Heilpilze – Arten und Anwendung

Heilpilze in getrockneter und gemahlener Form auf Porzellanlöffeln

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern und Medizinerinnen geprüft.

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Pilze mit heilenden Wirkungen

Spätestens seit der Entdeckung des Penicillins ist jedem klar, dass es im Reich der Pilze einige medizinisch wertvolle Pilzsorten gibt. Vor allem die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), in der auch viele Pflanzenwurzeln und Baumrinden Verwendung finden, kennt eine ganze Fülle heilsamer Pilze, die in Europa jedoch teilweise noch gänzlich unbekannt sind. Im nachstehenden Beitrag möchten wir deshalb einige Heilpilze genauer unter die Lupe nehmen.


Was ist der Unterschied zwischen Heilpilzen und Heilpflanzen?

Bei der Definition der Pilzarten machen viele Laien den Fehler und rechnen Pilze (Fungi) zu den Pflanzen (Plantae). Tatsächlich handelt es sich bei Pilzen aber um eine eigenständige Klassifikation von Lebewesen. Das dazugehörige wissenschaftliche Fachgebiet ist dabei die Pilzkunde (Mykologie), die sich unter anderem mit den Lebensgewohnheiten von Pilzen beschäftigt. Pilze sind im Übrigen enger mit den Tieren (Animalia) als mit den Pflanzen verwandt. Denn beide Lebensformen ernähren sich von organischen Nährstoffen in ihrer Umgebung, welche sie durch Enzyme aufspalten und in Form von Glykogen speichern. Pflanzen bilden dagegen Stärke als Speichersubstanz und ernähren sich neben Bodenmineralien hauptsächlich von Sonnenlicht, das sie durch Fotosynthese in Chlorophyll umwandeln.

Heilpilze gibt es in verschiedenen Formen zu kaufen, so zum Beispiel getrocknet oder als Pulver. (Bild: ExQuisine/fotolia.com)

Eine weitere Teildisziplin der Mykologie ist die Erforschung der medizinischen Aspekte von Pilzen. Dazu gehören neben bestimmten Heileigenschaften auch potenzielle gesundheitliche Gefahren, die von Pilzen ausgehen, denn eine Reihe von Pilzen sind dazu in der Lage, schwerwiegende Infektionskrankheiten auszulösen. Damit ist ein zweiter signifikanter Unterschied zwischen Pflanzen und Pilzen gegeben. Denn Pflanzen können über toxische Inhaltsstoffe zwar zu gesundheitsschädlichen Vergiftungen führen, ein Krankheitspotential besitzen sie im Gegensatz zu Pilzen aber nicht.

Auch was den Lebensraum anbelangt gibt es zwischen Pilzen und Pflanzen deutliche Unterschiede. Während Pflanzen gemeinhin ein erdiges oder zumindest sandig-steiniges Standortsubstrat benötigen, wachsen Pilze primär auf organischer Masse. Sie ernähren sich also von anderen Lebewesen, weshalb sie oftmals auch als Parasiten verschrien sind. Dabei wird aber oft völlig außer Acht gelassen, dass die Zersetzungsarbeit, die viele Pilze in der Natur leisten, unerlässlich für die Nährstoffanreicherung des Bodens ist und die Pilze damit geeignete Nährstoffe für neue Pflanzen produzieren. Pilze sind also ein entscheidender Teil des natürlichen Kreislaufs.

Pilze in der Medizin

Medizinisch betrachtet ist bei Pilzen vor allem die Einteilung in Klein- und Großpilze relevant. Als Kleinpilze (Mikromyzeten) sind dabei alle Pilzvarianten definiert, deren Fruchtkörper kleiner als fünf Millimeter und damit nur schwer mit bloßem Auge zu erkennen ist. Mit Ausnahme des Pinselschimmelpilzes, Penicillium, aus dem bekanntlich eines der ersten modernen Antibiotika, das Penicillin, hergestellt wurde, sind die meisten dieser Kleinpilze dabei problematisch für den menschlichen Organismus. Zwar finden sich einige dieser Pilze, etwa der Candida-Pilz auch natürlich im Körper, doch in vielen Fällen gelangen Mikromyzeten aufgrund ihrer geringen Größe eher ungewollt und oftmals unbemerkt in den Organismus, wo sie sich dann, dank des feucht-warmen Körperklimas, ungehindert vermehren können. Dementsprechend sind es in der Regel auch Kleinpilze, die für schwerwiegende Pilzinfektionen verantwortlich sind, darunter:

