Impulsstörungen (Impulskontrollstörung)- Ursachen, Symptome und Therapie

Volker Blasek
Spielsucht, Pyromanie, Kleptomanie, Trichotillomanie, Dermatillomanie
Impulsstörungen, auch unter dem Begriff „Impulskontrollstörungen“ oder „Störungen der Impulskontrolle“ bekannt, bezeichnen ein dranghaftes impulsives Verhalten zum Beispiel in Form von Kaufen, Spielen, Essen, Nägelkauen, Selbstverletzungen oder exzessivem Masturbieren. Diese impulsiv gesteuerten Handlungen werden zwar bewusst erlebt, lassen sich jedoch nur schwer aus eigenem Antrieb verhindern. Die Betroffenen lösen mit den Handlungen einen empfundenen Anspannungszustand auf. Impulskontrollstörungen sind Verhaltensstörungen, die in der gesamten Gesellschaft verbreitet sind.


Definition

Der Fachbegriff Impulskontrollstörung stammt aus der Psychiatrie und klinischen Psychologie. Gemeint ist damit ein bestimmtes Verhaltensmuster, welches impulsiv ausgelöst wird, um einen selbst wahrgenommenen unangenehmen Anspannungszustand aufzulösen. Die Handlungen der Betroffenen haben zumeist keine erkennbare Motivation, können nicht oder nur schwer kontrolliert werden und schädigen oft die eigen Interessen des Patienten oder die Interessen anderer.

Das impulsive Verhalten folgt zumeist den gleichen Schemen, die zwar bewusst erlebt, aber willentlich nicht oder nur schwer durchbrochen werden können. Diese Affekthandlungen können sich in zahlreichen Tätigkeiten manifestieren, wie beispielsweise exzessivem Essen, Kaufen, Spielen, Nägelkauen, Rasen im Straßenverkehr, Masturbieren oder Selbstverletzungen. Störungen der Impulskontrolle treten häufig bei Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auf.

Menschen, die unter einer Störung der Impulskontrolle leiden, führen zwanghafte Handlungen aus, die zwar bewusst erlebt, aber willentlich nicht oder nur schwer durchbrochen werden können. (Bild: peshkova/fotolia.com)

Ursache

Die Ursachen von Impulskontrollstörungen sind noch nicht abschließend verstanden. Mediziner vermuten ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen, körperlichen und sozialen Faktoren wie Erziehung, Umfeld und Erfahrungshorizont. Auch der Hormonspiegel der Betroffenen steht unter Verdacht, für die Problematik relevant zu sein und die Art der Störung maßgeblich zu beeinflussen. So neigen Männer häufiger zu aggressiven Störungen wie zwanghaftem Brandstiften wogegen die Zwangshandlungen der Frauen eher selbstzerstörerischer Natur sind wie es beispielsweise bei der Trichotillomanie ( Haare ausreißen) der Fall ist.

Außerdem wird ein enges Zusammenspiel mit anderen psychischen Störungen vermutet, zu denen beispielsweise Substanzabhängigkeiten und schweren psychische Erkrankungen wie Borderline zählen. Weiterhin gibt es Medikamente, die beispielsweise bei der Behandlung der Parkinson-Krankheit zum Einsatz kommen, die Impulskontrollstörungen auslösen können.

Symptome

Typische Anzeichen für Störungen der Impulskontrolle sind, wenn die Betroffenen wiederholt ihren Impulsen nicht widerstehen können. Die Entscheidung, eine impulsive Handlung auszuführen, wird nicht bewusst getroffen, sondern es steht ein zwanghafter Drang dahinter. Meistens laufen die Handlungen schematisch ab und ähneln sich vom Prinzip, obwohl die Taten völlig unterschiedlich sind.

