Wildes Stiefmütterchen – Wirkung und Anwendung

Unser Garten-Stiefmütterchen ist eine der beliebtesten Pflanzen für Beet und Terrasse, und wir bekommen es im Herbst wie Frühling im Handel in diversen Farben. Das Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor) ist als eine Urform heute weniger bekannt, in der Natur jedoch nicht selten und ebenso einfach zu pflanzen. Es eignet sich gut als Hausmittel und wirkt dabei besonders gegen Hautentzündungen.

Steckbrief zum Wilden Stiefmütterchen

  • Wissenschaftlicher Name: Viola tricolor
  • Familie: Veilchengewächse (Violaceae)
  • Volksnamen: Feldstiefmütterchen, Fronsamkraut, Freisamkraut, Ackerveilchen, Jelängerjelieber, Unnütze Sorge, Siebenfarbenblume, Stiefkinder, Tag- und Nachtblümlein, Samtblümlein, Kathrinchen, Muttergottesschuh, Schöngesicht, Mädchenaugen, Liebesgesichtli, Christusauge
  • Verwendete Pflanzenteile: Das zur Blütezeit gesammelte und getrocknete Kraut sowie die frischen oberiridischen Teile blühender Pflanzen
  • Vorkommen: In Europa weit verbreitet, bis auf den hohen Norden und den äußersten Süden, in offenen Gebieten, Wiesen, Brachflächen, Wegrändern, Urgestein, Dünen
  • Anwendungsgebiete:
Zwei Blüten des Wilden Stiefmütterchens in Nahaufnahme.
Das Artepitheton „tricolor“ im lateinischen Namen des Wilden Stiefmütterchens nimmt Bezug auf die drei Farben der Blütenblätter: violett, weiß und gelb. (Bild: bakalaeroZz/stock.adobe.com)

Beschreibung

Wildes Stiefmütterchen ist eine ein- bis zweijährige Pflanze und eine der wilden Urformen des viel besser bekannten Garten-Stiefmütterchens. Es wächst 10 bis 40 Zentimeter hoch und ist eine Halbrosettenpflanze mit aufsteigenden Stängeln, die oft verzweigen. Der untere Teil des Stängels liegt am Boden auf, steigt dann an und wächst aufrecht in die Höhe. Die unteren Blätter haben eine herzartige Form, die Nebenblätter hingegen fingerförmige Lappen.

Viola – Veilchen und Stiefmütterchen

Veilchen beziehungsweise Violen, zu denen Viola tricolor gehört, sind eine eigene Gattung innerhalb der Familie der Veilchengewächse. Stiefmütterchen sind also nicht nur die Art Viola tricolor, sondern eine ganze Gruppe von Spezies. Ein Verwandter ist zum Beispiel das Hornveilchen (Viola cornuta).

Es gibt rund 500 Arten, der Großteil davon wächst in Nordamerika, den Anden und Japan. Am bekanntesten ist unser Garten-Stiefmütterchen, eine der häufigsten Zimmerblumen. Diese großblütige Zierpflanze (lateinisch: Viola wittrockiana) ist vermutlich aus einer Kreuzung von Viola tricolor, Viola altaica (Altai-Stiefmütterchen) und Viola lutea subsp. sudetica (Sudeten-Stiefmütterchen) entstanden.

Inhaltsstoffe

Viola tricolor enthält 0,41 Prozent Flavonoide, darunter Quercetin- und Luteolinglykoside, Carotinoide mit Violaxanthin, Anthocyane mit dem Pigment Violanin, Phenolcarbonsäuren wie Kaffee- und Cumarsäure, Protocatechusäure und Gentisinsäure, hämolytisch aktive Peptide, Gerbstoffe und einen erheblichen Anteil an Schleimstoffen – 9,5 Prozent.

Als Carotinoide wurden in frischen Stiefmütterchen identifiziert: Violaxanthin, Antheraxanthin, Lutein, Zeaxanthin, Alpha-Cryptoxanthin, Beta-Carotin-5,6-Epoxid, Betacarotin und 9Z-Beta-Carotin.

Wildes Stiefmütterchen – Wirkungen

Das Wilde Stiefmütterchen treibt den Harn, wirkt entwässernd, die vielen Schleimstoffe lösen das zähe Sekret bei Hustenerkrankungen wie Bronchitis. Die Gerbstoffe regen die Verdauung und den Stoffwechsel an und helfen insofern gegen Magen-Darm-Beschwerden wie Darmkoliken und Verstopfung. Das Ackerveilchen treibt den Schweiß und betäubt potenziell Schmerzen. Die Wirkung der Blätter und Blüten gegen Hautprobleme wie Akne, Ekzeme, Furunkel und Milchschorf ist wissenschaftlich bestätigt.