  • Aspergillus-Pilze (Erreger der Aspergillose),
  • Candida-Pilze (bei Überpopulation Erreger der Candidose),
  • Cryptococcus-Pilze (Erreger der Kryptokokkose)
  • und Epidermophyten und Trichophyten (Erreger von Fuß- und Nagelpilz).
Aus dem Pinselschimmelpilz wird Penicillin hergestellt, das wohl bekannteste Antibiotikum. (Bild: Kateryna_Kon/fotolia.com)

Im Bereich der Großpilze (Makromyzeten) sind gesundheitlich vor allem Giftpilze wie der wohlbekannte Fliegenpilz oder auch der Knollenblätterpilz sehr gefährlich, da sie im Falle eines Verzehrs zu lebensbedrohlichen Vergiftungen führen können. Allerdings stellen die Makromyzeten auch den Großteil aller Heilpilze. Insbesondere die Traditionelle Chinesische Medizin kennt zahlreiche Pilzsorten zur Behandlung von Krankheiten, die teilweise schon seit mehreren Jahrtausenden naturheilkundlich genutzt werden. Die Anwendung erfolgt dabei entweder in Form von Tees oder durch Zugabe der Pilze zu medizinischen Spezialgerichten wie Suppen oder Gemüsebeilagen.

Nun ist die Traditionelle Chinesische Medizin aber längst nicht die einzige Traditionsmedizin, die auf eine medizinische Behandlung mit Pilzen (Mykotherapie) setzt. Auch in Europa, Afrika und Amerika sind einige berühmte Heilpilze heimisch und seit dem Altertum in Gebrauch. Leider geriet das Wissen um die Heilkraft von Pilzen mit dem Aufkommen moderner Behandlungsverfahren zunehmend in Vergessenheit. Dabei besitzen Heilpilze mitunter recht außergewöhnliche Fähigkeiten. Gerade im Bereich der Krebsbehandlung wird Mykotherapie immer häufiger als begleitende Behandlungsmaßnahme empfohlen, da viele Heilpilze krebshemmend wirken und zudem auch die Leber, welche im Zuge chemo- und strahlentherapeutischer Maßnahmen besonders stark leidet, nachhaltig stärken und vor Therapieschäden schützen.

Für diese herausragende Heilwirkung sind bei Pilzen einerseits spezielle Polysaccharide wie das bereits erwähnte Glykogen verantwortlich. Andererseits besitzen Heilpilze auch sogenannte Mykosterine. Dabei handelt es sich um pilzeigene Membranlipide, die sehr eng mit den Fettsäuren verwandt sind und eine entscheidende Rolle im Aufbau der Zellmembran von Pilzen übernehmen. Da die Pilzzellen sehr viel mit den Zellen von tierischen Lebewesen und damit auch denen des Menschen gemeinsam haben, können Mykosterine auch den menschlichen Zellaufbau stärken und, im Falle zellschädigender Krankheiten, sogar beachtliche Reparaturmaßnahmen an den Körperzellen vollbringen.