Allen Impulskontrollstörungen geht nahezu derselbe seelische Prozess voraus. Die Betroffenen leiden vor der Handlung unter einer unangenehmen Anspannung, die durch die durchgeführte Tat nachlässt. Die unangenehme Selbstwahrnehmung wird unterdrückt und auf die Ausführung der Handlung gelenkt. Nach der Tat haben viele Betroffene Schuld- und Schamgefühle, die sich negativ auf die seelische Entwicklung auswirken, was die innerliche Spannung wiederum verstärkt und zu wiederholten Handlungen führt.

Trotz Schuld- oder Schamgefühle führen Menschen mit einer Impulskontrollstörung immer wieder schädliche Handlungen aus, um eine enorme innere Anspannung loszuwerden. (Bild: ra2 studio/fotolia.com)

Diagnose

Die Diagnose wird in erster Linie von einem Psychiater gestellt. Damit die Symptome als psychische Störung diagnostiziert werden, muss das zwanghafte Verhalten als unangepasst oder nicht vernunftorientiert gelten. Außerdem spielt es bei der Diagnose eine Rolle, ob die betreffende Person sich selbst oder anderen Menschen schadet, beispielsweise durch Anhäufung von Schulden oder Verursachung von Unfällen und Verletzungen.

ICD-Klassifikation

Im Diagnoseklassifikationssystem der WHO (Weltgesundheitsorganisation) haben „abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“ den ICD Schlüssel F63, der noch weiter unterteilt wird, zum Beispiel in :

  • F63.0 pathologisches Spielen
  • F63.1 pathologische Brandstiftung (Pyromanie)
  • F63.2 pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
  • F63.3 Zupfen, Drehen und Ausreißen von Haaren (Trichotillomanie)
  • F63.8 Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle (zum Beispiel pathologischer Jähzorn oder Dermatillomanie)

Pathologisches Spielen

Das pathologische Spielen bezeichnet die abnorme Gewohnheit, wiederholt intensives Glücksspiel zu betreiben, welches das Leben der Betroffenen enorm beeinflusst beziehungsweise nahezu beherrscht. Die Patienten sind dadurch teilweise nicht mehr in der Lage, ihrem Beruf nachzugehen und soziale Kontakte zu pflegen, was sich negativ auf Familie, Umfeld und letztendlich auch auf die materielle Versorgung auswirkt.

In der Umgangssprache wird dieses Verhalten als Spielsucht oder Spielabhängigkeit bezeichnet. Immer wieder versuchen Betroffene sich vom Spielen loszulösen, was aber nicht gelingt. Die Spielsüchtigen, oftmals Männer, sind häufig bemüht, ihre Sucht vor Angehörigen und Freunden zu verbergen. Sie denken beim Spielen nicht an die damit verbundenen möglichen Konsequenzen wie Arbeitslosigkeit, Schulden und Beziehungsprobleme.

Auslöser für dieses zwanghafte Handeln sind Probleme oder negative Stimmungen, die bei Betroffenen eine unangenehme Anspannung auslösen, welche sie nur durch Spielen oder Wetten abbauen können. Häufig verlieren die Betroffenen erhebliche Summen und lösen damit eine nach unten drehende Spirale aus: Das Geld reicht nicht mehr aus, um der Sucht nachzugehen und es wird dennoch alles versucht, um weiter zu spielen. Viele Spielsüchtige sind massiv verschuldet und nehmen mitunter auch kriminelle Handlungen in Kauf, um sich die finanziellen Mittel für die Befriedigung ihrer Sucht zu besorgen.

Exzessives Glücksspiel kann eine Form der Impulsstörung sein. Manche Spielsüchtige sind massiv verschuldet und nehmen sogar kriminelle Handlungen in Kauf. (Bild: Kiko Jimenez/fotolia.com)

Pyromanie

Bei der Impulskontrollstörung in Form pathologischer Brandstiftung beschäftigen sich Betroffene wiederholend mit dem Feuer sowie allem, was damit verbunden ist. Sie legen Brände an Eigentum oder auch an fremden Gebäuden oder Plätzen, wobei für Dritte kein wirkliches Motiv zu erkennen ist. Dabei stehen die Pyromanen unter innerlicher Spannung und Erregung. Die Betroffenen empfinden Freude oder Erleichterung während der Brandstiftung. Sie begehen die Tat nicht aus Rachegelüsten oder Zerstörungswut. Auch bei dieser Störung können die Betroffenen zu Straftaten neigen.