Ein kleiner Strauß mit Wildem Stiefmütterchen vor weißem Hintergrund.
Die Heilwirkung von Blättern und Blüten des Wilden Stiefmütterchens bei Hauterkrankungen konnte wissenschaftlich belegt werden. (Bild: Tomboy2290/stock.adobe.com)

Schleimstoffe und Salicylsäurederivate

Bisher gibt es indessen keinen verbindlichen Wirksamkeitsnachweis für eine allgemeine medizinische Verwendung als Arzneipflanze. Jedoch gibt es valide Belege dafür, dass Inhaltsstoffe wie Salicylsäurederivate und Schleimstoffe gegen Schmerzen und Entzündungen wirken sowie den Hustenreiz mindern und den Auswurf fördern.

Außerhalb eines lebendigen Organismus (in vitro) zeigte sich zudem, dass Stiefmütterchen die Immunabwehr unterdrückt. Die Pflanze hat vermutlich ein Potenzial gegen Erkrankungen, deren Ursache ein hyperaktives Immunsystem ist. Das Stresshormon Cortisol aktiviert die Immunabwehr. Ist der Spiegel dieses Hormons niedrig, produziert der Körper vermehrt Interleukin-2. Dies führt dazu, dass T-Zellen besonders aktiv werden und jetzt auch körpereigene Zellen attackieren.

Da sich die Wirkung von Stiefmütterchen auf das Immunsystem bisher ausschließlich in vitro nachweisen ließ und unbekannt ist, wie diese Wirkung zustande kommt, ist es in jedem Fall ein langer Weg, bis sich dieser Effekt möglicherweise in Arzneien nutzen lässt.

Wildes Stiefmütterchen gegen entzündete Haut

Das Wilde Stiefmütterchen hilft als eine der wenigen Pflanzen gegen oberflächlich entzündete Haut am Kopf, im Gesicht und an anderen Stellen des Körpers. Bei dieser sogenannten Seborrhoischen Dermatitis (auch „Seborrhoisches Ekzem“ genannt) bilden sich Schuppen und es entsteht ein Juckreiz.

Hier hat Wildes Stiefmütterchen Eigenschaften, die denen von Cortison ähneln, innerlich angewendet ebenso wie äußerlich. Die Heilung beschleunigt sich, und die Symptome lassen nach. Traditionell wurde Stiefmütterchen besonders bei Milchschorf eingesetzt, unter dem vor allem Säuglinge im ersten Jahr leiden. Dieser zeigt sich durch verkrustete Schuppen mit gelber Farbe auf der Kopfhaut. Konventionell wird Cortison dagegen eingesetzt. Die antientzündlichen Wirkstoffe im Wilden Stiefmütterchen dämmen die Infektion ein und die Schleimstoffe mindern den Juckreiz.

Die Kommission E des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hält Stiefmütterchen bei „leichten seborrhoischen Hauterkrankungen und bei Milchschorf bei Kindern“ für medizinische Anwendungen geeignet.

Anwendungen gegen Hauterkrankungen

Gegen Hauterkrankungen stellen Sie eine Lösung aus sechs Gramm des krautigen Teils der Pflanze auf 100 Milliliter Wasser her. Sie können das Kraut in ein heißes Teilbad geben, in das die Betroffenen die erkrankten Körperstellen legen, oder aber die entzündete Haut mit dem Extrakt waschen, Umschläge darum wickeln oder feuchte Tücher auflegen.

Eine junge Frau hält ein Wattepad an ihr Kinn.
Bei Hautentzündungen kann es hilfreich sein, die betroffene Stelle mit Stiefmütterchen-Extrakt zu behandeln. (Bild: Елена Николаева/stock.adobe.com)

Kosmetische Anwendung

Die Effekte auf die Haut werden nicht nur in der Naturheilkunde, sondern auch in der Naturkosmetik eingesetzt. Dafür füllen Sie eine kleine Tasse zu drei Vierteln mit getrockneten oder frischen Blüten und übergießen das Kraut mit kochender Milch. Sie rühren die Mischung um, lassen sie abkühlen und tragen sie dann auf die Gesichtshaut und die Hände auf. Wildes Stiefmütterchen wirkt erweichend.

Volksmedizin und Naturheilkunde

In der Volksmedizin Europas war das Wilde Stiefmütterchen eine Allround-Medizin. Vor allem dienten Umschläge mit einem Sud der Pflanze als Hausmittel gegen alle Arten von Hauterkrankungen, besonders solche, die Schuppen bilden – gegen Akne, Juckreiz, Milchschorf, Ekzeme, Eitergrind, Gicht, unreine Haut oder Herpes im Mund.

Michael Puff erläuterte die Anwendungen des Stiefmütterchens im 15. Jahrhundert in seinem “Büchlein von den ausgebrannten Wässern“. Ihm zufolge sollte die Pflanze gegen „böse Hitze“ (Schweißausbrüche, Fieber?) wirken, ebenso gegen eine „Geschwulst“ (Schwellungen, Geschwüre) und „Dämpfigkeit“ in der Brust.

Wildes Stiefmütterchen – Tee und Extrakt

Weiterhin diente Stiefmütterchen in Form eines Extrakts beziehungsweise Tees als Arznei gegen Leiden, die wir heute als rheumatische Beschwerden oder Arteriosklerosen bezeichnen, also Gelenkerkrankungen, gegen Blasenentzündung, Bettnässen oder Blasensteine.