Heilpilze im Überblick

Interessanterweise wachsen Heilpilze fast ausschließlich auf der Rinde von Bäumen. Dabei haben sie artabhängig sogar bestimmte Vorlieben und bilden bestimmte Wirkstoffe mitunter sogar nur dann aus, wenn sie auf ausgewählten Baumsorten gedeihen. Da Bäume in vielen Fällen selbst besondere Wirkstoffe besitzen, die sich zumeist in ihrer Rinde oder dem dahinter verborgenen Baumharz befinden, ist es auch nicht verwunderlich, dass Pilze entsprechende Heilwirkungen nach der Absorption adaptieren oder in ähnlich wirkende Stoffe umwandeln. Zu den wichtigsten Heilpilzen gehören:

Austernpilze sind in jedem gut sortierten Bio- oder Supermarkt ganzjährig erhältlich. (Bild: emuck/fotolia.com)

Austernpilz / Austernseitling

Der Austernpilz (Pleurotus ostreatus) verdankt seinen Namen unverkennbar seinem der Austernmuschel ähnlichen Aussehen. Auch findet man ihn wie Austern zumeist im Verbund gedeihend, und zwar vornehmlich an der Rinde von Laubbäumen wie der Rotbuche. Hier kann er den befallenen Bäumen durch intensiven Nährstoffentzug mitunter stark zusetzen. Für den Menschen sind Austernpilze dagegen äußerst gesund, da sie zum einen zahlreiche Spurenelemente, gesunden Mehrfachzucker und Proteine enthalten und zum anderen auch reich an Mycosterinen sind, die leber-, magen- und milzstärkend wirken. In verschiedenen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Austernpilze zudem

  • antikarzinogen,
  • cholesterinsenkend,
  • entzündungshemmend,
  • immunstärkend
  • und desinfizierend wirken.

Vor allem ihre cholesterinsenkende Wirkung ist dabei sehr gut belegt und lässt sich primär auf den Inhaltsstoff Lovastatin zurückführen. Er wird medizinisch bereits vielfach zur Behandlung von Hypercholesterinämie angewandt und bestätigt somit, dass die Heilwirkung des Austernpilzes nicht aus der Luft gegriffen ist. Heimisch ist diese Pilzart dabei in fast allen Regionen der Welt, weshalb ihre Anwendung auch in mehreren Kulturen lange Tradition hat.

Chaga Pilz / Schiefer Schillerporling

Auch der als Chaga Pilz bekannte Schiefe Schillerporling (Inonotus obliquus) wächst mit Vorliebe an der Baumrinde von Laubbäumen und insbesondere an der Rinde von Birken. Er ist somit auch in Europa heimisch, wo er gerade in der lappländischen und russischen Volksmedizin schon seit dem 15. Jahrhundert als Heilpilz Verwendung findet. Auf den ersten Blick könnte man den schwarzen Pilzbrocken fast für deplatziertes Vulkangestein halten.

Der Chaga oder auch Schiefer Schillerporling wird aufgrund seiner positiven Eigenschaften auch als „König der Pilze” bezeichnet. (Bild: ExQuisine/fotolia.com)

Die Assoziation mit naturheilkundlichen Eigenschaften kommt einem beim anfänglichen Betrachten dagegen kaum in den Sinn. Tatsächlich trägt der Chaga Pilz wegen seiner äußerst intensiven Heilwirkung aber auch den Beinamen “König der Pilze”. Dies basiert vor allem auf den

  • antikarzinogenen,
  • entzündungshemmenden,
  • herz-kreislauf-stärkenden,
  • immunstärkenden,
  • leberschützenden,
  • stoffwechselanregenden,
  • zellschützenden
  • und vitalisierenden

Eigenschaften des Chaga Pilzes. Für diese umfangreiche medizinische Wirkung verantwortlich sind bei Inonotus obliquus maßgeblich Antioxidantien, ß-Glucane sowie Betulinsäure. Letztere entsteht in dem Pilz allerdings nur, wenn er auf einer Birkenrinde wächst, weshalb Chaga zu Heilzwecken meist gezielt auf diesem Laubbaum kultiviert wird.