Kleptomanie

Eine weitere Impulskontrollstörung ist das pathologische Stehlen. Dabei werden nicht ausschließlich Dinge gestohlen, die benötigt werden. Oftmals wird das Diebesgut nach der Handlung weggeworfen, verschenkt oder gehortet. Die Betroffenen empfinden währenddessen oder unmittelbar nach der Tat ein Gefühl von Befriedigung. Kleptomanen stehlen nicht, um sich oder andere damit zu bereichern, sondern wegen der inneren Spannung vor dem Diebstahl und der anschließenden Befriedigung, die durch die Tat eintritt. Die Betroffenen haben oft ein schlechtes Gewissen nach einem Diebstahl, begehen diese jedoch immer wieder. Da Diebstahl eine Straftat darstellt, geraten Kleptomanen nicht selten mit dem Gesetz in Konflikt.

Trichotillomanie

Die Trichotillomanie beschreibt einen nicht kontrollierbaren Drang, seine Haare zu zupfen, zu drehen und auszureißen. Wie bei den bereits beschriebenen Störungen ist diese ebenso mit innerer Spannung und einem Gefühl von Erleichterung und Befriedigung nach der Handlung verbunden. Die Betroffenen erleiden mitunter einen großen Haarverlust.

Als Ursachen für die Trichotillomanie werden Verlustsituationen, Missbrauchserfahrungen oder andere schwerwiegende Einschnitte im Leben diskutiert. Jedoch können auch einfachere Zwischenfälle in der Familie oder im zwischenmenschlichen Bereich dazu führen, dass das Selbstwertgefühl vermindert ist und auf diese Weise die Störung der Impulskontrolle ausgelöst wird.

Meist sind die Betroffen besonders Anfällig für Stress. Begleitet wird die Trichotillomanie häufig von anderen seelischen Störungen, wie massiven Angst, Depressionen, Essstörungen, Zwangs- oder Ticstörungen. Viele Betroffene leiden in Folge dieser Impulsstörung an Hautproblemen. In selten Fällen werden ausgerissenen Harre geschluckt, was bei größeren Mengen zu einem Darmverschluss führen kann.

Personen mit Trichotillomanie leiden unter einem nicht kontrollierbaren Drang, die Haare zu zupfen, zu drehen und auszureißen. (Bild: vladimirfloyd/fotolia.com)

Pathologischer Jähzorn

Pathologische Jähzornigkeit oder die Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit ist eine Impulskontrollstörung, die durch explosive Ausbrüche von Wut und Aggression gekennzeichnet ist. Oft ufern die Ausbrüche in regelrechte Raserei aus, die in keinem Verhältnis zur Situation steht. Die Betroffenen fangen beispielsweise bei relativ belanglosen Ereignissen plötzlich impulsiv an zu Schreien. In den meisten Fällen sind diese Ausbrüche Reaktionen auf reale oder vermeintliche Provokationen, Streitgespräche, Diskussionen oder das Verhalten anderer. Bei manchen Betroffenen kann eine affektive Verhaltensänderung vor einem Ausbruch beobachtet werden, zum Beispiel in Form von Anspannung oder Stimmungsschwankungen.

Dermatillomanie

Dermatillomanie oder Skin-Picking-Disorder ist eine Impulskontrollstörung, bei der Betroffene einen unwiderstehlichen Drang haben, erkrankte Hautstellen wiederholt zu berühren, zu quetschen und zu kratzen. Dieses Verhalten kann zu erheblichen Gewebeschäden führen. Weitere mögliche Folgen sind Scham- und Schuldgefühle, weshalb sich viele Betroffene zunehmend sozial isolieren.

