Zuneigung – Die andere Hälfte der Heilung

Buchrezension „Die andere Hälfte der Heilung“

Der Evolutionspsychologe Leander Steinkopf hat mit „Die andere Hälfte der Heilung: Warum wir Zuwendung brauchen, um richtig gesund zu werden“ ein Buch veröffentlicht, das sich der Sorge um die Kranken widmet. Er sieht ein Problem der modernen Medizin darin, dass sie die „Seelsorge“ vernachlässigt.

Sich einem Kranken zuzuwenden, sich um ihn zu kümmern, ihm zuzuhören, sei nicht nur Beiwerk, sondern ein in der Evolution verankerter essentieller Teil der Heilung. So bilde der Zustand des „Krankseins“ biologisch ebenso ein Signal an andere wie an sich selbst und erfordere eine Reaktion, sich um das zu kümmern, was die Symptome auslöst, um die Heilung voranzutreiben. Steinkopfs Ansatz ist mitnichten religiös, sondern biologisch.


Krankheit – Ein soziales Phänomen

Nicht nur das passende Medikament und die korrekte Diagnose, sondern Geduld und Einfühlen, Pflege und Fürsorge gehören dem Autor zufolge untrennbar zur Therapie. Krankheit sei ein soziales Phänomen, das auf zwischenmenschlichen (und zwischentierischen) Wechselwirkungen basiere. Diese Mechanismen seien bei sozialen Lebewesen evolutionär entstanden.

Laut Steinkopf gehört zur Heilung auch die seelische Fürsorge. In der klassischen Medizin werde diese oft vernachlässigt. (Bild: Monet/fotolia.com)

Wir spüren die Abwehr

Wir spüren bei einer Erkältung nicht den Virus, sondern mit Husten, Schnupfen und Fieber vielmehr die Abwehr des Körpers auf den Erreger, so Steinkopf. Dies habe eine soziale Bedeutung, weil andere Menschen darauf reagieren. Fieber und Niesen seien auch eine Warnung an andere, sich nicht mit der Krankheit anzustecken. Weil sie die Abwehrreaktion des Körpers bemerken, gehen Fremde auf Distanz, Kollegen entbinden die Fiebernden von ihren Verpflichtungen und Partner kümmern sich um die Menschen, die diese Abwehrsymptome zeigen, erläutert der Autor. Der Zustand „krank sein“ beinhalte also eine klar verständliche Information an den Erkrankten und an andere Mitmenschen.

Krank sein erzwingt das richtige Verhalten

Krank sein gebe zudem das richtige Verhalten vor. Es demotiviere und die Abwehrreaktionen des Körpers würden uns von Energie zehrender Aktivität abhalten. So könne sich der Körper voll auf den Kampf gegen den Erreger fokussieren. Das gelte nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Krank sein überzeuge uns, in einen Verhaltens-Sparmodus zu wechseln.

Mehr noch: Krank sein überzeuge sogar andere, die Kranken zu entlasten, damit sich der Körper mit voller Kraft dem Erreger entgegenstellen könne. Dafür schaffe sich der Körper sogar Verbündete, um die Verteidigung des Organismus zu unterstützen.

Symptome sind soziale Signale

Der Autor fragt auch, ob Krankheitssymptome Signale sind, die der Körper aussendet, um Unterstützung zu bekommen. Damit wäre der körperliche Ausdruck einer Krankheit auch die Botschaft des Individuums an die Menschen um ihn herum. Deren Verhalten, Einladung und Hilfe ebenso wie Ablehnung und Desinteresse wirkten wiederum auf den Sender, den Kranken, zurück.

Krankheitssymptome als Signale an die Mitmenschen? Im Falle einer ansteckenden Grippe ist es zumindest verständlich, wenn darauf mit „körperlicher“ Distanz reagiert wird. (Bild: Antonioguillem/fotolia.com)

Kein Beiwerk, sondern Biologie

Daraus ergebe sich, dass Behandlung immer auch der Zuwendung an den Kranken bedarf, da die Symptome des kranken Körpers genau diese einforderten. Das Zwischenmenschliche sei nicht nur nettes Beiwerk, sondern ein fester biologischer Bestandteil der Therapie.

