Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Jeder zweite Todesfall durch bessere Ernährung vermeidbar

Hälfte der Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen beruht auf falscher Ernährung

Zu viel Salz, zu wenig Vollkornprodukte und Gemüse: Laut einer aktuellen Studie gehen fast die Hälfte aller Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa auf eine ungesunde Ernährung zurück. Gesünderes Essen könnte viele Leben retten.


Immer mehr Tote durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Im vergangenen Jahr berichtete die Deutsche Herzstiftung, dass die Zahl der Sterbefälle durch Herzerkrankungen erneut gestiegen ist. Auch in anderen Ländern der westlichen Welt gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen. Bekannt ist, dass Faktoren wie Rauchen, Übergewicht, Bewegungsmangel und Stress das Risiko für solche Krankheiten deutlich erhöhen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die Ernährung, wie sich in einer aktuellen Studie zeigte.

Fast die Hälfte aller Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehen auf eine ungesunde Ernährung zurück. Ein Speiseplan, der reich an Vollkornprodukten, Gemüse und Nüssen sowie arm an Salz ist, könnte viele Erkrankungen verhindern. (Bild: sarsmis/fotolia.com)

Jeder zweite bis dritte Todesfall durch eine bessere Ernährung vermeidbar

Der wissenschaftlichen Untersuchung zufolge gehen von insgesamt 4,3 Millionen kardiovaskulären Todesfällen im Jahr 2016 in Europa 2,1 Millionen auf eine unzureichende Ernährung zurück.

Davon entfallen auf die 28 Mitgliedstaaten der EU rund 900.000, auf Russland 600.000 und auf die Ukraine 250.000 Todesfälle.

Wie das internationale Forscherteam unter Leitung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), der Friedrich-Schiller-Universität Jena, des Kompetenzclusters nutriCARD sowie der University of Washington in den USA berichtet, könnte jeder zweite bis dritte vorzeitige Todesfall durch eine bessere Ernährung vermieden werden.

Die Studienergebnisse wurden kürzlich im Fachblatt „European Journal of Epidemiology“ veröffentlicht.

Wenig Vollkornprodukte und viel Salz

Laut einer Mitteilung wertete das Team für die Studie repräsentative Daten der globalen Krankheitslastenstudie (Global Burden of Disease Study) von 1990 bis 2016 aus.

Die Forscher analysierten, wie häufig Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zum Beispiel Herzinfarkte oder Schlaganfälle, in den 51 Ländern vorkamen, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „europäische Region“ zusammengefasst werden.

Hierzu gehören neben den 28 EU-Mitgliedsstaaten und weiteren europäischen Ländern auch mehrere Staaten Vorder- und Zentralasiens, wie Armenien, Aserbaidschan, Israel, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan und Usbekistan.

Auf Basis des Lebensmittelkonsums und weiterer Risikofaktoren der jeweiligen Staaten errechneten die Wissenschaftler den Anteil der Todesfälle, der auf eine unausgewogene Ernährung zurückzuführen ist.

Dazu zählen die Studienautoren etwa einen zu geringen Verzehr von Vollkornprodukten, von Nüssen und Samen sowie von Gemüse und einen zu hohen Salzkonsum.

160.000 Todesfälle in Deutschland

Im Ländervergleich zeigen sich deutliche Unterschiede:

Laut den Forschern waren 2016 in Deutschland 160.000 Todesfälle (46 Prozent aller kardiovaskulären Todesfälle), in Italien 97.000 (41 Prozent), in Großbritannien 75.000 (41 Prozent) und in Frankreich 67.000 (40 Prozent) mit einer unausgewogenen Ernährung assoziiert.

In Israel und Spanien hingegen war nur jeder dritte vorzeitige kardiovaskuläre Todesfall ernährungsbedingt. Im Rahmen der Studie wurden spezifische Länderprofile erstellt:

„Während in Schweden und Norwegen ein zu geringer Verzehr von Nüssen und Samen zu den meisten ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen beiträgt, ist in vielen zentral- und osteuropäischen sowie zentralasiatischen Ländern der zu geringe Verzehr von Vollkornprodukten der Hauptrisikofaktor“, erklärte Studienleiter Dr. Toni Meier von der MLU.

„Oder anders formuliert: Ein vermehrter Verzehr von ballaststoffarmen Weißmehlprodukten hat in den letzten Jahren zu einer Zunahme von Herzkreislauf-Erkrankungen geführt“, so der Experte.

„In Albanien, Aserbaidschan und Usbekistan haben sich entsprechende Fallzahlen im betrachteten Zeitraum sogar mehr als verdoppelt.“

Umgekehrt kann eine Ernährungsweise mit hohem Vollkornanteil vor einem vorzeitigen Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, wie schon in anderen Studien aufgezeigt werden konnte.

Das Potenzial einer gesundheitsfördernden Ernährung besser nutzen

„Unsere Ergebnisse sind von entscheidender gesundheitspolitischer Relevanz und sollten unbedingt bei der Entwicklung zukünftiger Präventionsstrategien berücksichtigt werden“, sagte Prof. Dr. Stefan Lorkowski von der Universität Jena, Koautor der Studie und Sprecher des Kompetenzclusters nutriCARD.

„Wir müssen das Potenzial einer ausgewogenen und gesundheitsfördernden Ernährung besser nutzen, sonst werden kardiometabolische Erkrankungen zukünftig noch mehr vermeidbare Todesfälle verursachen.“

Das Team fand auch in Bezug auf Alter und Geschlecht große Unterschiede: So waren Männer tendenziell bereits in jüngeren Jahren betroffen, Frauen dagegen erst ab dem 50. Lebensjahr.

Im Jahr 2016 starben rund 601.000 Menschen unter 70 Jahren an den Folgen einer ernährungsbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankung; davon 420.000 Männer und 181.000 Frauen.

Den Angaben zufolge wurde der höchste Anteil an ernährungsbedingten Todesfällen bei den unter 70-Jährigen in Zentralasien beobachtet, hier waren es 42,5 Prozent.

In den EU-Mitgliedsstaaten konnten die Wissenschaftler 178.000 vorzeitige ernährungsbedingte Todesfälle – 132.000 bei Männern und 46.000 bei Frauen – aufzeigen, was einem Anteil von knapp 20 Prozent bei kardiovaskulären Todesfällen entspricht.

Risikofaktor Alkohol wurde nicht berücksichtigt

Zudem gelang es den Forschern mit Hilfe des verwendeten Rechenmodells, die Effekte anderer Risikofaktoren, wie Übergewicht, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Rauchen herauszurechnen und nur den spezifischen Anteil einer falschen Ernährungsweise an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu bestimmen.

„Zu betonen ist außerdem, dass der allseits bekannte Risikofaktor Alkohol in unserer Studie nicht berücksichtigt wurde“, so die Ernährungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gabriele Stangl von der MLU.

„In Ländern mit einem hohen Alkoholkonsum könnte somit das Ausmaß ernährungsbedingter kardiovaskulärer Erkrankungen noch größer sein“, sagte die Expertin. (ad)