Behandlung von Impulsstörungen

Bei der Behandlung von Impulsstörungen kommen Medikamente wie zum Beispiel Antidepressiva zum Einsatz, da die Störungen der Impulskontrolle häufig zusammen mit Depressionen auftreten. Weiter spielen nichtmedikamentöse Therapieansätze wie zum Beispiel Gesprächstherapie, Verhaltenstherapie oder Psychoanalyse eine entscheidende Rolle. Ziel der Therapie ist es, das unerwünschte Verhalten vollständig zu unterdrücken oder die Zwangshandlung so zu modifizieren, dass sie auf ein unschädliches Maß reduziert werden.

Zudem muss der soziale und eventuell auch der juristische Kontext der Handlung betrachtet werden, da einige Betroffene beispielsweise durch zwanghaftes Stehlen oder Brandstiften straffällig geworden sind. Der Erfolg der Therapie hängt maßgeblich davon ab, wie weit Betroffene dazu bereit sind, zu kooperieren. Insbesondere betroffene Kinder erkennen hier allerdings häufig nicht den Ernst der Lage.

Impulskontrollstörungen lassen sich in den allermeisten Fällen nicht allein bezwingen, sondern erfordern eine therapeutische Unterstützung. (Bild: Chinnapong/fotolia.com)

Verhaltenstherapie
Im Rahmen einer Verhaltenstherapie lernen Menschen mit Impulskontrollstörungen den Umgang mit ihrer Störung sowie Strategien, wie sie sich beim Auftreten von Anspannung verhalten können. Es wird versucht, den Impuls zu verhindern und anderes, alternatives Verhalten zu erlernen. Die Therapie sollte dabei stets auf die individuellen Erfordernisse der Patienten und ihre spezielle Form der Impulsstörung angepasst sein.

Psychoanalyse
Bei der Psychoanalyse wird die persönliche Geschichte der Betroffenen aufgearbeitet. Die Verarbeitung von traumatischen Ereignisse und Erfahrungen mit Bezugspersonen soll bei dieser Therapieform zu mehr seelischer Stabilität und Selbstvertrauen führen.

Selbsthilfe bei Impulskontrollstörungen

Störungen der Impulskontrolle erfordern eine ganzheitliche Therapie und lassen sich in den allermeisten Fällen nicht allein bewältigen. Ausschlaggebend für einen Heilungsprozess ist die Bereitschaft zur Therapie und die konsequente Umsetzung der Schritte. In einer Therapie werden oft auch Selbsthilfemaßnahmen erlernt, wie beispielsweise das Ausführen von nicht schädlichen Ersatzhandlungen, um die aufgebauten Spannungen zu lösen.

Habit-Reversal-Training
Bei einigen Impulskontrollstörungen wie bei der Trichotillomanie und der Dermatotillomanie hat sich das sogenannten Habit-Reversal-Training (Gewohnheitsumkehr) bewährt. Bei diesem Training wird das problematische Verhalten durch eine alternative Verhaltensweise ersetzt. Beispielsweise können die Betroffen lernen, bei Aufkommen des Impuls diesen zu unterdrücken, indem sie sich auf beide Hände setzen.

Entspannungstraining
Entspannungsverfahren zum Stressabbau wie Autogenes Training, spezielle Atemübungen und die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen unterstützen die Behandlung.

Stand der Forschung

Impulskontrollstörungen können auch durch Medikamente ausgelöst werden, die bei der Parkinson-Krankheit eingesetzt werden. Kürzlich wurde in einer Studie eine Alternative Behandlung vorgestellt. Patienten mit Parkinson profitieren von einem Hirnschrittmacher. Dieser ermöglicht eine Verringerung der benötigten Medikamente und kann so auch die Impulskontrollstörungen reduzieren. (sw, vb; aktualisiert am 27.02.2018)
Fachliche Aufsicht: Barbara Schindewolf-Lensch (Ärztin)