Zusammenhang zwischen Blinddarm und Parkinsonrisiko

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Geringeres Parkinsonrisiko nach Blinddarm-Entfernung

In einer Studie hat sich gezeigt, dass Menschen, denen vor Jahrzehnten der Blinddarm entfernt wurde, ein geringeres Parkinsonrisiko haben. Deutsche Experten weisen jedoch darauf hin, dass die Untersuchung keine Kausalität (Ursache-Folge-Beziehung) nachgewiesen hat und es somit für Blinddarm-Operationen zur Parkinson-Prophylaxe keinen Anlass gibt.


Im Zweifel wird für eine Operation entschieden

Bei einer Blinddarmentzündung (Appendizitis) stellen sich häufig unspezifische Symptome ein. Weil die Diagnose in der Regel aufwändig ist und Ultraschall, körperliche Untersuchung und Blutbild lediglich einen Verdacht ergeben, entscheiden sich Mediziner bei Hinweisen auf eine Entzündung im Zweifel lieber für eine Operation. Personen, bei denen vor Jahrzehnten der Blinddarm entfernt wurde, haben laut einer Studie US-amerikanischer Forscher ein geringeres Parkinsonrisiko. Als Parkinson-Prophylaxe sollte die OP dennoch nicht durchgeführt werden.

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Zwar hat sich in einer Studie gezeigt, dass Menschen, denen der Blinddarm entfernt wurde, ein geringeres Parkinsonrisiko haben. Dennoch gibt es für die Blinddarm-OP zur Parkinson-Prophylaxe keinen Anlass. (Bild: decade3d/fotolia.com)

Studie kann keine Kausalität nachweisen

In einer im Fachjournal „Science Translational Medicine“ veröffentlichten Studie hat sich gezeigt, dass Menschen, bei denen vor Jahrzehnten der Wurmformfortsatz des Darms (Blinddarm) entfernt wurde, ein geringeres Parkinsonrisiko haben.

Allerdings kann die Erhebung als Assoziationsstudie keine Kausalität (Ursache-Folge-Beziehung) nachweisen. Für Blinddarm-Operationen zur Parkinson-Prophylaxe gibt es somit also keinen Anlass.

Doch die Studie liefert neue Ansätze für die Entwicklung zukünftiger Biomarker und Therapieansätze.

Somit könnte sie durchaus einen Meilenstein im Kampf gegen die Parkinson’sche Erkrankung darstellen, einer Erkrankung mit steigender Inzidenz, nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung.

Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer aktuellen Mitteilung hin.

Krankheit setzt später ein

Laut der DGN wird als Ursache der Parkinsonerkrankung die Ablagerung des Proteins Alpha-Synuclein in Nervenzellen diskutiert.

Es bilden sich sogenannte Lewy-Körperchen in den Nervenzellen, die vor allem aus Ablagerungen dieses Proteins bestehen und zum Absterben von Gehirnzellen führen.

In zwei großen epidemiologischen Studien („Swedish National Patient Registry“ und „The Parkinson´s Progression Markers Initiative“) konnte gezeigt werden, dass Menschen, bei denen vor Jahrzehnten der Blinddarm entfernt wurde, ein geringeres Parkinsonrisiko haben.

Insgesamt wurden fast 1,7 Millionen Menschen ab 1964 in diese Erhebungen eingeschlossen, bei 551.647 war die Appendix entfernt worden. Von denen, die keinen Wurmfortsatz mehr hatten, erkrankten 644 an Parkinson, was einer Rate von 1,6 Betroffenen pro 100.000 Patienten entsprach.

Demgegenüber lag die Erkrankungsrate in der Gruppe derer, die mit Appendix leben, mit 1,98 pro 100.000 Menschen signifikant höher.

Zudem zeigte die Studie, dass die Parkinsondiagnose bei denen, die sich 20 Jahre oder noch weiter zuvor einer operativen Entfernung des Wurmfortsatzes, einer Blinddarmentfernung, unterzogen hatten, 1,6 Jahre später gestellt wurde als bei den nicht Nicht-Operierten.

Die Blinddarmentfernung (Appendektomie) war also mit einem späteren Einsetzen der Parkinsonerkrankung assoziiert.

Im Blinddarm wird krankheitsauslösendes Alpha-Synuclein angehäuft

Die Studienautoren fanden heraus, dass sich auch im Appendix vermiformis krankheitsauslösendes Alpha-Synuclein anhäuft, sowohl bei gesunden Menschen wie auch bei Parkinsonpatienten. Dieser Befund wurde in unabhängigen Studien schon für den gesamten Enddarm gezeigt.

Die Hypothese von Heiko Braak, einem einflussreichen deutschen Neuroanatomen, besagt, dass dieses pathologische Alpha Synuclein über den Nervus Vagus ins Gehirn einwandert und dort die Krankheit auslöst.

Das Fazit der jetzigen Studie lautete daher, dass der Blinddarm eine mögliche Rolle bei der Entwicklung des Morbus Parkinson spielen könnte.

Bei den an Parkinson erkrankten Personen war in der Studie doppelt so viel monomeres Alpha-Synuclein in der Appendix gefunden worden wie bei den gesunden Studienteilnehmern.

Außerdem war auffällig, dass Parkinsonpatienten einen vierfach erhöhten Spiegel einer verkürzten Form des Alpha-Synuclein in der Appendix aufwiesen.

Vorsorgliche Blinddarm-OP?

„Die Schlussfolgerung zu ziehen, alle Menschen vorsorglich zu appendektomieren, wäre voreilig und gesundheitspolitisch nicht zu vertreten“, so Professor Dr. Dr. h.c. Günther Deuschl, Kiel.

„Der Unterschied zwischen den Gruppen betrug in der Studie 0,38 Erkrankungsfälle pro 100.000 Menschen (1,6 vs. 1,98 Betroffene pro 100.000). Das bedeutet, man müsste 250.000 – 300.000 Menschen vorsorglich operieren, um möglicherweise am Ende einem Patienten die Diagnose Parkinson zu ersparen“, erklärt der Experte.

Ob man diesem einen Menschen die Parkinsondiagnose wirklich ersparen kann, ist zudem unsicher, denn die Studie war lediglich eine Assoziationsstudie, die zeigte, dass das Risiko, an Parkinson zu erkranken, bei Menschen, die sich einer Appendixentfernung unterzogen hatten, geringer war.

Doch die Untersuchung liefert keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass auch der Umkehrschluss gilt, dass durch eine Operation ein Morbus Parkinson verhindert oder verzögert werden kann.

Hierfür müssten prospektive, randomisierte, kontrollierte Interventionsstudien durchgeführt werden, was aber angesichts der dann benötigten Fallzahlen unrealistisch sei.

Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik und Therapie

Prof. Deuschl bewertet die vorliegende Studie dennoch als höchst aufschlussreich.

„Sie eröffnet Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik und Therapie – und somit ein spannendes, weites Forschungsfeld“, so der Experte.

„Möglicherweise können wir mit Hilfe dieser Erkenntnisse neue Biomarker finden, wie zum Beispiel bestimmte Alpha-Synuclein-Aggregate im Wurmfortsatz, die möglicherweise einen Morbus Parkinson vorhersagen können. Ähnliches wurde auch für Kolon-Biopsien schon vorgeschlagen“, erläutert Deuschl.

„Auch gilt es zu erforschen, ob solche Aggregate zukünftige Therapietargets darstellen könnten. Insofern könnte diese Studie durchaus einen Meilenstein im Kampf gegen Parkinson darstellen.“ (ad)