Ein Gesundheitssystem, das Zuneigung als verschwendete Arbeitszeit von Fachkräften betrachtet, behandle folglich an der Natur des Menschen vorbei. Der Mensch sei von seiner Biologie ein soziales Wesen und soziales Desinteresse am Kranken verschlimmere die Erkrankung.

Symptome als Vorbeugung

Symptome könnten auch auftreten, um einer Infektion vorzubeugen, ohne dass diese bereits ausgebrochen ist. Der Autor nennt als Beispiel eine Frau, die sich unwillkürlich erbrechen musste, als sie im Fernsehen von infizierten Sojasprossen hörte. Sie hatte vorher Sojasprossen gegessen, die jedoch nicht infiziert waren. Allein das Signal, dass sie etwas Infektiöses gegessen haben könnte, reichte aus, um Symptome auszulösen, die gemeinhin dazu dienen, einen grassierenden Erreger abzuwehren.
Symptome sind also ein Abwehrsymptom, das bereits im Vorfeld eingreift und präventiv wirkt. Psychologische Assoziationen lösen demnach physiologische Reaktionen aus.

Menschen könnten sogar Symptome entwickeln, wenn sie von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit erfahren, ohne dass es diese gibt. Falsche Informationen führen laut Steinkopf mitunter zu realen Symptomen.

Wenn wir den Körper mit einer Information warnen, bereite er sich auf die Gefahr vor. Nocebo-Effekte können sogar dazu führen, dass mehr Menschen unter Nebenwirkungen von Medikamenten leiden, wenn sie die Packungsbeilage über diese Nebenwirkungen lesen. Das Körpersystem sei zwar klug, habe aber nicht immer Recht.

Sind Krankheitssymptome Krankheitssymptome?

Würden Symptome lediglich sichtbare Zeichen einer Erkrankung sein, könne dies nicht erklären, warum Menschen Symptome entwickelen, ohne an einer Krankheit zu leiden und umgekehrt viele Infektionen symptomfrei bleiben.

Vielmehr seien Symptome keine unlenkbare biochemische Reaktion, sondern stünden unter Kontrolle des Körpers. Der Autor vermutet, dass Symptome in der Evolution zur Kommunikation entstanden, um richtig auf Erreger und andere Gefahren zu reagieren.

Schmerz – Signal, Schutz und Zwang zur Handlung

Schmerz sende eine Botschaft aus. Der Schmerz sage „tu etwas gegen mich“. Es handle sich um eine erweiterte Schutzfunktion. Belastungsschmerzen bei einem verstauchten Fuß führen dazu, dass wir uns richtig verhielten und den Fuß entlasteten. Je mehr die Heilung fortschreite, umso mehr würden wir ihn wieder belasten. Der Schmerz gäbe folglich, Schritt für Schritt, die richtige Behandlung vor.

Schmerz ist auch ein Signal an sich selbst, zum Beispiel bei Gelenkschmerzen nach Überlastung. (Bild: Markus Bormann/fotolia.com)

Schmerz verursache und beinhalte heilendes Verhalten. Er sei ein Bedürfnis wie Hunger und Durst, zugleich Information wie Motivation für ein bestimmtes Verhalten. Wenn wir den Befehlen des Schmerzes folgten, ließen seine Motive nach: Wenn wir essen, verschwindet der Hunger; wenn wir trinken, verschwindet der Durst; wenn wir einen verstauchten Fuß entlasten, verschwindet der Schmerz. Schmerz sagt uns also unmittelbar, was wir tun und unterlassen sollen.

Schmerz – Ein soziales System

Botschaften des Schmerzes seien zum Beispiel ein verzerrtes Gesicht, ein lauter Vokal (Aua, Aaah) und Ähnliches. Ein anderer Mensch verstehe sofort, dass dem Betroffenen etwas Schmerzhaftes zugestoßen ist. Zugleich sehe er, wo der Schmerz liegt, was seine Ursache ist und welches Verhalten es zu unterlassen gilt. Der Andere sehe die verbrannte Hand als Zentrum des Schmerzes und die heiße Herdplatte als dessen Ursache und reagiere automatisch, indem er die Herdplatte nicht anfasse.