Chinesischer Raupenpilz

Eine äußerst sonderliche Wuchsform weist der aus der Gruppe der Kernkeulen bekannte Chinesische Raupenpilz (Ophiocordyceps sinensis) auf. Tatsächlich erinnert die eigentümlich keulenförmige Ausprägung seines gestielten Fruchtkörpers an eine Raupe und das nicht ohne Grund. Denn anders als viele andere Heilpilze wächst der Schlauchpilz nicht auf Bäumen, sondern entwickelt sich aus befallenen Raupen der Geistermotte (Thitarodes). Da sich diese Raupenart bevorzugt von den Wurzeln verschiedener Hülsenfrüchtler, Seggenarten, Sauer- und Süßgräser sowie Knöterich- und Liliengewächse ernährt, trifft man den Chinesischen Raupenpilz hauptsächlich in feuchten Gras- und Strauchlandschaften an. Das natürliche Verbreitungsgebiet liegt dabei in Tibet, wo er auch als medizinischer Wunderpilz gefeiert wird. Klassische Inhaltsstoffe von Heilpilzen wie Polysaccharide und Aminosäuren, aber auch ungesättigte Fettsäuren und der spezifische Wirkstoff Cordycepin sorgen für eine

  • antibakterielle,
  • antivirale,
  • cholesterinregulierende,
  • entzündungshemmende,
  • gerinnungshemmende,
  • herz-kreislauf-stärkende,
  • immunmodulierende,
  • lungen- und nierenprotektive
  • und krebshemmende Wirkung.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird die Kernkeule überdies auch zur Schmerzbehandlung bei Rückenschmerzen eingesetzt. Kulinarisch ist dieser Pilz vor allem zur Verfeinerung von Huhn- und Entengerichten geeignet.

Der Chinesische Raupenpilz sieht nicht nur aus wie eine Raupe, sondern er entwickelt sich aus den Raupen der Geistermotte. (Bild: Stephan Baur/fotolia.com)

Eichhase / Ästiger Büschelporling

Wie ein Pulk neckisch aus dem Dickicht spitzender Hasenohren mutet der hiernach benannte Eichhase an, der wissenschaftlich korrekt auch Ästiger Büschelporling (Polyporus umbellatus) heißt. Er wächst in der Regel zweistielig, wobei die beiden hellbraun bis graubraun gefärbten Fruchtkörper am Strunk zusammengewachsen sind. Dem Namen nach findet man den Heilpilz insbesondere auf Eichenbäumen, die einen kalkhaltigen Standort bevorzugen. Zwar ist Polyporus umbellatus auch bei uns heimisch, genutzt wird er allerdings vorwiegend in der Traditionellen Chinesischen Medizin. Hier kennt man den Heilpilz auch als Zhu Ling und nutzt ihn wegen der harntreibenden Wirkung seiner Polysaccharide und Mykosterine vor allem als Diuretikum, um die Nieren und Harnblase durchzuspülen.

Tipp: Da der Eichhase zugleich auch entzündungshemmend wirkt, bietet sich eine Behandlung gerade bei Harnwegsinfekten besonders an.

Gemeiner Klapperschwamm / Maitake

Für Patienten mit ungesunden Cholesterinwerten kann der Gemeine Klapperschwamm (Grifola frondosa) alias Maitake hilfreich sein. Letzteres ist die japanische Bezeichnung des Heilpilzes und bedeutet übersetzt so viel wie “Tanzpilz”. Der Name rührt von verschiedenen asiatischen Legenden her. Eine davon besagt, dass der Name der Wuchsweise der Maitake Pilzkolonien geschuldet sei, welche bevorzugt an den Wurzeln von Laubbäumen wie der Eiche, Linde oder Kastanie wachsen und an einen Schwarm tanzender Schmetterlinge erinnern. Einer anderen Legende zufolge geht der Name Tanzpilz auf die Tatsache zurück, dass die Japaner nach der Entdeckung des Maitake vor Glück, dass der Pilz mit Silber aufgewogen wurde, selbst zu tanzen anfingen. Der Silberwert deutet hierbei möglicherweise auf die wertvolle Heilwirkung des Pilzes hin, denn er gilt als

  • antiviral,
  • blutdruckregulierend,
  • blutzuckersenkend,
  • cholesterinsenkend,
  • darmstärkend,
  • entzündungshemmend,
  • immunstärkend,
  • krebshemmend,
  • lungenstärkend
  • und nierenstärkend.
Maitake oder Gemeiner Klapperschwamm wird in der Krebstherapie als Begleittherapeutikum empfohlen. (Bild: Alexander Kurlovich/fotolia.com)