Das Kraut wurde eingesetzt gegen chronische Erschöpfung, Schlafprobleme, Fieberkrämpfe und nervöse Zustände. In der Volksmedizin fielen Wirkungen unter „Blutreinigung“, was sich generell als ein Anregen des Stoffwechsels übersetzen lässt.

Seit dem Mittelalter ist der Einsatz vom Wilden Stiefmütterchen gegen Hauterkrankungen bekannt. Diverse heilkundliche Lehrbücher vom 16. Jahrhundert bis in die heutige Zeit haben als roten Faden die Wirkung gegen Hauterkrankungen wie trockenen Ekzemen, Akne, Hautreizungen und Hautausschläge, gegen Nierenerkankungen und Beschwerden der ableitenden Harnwege.

Nebenwirkungen

Das Wilde Stiefmütterchen ist allgemein sehr gut verträglich, ernste Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Woher kommt der Name „Stiefmütterchen“?

Stiefmütterchen leitet sich in der Volkserzählung davon ab, dass die zwei Kelchblätter, die das unterste Blütenkronblatt tragen, als Stiefmutter gedeutet werden, während die bunten Blütenkronblätter links und rechts davon die Töchter, die oberen Blütenblätter aber die Stieftöchter sein sollen, die nur auf einem Kelchblatt sitzen.

Das hört sich um viele Ecken herum konstruiert an, und so ist es auch: Die Menschen erfanden diese Symbolik erst, als das Stiefmütterchen längst seinen Namen trug. Stief bedeutete im Ursprung hingegen so etwas wie Überrest und bezieht sich vermutlich auf die geringe Größe der Blume.

Eine Person mit Gartenhandschuhen und Gartenschaufel pflanzt ein Wildes Stiefmütterchen ins Beet.
Das Wilde Stiefmütterchen ist recht anspruchslos und gedeiht sowohl in der Sonne als auch an halbschattigen Standorten. (Bild: Alexander Raths/stock.adobe.com)

Stiefmütterchen pflanzen

Nicht nur das Garten-Stiefmütterchen, sondern auch seine wilde Urform lassen sich problemlos im Garten pflanzen. Die Blumen widerstehen Frost, nehmen Halbschatten genauso an wie pralle Sonne. Sie wachsen auf dem Beet wie im Blumenkübel, auf der Terrasse wie auf dem Balkon. Sie sind anspruchslos und brauchen kaum Pflege.

Sie können in Naturgärtnereien Wilde Stiefmütterchen als Jungpflanzen kaufen und diese im Frühling einpflanzen. Achten Sie darauf, dass sich ein reiches Wurzelwerk gebildet hat und die Pflanzen kräftig sind. Im Sommer warten Sie ab, bis die Blüten absterben, denn aus den Blütenkapseln bilden sich die Samen. Diese können Sie in einem Briefumschlag an einem dunklen Ort lagern oder gleich wieder einsäen und warten, bis sich die Pflänzchen bilden. Die Jungpflanzen lassen sich dann in Kübeln ansiedeln.

Wildes Stiefmütterchen im Garten

Sie können sich also eine pflanzliche Arznei gegen entzündliche Hauterkrankungen mit geringem Aufwand zu Hause ziehen, egal, ob sei einen Kleingarten haben, einen Balkon oder sogar nur einen Hinterhof. Das wilde Veilchen wächst auf fast allen Böden, auf Sand wie auf Moor- oder Lehmboden. Am besten gefällt ihm ein nährstoffreicher Sandboden mit viel Feuchtigkeit.

Bei der Nässe geht es um die gesunde Mitte – es sollte nicht zu trocken sein, sich aber auch keine Staunässe bilden, denn dann faulen die Wurzeln. Als Dünger können Sie beim Pflanzen Hornspäne oder reifen Gartenkompost in die Erde mischen. Danach braucht es keinen zusätzlichen Dünger mehr. (Dr. Utz Anhalt)

Autoren- und Quelleninformationen

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

Autor:
Dr. phil. Utz Anhalt
Quellen:
  • Groß, Elvira: Pflanzennamen und ihre Bedeutung, DuMont, 2001
  • Wichtl, Max: Teedrogen und Phytopharmaka: Ein Handbuch für die Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2002
  • Hänsel, Rudolf; Keller, Konstantin; Rimpler, Horst; Schneider, Georg (Hrsg.): Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis: Drogen P-Z Folgeband 2, Springer, 2012
  • European Medicines Agency (EMA): Assessment report on Viola tricolor L. and/or subspecies Viola arvensis Murray (Gaud) and Viola vulgaris Koch (Oborny), herba cum flore (Abruf: 2.3.2020), EMA
  • Toiu, A.; Muntean, E.; Oniga, I. et al.: Pharmacognostic research on Viola tricolor L. (Violaceae), in: Revista medico-chirurgicala a Societatii de Medici si Naturalisti din Iasi, 113(1): 264-7, Januar-März 2009, PubMed

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder -behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen.


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