpression in papillären Karzinomen der Schilddrüse. Eine immunhistochemische und klinische Studie über das Vorkommen von Lewis-, ABO- und verwandten Antigenen. Langenbecks Archiv für Chirurgie 381 (2). S. 102-113. 1996
  • Meessen, D. et al.: Lektin- und Blutgruppenhistochemie der menschlichen Magenschleimhaut – mögliche Grundlage zur Frühdiagnostik entartender Zellen. Interdisziplinäre Ontologie. Springer 1985, Springer

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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