Diät: Deshalb können manche Menschen kein Gewicht abnehmen

Warum nehmen manche Menschen einfacher zu?

Übergewicht und Fettleibigkeit nehmen unter den Menschen immer weiter zu. Damit verbunden sind viele ernsthafte Erkrankungen und eine verminderte Lebenserwartung. Manche Menschen scheinen indes generell einfach keine Probleme mit ihrem Gewicht zu haben. Gibt es genetische Varianten im Menschen, welche vor Fettleibigkeit und ihren Folgen schützen? Genau diese Frage wollten jetzt Forschende der Universität Cambridge bei einer Studie klären.


Bei einer aktuellen Untersuchung der international hoch anerkannten Universität Cambridge wurde jetzt festgestellt, dass einige Menschen spezielle genetische Varianten in sich tragen, welche sie tatsächlich vor der Entstehung von Fettleibigkeit, Typ-2-Diabetes und Herzkrankheiten schützen. Die Ergebnisse der Studie wurden in dem englischsprachigen Fachblatt „Cell“ publiziert.

Haben manche Menschen einfach von Natur aus ein erhöhtes Risiko, Fettleibigkeit zu entwickeln? (Bild: Jeanette Dietl/fotolia.com)

Welchen Einfluss hat unsere Genetik auf unser Gewicht?

Alleine in Großbritannien gibt es wohl etwa vier Millionen Menschen mit besagten genetische Varianten, berichten die Forschenden. Die Entdeckung dieser genetischen Varianten könnte in Zukunft zur Entwicklung neuer Medikamente beitragen, welche den Menschen beim Abnehmen helfen. Durch die Studie wird deutlich, dass unsere Genetik eine wichtige Rolle spielt, wenn es um Fettleibigkeit geht. Einige Menschen haben einfach Glück mit ihrer Genetik, weil ihre Gene sie vor der Entstehung von Fettleibigkeit schützen.

Was ist MC4R?

In Fachkreisen ist bereits seit mehreren Jahren bekannt, dass Gene das Gewicht einer Person beeinflussen können. Eines dieser Gene, von dem bekannt ist, dass es eine Schlüsselrolle bei der Gewichtsregulierung spielt, trägt die Bezeichnung MC4R. Der sogenannte Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R) gehört zu der Gruppe der Melanocortinrezeptoren. Dieser Rezeptor wirkt wie ein Schalter im Gehirn, welcher den Appetit unterdrücken kann. Wenn in Menschen genetische Varianten vorhanden sind, welche diesen Rezeptor stören, nehmen Betroffene leicht an Gewicht zu. Bei ihrer Studie stellten die Forschenden fest, dass andere genetische Varianten im MC4R-Gen, welche die Aktivität dieses Gehirnrezeptors erhöhen, Menschen tatsächlich vor Übergewicht schützen können. Dieser Befund wird hoffentlich zur Entwicklung neuer Medikamente führen, die die Schutzwirkung dieser genetischen Varianten kopieren und so zu einem Gewichtsverlust oder zur Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts beitragen.

Daten von einer halben Million Menschen wurden ausgewertet

Das Team um die Professoren Sadaf Farooqi und Nick Wareham und Dr. Claudia Langenberg vom Wellcome Trust-MRC-Institut für metabolische Wissenschaften in Cambridge untersuchte das MC4R-Gen bei einer halben Million Freiwilligen aus der britischen Bevölkerung, die an der sogenannten UK Biobank study teilgenommen haben. Dabei entdeckten sie 61 verschiedene natürlich vorkommende genetische Varianten. Während einige dieser genetischen Varianten Menschen dazu veranlassten, fettleibig zu werden, boten andere Varianten Schutz vor Fettleibigkeit und einigen ihrer gefährlichen Folgen wie beispielsweise Typ-2-Diabetes und Herzkrankheiten.

Fettleibigkeit bei ausgeschalteter Funktion des Gens?

Das Team von Professor Farooqi versuchte herauszufinden, warum und wie sich bestimmte genetische Varianten auf unser Risiko für Übergewicht und Fettleibigkeit auswirken. MC4R fungiert im Gehirn als eine Art Schalter, welcher uns nach einer Mahlzeit dazu bringen soll, nicht mehr zu essen. Sie stellten fest, dass MC4R-Genvarianten, die mit einem höheren Risiko für Fettleibigkeit in Verbindung stehen, die Funktion des Gens stoppten. Wenn die Varianten allerdings Schutz von Fettleibigkeit boten, ließen diese das Gen eingeschaltet. Etwa sechs Prozent der Teilnehmenden trugen genetische Varianten in sich, die dazu führten, dass der Rezeptor eingeschaltet blieb. Menschen mit diesen Varianten scheinen weniger zu essen, was ihr geringeres Gewicht erklären könnte. Menschen mit zwei Kopien dieser bestimmten Variante (1 von über 1.000 Personen) waren im Durchschnitt 2,5 kg leichter als Personen ohne diese Varianten und hatten zusätzlich ein um 50 Prozent geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes und Herzkrankheiten.

Genetik kann vor Fettleibigkeit schützen

„Diese Studie macht deutlich, dass die Genetik eine wichtige Rolle dabei spielt, warum manche Menschen fettleibig sind – und dass manche Menschen das Glück haben, Gene zu haben, die sie vor Fettleibigkeit schützen“, sagt Professor Farooqi von den Metabolic Research Laboratories der Universität Cambridge in einer Pressemitteilung. Die aktuelle Entdeckung ergänzt die jüngsten Arbeiten des Teams, die bereits zeigten, dass einige schlanke Menschen einen genetischen Vorteil haben, wenn es darum geht, ihr Gewicht zu halten. Die Ergebnisse bedeuten aber nicht, dass wir keine Einfluss auf unser Gewicht haben, wenn wir auf unsere Kalorienaufnahme und gesunde Ernährung achten. Einige Menschen haben einfach nur eine größere Wahrscheinlichkeit Probleme mit dem Gewicht zu entwickeln, erläutern die Autoren der Studie.

Genetische Varianten zur Entwicklung von Medikamenten?

Als die Forschenden die genetischen Varianten in Laborexperimenten detailliert untersuchten, stellten sie dabei fest, dass MC4R Signale über einen Signalweg (Beta-Arrestin-Weg) senden kann, der zuvor nicht mit der Gewichtsregulierung in Verbindung gebracht wurde. Genetische Varianten, die Signale bevorzugt über diesen Weg aussendeten, waren diejenigen, die die Assoziation mit dem Schutz vor Fettleibigkeit und ihren Komplikationen vorantrieben und zusätzlich auch noch mit einem niedrigeren Blutdruck in Verbindung standen. „Ein aufkommendes Konzept ist, dass genetische Varianten, die gegen Krankheiten schützen, als Modelle für die Entwicklung von Arzneimitteln verwendet werden können, die wirksamer und sicherer sind“, berichtet Studienautor Dr. Luca Lotta. „Unsere Ergebnisse könnten den Weg für eine neue Generation von Gewichtsabnahme-Therapien ebnen, die MC4R bevorzugt über den Beta-Arrestin-Weg aktivieren“, fügt der Experte hinzu. Genetische Studien von Tausenden von Menschen und ein funktionelles Verständnis der Mechanismen hinter genetischen Schutzvarianten könnten bei der Entwicklung einer neuen Generation von Medikamenten für häufige Krankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes helfen, die Millionen von Menschen weltweit betreffen. (as)