Ein Mensch müsse also eine schmerzhafte Erfahrung nicht erst machen, es reiche, wenn er sie bei einem anderen beobachtet. Zugleich lenke der vom Schmerz Befallene die Aufmerksamkeit auf das Problem und motiviere andere zur Hilfe. Schmerz ist demnach ein komplexes soziales System.

Der soziale Kern des Schmerzes werde deutlich daran, dass der Schmerz uns zwinge, ihn mitzuteilen. Ist das geschehen, gehe er zurück, so wie Hunger, wenn wir gegessen haben. Wenn wir fluchen oder „Aua“ rufen, lasse der Schmerz nach und andere verstünden, dass ein Schmerz da ist. Es handle sich um ein Motivationssystem, das der Heilung diene.

Schmerz abschalten – im Überlebensmodus

Dass auch Schmerz keineswegs eine rein physiologische Reaktion ohne sozialen Sinn ist, zeigen laut Steinkopf Soldaten im Krieg. Schwere Schädigungen wie klaffende Wunden lösen keine Schmerzen aus, wenn die Schmerzen von überlebensnotwendigen Handlungen ablenken, berichtet der Autor. So würden Soldaten mit schweren Verletzungen im Gefecht oft keine Schmerzen empfinden, nach dem Kampf im Lazarett aber vor Schmerzen schreien. Erst in Sicherheit, erst dann, wenn sich jemand um sie kümmert, setzten die Schmerzen ein.

Schmerzen ohne Schäden

Zugleich gebe es umgekehrt Schmerzen, die einsetzen, ohne dass eine Schädigung vorliegt. Erwartung allein könne eine Ursache für Schmerzen sein. Dies erschwere zum Beispiel Menschen, die einmal schwere Schmerzen erlitten haben, den Alltag. Der Schmerz erzwinge Schonung, aber die Angst vor dem Schmerz sei so groß, dass die Betroffenen in dieser Schonung erstarren und sich in ihrem alltäglichen Leben lähmen.

So wie akuter Schmerz in Extremsituationen ausgeblendet werden kann, können auch alleine die Erwartung und Angst (aufgrund vorheriger Erfahrungen) zu Schmerz führen. (Bild: airdone/fotolia.com)

Schmerz, Angst und Erwartung

Für die Therapie erwähnt er hier einen wichtigen Aspekt: Stünden hinter einem Schmerz keine Verletzungen, sondern Ängste und negative Erwartungen, dann würden wir mit den Ängsten und Erwartungen auch den Schmerz loswerden.

Schmerzen enthalten laut Steinkopf Botschaften an uns und andere, und Menschen passen auf diese Informationen hin ihr Verhalten an. Das sei aber recht unabhängig von Schädigungen des Gewebes.

Depression – Im Energiesparmodus

Nicht nur Schmerz, auch Depression kann, so der Autor, eine Information an andere Menschen sein. Für den Depressiven selbst sei die Depression ein Daseinsmodus, der Energien spare und Abwarten erzwinge. Eine Depression zwinge uns beispielsweise dazu, ein Lebensziel aufzugeben, das unerreichbar ist. Dabei unterschieden sich Depressionen möglicherweise darin, welche Funktionen sie erfüllen. Wer nichts an seinem Leben ändere, für den täten es die Symptome. Eine Depression suggeriere nach außen: „Ich gebe auf“, „hilf mir“ oder „verzeih mir“.

Depressionen wie Schmerzen aktivieren ähnliche Bereiche im Gehirn. Körperlicher Schmerz sei in der Evolution der Vorfahre von seelischem Schmerz, und die Evolution habe ihr bestehendes System für einen neuen Zweck eingespannt.