Ursächlich für die vielseitige Heilwirkung sind beim Maitake neben zahlreichen Vitaminen und Mineralstoffen vor allem Wirkstoffe wie Aminosäuren, ß-Glucane und ein Inhaltsstoff namens Vanadium. Bei letzterem handelt es sich um ein Mineral, das nachweislich einen blutzuckersenkenden Effekt besitzt, weshalb inzwischen in einer Studie untersucht wird, ob Vanadium eventuell als medikamentöser Wirkstoff gegen Diabetes mellitus eingesetzt werden kann. Auch gegen erhöhte Cholesterinwerte scheint Vanadium erfolgreich eingesetzt werden zu können. Als Speisepilz ist Maitake deshalb insbesondere Diabetes- und Cholesterinpatienten zu empfehlen.

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Indianerbrot

Mit dem Chaga Pilz kennen wir bereits einen Heilpilz, dessen Aussehen eher an einen unscheinbaren Steinbrocken erinnert. Mit dem Indianerbrot (Poria cocos oder Wolfiporia cocos) verhält es sich ganz ähnlich, denn dank seiner erdbrocken- bis kartoffelähnlichen Erscheinung und der Tatsache, dass er unterirdisch am Fuße von Kiefernbäumen wächst, übersieht man ihn nur allzu leicht. Nur die findigsten Pilzkenner stöbern ihn deshalb auf.

Sein Wirkspektrum ist sehr umfangreich, denn er wirkt

  • abschwellend,
  • antikarzinogen,
  • beruhigend,
  • entzündungshemmend,
  • harntreibend,
  • hautschützend,
  • hustenlindernd,
  • herzstärkend,
  • milz- und nierenschützend
  • und immunstärkend.

Neben der Traditionellen Chinesischen Medizin ist der Pilz auch in der indianischen Heilkunst kein Unbekannter, was sich unschwer am Namen des Indianerbrotes erkennen lässt. Denn die Ureinwohner Amerikas nutzten den Pilz früher als eine Art Brotersatz. Auch heute noch kann man den Pilz bedenkenlos als Nahrungsmittel verwenden. Da sein Geschmack nicht allzu intensiv ist, empfiehlt es sich aber, ihn mit Gemüse oder Fleisch zu kombinieren.

Judasohr

Das Judasohr (Auricularia polytricha) verdankt seinen ungewöhnlichen Namen zwei Gründen. Zum einen erinnert das Erscheinungsbild des rötlich-braunen Pilzes tatsächlich an die Form eines Ohres. Zum anderen wächst Auricularia polytrichia überwiegend auf oder unter Holundergehölzen, an denen sich Judas Iskariot nach seinem Verrat an Jesus Christus erhängt haben soll. Die Assoziationen zur christlichen Religion zeigen auch auf, in welchem Kulturkreis das Judasohr hauptsächlich medizinisch genutzt wird. Dieser umfasst nämlich vor allem die abendländische Kultur Europas. Hier ist es Brauch, das Judasohr bei Halsschmerzen in Milch, Bier oder Essig einzukochen und dann entweder innerlich anzuwenden oder als warmen Essig-Umschlag auf Brust und Hals zu legen. Die Traditionelle Chinesische Medizin, die schon vor mehreren Jahrtausenden auf den Geschmack des Judasohrs gekommen ist, nutzt den Heilpilz dagegen zur Behandlung von Hämorrhoiden.

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie e.V prämierte das Judasohr 2017 zum Pilz des Jahres. (Bild: Rainer Fuhrmann/fotolia.com)

Lärchenbaumschwamm / Apothekerschwamm

In der europäischen Forstwirtschaft als Verursacher der Braunfäule an Nadelbäumen wie der namensgebenden Lärche gefürchtet, erfreut sich der Lärchenbaumschwamm (Laricifomes officinalis) hierzulande eines eher zweifelhaften Rufes. In der Medizin ist er dagegen sogar als Apothekerschwamm bekannt, weil er mit seinem Inhaltsstoff Chinin einen wichtigen Arzneistoff gegen schwere Infektionskrankheiten wie Malaria und auch gegen Muskelkrämpfe liefert. Insgesamt wirkt das Chinin des Lärchenbaumschwamms

  • antibiotisch,
  • fiebersenkend,
  • krampflösend,
  • schmerzstillend
  • und wehenfördernd.