Heilen durch Suggestion

Fantasien seien keine „Schäume“, sondern könnten oft besser wirken als unzureichende Medikamente. Allein das Foto eines Partners lindere den Schmerz eines Patienten im Krankenhaus. Der Partner müsse also nicht einmal tröstend die Hand geben.

Ärzte, die von einer Medizin überzeugt sind, erzeugen laut Steinkopf bessere Ergebnisse. Akupunktur zum Beispiel wirke, obwohl es die in der Chinesischen Medizin vermuteten Akupunkturpunkte nicht gebe. Sie funktioniere also nicht, aber wirke. Warum? Weil sie dem Patienten das Bedürfnis nach Anerkennung und Zuwendung erfülle. Das erkläre auch, warum gerade Schmerzpatienten, bei denen die Ärzte keine Ursache feststellen können, durch Akupunktur ihre Schmerzen verlieren.

Der Schmerz fordere auf, sich um den Patienten zu kümmern und sein Leiden anzuerkennen. Das tue derjenige, der die Akupunktur einsetzt. Zudem berühre er den Körper, ebenfalls ein wichtiger Aspekt der Therapie. Anerkennung, Berührung und Zuhören – und nicht „Akupunkturpunkte“ erklären laut Steinkopf die Wirkung dieser Methode.

Nach Steinkopf sind es nicht die Akupunkturpunkte beziehungsweise deren Stimulierung (man könne die Nadeln auch woanders hinstechen), sondern der Aspekt der Zuwendung, der zur Heilung führt. (Bild: blackday/fotolia.com)

Zuwendung – Über Jahrtausende Therapie Nummer eins

Laut dem Autor war Zuwendung an den Kranken über Jahrtausende das Beste, was die Medizin kannte. Schamanen hätten das biologische Bedürfnis des Kranken nach Anerkennung seines Krankseins erfüllt und sich ihm zugewandt. Leiden anerkennen bedeute Symptome zu lindern.

Heute erfasse die moderne Medizin evolutionär verankerte Bedürfnisse nicht, gerade, weil die hilfreichen Apparate Ursachen von Krankheiten so gut behandeln können. Eine Perspektive für die Zukunft sei personalisierte Medizin, da jeder Mensch anders krank sei. Gute Gespräche und sich Zeit zu nehmen, heile effizient.

Das heilende Spektakel

Das Spektakel von Schamanen mit ihren Tänzen und bunten Gewändern sei dem von modernen Ärzten im weißen Kittel ähnlich – und wichtig. So habe beispielsweise die antibakterielle Wirkung von Mundwassern nichts mit ihrem beißenden und frischen Geschmack zu tun. Der Geschmack suggeriere vielmehr Frische und Schärfe gegen „muffige“ Bakterien.

Schamanismus heile deshalb wirklich, weil er die sozialen Bedürfnisse erfülle, die die Symptome der Kranken einfordern. Es handle sich bei dem Spektakel nicht um Quacksalberei, sondern die Aura des Außergewöhnlichen suggeriere dem Patienten, dass sich besonders um ihn gekümmert werde und sei somit essentiell für die Heilung. Schamanen seien Experten für das Ungewisse, das Spektakel ihre Hauptaufgabe.

Dem Kranken Bedeutung zu geben sei eine Therapie. Dazu gehöre heute für Fachleute, das Leid des Menschen anzuerkennen, der zu ihnen kommt und sich ihm ausführlich zuzuwenden.

Fazit

Leander Steinkopf hat ein wichtiges Buch geschrieben, das zu vertiefter Forschung einläd. Gewöhnlich gelten biochemisch fundierte moderne Medizin und klassische Seelsorge als zwei verschiedene Paar Schuhe. Steinkopf belegt hingegen, dass Kommunikation einen wesentlichen Aspekt von Krankheitssymptomen darstellt und „Seelsorge“ somit eine biologische Grundlage der Heilung ist. Um dieses Buch kommen Sie nicht herum, wenn Sie sich mit Therapie beschäftigen, die den ganzen Menschen umfasst. (Dr. Utz Anhalt)