Speziell sein krampflösender Effekt wird dabei sehr vielseitig eingesetzt, etwa gegen Wadenkrämpfe, Gebärmutterkrämpfe oder zur Einleitung der Geburtswehen. Bei bestehenden Magen-Darm-Entzündungen wie Gastritis, Herzbeschwerden und Atemwegskrämpfen sollte man den Apothekerpilz dagegen nicht anwenden. Hier könnte der muskelstimulierende Effekt des Pilzes sich eher negativ auswirken und zu ernsten Komplikationen führen. Überhaupt ist bei Laricifomes officinales eine vorsichtige Dosierung wichtig, um Nebenwirkungen wie Verdauungstörungen und Nervenbeschwerden, Seh- und Hörstörungen oder Hautirritationen zu vermeiden. Wir raten deshalb dazu, den Pilz nicht ohne Absprache mit einem erfahrenen Arzt oder Heilpraktiker anzuwenden. Schwangere und stillende Mütter sollten darüber hinaus ganz auf eine Anwendung von Lärchenbaumschwamm verzichten, da er als fruchtschädigend gilt und während der Stillzeit schädliche Inhaltsstoffe in die Muttermilch gelangen könnten.

Mandelpilz / Brasilianischer Mandel-Egerling

Aus dem südamerikanischen Brasilien, genauer gesagt aus der Stadt Piedade bei São Paulo, die dem Pilz ursprünglich offensichtlich ideale Klimabedingungen für sein Wachstum lieferte, kommt ein Heilpilz, der optisch stark an unsere heimischen Champignons erinnert. Und in der Tat ist der Brasilianische Mandel-Egerling (Agaricus brasiliensis) eng mit dem heimischen Champignon verwandt und kann wie dieser als Speisepilz genutzt werden, auch wenn sein Geschmack etwas kräftiger bis modrig-süß ist. Wie viele Heilpilze ist der Mandelpilz vor allem für die alternative Krebstherapie von Bedeutung. Es gibt jedoch auch zahlreiche Studien, die dem Pilz eine medizinische Wirkung bei Fettleibigkeit und Diabetes bescheinigen, weshalb er vermehrt als Functional Food gehandelt wird.

Die Nutzung des Reishi Pilzes als Heilpilz hat eine jahrtausendealte Tradition. (Bild: ukjent/fotolia.com)

Reishi Pilz / Glänzender Lackporling

Wie der Name schon vermuten lässt, fällt der Glänzende Lackporling (Ganoderma lucidum) durch seinen lackartig glänzenden Fruchtkörper auf. Dieser ist zumeist rötlich-gelb bis gelblich-braun gefärbt und gedeiht vorzugsweise auf Eichen- oder Buchenrinde, wenngleich auch andere Laubhölzer, seltener Nadelhölzer wie Fichten oder Kiefern als Substrat infrage kommen. Im Bereich der Heilkunde ist der Glänzende Lackporling besser unter seinem Namen Reishi Pilz aus der Traditionellen Chinesischen Medizin bekannt und wird seit mehr als 4000 Jahren wegen seiner

  • antibiotischen,
  • antiviralen,
  • blutdrucksenkenden,
  • immunmodulierenden,
  • zell- und leberschützenden

Eigenschaften bei einer Vielzahl von Gesundheitsbeschwerden angewandt. Da seine medizinisch wertvollen Polysaccharide nicht nur äußerst vitalisierend sind, sondern, wie Studien nachgewiesen haben, sogar eine krebshemmende Wirkung aufweisen und somit selbst gegen eine der tödlichsten aller Krankheiten etwas auszurichten vermögen, trägt der Reishi Pilz auch den Beinamen “Pilz der Unsterblichkeit”. Ein echter Vitalpilz also, dessen jahrtausendelange Anwendung mehr als begründet ist.

Schmetterlingsporling / Schmetterlings-Tramete

Dem Schmetterlingsporling beziehungsweise der Schmetterlings-Tramete (Trametes versicolor oder Coriolus versicolor) begegnet man bei uns nahezu ständig. Es ist jener dunkle, rosettenförmige Pilz mit scharf gewelltem weißem Rand, der im Wald und am Waldesrand auf zahlreichen Baumstümpfen, liegenden Holzstapeln und Totholz zu finden ist. So unscheinbar und banal sein Vorkommen in freier Wildbahn ist, so heilsam kann dieser Holzbewohner aber auch sein. Neben den für viele Heilpilze typischen Polysacchariden besitzt er vor allem das medizinisch wertvolle Mycosterin namens Ergosterin, welches eine Vorstufe von Vitamin D2 darstellt und vor allem für das Immunsystem von besonderer Bedeutung ist. Grundsätzlich gestaltet sich die Heilwirkung des Schmetterlingsporlings als

  • antibakteriell,
  • antiviral,
  • immunstärkend
  • und krebshemmend.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird er vor allem zur Behandlung von Herz- und Milzbeschwerden genutzt. Verschiedene Studien legen außerdem eine Nutzung in der ergänzenden Immuntherapie bei Krebserkrankungen wie Darm- und Leberkrebs nahe.

Shiitake Pilz

Ein weiterer Heilpilz aus der Traditionellen Chinesischen Medizin ist der Shiitake Pilz (Lentinula edodes). Er wird in China auch als Speisepilz kultiviert und ist im Übrigen weltweit der meistangebaute Speisepilz nach dem Champignon. Medizinische Relevanz besitzt der Shiitake zusätzlich zu seinen Mehrfachzuckern vor allem wegen Inhaltsstoffen wie Adenin und Cholin. Die beiden Stoffe wurden früher auch als Vitamin B4 bezeichnet und sind auch heute noch als vitaminähnliche Substanzen mit einem besonderen Nährstoffwert assoziiert.

Shiitake-Pilze, die sich insbesondere in vielen asiatischen Speisen wiederfinden, haben zudem vielseitige Heilwirkung. (Bild:HandmadePictures.jpg/fotolia.com)

Gemeinsam mit den Mehrfachzuckern des Shiitake Pilzes verleihen sie diesem eine

  • antikarzinogene,
  • antivirale,
  • cholesterin- und blutdrucksenkende,
  • entzündungshemmende,
  • immunstärkende,
  • leberschützende,
  • muskelentspannende,
  • stoffwechselanregende
  • und verdauungsfördernde Wirkung.

Darüber hinaus beinhaltet der Pilz auch zahlreiche Aminosäuren und Mineralstoffe. Gerade die Mineralien Kalzium, Phosphor, Kalium und Eisen machen den Shiitake dabei zu einem echten Stärkungsmittel für Knochen, Gelenke und Zähne. Auch gegen Gefäßerkrankungen wie Arteriosklerose wird der Heilpilz gemäß der Traditionellen Chinesischen Medizin häufig angewandt. Am besten nutzt man den Pilz für all diese Zwecke als Kochzutat. Ideal ist er natürlich zu asiatischen Reis- und Gemüsegerichten, wie Sushi oder Wokgemüse.

Yamabushitake / Igel-Stachelbart

Ein optisch sehr extravaganter Heilpilz ist der Igel-Stachelbart (Hericium erinaceus) oder, wie er in Asien genannt wird, der Yamabushitake. Er wächst in langen, weißlichen, schlauchartigen Gebilden und erinnert mit seinem Erscheinungsbild stark an die Mähne eines Löwen, was ihm den Beinamen Löwenmähne eingebracht hat. Geschmacklich weist Yamabushitake ebenfalls ein originelles Aroma auf, das an eine Kombination aus Kalbs- oder Geflügelfleisch mit dem exotischen Fruchtaroma von Zitrusfrüchten und Kokosnuss erinnert. Zurückzuführen ist dieser Geschmack auf das im Igel-Stachelbart enthaltenen Limonen aus der Gruppe der Terpene, das bereits einen wichtigen Wirkstoff ausmacht, es wirkt

  • antidepressiv,
  • antikarzinogen,
  • antimikrobiell,
  • antioxidativ
  • und blutbildend.

Gerade die antikarzinogene und blutbildende Wirkung machen es laut einer indisch-amerikanischen Studie zu einem interessanten Wirkstoff gegen den Blutkrebs. Auch als natürliches Antibiotikum könnte der Igel-Stachelbart deshalb interessant sein. Da er ohnehin sehr gerne zum Kochen verwendet wird – seine Essbarkeit ist hierbei eine recht seltene Eigenschaft unter den Stachelpilzen – lässt sich mit dem Heilpilz auch gut Vorsorge betreiben.

Die Traditionelle Chinesische Medizin bedient sich vieler natürlicher Substanzen, darunter sind auch einige Heilpilze. (Bild:marilyn-barbone/fotolia.com)

Mykotherapie – Gegenanzeigen und Nebenwirkungen

Eigentlich gibt es kaum Gründe, die gegen eine Anwendung von Heilpilzen sprechen. Nebenwirkungen treten nur bei den wenigsten Pilzsorten auf und sind dann meist einer Überdosierung der Heilpilze geschuldet. Aus diesem Grund ist es wichtig, unbekannte Pilzsorten, die nicht explizit als Speisepilze gekennzeichnet sind, nur nach ausführlicher Beratung mit einem professionellen Heilpraktiker oder einer medizinischen Fachkraft, die sich mit Traditioneller Chinesischer Medizin auskennt, einzunehmen. Ansonsten könnte es durchaus zu Nebenwirkungen wie Schweißausbrüchen, Fieber oder Übelkeit und Erbrechen kommen. Auch Allergiker, die beispielsweise keine Mehrfachzucker vertragen, müssen bei der Anwendung der Mykotherapie vorsichtig sein. Gleiches gilt für Kinder und schwangere Frauen, die gemeinhin deutlich sensibler und unberechenbarer auf bestimmte Wirkstoffe reagieren.

Heilpilze sammeln

Was das Sammeln von Heilpilzen anbelangt, so ist für Laien ebenfalls Vorsicht geboten. Wer sich mit Pilzen nicht auskennt, sollte hier lieber auf das Sortiment eines offiziellen Bioladens, Reformhauses oder einer Apotheke vertrauen. Alternativ kann man seine Pilzkenntnisse natürlich auch verbessern, indem man an einer Pilzführung teilnimmt. Hier ist es wichtig, nur Kursangebote zu besuchen, die von zertifizierten Pilzkennern und Mykologen durchgeführt werden. (ma)

Autor:
Miriam Adam
Quellen:
  • Domingo, José L. et al.: "Vanadium compounds for the treatment of human diabetes mellitus: A scientific curiosity? A review of thirty years of research", in: Food and Chemical Toxicology, Volume 95, September 2016, sciencedirect.com
  • Yamanaka, Daisuke et al.: "Royal sun medicinal mushroom, Agaricus brasiliensis Ka21 (higher Basidiomycetes), as a functional food in humans", in: International Journal of Medicinal Mushrooms, Volume 15 Issue 4, 2013, Begell House
  • Lin, Yu‐Li et al.: "Polysaccharide purified from Ganoderma lucidum induced activation and maturation of human monocyte‐derived dendritic cells by the NF‐κB and p38 mitogen‐activated protein kinase pathways", in: Journal of Leukocyte Biology, Volume78 Issue 2, August 2005, JLB
  • Shah, Bhavini B. et al.: "Anti-leukemic and anti-angiogenic effects of d-Limonene on K562-implanted C57BL/6 mice and the chick chorioallantoic membrane model.", in: Animal Models and Experimental Medicine, 1(4), December 2018, Wiley Online Library